Aktuell Israel und besetztes palästinensisches Gebiet 28. Mai 2026

Dr. Ahmad Mhanna aus Gaza: "Mein einziges Verbrechen war es, Arzt zu sein"

Foto von zwei sich umarmenden Männern. Um sie herum stehen weitere Männer.

Der palästinensische Arzt Dr. Ahmad Mhanna nach seiner Entlassung aus israelischer Haft (13. Oktober 2025)

Dr. Ahmad Mhanna, ehemaliger Direktor des Al-Awda-Krankenhauses in Gaza, überlebte Folter, systematischen Hunger und schwerste Demütigungen. Er verbrachte über 22 Monate in israelischer Militärhaft. Sein Zeugnis dokumentiert die massiven Gefahren für palästinensisches Gesundheitspersonal.  

Am 16. Dezember 2023, gegen 16 Uhr, stürmte das israelische Militär das Al-Awda-Krankenhaus im Flüchtlingslager Jabalia. Sie legten mir Handschellen an und verbanden mir die Augen, bevor sie mich zu einem nicht weit entfernten Haus brachten, während ich noch meinen OP-Kittel trug. Ich wurde über Nacht in einem Treppenhaus zurückgelassen und war die ganze Zeit über gefesselt. 

Die Soldat*innen haben mich zu keinem Zeitpunkt verhört. Mitten in der Nacht begann das Gebäude heftig zu wackeln, und ich hörte in der Nähe Geräusche eines Bulldozers. Überall war Staub, und ich fürchtete, das Haus würde über mir zusammenstürzen, bis sich der Bulldozer endlich entfernte. 

Am nächsten Tag um 8 Uhr morgens wurden mir die Fesseln abgenommen. Ein Soldat befahl mir unter Drohungen, zurück ins Krankenhaus zu gehen: "Wenn du dich weigerst zu kooperieren, wird die Waffe sprechen." Ich sagte ihm, dass wir nichts zu verbergen hätten; meine Priorität sei die Sicherheit meiner Patient*innen. 

Ich wurde gezwungen, eine Liste mit allen Personen in der Einrichtung vorzulegen und die Namen aller männlichen Personen zwischen 16 und 60 Jahren zu nennen, die dann zum Verhör geholt wurden. Bei extremer Kälte wurden sie aufgefordert, sich bis auf die Unterwäsche auszuziehen. Unter den Festgenommenen befanden sich ein Patient, dessen Bein amputiert worden war, und mehrere meiner Kollegen. Gerade als ich dachte, es sei vorbei, gestikulierte ein Soldat zu mir und sagte: "Meine Kollegen in Tel Aviv möchten einen mit dir trinken." Da wusste ich, dass ich auf unbestimmte Zeit inhaftiert werden würde. 

Auf dem Weg in die Haft 

Wir wurden mit einem Lastwagen über den Grenzübergang Erez gebracht. Als die Soldaten bemerkten, dass mir die Augen nicht verbunden worden waren, schlugen sie mich heftig im Brustbereich, legten mir die Fesseln wieder an und befahlen mir, den Kopf unten zu halten. 

In der ersten Einrichtung angekommen, wurden wir in den "Discoraum" geführt. Der Boden bestand aus nacktem Stein, der nur von einer Yogamatte bedeckt war. Ein Ventilator blies kalte Luft durch den Raum, und extrem laute israelische Musik spielte 24 Stunden lang ununterbrochen, um uns am Schlafen zu hindern. 

Während meiner ersten stundenlangen Verhöre wurde ich beschuldigt, Kämpfer medizinisch versorgt zu haben. Ein Soldat, der erklärte, er sei General, war mit meinen Antworten unzufrieden und drohte mir mit weiterer Gewalt. Die Vernehmungsbeamten schlugen und beschimpften mich und drohten, mir die Knochen zu brechen. 

Dann wurden wir nach Sde Teiman gebracht – ein israelischer Militärstützpunkt, der auch als Gefangenenlager dient. Dort drohte mir ein Vernehmungsbeamter, meiner Frau und meinen Töchtern etwas anzutun. In diesen 24 Tagen bin ich nie einem Richter vorgeführt worden. Einmal wurden wir nach Al-Kallaba, den sogenannten Hundezwinger, gebracht. Die Wachen ließen die Hunde auf uns – ich erinnere mich noch genau, wie ein Hund mit seinem gesamten Gewicht auf meinem Rücken lag. Die Handschellen wurden mir nie abgenommen. 

