Aktuell Ukraine 24. Februar 2026

"Wir bleiben wir selbst – auch unter den härtesten Bedingungen“: Amnesty-Mitarbeiterin Lera Burlakova über vier Jahre Krieg gegen die Ukraine

Das Bild zeigt eine ältere Frau, die an beiden Händen von Helfern gestützt wird.

Eine ältere Frau in der ukrainischen Stadt Irpin wird nach russischen Angriffen evakuiert (8. März 2022).

Heute vor vier Jahren, am 24. Februar 2022, griff Russland die gesamte Ukraine an. Lera Burlakova ist Medien- und Kampagnen-Koordinatorin bei Amnesty International in der Ukraine. In diesem Text schreibt sie anlässlich des vierten Jahrestages der russischen Vollinvasion über das Leben, das Arbeiten und über das Aufwachsen eines Kindes in Kriegszeiten – und über die Menschenrechtsarbeit, die nicht an sicherere Orte ausgelagert werden kann. 

Russlands Angriff begann schon lange vor seinem Einmarsch im Februar 2022. Damals, im Jahr 2014, kündigte ich meinen geliebten Job als Journalistin und trat in die ukrainische Armee ein. 

Ich tat es aus einem Schuldgefühl heraus. Während der Euromaidan-Proteste (im Jahr 2014, Anm. d. Red.) wurden auf den Straßen von Kyjiw Menschen erschossen. Einige waren nicht einmal 18 Jahre alt. Sie standen ein für die Freiheit. Ich hatte mein Leben lang erklärt, dass auch ich für Freiheit stehe, aber plötzlich fühlten sich Worte unzureichend an. Teenager starben, und ich blieb am Leben. Der Eintritt in die Armee war für mich die einzige Möglichkeit, mit dieser Schuld zu leben, die einzige Möglichkeit, mich im Spiegel ansehen zu können. 

Ich diente drei Jahre lang an der Front und verließ sie mit einer Behinderung. Ich habe den Krieg aus dem Osten mit nach Hause genommen. Als ich davon sprach, dass ich mir vorstellte, wie Bomben auf das Stadtzentrum von Kyjiw fielen, vermutete meine Psychotherapeutin Angstzustände oder posttraumatischen Stress. Für mich war es weder das eine noch das andere. Es war eine Vorhersage. 

Und doch ging das Leben in den damals noch friedlichen ukrainischen Städten weiter. Meines auch. Mein Sohn kam zur Welt.

Das Foto zeigt Lera Burlakova, die in der Hocke ein Selfie macht zusammen mit ihrem Sohn, der lachelnd links neben ihr steht.

Die ukrainische Amnesty-Mitarbeiterin Lera Burlakova mir ihrem Sohn (undatiertes Foto)

Wir spürten, dass die Invasion kurz bevor stand 

Doch schon Anfang 2022 spürten viele Ukrainer*innen, dass die Invasion kurz bevorstand. Aber sie wollten es einfach nicht glauben. 

Einige Wochen vor dem Beginn der Invasion war ich auf einer Dienstreise in Frankfurt und sollte noch am selben Abend nach Kyjiw zurückfliegen. Die Lufthansa stornierte den Flug. Ihre Flugzeugcrews übernachteten nicht mehr in der Ukraine. 

Mein Kind war in Kyjiw. 

Ich wusste, wie der Krieg aussah: keine Verbindungen, Ruinen, Feuer. Ich hatte es schon einmal erlebt. Ich hatte meinen Verlobten bereits durch den Krieg verloren. Ich erinnere mich, wie ich seine kalte Hand hielt, seine blutbefleckte Jacke an der Front trug und darin schlief. 

Der Tod war nicht abstrakt. Er hatte Namen. 

Ich hatte die Befürchtung, dass der Flughafen von Kyjiw über Nacht wie der Flughafen Donezk werden würde (dieser Flughafen wurde zwischen 2014 und 2015 fast vollständig zerstört Anm. d. Red.). An einem Tag gibt es Flüge, am nächsten nicht mehr. An einem Tag pulsierte dort noch das Leben, am nächsten hörte es unter den Ruinen abrupt auf. 

Mein Morgenflug ging aber dann doch. Ich flog nach Hause, packte schnell meine Sachen, setzte mein Kind ins Auto, und wir verließen die Ukraine noch am selben Tag, Wochen vor Beginn der Invasion. 

Am 24. Februar 2022 war ich also im Ausland. Meine Eltern riefen an diesem Morgen an, um sich zu verabschieden. Zum Glück haben sie überlebt. 

