Zehn Jahre nach dem rassistischen OEZ-Anschlag: Der Kampf um Erinnerung und Gerechtigkeit
Gedenkveranstaltung am 22. Juli 2022 in München in Erinnerung an die Opfer des Terroranschlags am Olympia-Einkaufszentrum am 22. Juli 2016
© IMAGO / aal.photo
Am 22. Juli 2016 wurden bei dem rassistischen Terroranschlag am Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) in München neun Menschen ermordet. Zehn Jahre danach kämpfen ihre Angehörigen und Überlebende noch immer um Anerkennung, Aufklärung und ein würdiges Gedenken. Dieser Text erzählt von den neun Menschen, deren Leben am 22. Juli 2016 gewaltsam beendet wurde – und davon, warum ihre Geschichten nicht nur in den Erinnerungen ihrer Familien weiterleben, sondern Teil der deutschen Geschichte sind. Sie stehen für ein historisches Erbe rassistischer Gewalt, das Anerkennung, Aufarbeitung und Verantwortung verlangt. Deshalb ist Erinnern auch eine Frage der Menschenrechte.
Ein Beitrag der Themenkoordinationsgruppe Anti-Rassismus von Amnesty International Deutschland, in Kooperation mit der Initiative München OEZ Erinnern und mit einem literarischen Beitrag von Erdem Teper.
Dieser Text ist eine Hommage an neun Menschen, deren Leben am 22. Juli 2016 gewaltsam beendet wurde – und an die Angehörigen, Überlebenden und Unterstützer*innen, die darum kämpfen, dass ihre Namen, Geschichten und die rassistische Gewalt nicht vergessen werden.
Armela Segashi, Can Leyla, Dijamant Zabërgja, Guiliano Kollmann, Hüseyin Dayıcık, Roberto Rafael, Sabine S., Selçuk Kılıç und Sevda Dağ wurden am und im Umfeld des Olympia-Einkaufszentrums ermordet.
Neun Menschen wurden aus dem Leben gerissen: mit Familien, Freund*innen, Träumen und Zukunft. Ihre Namen gehören in eine lebendige Erinnerung – eine Erinnerung, die bleibt, wenn die offiziellen Reden verklungen sind, die Blumen verwelken und der Tag im Kalender weiterzieht.
"Erinnern braucht Raum": Gedenkveranstaltung am 22. Juli 2022 in München in Erinnerung an die Opfer des Terroranschlags.
© IMAGO / aal.photo
Drei Jahre und drei Monate bis zur Anerkennung
Nach dem Anschlag wurde lange von einem "Amoklauf" gesprochen. Dieses Wort legte sich über die Tat wie ein Schleier. Es rückte den Täter, seine Biografie und seine psychische Verfassung in den Mittelpunkt – und verschob den Blick weg von den Menschen, die ermordet wurden, weg von den Angehörigen, weg von Rassismus als Tatmotiv.
Dabei gab es früh Hinweise auf eine rechte und rassistische Motivation: die Auswahl der Opfer nach rassistischen Zuschreibungen, das Datum des Anschlags – der 22. Juli, der fünfte Jahrestag der Anschläge in Oslo und auf Utøya – sowie rassistische Materialien, die beim Täter gefunden wurden. Für viele Angehörige war früh klar, was andere lange nicht anerkennen wollten.
Hasan Leyla, der Vater von Can Leyla, sagte: "Es muss doch vom ersten Moment an klar gewesen sein. Schauen Sie sich doch nur die Namen der Opfer an" (München Erinnern, 2024).
Es dauerte drei Jahre und drei Monate, bis der Anschlag im Oktober 2019 offiziell als politisch motivierte Gewaltkriminalität rechts eingestuft wurde. Diese verspätete Anerkennung der tatsächlichen Tatmotive war wichtig, die Verzögerung jedoch eine weitere Verletzung.
Denn Sprache ist nie neutral. Die richtige Benennung von Geschehnissen kann sichtbar machen oder verdecken. Sie entscheidet mit darüber, welchen Spuren nachgegangen wird, welche Hinweise ernst genommen werden und wessen Erfahrungen als glaubwürdig gelten.
Wenn selbst Erinnerung erkämpft werden muss
Auch die Erinnerung an die Ermordeten musste erkämpft werden. Der Erinnerungsort am OEZ wurde anfangs nicht ausreichend gemeinsam mit den Angehörigen gestaltet. Die Inschrift sprach zunächst von den Opfern eines "Amoklaufs". Erst später wurde sie verändert. Heute erinnert der Ort an die neun Menschen des rassistischen Attentats vom 22. Juli 2016.
