"Sie schossen auf alles, was sich bewegte": Amnesty-Bericht dokumentiert Kriegsverbrechen der ADF-Miliz
Beerdigung eines Opfers des Massakers, das die "Allied Democratic Forces" (ADF) am 8. September 2025 in Ntoyo in der Demokratischen Republik Kongo verübten.
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TRIGGERWARNUNG: Der Text beschreibt sexualisierte Gewalt, physische Gewalt und Tötungen.
Sie massakrieren, entführen und foltern Zivilpersonen und verüben schwerste sexualisierte Gewalt: Die Kämpfer der bewaffneten Gruppe "Allied Democratic Forces" (ADF) überziehen den Osten der Demokratischen Republik Kongo mit einer Kampagne der Gewalt. Die Gruppe steht mit dem "Islamischen Staat" in Verbindung. Die von ihr begangenen Menschenrechtsverletzungen stellen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit dar. Zu diesem Schluss kommt Amnesty International in einem neuen Bericht.
Die ADF-Kämpfer kamen mit Hämmern, Äxten, Macheten und Schusswaffen und mit einem hinterhältigen Plan. Sie mischten sich im Dorf Ntoyo in ziviler Kleider unter die Trauergäste einer Totenwache. Dann griffen sie plötzlich an. Bei dem Massaker am 8. September 2025 wurden mehr als 60 Menschen getötet. Sicherheitskräfte waren nicht vor Ort.
Ein Augenzeuge berichtete Amnesty International, er habe gesehen, wie Kämpfer seine Schwester mit einer Axt töteten. Eine andere Zeugin erzählte, dass Kämpfer in ihr Haus einbrachen und ihre vier Töchter entführten. Eine dritte Zeugin fand am Morgen die Leichen ihrer Eltern: Ihr Vater war erschossen und ihre Mutter mit einem Hammer erschlagen worden. Sie sagte: "Ich hab noch nie so viele Tote gesehen."
Das Massaker von Ntoyo ist nur eine der vielen Menschenrechtsverletzungen durch die ADF, die Amnesty in dem Bericht "I’d Never Seen So Many Bodies": War Crimes by the Allied Democratic Forces in the eastern Democratic Republic of Congo" dokumentiert. Zu diesen Menschenrechtsverletzungen gehören:
- Angriffe auf Zivilpersonen
- Entführungen
- Zwangsarbeit
- die Rekrutierung und der Einsatz von Kindersoldat*innen
- Misshandlungen und Verbrechen gegen Frauen und Mädchen, darunter Zwangsverheiratung, das erzwungene Austragen von Schwangerschaften und verschiedene andere Formen sexualisierter Gewalt.
Diese Taten stellen zahlreiche Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht und in vielen Fällen auch Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit dar.
Helfer des Roten Kreuzes begraben Opfer des Massakers, das die "Allied Democratic Forces" (ADF) am 8. September 2025 in Ntoyo in der Demokratischen Republik Kongo verübten.
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Wer sind die ADF?
Die "Allied Democratic Forces" (ADF) sind eine bewaffnete Gruppierung, die in den 1990er Jahren in Uganda aus einem Zusammenschluss von Gruppen entstanden ist, die die Regierung bekämpften. Nach militärischen Rückschlägen zogen sie sich über die Grenze in die heutige DR Kongo zurück. Im Jahr 2019 schlossen sie sich der bewaffneten Gruppe "Islamischer Staat" (IS) an und wurden zum "Islamischen Staat Provinz Zentralafrika".
Ihre Angriffe erfolgen in den riesigen Landstrichen des Ostens der DR Kongo. Dort beteiligt sich auch die von Ruanda unterstützte bewaffnete Gruppe "Mouvement du 23 Mars" (M23) an groß angelegten Angriffen auf Zivilpersonen. Die internationale und nationale Aufmerksamkeit ist seit Anfang 2025 vorrangig auf die Vorstöße des M23 gerichtet. Die ADF konnte für sich nutzen, dass aufgrund des M23 Truppen verlegt wurden und die internationale Gemeinschaft ihr kaum Aufmerksamkeit schenkte.