Schläge und Demütigungen

Schließlich wurde ich in das Gefangenenlager Negev/Naqab (Ketziot) verlegt. Wir wurden der tashrifa (Aufnahme) unterzogen – einem Ritual mit Schlägen und Demütigungen, bei dem kochendes Wasser auf uns geschüttet wurde. Ich wurde ein Jahr und zwei Monate lang in dieser Zelteinrichtung festgehalten. Die meisten von uns schliefen auf dem Boden. 

Drei Monate nach meiner Inhaftierung wurde ich zum ersten Mal einem Richter vorgeführt, und zwar über einen kurzen Videoanruf per Laptop. Mir wurde gesagt, dass ich aufgrund von "geheimen Beweisen" nach dem Gesetz über ungesetzliche Kombattanten festgehalten werde. Ironischerweise wurde ich in einer Anhörung beschuldigt, der Hamas anzugehören und in der nächsten der PFLP (Volksfront zur Befreiung Palästinas). Mein einziges wirkliches Verbrechen war, dass ich Arzt bin. 

Hunger wurde in der Haft bewusst eingesetzt. Wir sollten unserer Menschlichkeit beraubt und auf das bloße Überleben reduziert werden. Das Essen war nie ausreichend, mit Dreck versetzt und manchmal mit Zigarettenasche vermischt. Entdeckten die Wachen, dass wir Essen aufgespart hatten, wurde die gesamte Zelle bestraft. 

Es gab keine Hygiene. Sechs Monate lang hatten wir keine Seife, keine Zahnbürsten und keine Duschen, was zur Verbreitung von Krätze führte. Während dieser sechs Monate durften wir unsere Kleidung nicht wechseln. Zwei Gefangene sind vor meinen Augen gestorben. Einer starb an der Ansammlung von Flüssigkeit in der Bauchhöhle. Ich flehte die Wachen an, Antibiotika zu besorgen und sagte ihnen, dass wir ihn retten könnten. Der Wachmann antwortete: "Du bist hier kein Arzt, du bist ein Terrorist." 

Eine Rückkehr zur Würde 

Das erste Mal besuchte mich eine Anwältin sieben Monate nach meiner Inhaftierung. Bis dahin wusste meine Familie nicht, ob ich noch am Leben war. Sie erzählte mir, dass meine Frau Alaa nichts unversucht gelassen hatte, um mich zu finden. Durch diese Nachricht habe ich mich wieder als Mensch gefühlt. 

Es herrschte weiterhin eine starke Überbelegung in Haft: 40 Personen waren in einem 50-Quadratmeter-Zelt untergebracht. Schließlich besuchten mich am 11. Oktober 2025 Vertreter*innen des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) und teilten mir mit, dass ich auf einer Liste von Personen stehe, die freigelassen werden sollten. Sie erwähnten die Bereitstellung eines "Würdekits". Das Wort Würde zu hören, nachdem ich monatelang wie ein Tier behandelt worden war, war überwältigend. 

Ich wurde an einem Montag entlassen und kam um 18 Uhr im Nasser-Krankenhaus an, wo ich von meinen Kolleg*innen empfangen wurde. Ich war körperlich erschöpft und hatte 28 Kilogramm abgenommen. Ich erfuhr, dass das Al-Awda-Krankenhaus schwer beschädigt worden war und hinter der "Gelben Linie" des Militärs nicht mehr zugänglich war. 

Aktuell kämpfe ich weiter mit Schlaflosigkeit, Angstzuständen und Traumata. Aber trotz allem möchte ich weiterarbeiten. Ich war Arzt, als sie mich holten, und ich bin auch jetzt, nach meiner Rückkehr, ein Arzt. Mein Engagement für meine Patient*innen ist das Einzige, was sie mir nicht nehmen können. 

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Hintergrund: 

Im besetzten Gazastreifen sind palästinensische Mitarbeiter*innen des Gesundheitswesens nie dagewesenen Gefahren ausgesetzt. Während der israelischen Militärkampagne und des anhaltenden Völkermords an den Palästinenser*innen im Gazastreifen hat Israel Hunderte von palästinensischen Beschäftigten im Gesundheitswesen aus dem Gazastreifen ohne Anklage oder Gerichtsverfahren willkürlich inhaftiert und verschwinden lassen. Sie wurden gefoltert und anderweitig misshandelt, in Haft ohne Kontakt zur Außenwelt festgehalten oder Bedingungen ausgesetzt, die dem Verschwindenlassen gleichkommen. 

Amnesty International dokumentiert weiterhin systematische Verstöße, einschließlich der weit verbreiteten Anwendung von Folter und anderen Misshandlungen gegen palästinensische Gefangene durch Israel, und fordert die sofortige und bedingungslose Freilassung aller willkürlich Inhaftierten. 

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