Aktuell Libanon 09. Juli 2026

Libanon: Israelische Luftangriffe auf Familien müssen als Kriegsverbrechen untersucht werden

Das Foto zeigt mehrere Personen, von denen einige Uniformen tragen, zwischen Trümmern eines Hauses und Bäumen. Rauch steigt auf.

Rettungskräfte im Einsatz im libanesischen Bezirk Tyros nach einem israelischen Luftangriff (6. März 2026)

Die israelische Armee hat im März 2026 bei drei Luftangriffen im Südlibanon ganze Familien ausgelöscht. 24 Zivilist*innen wurden dabei getötet, darunter zwölf Kinder. Amnesty International hat die Angriffe analysiert und fordert, dass sie als Kriegsverbrechen untersucht werden müssen.

Es waren nur noch wenige Stunden zum Fastenbrechen am Abend mit der gesamten Familie. Hussein Saleh war zum Markt gegangen, um Essen zu kaufen. Doch gegen 15:50 Uhr gab es plötzlich eine große Explosion: Ein israelischer Luftangriff hatte das Haus getroffen, in dem die Angehörigen von Hussein Saleh untergebracht waren. Nachdem er die Explosion gehört hatte und sah, woher der Rauch kam, rannte er sofort zurück zum Haus: "Von dem Haus war rein gar nichts mehr übrig. Keine Wände, keine Mauerblöcke, und überall auf dem Boden waren Leichenteile zerstreut. (...) Ich war drei Tage lang damit beschäftigt, Leichenteile einzusammeln. (...) Es gab überhaupt kein militärisches Ziel (...) Sie haben mein Leben zerstört. Warum haben sie uns nicht gewarnt? Meine Tochter Sara hat mir die Welt bedeutet." 

Bei dem israelischen Angriff auf das Haus im Viertel al-Thakana im südlibanesischen Bezirk Tyros am 6. März 2026 wurden acht Familienmitglieder getötet, allesamt Zivilist*innen, darunter vier Kinder. Sechs weitere Menschen wurden verletzt. Getötet wurden unter anderem Hassan Saleh, ein krebskranker Mann in seinen Sechzigern, seine Frau Fatimah, die Kinder Zein al-Abidin (14) und Roqaya (11) sowie Fatimahs schwangere Schwester Haniya und deren und Hussein Salehs fünfjährige Tochter Sara. Hussein Saleh war das einzige Familienmitglied, das überlebte – weil er einkaufen gegangen war für seine Familie, die nun nicht mehr existiert.

Hussein Saleh steht neben einem Krater inmitten von Trümmern eines Hauses. Er blickt auf den Boden.

Hussein Saleh steht im libanesischen Bezirk Tyros in den Trümmern des Hauses, in dem acht seiner Familienmitglieder bei einem israelischen Luftangriff am 6. März 2026 getötet wurden.

Am Vortag des Angriffs hatte das israelische Militär pauschale Räumungsbefehle für den gesamten Südlibanon erlassen. Solche Anordnungen ohne klare Angaben zu sicheren Routen und Zeitfenstern stellen keine wirksame Vorwarnung dar und entbinden Israel nicht von seinen völkerrechtlichen Pflichten. 

Hussein Saleh sagte, seine Familie habe nicht sofort evakuiert werden können, da sechs seiner Familienmitglieder unter einer Krankheit litten. Amnesty International fand keine Hinweise auf militärische Ziele zum Zeitpunkt des Angriffs. 

Angriffe auf Wohngebiete 

Der Angriff vom 6. März 2026 ist einer von insgesamt drei israelischen Angriffen, bei denen zivile Wohnhäuser zerstört wurden und die Amnesty International näher untersucht hat.  

Die anderen beiden Angriffe trafen am 12. bzw. 13. März 2026 das Dorf Irkay im Bezirk Saida und das Viertel al-Rahbat im Bezirk Nabatäa. Unter den Getöteten der drei Angriffe waren zwölf Kinder im Alter von fünf bis 16 Jahren, sechs Frauen, darunter eine Schwangere, und sechs Männer. Mindestens 18 weitere Menschen wurden verletzt. 


Auf Grundlage der gesammelten Beweise hat Amnesty International bei jedem dieser Angriffe hinreichende Gründe für die Schlussfolgerung, dass die israelischen Streitkräfte das humanitäre Völkerrecht verletzten, denn: 

  • sie unterschieden nicht zwischen Zivilpersonen und militärischen Zielen 
  • sie richteten Angriffe gegen Zivilpersonen sowie zivile Objekte 
  • sie versäumten es, alle praktisch möglichen Vorsichtsmaßnahmen zum Schutz der Zivilbevölkerung zu treffen. 
Video-Datei

Diese Videoaufnahme zeigt das Ausmaß der Zerstörung nach dem israelischen Luftangriff auf ein Haus im Viertel al-Rahbat im libanesischen Bezirk Nabatäa (13. März 2026).

Was fordert Amnesty International? 

Kristine Beckerle, stellvertretende Regionaldirektorin für den Nahen Osten und Nordafrika bei Amnesty International, erklärt: 


"Innerhalb einer einzigen Woche hat das israelische Militär im Libanon ganze Familien ausgelöscht, darunter ein Dutzend Kinder, und hat damit eine rücksichtslose Missachtung des Lebens von Zivilist*innen gezeigt. 

Wie viele Familien müssen noch die Körper ihrer Kinder aus den Trümmern bergen, bis dieser verheerende Kreislauf von Kriegsverbrechen endet? 

