Pressemitteilung Aktuell Iran 04. März 2026

Iran/Naher Osten: Dringender Appell zum Schutz der Zivilbevölkerung

Drei große Rauchschwaden steigen in einer Stadt auf hoch in den Himmel.

Nach Luftangriffen auf die iranische Hauptstadt Teheran steigen Rauchschwaden auf (1. März 2026).

Angesichts der andauernden Angriffe der Vereinigten Staaten und Israels auf den Iran und der Welle iranischer Vergeltungsschläge in der gesamten Region ruft Amnesty International alle Parteien dringend dazu auf, die Zivilbevölkerung zu schützen und das humanitäre Völkerrecht einzuhalten. Rechtswidrige Angriffe, wie vorsätzliche, wahllose oder unverhältnismäßige Angriffe auf Zivilpersonen und zivile Infrastrukturen, müssen sofort eingestellt werden.

Der Konflikt zwischen der Islamischen Republik Iran, Israel und den USA ist in den vergangenen Tagen eskaliert. Die Militäroperationen haben sich über die gesamte Region ausgebreitet und betreffen mittlerweile mehr als zehn Länder. Sie haben bereits zu erheblichen Verlusten an Menschenleben und zur Zerstörung ziviler Infrastruktur geführt. Israel hat seine Angriffe auf den Libanon in den letzten 24 Stunden als Reaktion auf die Angriffe der Hisbollah verstärkt. Die USA haben erklärt, dass "die schwersten Schläge noch bevorstehen". Die Islamische Republik Iran hat nach der Tötung des Obersten Führers und Oberbefehlshabers Ali Khamenei mit einer weiteren Verschärfung der Lage und Unsicherheit in der gesamten Region gedroht.

"Zivilist*innen dürfen niemals Ziel militärischer Gewalt sein. Alle Konfliktparteien müssen das humanitäre Völkerrecht ohne Ausnahme achten und alles tun, um weiteres Leid zu verhindern. Wenn Menschen in Iran, in Israel oder im Libanon ihr Zuhause verlieren oder wenn Kinder in Trümmern sterben, ist das nicht einfach eine Tragödie – es ist ein schwerer Verstoß gegen grundlegende internationale Schutzpflichten. Jede Mutter, die um ihr Kind trauert, jeder Mensch, der sich vor Bomben duckt, steht für ein Versagen politischer und militärischer Verantwortung. Dieses Versagen muss endlich enden", sagte Julia Duchrow, Generalsekretärin von Amnesty International in Deutschland.

"Die Konfliktparteien müssen sofort davon absehen, rechtswidrige Angriffe fortzuführen – seien es direkte Angriffe auf Zivilpersonen, wahllose oder unverhältnismäßige Angriffe oder der Einsatz von Explosivwaffen mit großer Flächenwirkung in dicht besiedelten Gebieten. Sie müssen alle möglichen Vorkehrungen treffen, um Schäden für die Zivilbevölkerung zu verhindern. Angesichts der zunehmenden Gefahr eines langwierigen internationalen Konflikts ist die Einhaltung der internationalen Menschenrechtsnormen und des humanitären Völkerrechts dringender denn je. Jede Verletzung dieser Verpflichtungen wird die Region noch weiter in Richtung einer erneuten humanitären und menschenrechtlichen Katastrophe treiben."

Angriffe auf zivile Infrastruktur in Iran

Am 3. März berichtete der iranische Rote Halbmond, dass seit Beginn der Angriffe 787 Menschen in Iran getötet worden seien. Am 28. Februar 2026 wurden nach Angaben der iranischen Behörden etwa 150 Schulkinder getötet, als eine Schule in der südlichen Stadt Minab in der Provinz Hormozgan getroffen wurde. Die Vereinten Nationen bezeichneten den Bombenangriff auf diese Schule als "schwerwiegenden Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht". Das UN-Menschenrechtsbüro forderte eine rasche, unparteiische und gründliche Untersuchung.

Amnesty International hat sechs Videos aus der Zeit nach dem Angriff auf die Schule überprüft, die schwarzen Rauch zeigen, der aus dem teilweise eingestürzten Gebäude aufsteigt, sowie Rettungskräfte und Bagger, die in den Trümmern nach Opfern suchen. Aufnahmen, die vom Eingang der Schule aus gefilmt wurden, zeigen Mauern, die den Schulhof und das Gebäude umgeben, während im Hintergrund Rauch aus Richtung eines nahegelegenen Stützpunkts der Revolutionsgarden aufsteigt.

Nach Angaben des Vorsitzenden des iranischen Ärzteverbandes wurden durch die Angriffe Israels und der USA zehn medizinische Zentren beschädigt. Krankenhäuser in Iran waren bereits zuvor bei der Niederschlagung der Massenproteste im Januar Razzien durch iranische Sicherheitskräfte ausgesetzt.