Was mir Angst machte, war nicht die Bombardierung. Ich hatte die Russen schon vorher aus der Nähe gesehen. Ich hatte gesehen, wie sie Zivilpersonen und Kriegsgefangene behandeln. Ich wusste, was Besatzung bedeutet. Butscha war kein Schock. Also kehrte ich noch im selben Jahr zurück.

Ein Mann schiebt ein Fahrrad durch einen komplett zerstörten Straßenzug. Fast alle Häuser sind zerstört. Auf der Straße stehen zerstörte und ausgebrannte Panzer.

Durch ukrainische Truppen zerstörte russische Panzer und Militärfahrzeuge im Apil 2022 in der ukrainischen Stadt Butscha, in der die russischen Invasoren Gräueltaten an der Zivilbevölkerung verübten.

Überleben bedeutet Verpflichtung 

Ich kam mit meinem Sohn zurück, der damals vier Jahre alt war. Als er das erste Mal die Luftschutzsirene hörte, weinte er. Ich habe ihm gesagt: Die Sirene ist nicht dazu da, um dich zu erschrecken. Sie soll uns warnen, damit wir vorsichtig sein können. Das ist immer noch so für uns. Wie alle hier haben wir gelernt, uns an Dinge zu gewöhnen, an die man sich niemals gewöhnen sollte. 

In den ersten Monaten, und oft auch heute noch, bedeutete das Überleben einen Kompromiss. Wir haben keinen Bunker in unserem Wohngebäude. Der nächstgelegene Schutzraum ist eine U-Bahn-Station. Wenn du fünfmal am Tag und häufig auch in der Nacht mit Kind und Hunden zu einer Unterkunft rennst, funktionierst du nicht mehr. Kinder lernen nicht mehr. Erwachsene arbeiten nicht mehr. Manchmal ist es gefährlicher, wegzurennen - ballistische Raketen fliegen schneller, als man sich in Sicherheit bringen kann. Also rechnest du. Du entscheidest, wann du die Sirene ignorierst. Du entscheidest, wann du bleibst. 

Vier Jahre später ist das Leben in der Ukraine ein Überleben, das von einer hartnäckigen Normalität geprägt ist. Dieser Winter ist der härteste. Seit Mitte Januar hat unser Wohnblock keine Heizung mehr. Die Temperaturen sind brutal gesunken. Wir bewohnen nur noch ein Zimmer. Ich erinnerte mich an den Donbas - zerstörte Gebäude, mit Decken bedeckte Fenster, schlafende Menschen mit Mützen - und wand alles an, was ich wusste. Der Überlebensmodus schränkt das Leben ein. Dein Horizont wird jahreszeitenabhängig. Wir leben bis zum Frühling.

Das Foto zeigt eine Frau, die in einem hell erleuchteten Tunnel vor einem Zelt sitzt und in die Kamera blickt. Hinter ihr gehen und sitzen weitere Personen. Auf dem Boden liegen Matten und Decken.

Zivilpersonen suchen in einer U-Bahn-Station in der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw Schutz vor russischen Luftangriffen (2. März 2022).

Man kann nicht drei Millionen Menschen aus Kyjiw evakuieren 

Die Leute fragen, warum wir nicht gehen. Man kann nicht drei Millionen Menschen aus Kyjiw evakuieren. Und was noch wichtiger ist: Russland will, dass wir in Panik geraten. Russland will, dass wir gehen. Das ist genau der Grund, warum wir das nicht tun. 

Mein Partner ist beim Militär. Ich sehe ihn kaum - vielleicht zwei Wochen im vergangenen Jahr. Ich habe bereits einen Menschen, den ich liebte, durch diesen Krieg verloren, so dass mir die Angst manchmal alles zuschnürt und ich kaum noch atmen kann. Was am meisten schmerzt, ist die gestohlene Zeit. Dies ist das einzige Leben, das wir haben, gemessen in kurzen Besuchen und einer ungewissen Rückkehr. 

Mein Sohn ist ein fröhlicher, neugieriger Junge. Er liebt Waffeln, Lego und Star Wars. Er glaubt, dass das Gute am Ende das Böse besiegt. Wir versuchen, nach dieser Überzeugung zu leben, auch wenn wir erschöpft sind. 

Fast jede Nacht gibt es einen Luftangriff. Wir schlafen auf einer Matratze im Flur - ohne Fenster. Nichts schützt uns vor einem direkten Treffer, aber Wände schützen uns vor zerbrochenem Glas. Ein typischer Tag beginnt mit der Überprüfung auf einen Luftalarm. Wenn es einen gibt, beginnt die Schule eine Stunde nach dem Alarm. Nur in den Schulen, die über Schutzräume verfügen, gibt es Unterricht. Die Kinder lernen bei Bedarf im Schutzraum weiter.

