Amnesty-Jahresversammlung 2026: "Ein starkes Zeichen gesetzt!"
Demonstration während der Amnesty-Jahresversammlung am 23. Mai 2026 in München
© Amnesty International, Foto: Jarek Godlewski
Die Welt erlebt einen menschenrechtlichen Epochenbruch. Die Mitgliedschaft von Amnesty International in Deutschland zeigt auf ihrer Jahresversammlung Geschlossenheit.
Aus München von David Fischer
Mit einem Demonstrationszug durch München haben sich die Mitglieder von Amnesty International in Deutschland bei der Jahresversammlung (JV) für den Schutz von zivilgesellschaftlichem Engagement eingesetzt. Am Samstag vor Pfingsten zogen rund 200 Teilnehmende von der Tagungsstätte am Gasteig zum Ostbahnhof und versammelten sich unter einem gelben Banner mit dem Spruch "Zivilgesellschaft weltweit unter Druck".
"Es gibt um uns herum gravierende Veränderungen wie den Aufstieg des Autoritarismus und Einschränkungen der Zivilgesellschaft. Da müssen wir uns auch als Organisation neu aufstellen", sagte Wassily Nemitz, der Sprecher des Vorstands von Amnesty in Deutschland. Der Vorstand brachte auf der Jahresversammlung Anträge zur Strategie für die kommenden Jahre ein, angelehnt an die internationale Ausrichtung der Organisation.
Amnesty-Mitglieder bei der Jahresversammlung 2026 in München (22. Mai 2026)
© Amnesty International, Foto: Jarek Godlewski
Als "Epochenbruch" bezeichnete der Vorstand die menschenrechtspolitische Lage. Die deutsche Amnesty-Sektion will sich deshalb bis 2030 auf bestimmte Bereiche konzentrieren: die Rechte auf Meinungs- und Vereinigungsfreiheit, das Recht auf friedliche Versammlung sowie den Schutz zivilgesellschaftlicher Organisationen und der regelbasierten internationalen Ordnung. Das Plenum verabschiedete dies mit überwältigender Mehrheit. Auch bei anderen Anträgen zeigte die Mitgliedschaft mehr Einigkeit als in den Vorjahren. "Natürlich ist eine Debatte begrüßenswert", sagte Nemitz. "Aber viele haben auch verstanden, dass uns der Wind jetzt stärker ins Gesicht bläst und wir geschlossen vorgehen müssen."
Wie Menschenrechtsaktivist*innen unter erschwerten Bedingungen arbeiten, berichteten die internationalen Gäste. Diana Eltahawy, die stellvertretende Amnesty-Direktorin für den Nahen Osten und Nordafrika, stellte fest: "Seit Jahrzehnten leben die Menschen unter autoritären Regimen, in denen Regierungen alle verfolgen, die friedlich Kritik oder abweichende Meinungen äußern."
Eltahawy, deren Team auch zu Menschenrechten in Israel und Palästina arbeitet, zeigte sich beunruhigt darüber, dass auch in Deutschland Behörden Druck auf Aktivist*innen ausüben: "Es ist erschreckend zu sehen, dass Länder, in denen die Versammlungs- und Meinungsfreiheit in der Vergangenheit vermeintlich gewährleistet schien, Solidaritätsbekundungen mit den Palästinenser*innen kriminalisieren."
Kundgebung während der Amnesty-Jahresversammlung in München (23. Mai 2026)
© Amnesty International, Foto: Jarek Godlewski
Ob palästinensische Aktivist*innen, Geflüchtete aus Afghanistan oder Journalisten aus Burkina Faso – in München sprachen viele, die selbst Menschenrechtsverletzungen erlebten. Ihre Berichte stießen nicht zuletzt bei der Amnesty-Jugend auf Interesse. "Ich fand es wichtig, Menschen eine Bühne zu geben, über die sonst nur gesprochen wird", sagte die 18-jährige Deborah Agbonifo. "Wir sollten stattdessen mit ihnen reden." Die junge Lübeckerin, die seit 2024 in ihrer lokalen Amnesty-Gruppe aktiv ist, setzt sich vor allem für Chancengleichheit ein. "Frauenrechte sind ein großes Thema für mich", sagte Agbonifo. "Ich habe auch oft Rassismus erfahren, und es ist mir wichtig, gegen Diskriminierung zu kämpfen."
Kurz vor der Bundestagswahl 2025 stellte die Unionsfraktion im Bundestag mit 551 Fragen zu NGOs deren Gemeinnützigkeit infrage. Anfang 2026 wurde der Umbau des Förderprogramms "Demokratie leben!" und damit der Entzug von Geld angekündigt. Ein Bollwerk gegen weitere Attacken zu bilden, ist für Amnesty eine Kernaufgabe. "Wir haben in München ein starkes Zeichen gesetzt, und jetzt geht es an die Arbeit", sagte Wassily Nemitz.