Die Behörden der Islamischen Republik Iran haben am 28. Februar erneut den Zugang zum Internet gesperrt und damit Millionen von Menschen daran gehindert, wichtige Informationen über die bewaffneten Auseinandersetzungen zu erhalten und mit ihren Angehörigen innerhalb und außerhalb des Landes zu kommunizieren. Damit unterdrücken sie den Informationsfluss über Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht und die Menschenrechte.

Gefahr von außergerichtlichen Massenhinrichtungen und Folter

Der bewaffnete Konflikt hat die Sorge um das Schicksal und die Sicherheit von Gefangenen im gesamten Iran verstärkt, darunter Tausende von Demonstrant*innen und Dissident*innen, die im Zusammenhang mit dem Aufstand vom Januar 2026 festgenommen wurden. Diese Sorge rührt von Berichten von Menschenrechtsverteidiger*innen über Explosionen in der Nähe von Gefängnissen und anderen Einrichtungen, in denen Gefangene festgehalten werden, sowie von Israels früherem Angriff auf das Evin-Gefängnis in Teheran während des 12-tägigen Krieges im Juni 2025.

Menschenrechtsverteidiger*innen warnen außerdem, dass die Behörden der Islamischen Republik Iran in der Vergangenheit bewaffnete Konflikte oft als Vorwand genutzt haben, um Dissident*innen verstärkt Folter und anderen Misshandlungen auszusetzen. Zudem wird eine Zunahme von willkürlichen oder außergerichtlichen Hinrichtungen befürchtet. Amnesty International fordert die iranischen Behörden auf, alle willkürlich inhaftierten Personen unverzüglich freizulassen und wirksame Massnahmen zu ergreifen, um die Sicherheit aller anderen Gefangenen zu gewährleisten, unter anderem durch vorübergehende Freilassung aus humanitären Gründen.

Satellitenaufnahme und Fotos der durch einen israelischen Luftangriff verursachten Zerstörungen im Evin-Gefängnisses

Satellitenaufnahme und Fotos der durch einen israelischen Luftangriff verursachten Zerstörungen im Evin-Gefängnis in der iranischen Hauptstadt Teheran (Juni 2025)

Vergeltungsangriffe der Islamischen Republik Iran

Die iranischen Behörden reagierten auf die Angriffe der USA und Israels mit Raketen- und Drohnenangriffen in Israel und in der gesamten Golfregion, darunter in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Katar, Bahrain, Kuwait, Oman und Saudi-Arabien.

Medienberichten und offiziellen Regierungserklärungen zufolge führten mehrere der Angriffe zu Toten, verletzten Personen und Schäden an ziviler Infrastruktur; unter anderem durch herabfallende Trümmer von abgefangenen Raketen oder Drohnen. Nach Angaben der Behörden in Abu Dhabi wurde eine iranische Drohne, die auf den internationalen Flughafen Zayed (AUH) zielte, abgefangen, was zu herabfallenden Trümmern führte, die eine Person töteten und sieben weitere verletzten. Am 2. März erklärten sowohl die katarischen als auch die saudischen Behörden, ihre Ölanlagen seien vom Iran angegriffen worden.

In Israel wurden laut Medien und Rettungsdiensten mindestens 10 Menschen getötet und Dutzende verletzt. Dazu gehören neun Tote und mehr als 20 Verletzte in Beit Shemesh nach einem iranischen Raketenangriff sowie der Tod einer Frau in der Region Tel Aviv durch herabfallende Splitter. Iranische Angriffe beschädigten laut lokalen Behörden außerdem mindestens 40 Gebäude in Tel Aviv.

Israel hat die strengen Bewegungseinschränkungen im besetzten Palästinensischen Gebiet verschärft und damit den Verkehr zwischen Dörfern und Städten im besetzten Westjordanland einschließlich Ostjerusalem praktisch blockiert. Die Behörden haben außerdem alle Grenzübergänge in das und aus dem besetzten Gebiet geschlossen, darunter die Grenzübergänge Kerem Shalom/Karem Abu Salem und Rafah, wodurch lebensrettende Hilfslieferungen in den Gazastreifen und medizinische Evakuierungen aus dem Gazastreifen blockiert werden. Kerem Shalom/Karem Abu Salem wurde am 3. März wieder geöffnet. Diese willkürlichen Maßnahmen verschärfen das Leid der Palästinenser*innen, die unter der völkerrechtswidrigen Besatzung Israels leben, erheblich und verschlimmern die vielschichtige menschengemachte humanitäre Krise im Gazastreifen

Diese Nachtaufnahme zeigt einen großen Feuerball inmitten von mehreren hohen Gebäuden.