"Diese Kriegsverbrechen dürfen nicht mehr länger ignoriert werden!"
Agnès Callamard, die internationale Generalsekretärin von Amnesty International, sagt:
"Die Zivilbevölkerung im Osten der DR Kongo hat unter der brutalen Gewalt der ADF-Kämpfer sehr gelitten. Zivilpersonen wurden im Rahmen einer auf Entmenschlichung angelegten Kampagne der Gewalt getötet, entführt und gefoltert. Kämpfer der ADF haben Dörfer und Bauernhöfe überfallen, medizinische Einrichtungen angegriffen sowie Häuser geplündert und niedergebrannt.
Die Gewalt der ADF trägt zu einer weiteren Verschärfung der humanitären Krise bei. Die Angriffe der Gruppe haben zu einer verstärkten Vertreibung geführt sowie zur Unterbrechung von Versorgungsleistungen wie dem Zugang zu Nahrungsmitteln, Gesundheitsversorgung und Bildung. Die unerbittlichen Angriffe der Gruppe unterstreichen das Ausmaß der Unsicherheit und der sich überlappenden Krisen im Osten der DR Kongo. Sie machen deutlich, wie dringend die Regierung und die internationale Gemeinschaft ihre Bemühungen verstärken müssen, die Zivilbevölkerung zu schützen und die Verantwortlichen vor Gericht zu stellen.
Diese Menschenrechtsverstöße stellen Kriegsverbrechen dar, die von der Welt nicht länger ignoriert werden dürfen. Als Teil eines umfassenden und systematischen Angriffs gegen die Zivilbevölkerung stellen sie außerdem Verbrechen gegen die Menschlichkeit dar."
Wie hat Amnesty recherchiert?
Amnesty International hat im November 2025 Recherchen in der Provinz Nord-Kivu durchgeführt. Insgesamt wurden 71 Personen befragt. In 61 Fällen handelte es sich um persönliche Gespräche mit Augenzeug*innen und Überlebenden von Angriffen, Angehörigen der Zivilgesellschaft, Militär- und Polizeikräften sowie Angehörigen humanitärer Hilfsorganisationen, unter anderem von den Vereinten Nationen.
Wie geht die ADF-Miliz bei ihren Angriffen vor?
Die ADF-Miliz greift zwar auch Sicherheitskräfte an, doch in den vergangenen Jahren hat sie vor allem die Zivilbevölkerung ins Visier genommen. Ihre Kämpfer attackieren Zivilpersonen nicht nur gezielt, um Lebensmittel, Medikamente und andere Vorräte zu rauben, sondern auch als Vergeltung für militärische Operationen.
Die Streitkräfte der Demokratischen Republik Kongo ("Forces Armées de la République Démocratique du Congo", FARDC) kämpfen seit Jahren gegen die ADF. Dabei werden sie von der UN-Mission MONUSCO unterstützt. Die FARDC und die ugandischen Streitkräfte ("Uganda People’s Defence Forces", UPDF) haben im November 2021 eine gemeinsame Militäroperation zur Bekämpfung der ADF gestartet.
Amnesty International hat acht Angriffe der ADF in den Provinzen Ituri und Nord-Kivu dokumentiert. Sieben der Angriffe erfolgten 2025, einer fand 2024 statt. Zeug*innen berichteten, dass Sicherheitskräfte, darunter auch Angehörige der FARDC von nahegelegenen Stützpunkten, nicht immer reagierten oder zu spät am Ort der Angriffe eintrafen.
"Die Angst hat mich überwältigt": Berichte von Augenzeug*innen
Neben dem eingangs beschriebenen Massaker von Ntoyo sammelte Amnesty eine Vielzahl weiterer Berichte und Aussagen.