Das Bild zeigt im Vordergrund zwei Menschen, die sich umarmen, im Hintergrund ein zerstörtes Gebäude,

Trost spenden nach einem russischen Luftangriff auf die ukrainische Hauptstadt Kyjiw (10. Oktober 2022)

Es gibt keine Heizung, oft keinen Strom und manchmal auch kein Wasser.

Ich arbeite meist von zu Hause aus oder draußen auf Recherchetouren. Mein Team und ich arbeiten sowohl mit ausländischen als auch mit ukrainischen Medien zusammen, veranstalten Ausstellungen, um das Bewusstsein zu schärfen und Geschichten zu erzählen, und sammeln eine große Anzahl von Zeug*innenaussagen und Hunderte von persönlichen Geschichten. 

Es gibt keine Heizung, oft keinen Strom und manchmal auch kein Wasser. Aber die Cafés bleiben mithilfe von Benzin und brummender Generatoren geöffnet. Wir können unsere Laptops überall aufladen. Die Bäckerei auf der anderen Straßenseite öffnet jeden Morgen mit warmen Zimtschnecken. Die Menschen helfen sich ständig gegenseitig. Solidarität ist hier kein Schlagwort. Sie ist die Infrastruktur. 

Diese Art von Arbeit ist hart. Aber genau deshalb müssen wir hier sein. Menschenrechtsarbeit kann nicht in sicherere Länder verlagert werden. Dazu muss man unter denselben Bedingungen leben wie die Menschen, deren Aussagen man aufzeichnet. Mit Menschen zu sprechen, die alles verloren haben, fühlt sich wie eine seltsame Form von Heimat an – unsere Erfahrungen überschneiden sich. Wir verstehen uns ohne lange Erklärungen. Wir umarmen uns. 

Selbst Eltern, die ihre Kinder durch russische Luftangriffe verloren haben, sprechen immer noch öffentlich. Sie nennen die Lieblingsfrucht ihres Kindes, ihr Lieblingswort - nicht weil es einfach ist, sondern weil sie den nächsten Tod verhindern wollen.

Eine Frau steht in einem Wald vor einem mit einem Holzkreuz markierten Grab. Sie hält sich ihre rechte Hand vors Gesicht.

Eine Frau trauert am Grab ihres Ehemanns, der in der ukrainischen Stadt Isjum bei einem russischen Angriff getötet wurde (19. September 2022).

Unsere Hoffnungen sind nicht kompliziert 

Ich arbeite mit Familien von Kriegsgefangenen. Eine Frau, die unheilbar an Krebs erkrankt war, wartete mehr als drei Jahre auf ihren Mann, der ohne Kontakt zur Außenwelt festgehalten wurde. Als er schließlich ausgetauscht wurde, postete sie ein Foto, auf dem sie sich küssen. Die Bildunterschrift lautete: "Wir haben gewonnen." 

Das ist es, was ich unter einem Sieg verstehe: Wir bleiben wir selbst – auch unter den härtesten Bedingungen. Wir lassen nicht zu, dass jemand ändert, wer wir sind, was wir lieben oder wo wir leben. 

Wir planen nicht weit im Voraus. Unsere Hoffnungen sind schlicht diesen Winter zu überleben, die Menschen, die wir lieben, am Leben zu erhalten, für Gerechtigkeit zu sorgen, auch wenn es Zeit braucht. 

Für uns ist Amnesty International ein Tor zur Welt, eine Möglichkeit, über das zu sprechen, was wir erleben, selbst wenn sich die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf andere Bereiche richtet. Wir sind keine Geschichten, die man erzählt und dann wieder vergisst. Wir sind Menschen. Wir haben Rechte. 

Amnesty bietet uns eine Plattform, Unterstützung, institutionelles Gewicht und das Vertrauen, das sie in ihrem Namen trägt. Sie ermöglicht es, dass unsere Erzählungen über unsere Grenzen hinausgehen und Entscheidungsträger*innen, Journalist*innen und normale Menschen erreichen, die sie sonst vielleicht nie hören würden. 

Amnesty gibt uns die Hoffnung, dass all das Leid der unschuldigen Menschen, die in diesem Angriffskrieg getötet wurden, früher oder später mit Gerechtigkeit belohnt wird. Aber ich hoffe, dass es eher früher ist, denn wir alle wollen es erleben.

Das Bild zeigt eine Person mit einem Protestplakat

"Verantwortliche für Kriegsverbrechen werden zur Rechenschaft gezogen": Protestaktion der niederländischen Amnesty-Sektion gegen den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine vor Russlands Botschaft in Den Haag (März 2022).

Amnesty-Posting auf Instagram:

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