Aktuell Nigeria 29. Juli 2026

Nigeria: Interne Dokumente belegen Shells Rolle im Ölverschmutzungsskandal

Demonstration mit Protestschildern und Shell-Zeichen

Amnesty-Protest in London gegen die von Shell verursachte Ölverschmutzung in Nigeria (20. Mai 2025).

Seit Jahrzehnten verschmutzt Öl das Nigerdelta: geschädigte Gewässer, Felder und Fischgründe. Interne Dokumente aus einem britischen Gerichtsverfahren offenbaren nun Shells Verantwortung im Ölverschmutzungsskandal. Amnesty International hat die Dokumente mit Partnerorganisationen im Bericht "Nigeria: Lifting the Lid" ausgewertet und fordert: Shell muss die Wahrheit offenlegen und für die Sanierung zahlen.

Für die betroffenen Gemeinden im Nigerdelta bestätigen Shells eigene Unterlagen, was viele seit Jahrzehnten anprangern: Die Ölverschmutzung schädigt Gewässer, landwirtschaftliche Flächen und Fischgründe. Sie hat Gesundheit und Lebensgrundlagen in Mitleidenschaft gezogen. Die Unternehmen erzielen unterdessen weiter Gewinne und weisen jede Verantwortung von sich. 

Das Wichtigste in Kürze 

Der neue Bericht "Nigeria: Lifting the Lid" wertet interne Konzernunterlagen von Shell aus. Sie zeigen: Regeln wurden gebrochen, die Infrastruktur war mangelhaft, und Kosten zur Bereinigung von Umweltverschmutzung wurden nicht übernommen. Die Unterlagen zeigen damit, dass der Menschenrechtsskandal weitaus größer ist als bisher berichtet. 

Die Dokumente deuten unter anderem darauf hin: 

  • Die nigerianische Armee wirft Shell Komplizenschaft beim Öldiebstahl vor. 
  • Es besteht Verdacht auf Absprachen zwischen Mitarbeiter*innen und Auftragnehmer*innen. 
  • Bekannte Pipeline-Schwachstellen wurden durchweg ignoriert. 
  • Wichtige Daten zu Bohrlöchern gingen verloren. 
  • Lecks wurden nicht angemessen ausfindig gemacht und mangelhaft überwacht. 
Ölverschmutzung auf See

"Profite auf Kosten der Menschenrechte": Ölverschmutzung im Nigerdelta (25. Oktober 2024).

Shell wusste um die Risiken der alternden und undichten Infrastruktur – und pumpte dennoch weiter Öl hindurch. Später beschloss der Konzern, die Ölförderung an Land ("Onshore-Betrieb") in Nigeria abzustoßen, anstatt die enormen Kosten für Umweltsanierung und Stilllegung zu übernehmen. Allein die Stilllegungskosten schätzte Shell intern auf 10,9 Milliarden US-Dollar. Laut einer internen Präsentation wurden 375 km² Mangrovenwald durch Verschmutzung geschädigt. 

"Jahre der Verleugnung" 

Isa Sanusi, Direktor von Amnesty International in Nigeria, sagt dazu: 

"Shell macht seit Langem Öldiebstahl und Sabotage für die Umweltverschmutzung im Nigerdelta verantwortlich. Doch diese Dokumente offenbaren Jahre der Verleugnung und werfen zudem ernste Fragen darüber auf, was Shell wusste, was der Konzern weiterhin duldete und ob das Unternehmen schlussendlich versuchte, sich den Kosten der Umweltverschmutzung zu entziehen. Der eigentliche Skandal ist, dass Shell auf Kosten der Menschenrechte Profit macht." 

Bereits 2015 zogen die Gemeinden Ogale und Bille in Großbritannien gegen Shell Plc und SPDC vor Gericht – wegen schwerwiegender Ölverschmutzung. Der Fall Bille soll im März 2027 verhandelt werden. 

Wie Amnesty und andere Organisationen recherchiert haben 

Der englischsprachige Bericht basiert auf Gerichtsunterlagen vom Mai 2026 und analysiert Shell-Dokumente von 2008 bis 2014: interne E-Mails, Audits, Präsentationen und vertrauliche Prüfungen. Darunter sind 27 geschwärzte Dokumente, die im April 2026 veröffentlicht wurden – beantragt von Nichtregierungsorganisationen im öffentlichen Interesse. 

Der Bericht wird herausgegeben von Amnesty International, The Corner House, Hawkmoth, HEDA Resource Centre, Kebetkache Women Development & Resource Centre, Miideekor Environmental Development Initiative (MEDI), Recommon und Social Action. 

Karte von Nigeria mit eingezeichneten Ölpipelines

Shells Öl-Pipeline-Netz im Nigerdelta

Öldiebstahl, gebrochene Regeln, bröckelnde Infrastruktur 

Shell hat für den Diebstahl von Öl stets kriminelle Banden verantwortlich gemacht. Die Dokumente zeigen etwas Anderes: Leitende Mitarbeiter*innen ließen die illegale Anzapfung von Pipelines zu. Denn das Entfernen der Abzweigungen hätte "erhebliche Systemausfallzeiten" zur Folge gehabt und die gewinnbringende Rohölförderung vorübergehend ausgesetzt.  

