Zwischen Krieg und Gewalt: Wie Marta Frauen und Mädchen schützt
Engagiert: Protest für die Beibehaltung der Istanbul-Konvention zum Schutz von Frauen und Mädchen (Riga, Oktober 2025)
© Kristiāns Putniņš
Die Menschenrechtsorganisation Marta setzt sich in Lettland und in der Ukraine für den Schutz von Frauen und Mädchen vor Gewalt ein.
Aus Riga von Tigran Petrosyan
Im Spätherbst 2025 stimmte das Parlament in Riga für einen Austritt Lettlands aus der Istanbul-Konvention des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Tagelang demonstrierten Tausende gegen diesen Beschluss. Schließlich verweigerte Präsident Edgars Rinkēvičs seine Unterschrift – das Gesetz trat vorerst nicht in Kraft. Die Frauenrechtsorganisation Zentrum Marta spielte bei den Protesten eine zentrale Rolle. Sie mobilisierte landesweit gegen das Vorhaben und prägte den Widerstand entscheidend mit.
"Mit der Vertagung des Gesetzes haben wir lediglich Zeit gewonnen", sagt Iluta Lāce, Gründerin und Leiterin des Zentrums in Riga. In der Zeit bis zu den Parlamentswahlen im Oktober 2026 wolle sie mit ihrem Team alles daransetzen, dass Interessen von Frauen Gehör finden – und dass sie sich genau daran erinnern, welche Politiker*innen für die Konvention und welche dagegen gestimmt haben.
Von der finnischen Regierung ausgezeichnet
"Der Austritt aus der Istanbul-Konvention könnte Lettland auf einen gefährlichen Weg in Richtung autoritäre Strukturen führen", fürchtet Lāce. Sie warnt davor, dass die Politik die Förderung von Menschenrechtsorganisationen generell infrage stellen könnte. Dies würde auch die Arbeit des Zentrums einschränken. Dabei haben die Frauenrechtsaktivistin und ihre Mitstreiterinnen ein klares Ziel: "Wir wollen, dass Lettland zu den Ländern gehört, die Gewalt gegen Frauen ernst nehmen, sie als Straftat benennen und konsequent bekämpfen und verhindern."
Das Zentrum Marta ging im Jahr 2000 aus der Zusammenarbeit mit der gleichnamigen schwedisch-finnischen Frauenrechtsorganisation hervor. Heute zählt das Zentrum in Riga zu den größten und wichtigsten Menschenrechtsorganisationen in Lettland und im gesamten Baltikum. Gründerin Lāce wurde 2014 für ihren Beitrag zur Förderung der Frauenrechte von der finnischen Regierung ausgezeichnet.
Wie notwendig dieses Engagement ist, zeigen die Zahlen des European Institute for Gender Equality. Demnach erreichte Lettland im Gleichstellungsindex 2025 lediglich 56,7 von 100 Punkten und nimmt damit den 24. Platz in der Europäischen Union ein. Auch wenn sich die Gleichstellung der Geschlechter verbessert hat, liegt Lettland weiterhin deutlich unter dem EU-Durchschnitt von 63,4 Punkten – und der Abstand zum europäischen Mittelwert wächst neuerdings wieder.
Erfolg: Höchststrafe angehoben
Ein Schwerpunkt von Lāce und ihrem Team ist daher die politische Lobbyarbeit. Reformbedarf sehen die Aktivistinnen unter anderem bei der Kriminalisierung psychischer Gewalt oder der elektronischen Überwachung von Hochrisikotätern. Bei Stalking, Drohungen und Verstößen gegen einstweilige Schutzanordnungen waren die Frauenrechtsaktivistinnen erfolgreich: Die Höchststrafe wurde in diesen Fällen von bislang drei Monaten auf bis zu drei Jahre Haft angehoben.
Neben der politischen und aufklärenden Arbeit bietet das Team psychologische und juristische Unterstützung für Frauen und Mädchen, denen Gewalt angetan wurde – sei es häusliche Gewalt oder Gewalt im Zusammenhang mit Menschenhandel. "Es gibt sehr viele Mädchen und Frauen, die sexuell ausgebeutet, zur Prostitution gezwungen oder durch Pornografie missbraucht werden, sowohl in Lettland als auch im Ausland", sagt Lāce. Sie berichtet von einer Frau aus Lettland, die in Irland Missbrauch erlitt. Die Betroffene saß im Gefängnis, als sie einen Brief an das Zentrum schrieb. "Daraufhin wurden wir aktiv und setzten uns für ihre Freilassung ein – mit Erfolg. Stattdessen sitzen nun diejenigen, die sie angeworben und ausgebeutet hatten, im Gefängnis", sagt Lāce.