Explosion in der israelischen Hauptstadt Tel Aviv nach einem iranischen Luftangriff (28. Februar 2026)

Eskalation zwischen Hisbollah und Israel im Libanon

Nach Raketenangriffen der Hisbollah auf Nordisrael, die laut Angaben der Gruppe eine Vergeltungsmaßnahme für die Tötung von Ali Khamenei waren, eskalierte das israelische Militär in der Nacht zum 2. März seine Angriffe auf den Libanon. Bis zum 3. März hatten israelische Luftangriffe im Libanon nach Angaben der libanesischen Behörden mindestens 40 Menschen getötet und 246 verletzt. Eine neue Warnung zur "Evakuierung", die von den israelischen Behörden nach Mitternacht am 2. März herausgegeben wurde, hat erneut Hunderttausende Zivilpersonen im gesamten Libanon vertrieben.

Die vage und weit gefasste Warnung betraf mehr als 50 Dörfer im Süden und Osten des Landes und führte zu Panik, verstopften Straßen und einer weiteren Vertreibungswelle vieler Menschen. Am frühen Morgen des 3. März wurden weitere allgemeine Massenevakuierungswarnungen herausgegeben, in denen die Menschen in Dutzenden weiterer Dörfer im Südlibanon aufgefordert wurden, ihre Häuser zu verlassen.
 
Am 2. März kündigte das israelische Militär an, Finanzinstitute der Hisbollah an mehreren Orten im Libanon anzugreifen. Israel hatte bereits im Oktober 2024 Filialen des Finanzinstituts der Hisbollah angegriffen, was Amnesty International als wahrscheinlichen Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht bewertete und forderte, solche Angriffe als Kriegsverbrechen zu untersuchen.

Eine große Rauchsäule steigt zwischen mehrstöckigen Gebäuden empor.

In der libanesischen Hauptstadt Beirut breiten sich Rauchschwaden aus nach einem Angriff durch israelische Kampfflugzeuge (4. März 2026).

Sorge wegen möglicher Kriegsverbrechen

Das humanitäre Völkerrecht verbietet strengstens direkte Angriffe auf Zivilist*innen und zivile Objekte sowie wahllose Angriffe, bei denen nicht zwischen Zivilpersonen und zivilen Objekten einerseits und Kombattant*innen und militärischen Zielen andererseits unterschieden wird, sowie unverhältnismäßige Angriffe. Luftangriffe auf Schulen, medizinische Einrichtungen oder Wohngebäude ebenso wie der Einsatz ballistischer Raketen oder anderer Explosivwaffen mit großer Flächenwirkung in dicht besiedelten Gebieten geben Anlass zu schwerwiegenden Bedenken hinsichtlich möglicher Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht.

Amnesty International beobachtet die Lage aufmerksam und fordert alle Parteien auf, sich an das humanitäre Völkerrecht zu halten. In Fällen, in denen Zivilist*innen getötet oder verletzt oder Infrastrukturen beschädigt wurden, sollten die Parteien unverzüglich Ermittlungen einleiten und alle für Verstöße gegen das Völkerrecht Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen.

"Die eskalierende Krise im Nahen Osten stellt auch eine ernsthafte Bedrohung für die Stabilität und die Geltung der regelbasierten Ordnung dar. Wenn rechtswidrige Handlungen begangen werden, ohne dass dies zu Konsequenzen führt, dann trägt das zur weiteren Aushöhlung der globalen Normen bei, die für den Schutz der Menschenrechte und den weltweiten Frieden und die Sicherheit unerlässlich sind. Die deutsche Bundesregierung muss sich dem entschieden entgegenstellen, anstatt selbst zu einer weiteren Relativierung völkerrechtlicher Standards beizutragen", sagte Julia Duchrow.

"Es ist unerlässlich, dass alle Parteien dringend Maßnahmen zum Schutz der Zivilbevölkerung und der zivilen Infrastruktur, einschließlich Flughäfen, Krankenhäusern, Wohngebäuden, Schulen und Gefängnissen, ergreifen. Sie müssen außerdem einen sicheren und ungehinderten Zugang für humanitäre Hilfe zu allen betroffenen Gebieten gewährleisten und eine unabhängige internationale Überwachung ermöglichen."

Amnesty International fordert die internationale Gemeinschaft auf, ihre diplomatischen Bemühungen zu intensivieren, um eine weitere militärische Eskalation zu verhindern und zusätzlichen Schaden für die Zivilbevölkerung abzuwenden. Im Einklang mit dem Völkerrecht müssen die Staaten äußerste Zurückhaltung üben und sich jeglicher Handlungen enthalten, die weitere Verstöße begünstigen könnten. Die Staaten haben die Pflicht, zusammenzuarbeiten, um solchen Verstößen ein Ende zu setzen.

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