So tötete die ADF-Miliz am 12. Juli 2025 bei einem Überfall in Otmaber im Gebiet Irumu in Ituri acht Menschen. Eine Frau berichtete Amnesty International, dass Kämpfer auf sie, ihren Mann und ihren siebenjährigen Sohn geschossen hätten. Sie sagt:
"Nachdem sie auf uns geschossen hatten, fingen sie an, Häuser anzuzünden … Mein Sohn und ich krochen langsam in ein Haus, das nicht brannte, und verbrachten die Nacht dort … Selbst am nächsten Morgen ist das Militär nicht gekommen. Alle waren auf sich allein gestellt."
ADF-Kämpfer haben wiederholt Gesundheitseinrichtungen angegriffen und Vorräte geplündert. Im November 2025 wurde ein Gesundheitszentrum im Dorf Byambwe angegriffen. Mindestens 17 Zivilpersonen wurden getötet, und vier der Stationen wurden in Brand gesetzt. Eine ältere Person, die auf den Knien aus der Einrichtung entkommen konnte, sagte:
"Man konnte nicht stehen bleiben. Sie haben auf alles geschossen, was sich bewegte."
Mehrere Augenzeug*innen der Angriffe gaben an, unter Flashbacks und Albträumen zu leiden. Eine Frau überlebte einen Machetenhieb auf den Kopf, während ihr Kind ums Leben kam, als ihr Haus bei einem Angriff im August 2025 in Brand gesteckt wurde. Sie berichtete:
"Die Angst hat mich überwältigt."
Eine andere Frau, die den Angriff überlebt hat, meinte:
"Was haben wir getan, dass uns so etwas angetan wird? Wie viel müssen wir noch erleiden, bevor das ein Ende hat?"
Soldaten der kongolesischen Armee bei einem Manöver in der Nähe der Ortschaft Mutwanga, die wiederholt von der bewaffneten Gruppe "Allied Democratic Forces" (ADF) angegriffen wurde (Archivaufnahme vom Mai 2021).
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Auch Zehnjährige müssen an Angriffen teilnehmen: Rekrutierung und Einsatz von Kindern durch die ADF
Die ADF wird von den Vereinten Nationen als eine der Gruppen geführt, die in der DR Kongo am häufigsten für die Rekrutierung und den Einsatz von Kindern verantwortlich sind. Die Gruppe setzt Kinder in verschiedenen Funktionen ein, unter anderem als Kämpfer*innen, Träger*innen, Köch*innen und Wachposten. Viele ehemalige Entführte und Augenzeug*innen gaben an, Kinder gesehen zu haben, die vermutlich nicht älter als zehn Jahre alt waren und bereits an Angriffen der Gruppe teilnahmen.
Amnesty International befragte zwei ehemals entführte Kinder sowie drei Jugendliche, die als Kinder entführt worden waren. Sie wurden alle von der ADF für verschiedene Zwecke eingesetzt. Die Befragten waren zum Zeitpunkt ihrer Entführung zwischen 13 und 17 Jahre alt.
Ein Jugendlicher, der im Alter von unter 15 Jahren entführt worden war und etwa zwei Jahre in Gefangenschaft verbracht hatte, sagte:
"Sie steckten mich in eine Gruppe, die für die Nahrungssuche zuständig war … Sie predigten uns den Islam … Wenn es Zeit zum Beten war, betete ich mit ihnen. Wenn man sich weigerte, konnten sie einen töten."
Ein Mädchen, das noch keine 15 Jahre alt war, als sie entführt wurde, berichtete Folgendes:
"Sie fingen an, uns Arabisch beizubringen, weil sie Muslime waren. Nach dem Arabischunterricht erhielten wir Kampftraining. Sobald wir dieses Training abgeschlossen hatten, nahmen wir an ersten Angriffen teil."