Eine Führungskraft schrieb 2013, die nigerianische Sicherheitsbehörde werfe Shell deshalb vor, sich am Öldiebstahl "mitschuldig" zu machen, "weil wir die Bunkerungsstellen nicht beseitigen". Eine interne Präsentation stellte im Jahr 2013 die Frage: "Können wir guten Gewissens die Förderung fortsetzen, obwohl wir WISSEN, dass es DEFINITIV zu weiteren Umweltschäden kommen wird?" 

Shell nahm die eigene Tochtergesellschaft SPDC (Shell Petroleum Development Company) zudem in wesentlichen Teilen von den globalen Standards zum Gesundheits- und Sicherheitsschutz aus. So floss weiterhin Öl durch manipulierte Pipelines – entgegen Shells eigenen Sicherheitsvorschriften. 

Interne Audits deckten gravierende Mängel bei der Instandhaltung auf: 

  • einen erheblichen Wartungsrückstau 
  • unzureichende Kontrollsysteme 
  • lückenhafte Aufzeichnungen über Pipeline-Klemmen: Mehr als 1.600 waren registriert, bei älteren war der Standort unbekannt. 

"Verschwundene" Ölbrunnen und mangelhafte Leckerkennung 

Ein interner Bericht von 2014 nannte "Hunderte" SPDC-Ölbrunnen, die im elektronischen Tracking-System fehlten oder deren Zustand nicht ermittelt werden konnte. Eine "Bohrlochsuchkampagne" ergab 750 überfällige Wartungsaufgaben. 

Laut einem Bericht von 2013 hatten die SPDC-Pipelines kein Echtzeit-Kontrollsystem. Ohne ein solches System können alle bis auf die allergrößten Lecks unbemerkt bleiben. 

Shell gibt an, ein Großteil der Umweltverschmutzung sei auf Öldiebstahl zurückzuführen. Doch die Angestellten waren nicht gut genug ausgebildet, um zu erkennen, ob Korrosion oder Eingriffe durch Dritte der Grund für Öllecks waren. Das hat Folgen für die Betroffenen: Nach nigerianischem Recht haben sie nur dann Anspruch auf Entschädigung, wenn der Austritt von Öl betriebsbedingt ist – also nicht das Resultat von Sabotage oder Diebstahl. 

Sechs Personen laufen über eine sandige Fläche.

Mitglieder der nigerianischen Amnesty-Sektion besichtigen Umweltschäden durch den Ölabbau (25. Oktober 2024).

"Löchrige" Pipeline blieb voller Rohöl 

Die alte Pipeline "Nembe Creek Trunk Line" legte Shell nach ihrem Ersatz 2010 nicht ordnungsgemäß still. Eine interne E-Mail von 2014 hielt fest: Etwa 80 Kilometer seien noch mit abgestandenem Rohöl gefüllt, seit 2010 sei es zu sechs betriebsbedingten Lecks gekommen, und aus Budgetgründen könne die Pipeline nicht stillgelegt werden. Sinngemäß nannte die E-Mail sie "löchrig". 

Amnesty fordert Sanierung, Wiedergutmachung und Reform 

Amnesty International und die Partnerorganisationen fordern die nigerianischen Behörden auf, die Aufsicht über die Ölindustrie grundlegend zu reformieren, nachvollziehbare Audits aller in Betrieb befindlichen und stillgelegten Anlagen vorzuschreiben und einen ausreichend ausgestatteten Sanierungsfonds für das Nigerdelta einzurichten. 

Die britischen und niederländischen Behörden müssen untersuchen, ob Shell Aktionär*innen, Aufsichtsbehörden und betroffene Gemeinden über den tatsächlichen Stand seiner Geschäftstätigkeiten und Verbindlichkeiten getäuscht hat.  

"Shell darf sich nicht länger hinter der Veräußerung des Onshore-Betriebs in Nigeria verstecken, sondern muss die Wahrheit offenlegen, Mittel für Umweltsanierung und Wiedergutmachung bereitstellen und dafür sorgen, dass die betroffenen Gemeinden endlich Gerechtigkeit erfahren", sagt Isa Sanusi.

Ölverschmutzung auf einer Betonfläche

Die Umweltauswirkungen von Ölverschmutzungen auf lokale Wasserquellen und Lebensgrundlagen in Nigeria sind wie hier, in der K-dere-Gemeinde, verheerend (25. Oktober 2024).

Was Shell sagt 

Amnesty legte Shell die Ergebnisse am 3. Juli 2026 vor. Der Konzern antwortete, die Darstellung entspreche "nicht unserem Selbstverständnis"; die Ergebnisse berücksichtigten nicht das "damals herrschende schwierige Betriebsumfeld im Nigerdelta".  
 
Die vollständige Antwort von Shell sowie weitere Informationen sind im englischsprachigen Bericht zu finden.

Weitere Informationen

Weitere Artikel