Amnesty Journal China 04. Juni 2026

China: Seltene Erden, häufiger Zwang

Ein kreisrundes Loch in der Landschaft, ein Krater, der durch Bergbau entstanden ist, Terrassen führen in die Tiefe, am Grund ist ein See entstanden, dort sammelt sich Wasser.

Abbau Seltener Erden: Mine in Koktokay im Nordwesten der chinesischen Region Xinjiang (China, 2018)

Europa und Deutschland sind in hohem Maße abhängig von Chinas Rohstoffen und Raffinerien. Dabei missachtet das Land systematisch die Menschenrechte.

Von Felix Lee

Ein deutsches E-Auto rollt lautlos aus der Fabrikhalle – Symbol einer klimafreundlichen Zukunft. Unsichtbar bleibt, dass in seinen Motoren Magnete stecken, deren Seltene Erden aus Minen im Norden Chinas stammen, wo ganze Landschaften verseucht werden und Arbeiter*innen ohne Zugang zu unabhängigen Gewerkschaften schuften, in vielen Fällen unter Zwang. Die europäische und deutsche Wirtschaft beruht teilweise auf Lieferketten, in denen Menschenrechte systematisch missachtet werden.

China hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zur dominierenden Rohstoffmacht entwickelt – insbesondere bei Seltenen Erden, die für Windräder, Smartphones, Fahrzeuge und Rüstungsgüter unverzichtbar sind. Rund 91 Prozent der weltweit gewonnenen Seltenen Erden werden dort verarbeitet, zeigt eine Erhebung des Supply Chain Intelligence Institute Austria. Auch bei Kobalt (97 Prozent), Lithium (73 Prozent) und Graphit (98 Prozent) kontrolliert Peking der Internationalen Energieagentur zufolge große Teile der globalen Wertschöpfung.

Niedrige Umweltstandards, billige Energie, staatliche Subventionen

Diese Vormachtstellung gründet auf Strategie: niedrige Umweltstandards, billige Energie, staatliche Subventionen – und ein autoritäres System, das Widerstand in den Produktionsstätten im Keim erstickt. In Regionen Chinas wie der Inneren Mongolei, Jiangxi oder Xinjiang sind so wirtschaftliche Räume entstanden, in denen Hightech-Industrie mit einem Mangel an Rechten einhergeht.

Seltene Erden sind gar nicht so selten. Ihr Abbau und ihre Veredelung indes sind aufwändig, giftig und zerstörerisch. Medienrecherchen zeigen immer wieder, dass sich an den Überresten verlassener Minen giftige Seen und radioaktive Abfallhalden bilden. In den 1980er Jahren überließen die Industrieländer des Globalen Nordens China bereitwillig diesen "schmutzigen" Teil der Wertschöpfung – es war kostengünstig und bequem, ihn auszulagern. Heute zeigt sich, wohin das geführt hat. In Chinas Minderheiten­regionen, besonders in Xinjiang, überlagern sich Rohstoffausbeutung und staatliche Unterdrückung. Dort, wo die muslimische Minderheit der Uigur*innen lebt, haben die Behörden ein engmaschiges System aus Überwachung, Umerziehungslagern und Zwangsarbeit errichtet. Amnesty International hat 2021 dieses repressive Vorgehen als Verbrechen gegen die Menschlichkeit bezeichnet. Offiziell dienen sogenannte Berufsbildungszentren der Armutsbekämpfung. In der Praxis werden Menschen unter politischem Druck in Fabriken verlegt – weit entfernt von ihren Familien, unter ständiger Kontrolle und ideologischer Schulung.

Eine Studie der Stiftung Global Rights Compliance aus dem Jahr 2025 hat hohe Anteile von Zwangsarbeit in den Lieferketten kritischer Mineralien wie Seltene Erden, Lithium, Kobalt und Graphit aus Xinjiang festgestellt. Sie dokumentiert, wie China staatliche Arbeitstransferprogramme einsetzt, um Menschen zwangsweise in Bergbau- und Verarbeitungs­betriebe zu verlegen.

Verschleierte Lieferketten – Risikoregion Xinjiang

Wie groß der Anteil der aus Xinjiang stammenden Rohstoffe ist, weiß niemand genau. Die Lieferketten sind oft verschleiert, unabhängige Kontrollen nicht möglich. "Die Aussagen chinesischer Anbieter sind kaum verlässlich, weil sie im Zweifel die Position des Staates wiedergeben", sagt der Anthropologe und China-Forscher Adrian Zenz, Senior Fellow der US-amerikanischen Victims of Communism Memorial Foundation. "Wenn die Regierung erklärt, es gebe keine Zwangsarbeit, sehen sich auch Unternehmen legitimiert, dasselbe zu sagen – selbst, wenn sie uigurische Arbeitskräfte einsetzen."