Angesichts der zahlreichen Menschenrechtsverletzungen in Form von Folter und anderen Misshandlungen, denen diese Kinder ausgesetzt waren, sind sie in erster Linie als Opfer zu betrachten. Ihnen muss zudem zusätzlicher Schutz als Überlebende von Menschenhandel gewährt werden, die rechtlich nicht in der Lage waren, ihrer eigenen Ausbeutung zuzustimmen.
Kinder und Jugendliche in der Demokratischen Republik Kongo (undatiertes Foto)
© Amnesty International
"Hier bekommen schon zwölfjährige Mädchen einen Ehemann": Gewalt gegen Frauen und Mädchen
Amnesty International befragte fünf Frauen und zwei Mädchen, die von der ADF entführt und zur "Heirat" gezwungen worden waren. Nach Angabe von Zeug*innen waren "außereheliche" Beziehungen nicht erlaubt; mehrere Befragte berichteten jedoch von Fällen sexualisierter Gewalt durch ADF-Kämpfer gegenüber Frauen und Mädchen außerhalb der "Ehe".
Aus den Interviews geht hervor, dass die ADF Kämpfern eine "Ehefrau" – manchmal sogar mehrere – als Rekrutierungsanreiz zur Verfügung stellt und diese Praxis in den Lagern der Gruppe systematisch angewendet wird. Die Frauen und Mädchen waren über längere Zeiträume sexualisierter und körperlicher Gewalt ausgesetzt.
Frauen und Mädchen berichteten zudem, dass sie gezwungen wurden, zum Islam zu konvertieren und mit der religiösen Auslegung der Gruppe indoktriniert wurden. Die Frauen und Mädchen gaben an, von Ausbilderinnen und Lagerleiter*innen ausdrücklich darauf hingewiesen worden zu sein, dass sie die Zuweisung von "Ehemännern" akzeptieren oder andernfalls mit dem Tod rechnen müssten. Mehrere von ihnen wurden gezwungen, mitanzusehen, wie Frauen und Mädchen getötet wurden, die sich den Befehlen widersetzt hatten.
Eine junge Frau, die als Teenagerin entführt worden war, berichtete von einem Gespräch mit dem Lagerleiter:
"Ich sagte, ich sei noch jung. Er fragte mich, wie alt ich sei, und ich sagte 16. Darauf sagte er: 'Das ist alt genug; hier bekommen schon zwölfjährige Mädchen einen Ehemann. Entweder du akzeptierst einen Ehemann, oder wir töten dich.'"
Sie berichtete von wiederholten Misshandlungen durch ihren "Ehemann", der ihr drohte, sie würde "massakriert" werden, sollte sie versuchen zu fliehen. Sechs der sieben Frauen und Mädchen, die als "Ehefrauen" verschleppt worden waren, gaben an, infolge der Zwangsverheiratung schwanger geworden zu sein. Auch wenn es diesen entführten Frauen und Mädchen gelang, der sexualisierten Versklavung und der häuslichen Knechtschaft zu entkommen, sahen sie sich mit Misstrauen und Stigmatisierung konfrontiert. Eine Frau berichtete, dass das Drängen ihrer Schwiegereltern, ihre beiden im Busch geborenen Kinder zu töten, sie fast dazu gebracht hätte, sich das Leben zu nehmen.
Mehrere Befragte gaben an, dass sie nach ihrer Befreiung aus der Gruppe mit schweren wirtschaftlichen Problemen konfrontiert waren und Schwierigkeiten hatten, Zugang zu der benötigten medizinischen Versorgung zu erhalten.
Eine Gruppe von Frauen in der Demokratischen Republik Kongo (undatiertes Foto)
© Amnesty International
Was fordert Amnesty International?
Amnesty fordert die internationale Gemeinschaft auf, darunter auch die deutsche Bundesregierung, explizit Programme und Projekte zu fördern, die Opfer von sexualisierter Gewalt und ehemalige Kindersoldat*innen unterstützen und bei der gesellschaftlichen Wiedereingliederung helfen. Die Hilfe muss dabei auf verschiedene lokale Projekte verteilt werden.