Für Angehörige bedeutet Erinnerung auch, gegen Begriffe und Narrative anzugehen, die Rassismus verharmlosen und Gewalt entpolitisieren. Die Eltern von Can Leyla beschrieben, wie wenig Raum für Trauer blieb: "Davor mussten wir uns um so Vieles kümmern, dass keine Zeit zum Trauern blieb" (Neue Deutsche Organisationen, 2022).
Sibel Leyla sprach von einer "unerträglichen Stille" in München (vgl. München Erinnern o.J.). Diese Stille verschiebt Verantwortung und überlässt die Arbeit der Erinnerung denen, die ohnehin am meisten verloren haben.
Dieser Kampf um Anerkennung und eine würdige, rassismuskritische Erinnerung endet nicht am Erinnerungsort. Er setzt sich überall dort fort, wo Angehörige, Überlebende und Menschen mit Rassismuserfahrung darum kämpfen müssen, dass ihre Perspektiven gehört, ihre Erfahrungen ernst genommen und rassistische Gewalt klar benannt werden.
Gemeint ist der Kampf gegen verharmlosende Begriffe, gegen mediale Verkürzungen und gegen institutionelles Wegsehen. Und es ist der Kampf darum, dass Erinnerung nicht bei offiziellen Reden stehen bleibt, sondern zu Aufklärung, Verantwortung und konkreten Konsequenzen führt.
Angehörige sind nicht nur Betroffene
"München OEZ Erinnern": Veranstaltung in München mit Menschen, die rassistische Anschläge in München überlebt oder dabei Angehörige verloren haben (23. Juni 2024).
© Arif Abdullah Haidary
Die Angehörigen des OEZ-Anschlags sind nicht nur Betroffene. Sie sind politische Akteur*innen. Ihr Wissen ist aus Erinnerung, Liebe und gelebtem Widerstand gewachsen und wird in Familien und Communities weitergetragen – in Erzählungen, Gesten, Erinnerungen und in der Zärtlichkeit, mit der die Ermordeten gegen das Vergessen bewahrt werden.
Dieses Wissen bewahrt, was rassistische Gewalt auslöschen wollte: die Namen und Geschichten der ermordeten Menschen, ihre Beziehungen, Träume und Zukunft, ihre Spuren in Familien, Freundschaften und Communities.
Gleichzeitig muss dieses Wissen immer wieder gegen institutionelles Wegsehen, mediale Verkürzungen und rassistische Entpolitisierung behauptet werden. Es ist keine nachträgliche Ergänzung zur Aufarbeitung, sondern ihre Grundlage.
Denn ernsthafte Aufarbeitung beginnt dort, wo die Erinnerungen, Erfahrungen und Fragen der Angehörigen und Überlebenden gehört und ernst genommen werden.
Die Initiative "München OEZ Erinnern" hält die Erinnerung aufrecht und fordert Aufklärung, Anerkennung und Konsequenzen. Ihr Einsatz zeigt: Erinnerung beginnt nicht erst, wenn staatliche Stellen bereit sind. Sie beginnt bei denen, die lieben, verloren haben und wissen, dass ein Mensch nicht einfach verschwindet, sondern eine Lücke hinterlässt: in Familien, Geschichten, Stimmen, Stille und Namen.
Für Angehörige und Überlebende ist Aufarbeitung keine abstrakte Frage. Familie Leyla brachte es auf den Punkt: "Wenn die Aufmerksamkeit größer wird, kommt mein Sohn zurück? Nein. Wird unser Schmerz weniger? Auch nein. Aber jeder soll wissen, was in München passiert ist" (Neue Deutsche Organisationen, 2022).
An dieser Stelle tritt eine literarische Perspektive hinzu. Das Gedicht von Erdem Teper spricht von dem, was sich einschreibt, wenn Menschen Schmerz, Wut und Worte immer wieder zurückhalten müssen – nicht als individuelles Scheitern, sondern als Folge gesellschaftlicher Verhältnisse. Zugleich verweist es auf Menschlichkeit, Liebe und Zusammenkunft als Gegenentwurf zur Vereinzelung.
