Todesstrafenbericht 2025: Zahl der Hinrichtungen auf dem höchsten Stand seit 44 Jahren
Amnesty-Mahnwache für Pannir Selvam vor der Botschaft Singapurs in Malaysias Hauptstadt Kuala Lumpur (6. Mai 2025). Der malaysische Staatsbürger war in Singapur zum Tode verurteilt und am 8. Oktober 2025 hingerichtet worden.
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Im Jahr 2025 wurden mindestens 2.707 Menschen in 17 Ländern hingerichtet – so viele wie seit 1981 nicht mehr. Das zeigt der aktuelle Amnesty-Bericht "Death Sentences and Executions 2025" zur weltweiten Anwendung der Todesstrafe. Der dramatische Anstieg von Hinrichtungen um 78 Prozent im Vergleich zum Vorjahr geht vor allem auf wenige Staaten zurück, die die Todesstrafe gezielt als Instrument der Einschüchterung einsetzen, allen voran China, Iran und Saudi-Arabien. Mehr als zwei Drittel aller Länder weltweit haben die Todesstrafe hingegen gesetzlich oder in der Praxis abgeschafft.
"Die Todesstrafe ist die extremste Form staatlicher Gewalt: Sie ist unmenschlich, endgültig und lässt keinen Raum für Fehler oder Gerechtigkeit. Dass immer noch Regierungen darauf setzen, zeigt eine erschreckende Missachtung des Rechts auf Leben", sagt Julia Duchrow, Generalsekretärin von Amnesty International Deutschland. "In Iran können wir aktuell auf bedrückendste Weise mitverfolgen, wie Staaten die Todesstrafe systematisch einsetzen, um Menschen zum Schweigen zu bringen, benachteiligte Gruppen zu unterdrücken und Angst zu verbreiten. Das ist ein eklatanter Missbrauch staatlicher Macht und ein Angriff auf jede Form von Menschlichkeit und Rechtsstaatlichkeit."
Amnesty-Protest gegen die Todesstrafe vor der Botschaft des Königreichs Saudi-Arabien in Den Haag in den Niederlanden (8. April 2025)
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China und Iran weiterhin größte Vollstrecker – tatsächliche Zahlen deutlich höher
Die aktuellen Höchstzahlen sind auf Rückschritte in wenigen Staaten zurückzuführen. Allein die Behörden der Islamischen Republik Iran richteten im Jahr 2025 mindestens 2.159 Menschen hin – mehr als doppelt so viele wie 2024. In Saudi-Arabien wurden mindestens 356 Exekutionen vollzogen. Deutliche Zuwächse verzeichneten unter anderem auch die USA (von 35 auf 47), Singapur (von 9 auf 17), Ägypten (von 13 auf 23) und Kuwait (von 6 auf 17). Weitere Staaten, in denen 2025 die Todesstrafe vollstreckt wurde, waren Afghanistan, Irak, Japan, Jemen, Nordkorea, Somalia, Südsudan, Taiwan, die Vereinigten Arabischen Emirate und Vietnam. Zur Anwendung kamen dabei Enthauptung, Erhängen, tödliche Injektion, Erschießen und Stickstoffgas-Erstickung.
Die im Bericht dokumentierten 2.707 Hinrichtungen weltweit bilden allerdings nur einen Teil des tatsächlichen Ausmaßes ab: Nicht erfasst sind Exekutionen in China, wo entsprechende Daten als Staatsgeheimnis gelten. Jährlich werden in China Schätzungen von Amnesty International zufolge tausende Personen und damit die meisten Menschen weltweit hingerichtet.
Verstoß gegen internationales Recht: Fast jede zweite Hinrichtung wegen Drogendelikten
Fast die Hälfte aller dokumentierten Hinrichtungen – 1.257 Fälle bzw. 46 Prozent – erfolgte 2025 im Zusammenhang mit Drogendelikten. In Iran betraf das 998 Hinrichtungen, in Saudi-Arabien 240, 15 in Singapur und 2 in Kuwait. In einigen Ländern haben Strafmaßnahmen im sogenannten "Krieg gegen Drogen" die Ausweitung der Todesstrafe weiter vorangetrieben. So legten Algerien, Kuwait und die Malediven Gesetzentwürfe vor, um den Anwendungsbereich der Todesstrafe auf Drogendelikte auszudehnen. In anderen Ländern wie Burkina Faso und Tschad steht zudem die Wiedereinführung der Todesstrafe für Straftaten wie "Hochverrat", "Terrorismus" und "Spionage" bevor.
Nach internationalen Menschenrechtsstandards darf die Todesstrafe – sofern sie noch angewendet wird – ausschließlich bei "schwersten Verbrechen" verhängt werden. Julia Duchrow erklärt: "Die Todesstrafe verletzt die Würde des Menschen immer in ihrem Kern. Doch Menschen für Straftaten wie Drogendelikte hinzurichten, ist zusätzlich ein klarer Bruch des Völkerrechts. Diese Praxis ist nicht nur rechtswidrig, sondern zutiefst menschenverachtend."
Globale Abschaffung ist möglich: Nur eine Minderheit von Staaten hält an Todesstrafe fest
Trotz des drastischen Anstiegs von Exekutionen insbesondere in der Region Naher und Mittlerer Osten bleibt die Anwendung der Todesstrafe global die Ausnahme: In Europa und Zentralasien wurden 2025 keine Todesurteile verhängt und keine Hinrichtungen vollstreckt. Auf dem amerikanischen Kontinent waren die USA im 17. Jahr in Folge das einzige Land, in dem Menschen hingerichtet wurden, und in Afrika führten 2025 nur drei von 54 Staaten Hinrichtungen durch.
Zudem machen Entwicklungen weltweit deutlich, dass die globale Abschaffung der Todesstrafe mit Ausdauer und entschlossenem Einsatz möglich ist. So haben die Behörden in Vietnam und Gambia die Todesstrafe für zahlreiche Straftaten abgeschafft. In einem historischen Schritt hat die Gouverneurin von Alabama Rocky Myers begnadigt – die erste Begnadigung eines Schwarzen Menschen im Todestrakt in diesem US-Bundesstaat. Im Libanon und in Nigeria wurden Gesetzesentwürfe zur Abschaffung der Todesstrafe eingebracht, und in Kirgisistan erklärte das Verfassungsgericht Versuche zur Wiedereinführung der Todesstrafe für verfassungswidrig.
Julia Duchrow, Generalsekretärin von Amnesty International Deutschland: "Die Staaten, die weiterhin hinrichten, stehen zunehmend isoliert da. Als Amnesty International 1977 die Arbeit gegen die Todesstrafe aufnahm, hatten nur 16 Staaten die Todesstrafe abgeschafft. Heute sind es 113 – mehr als die Hälfte aller Länder der Welt. Weltweit setzt sich die Erkenntnis durch, dass die Todesstrafe grausam, diskriminierend und wirkungslos ist – und deshalb keinen Platz mehr in unserer Zeit haben darf."