Zenz hat mit seinen Recherchen zur Zwangsarbeit unter anderem dazu beigetragen, dass deutsche Konzerne wie BASF und VW ihre Werke in Xinjiang aufgaben. "Die Transparenz der Lieferketten innerhalb Chinas ist praktisch nicht gewährleistet", sagt er. "Immer wieder gibt es Belege für Umwege und Zwischenstationen. So lässt sich kaum noch nachvollziehen, dass die Ware ursprünglich aus Xinjiang stammt." Selbst Handelsdaten aus Drittstaaten böten oft keine Klarheit.

Die Transparenz der Lieferketten innerhalb Chinas ist praktisch nicht gewährleistet.

Adrian
Zenz
China-Forscher

Das deutsche Lieferkettengesetz, das seit 2023 Unternehmen mit Sitz oder Zweigniederlassung in Deutschland zur Einhaltung von Menschenrechten und Umweltstandards in ihren Lieferketten verpflichtet, könne die Verletzung von Standards nur teilweise ausschließen. "In Branchen mit hohem Xinjiang-Anteil müsste man eigentlich davon ausgehen, dass das Risiko strukturell nicht ausgeschlossen werden kann – und konsequenterweise ganz auf den Bezug aus China verzichten", sagt Zenz.

Äußerst deutlich ist das in der Solarindustrie: China produziert laut Internationaler Energieagentur rund 85 Prozent der weltweit verkauften Solarmodule. Große Teile der globalen Produktion von Polysilizium hängen an Lieferketten, die nach Xinjiang führen. Wer in Europa Solarmodule installiert, kann kaum sicher sein, dass keine Zwangsarbeit darin steckt.

Zugang zu Kupfer, Kobalt, Lithium und Mangan in Afrika

Und selbst Metalle, die ursprünglich aus afrikanischen oder südamerikanischen Minen stammen, werden überwiegend in China verarbeitet. In Afrika sichern sich chinesische Unternehmen dem US-amerikanischen Think-Tank Brookings zufolge mit Krediten, Infrastrukturprojekten und Beteiligungen an Minen Zugang zu Kupfer, Kobalt, Lithium und Mangan. Von der neuen Zollfreiheit zwischen China und 53 afrikanischen Staaten profitieren vor allem in Afrika ­ansässige chinesische Firmen, die unter anderem Bodenschätze nach China exportieren. Straßen, Bahnlinien und Häfen entstehen im Rahmen der "Neuen Seidenstraße" – offiziell haben alle etwas davon, oftmals aber zum Preis von Umweltzerstörung, Landverlust und neuen Abhängigkeiten. Über die Achse "afrikanische Lagerstätten – chinesische Veredelung – europäische Abnehmer*innen" verknüpft China globale Machtverhältnisse: Abhängigkeiten afrikanischer Staaten, Kontrolle kritischer Rohstoffe, billige Vorprodukte für Europa. Die ethische Verantwortung entlang der Lieferkette schiebt China damit von sich weg.

In der Europäischen Union und in Deutschland war zwar zwischendurch die Einsicht gewachsen, dass Lieferketten nicht länger nach dem Prinzip "billig vor fair" funktionieren können. Das deutsche Lieferkettengesetz und auch die geplante EU-Richtlinie über unternehmerische Sorgfaltspflichten sollen Unternehmen zu mehr Verantwortung verpflichten. Doch mittlerweile wurde die europäische Richtlinie abgeschwächt, und Unternehmensverbände wie Politiker*innen fordern weitere Lockerungen.

Alternativen gesucht

Markus Löning, ehemaliger Menschenrechtsbeauftragter der Bundes­regierung und heute Berater für nachhaltiges Wirtschaften, hält die geplanten Maßnahmen weiter für sinnvoll: Der ­Bereich Seltene Erden sei ein besonders hoher "Risikosektor". Wenn hier viele ­Firmen ihre Abhängigkeit genau analysieren und Strategien entwickeln, "könnte das langfristig Druck auf China ausüben", sagt Löning.

Nur lässt der politische Druck derzeit nach. Die EU arbeitet zwar an einem Importverbot ab Ende 2027 für Produkte aus Zwangsarbeit. Doch die Angst vor chinesischen Gegenmaßnahmen wie etwa der Drohung, bestimmte Exporte zu drosseln, ist groß. Auch wird es dauern, bis Alternativen zu Seltenen Erden aus China gefunden und gefördert sind – mindestens ein Jahrzehnt, schätzen Expert*innen. Zenz verweist auf Ansätze wie das European Solar Manufacturing Council – eine Gruppe europäischer Solarproduzenten, die versuchen, unabhängig von China zu fertigen. "Das ist aber wirtschaftlich extrem schwer" und würde ohnehin nicht ausreichen. "China hat systemische Abhängigkeiten geschaffen", stellt Zenz fest. Um sich daraus zu lösen, brauche es "Industriepolitik mit klaren, auch protektionistischen Elementen – und eine abgestimmte europäische Lieferkettenstrategie".

Felix Lee ist freier Journalist und Autor. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.

Hier findest Du mehr Informationen: Zur allgemeinen Menschenrechtslage in China und ein Amnesty-Bericht zu Menschenrechtsverletzungen in globalen Lieferketten. Zum Schicksal der Uigur*innen in Xinjiang kannst Du Dich hier informieren.

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