"auch mensch bist du!" - ein Gedicht von Erdem Teper
und wenn du dir lange genug
auf die zähne gebissen hast,
dann bröckeln sie; hinein in deine seele –
in form von ungesagten worten; die mensch versucht bitterst zu schlucken
die eigentliche last
die mensch vermag zu tragen – ist eigentlich der bloße körper;
doch in ihm die seele; das gewissen beiwohnt
für manch einer zu gewichtig um zu er/tragen;
und so birgt das häufige schlucken eine tücke; eine raffinesse
sie führt dazu; dass menschen fallen in ihre eigene tristesse –
kein individualproblem; nein
ich erinnere; ich schreibe; verzweifelt noch immer:
der mensch weder gemacht allein zu leiden noch allein zu weinen
also gehst du zum nächstgelegenen organ –
der zunge,
asphalt, beton und blut vermischt sich
mit schmerz, in deiner lunge und plötzlich
erwacht in dem einzelnen eine neugierde denn;
erfragt hat der mensch,
der lebt im bewusstseinszustand
wie er existieren soll,
im exil seines verstands
und dennoch, trotz allem
mit sich selbst, der natur –
im einklang
und in der menschlichkeit und liebe und zusammenkunft;
nur in ihr sollte sich mensch messen,
verstehst du nun?
auch mensch bist du!
(erdem teper)
München und die Kontinuität rassistischer Gewalt
Der Anschlag am OEZ steht nicht allein. München ist ein Ort, an dem sich rassistische Gewalt eingeschrieben hat: im Jahr 1980 beim Oktoberfest-Attentat sowie durch die Morde des NSU an Habil Kılıç (2001) und Theodoros Boulgarides (2005).
Auch nach dem NSU, nach Halle und Hanau mussten Angehörige und Überlebende darum kämpfen, dass ihre Perspektiven gehört werden. Immer wieder wurden Täter als isolierte Einzeltäter beschrieben – rechte, rassistische und antisemitische Strukturen wurden zu spät erkannt oder nicht konsequent benannt. Diese Muster zeigen sich auch darin, wem geglaubt wird und wessen Schmerz öffentlich zählt.
Erinnerung ist eine Frage der Menschenrechte
Wenn Angehörige und Initiativen offene Fragen stellen, geht es um Verantwortung: Warum wurde der rechte und rassistische Hintergrund so lange nicht anerkannt? Welche Hinweise wurden übersehen? Welche Konsequenzen wurden gezogen? Und was bedeutet Aufarbeitung, wenn diejenigen, die am stärksten betroffen sind, immer wieder selbst dafür kämpfen müssen?
Für Amnesty International ist Erinnerung an den OEZ-Anschlag eine menschenrechtliche Frage: Es geht um Leben, Schutz vor rassistischer Gewalt, Wahrheit und Gerechtigkeit. Gedenken ohne Konsequenzen bleibt unvollständig, solange Strukturen unangetastet bleiben, die rassistische Gewalt ermöglichen, verharmlosen oder zu spät benennen.
Wurden am 22. Juli 2016 bei dem rassistischen Terroranschlag in München ermordet (v.l.): Sabine S., Dijamant Zabërgja, Sevda Dağ, Can Leyla, Guiliano Kollmann, Armela Segashi, Hüseyin Dayıcık, Selçuk Kılıç und Roberto Rafael.
© Arif Abdullah Haidary
Zehn Jahre später braucht es eine Erinnerung, die von den Angehörigen und Überlebenden ausgeht. Eine Erinnerung, die die Namen, Geschichten und Leben der ermordeten Menschen in den Mittelpunkt stellt.
An ihrer Seite zu stehen bedeutet, ihren Fragen Raum zu geben, zuzuhören und ihre Perspektiven zum Ausgangspunkt von Aufarbeitung zu machen. Zehn Jahre danach bleibt die Aufgabe: Erinnern, Aufklären, Verantwortung übernehmen – und die Verhältnisse verändern, die rassistische Gewalt immer wieder entpolitisieren.
Für Armela. Für Can. Für Dijamant. Für Guiliano. Für Hüseyin. Für Roberto. Für Sabine. Für Selçuk. Für Sevda.
Für ihre Angehörigen und die Überlebenden. Für alle, die rassistische Gewalt erfahren haben, die um ermordete Angehörige, Freund*innen und Community-Mitglieder trauern und deren Kampf um Anerkennung, Gerechtigkeit und ein würdiges Gedenken unser aller Verantwortung ist.
Quellenhinweis: Die biografischen Erinnerungen und Zitate zu den neun Ermordeten stammen aus "Tell Their Stories" (NS-Dokumentationszentrum München / München OEZ Erinnern!, 2024). Weitere Zitate stammen aus München Erinnern (2024), der Info-Seite der Initiative München OEZ Erinnern (o. J.) sowie dem Interview mit Hasan und Sibel Leyla bei den Neuen Deutschen Organisationen (2022).