Digitale Gewalt
Ein wachsendes Problem ist die Verletzung von Frauenrechten im digitalen Raum. Das Zentrum geht inzwischen juristisch gegen Täter*innen vor, die Frauen heimlich beim Sex filmen, um die Betroffenen zu erpressen oder die Aufnahmen auf verschiedenen Plattformen gegen Geld zu veröffentlichen. Auch den hiervon betroffenen Frauen bietet das Team von Marta medizinische und psychologische Betreuung sowie Unterstützung in Strafverfahren an.
"Diese Frauen geben nicht auf"
Seit Beginn des russischen Angriffskriegs im Jahr 2022 leistet das lettische Zentrum Marta auch Hilfe für Frauen in der Ukraine. Die Projekte dort koordiniert Natalija Chudeeva, ehemalige Leiterin des Sozialdiensts der Stadt Mariupol. Sie floh 2022 nach Lettland und wurde Teil des Teams von Marta. Nach zwei Jahren kehrte sie in die Ukraine zurück, nach Kyjiw. "Ich glaube, dass ich hier mehr erreichen kann als anderswo", sagt Chudeeva.
Die Angebote in der Ukraine sind durch den Krieg geprägt. In der Region Tschernihiw eröffneten Chudeeva und ihr Team Zentren, in denen Frauen und Kinder psychologische Unterstützung erhalten. Marta stellt Fördermittel bereit, damit Frauen ökonomisch unabhängig werden können. Manche machen eine Ausbildung oder den Führerschein, andere investieren das Geld in Nähmaschinen, Massagegeräte oder die Ausstattung eines Friseursalons. So entstehen neue Perspektiven. "Nach anhaltendem Beschuss und Nächten ohne Schlaf und Strom wirkt die Situation oft ausweglos", erzählt Chudeeva. "Doch diese Frauen geben nicht auf. Sie stützen einander und gehen den schwierigen Alltag trotz allem an – oft auch mit Humor."
Ein wachsendes Problem im Zuge des Kriegs ist Gewalt gegen Familienmitglieder. Im Jahr 2023 registrierte die ukrainische Polizei mehr als 291.000 Fälle häuslicher Gewalt. Das sind 20 Prozent mehr als im Jahr 2022. Auch die in diesem Zusammenhang registrierten Straftaten stiegen an, sogar um 80 Prozent (von 1.498 auf 2.701). "Kehrt ein Mann mit Kampferfahrung zurück, ist er oft nicht mehr derselbe", berichtet Chudeeva. Die Rückkehrer würden prägende Erlebnisse mitbringen, und die Monate oder Jahre der Trennung hätten auch die Familien verändert. Beide Seiten müssten sich im Grunde neu kennenlernen. Kommen Kriegstraumata dazu, ist dies besonders schwer. "Posttraumatische Belastungsstörungen wirken sich nicht nur auf die Betroffenen selbst aus, sondern auch auf die familiäre Umgebung", sagt Chudeeva. So komme es auch bei Kindern vermehrt zu Aggressionsausbrüchen, wenn sie die Erfahrungen und Spannungen ihrer Eltern unmittelbar miterlebten. "Krieg ist in seinem Kern Gewalt, und Gewalt erzeugt weitere Gewalt", erklärt Chudeeva.
Mit Unterstützung des Rigaer Teams wurde in der Region Iwano-Frankiwsk in der Ukraine ein Zentrum für Opfer sexualisierter Gewalt eröffnet. Mit dem Krieg sind auch in diesem Bereich die Fallzahlen gestiegen. Nicht nur Frauen sind betroffen, sondern auch Männer – Männer, die verschleppt, gefangen genommen und gefoltert wurden. "Unser Zentrum ist ein Ort des Schutzes", sagt Chudeeva, "und für viele der erste Schritt zurück in ein Leben jenseits der Gewalt."