Die internationale Gemeinschaft muss jetzt handeln. Die Staaten müssen ein sofortiges umfassendes Waffenembargo gegen Israel verhängen und die universelle sowie extraterritoriale Gerichtsbarkeit nutzen, um die Verantwortlichen zu untersuchen und strafrechtlich zu verfolgen.
Es wächst die Sorge, dass das jüngste, von den USA vermittelte Abkommen zwischen Israel und dem Libanon zu einem weiteren Hindernis für die Gerechtigkeit werden und den Opfern den Zugang zu Rechenschaft verwehren könnte.  Die libanesischen Behörden müssen entschlossen handeln. Dazu gehört, dem Internationalen Strafgerichtshof die Zuständigkeit für Verbrechen auf libanesischem Staatsgebiet zu übertragen und unabhängige sowie glaubwürdige Ermittlungen im eigenen Land einzuleiten."

Wie hat Amnesty recherchiert? 

Für die Untersuchung sprach Amnesty International mit 15 Personen, darunter Überlebende, Angehörige, Sanitäter*innen, Journalist*innen und lokale Amtsträger*innen. Das Crisis Evidence Lab von Amnesty analysierte Satellitenbilder, verifizierte 20 Fotos und elf Videos. 

Amnesty International wandte sich am 12. Juni 2026 an die israelischen Behörden und bat um Informationen zu neun Angriffen, darunter diese drei. In ihrer Antwort vom 22. Juni 2026 erklärten die Behörden, sie hätten "die Vorwürfe geprüft". Einige Angriffe seien "gegen militärische Ziele der Hisbollah" gerichtet gewesen, andere "zur Prüfung weitergeleitet" worden. Zu den drei dokumentierten Angriffen machten sie trotz Nachfrage keine konkreten Angaben. 

Das Foto zeigt zwei Militärfahrzeuge auf einer staubigen Straße einen Hügel herunterfahren. Neben der Straße stehen zerstörte Häuser.

Eine israelische Militärpatrouille fährt in einem Dorf im Süden des Libanons an den Ruinen von Häusern vorbei, die durch israelische Angriffe zerstört wurden (1. Juli 2026).

Vier Kinder getötet

Am 12. März 2026 gegen 14:20 Uhr zerstörte ein israelischer Luftangriff das Haus der Familie Taqi im Dorf Irkay im Bezirk Saida. Sieben Familienmitglieder wurden getötet, darunter vier Kinder, fünf weitere wurden verletzt. Der Angriff beschädigte auch das Nachbarhaus und tötete dort zwei weitere Zivilist*innen. 

Nach dem Angriff erklärte das israelische Militär gegenüber der Zeitung Observer, es habe "Hisbollah-Kämpfer" getroffen, legte dafür jedoch keine Beweise vor. Amnesty International fand keine Hinweise auf militärische Ziele. 

"Eine ganze Familie ausgelöscht"

Am 13. März 2026 zwischen 20:00 und 20:30 Uhr traf ein israelischer Luftangriff ein Haus im Viertel al-Rahbat im Bezirk Nabatäa und tötete sieben Zivilpersonen. Getötet wurden Qais Basma, ein Anstreicher, seine Frau Blandine Jaber und ihre vier Kinder Hassan, Hussein, Abbas und Helene im Alter zwischen sieben und 16 Jahren sowie ein Nachbar. Mindestens fünf Menschen in umliegenden Gebäuden wurden verletzt.

"Eine ganze Familie ist ausgelöscht, als hätte es sie nie gegeben. Niemand ist übrig", sagte eine Angehörige. Mehrere Befragte berichteten, vor dem Angriff Drohnen und Flugzeuge gehört zu haben. Amnesty International fand keine Hinweise auf militärische Ziele. Die israelischen Behörden haben den Angriff weder bestätigt noch dementiert. 

"Diese drei verheerenden Angriffe sind Teil eines gut dokumentierten Musters völkerrechtswidriger israelischer Angriffe im Libanon, inmitten eines totalen Vakuums an Rechenschaft", sagt Kristine Beckerle von Amnesty International. "Die anhaltende Straflosigkeit droht schwere Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht zu normalisieren und sendet die gefährliche Botschaft, dass israelische Streitkräfte weiterhin ungestraft Zivilist*innen töten und verletzen können."

Hintergrund 

Am 8. Oktober 2023 feuerte die Hisbollah aus dem Libanon Raketen auf Israel ab. Das israelische Militär reagierte darauf mit Luft- und Bodenoperationen, die sich ab September 2024 deutlich verschärften. Eine Waffenruhe trat am 27. November 2024 in Kraft, doch Israel führte weiterhin nahezu täglich Angriffe entlang der Grenze durch. Am 2. März 2026 nahm die Hisbollah ihre Angriffe wieder auf, nachdem ein Angriff der USA und Israels in Iran den Obersten Führer Ali Khamenei getötet hatte. Die Hisbollah wird von Iran unterstützt. Israel reagierte auf die Hisbollah-Angriffe mit einer Angriffswelle auf den gesamten Libanon.

Das Foto zeigt eine mit mindestens 100 Autos vollgestopfte Straße am Rande einer Stadt.

Tausende Menschen flohen am 2. März 2026 im Südlibanon und in der Bekaa-Ebene Richtung Norden, nachdem das israelische Militär schwere Luftangriffe und Bombardements angekündigt hatte.

Zwischen dem 2. März 2026, als der Konflikt zwischen Israel und der bewaffneten Gruppe Hisbollah im Libanon eskalierte, und dem 29. Juni 2026 wurden im Libanon nach Angaben der libanesischen Regierung 4.257 Menschen getötet, darunter mehr als 250 Kinder. Nach Berichten israelischer Medien wurden im Südlibanon zwei Zivilist*innen und mindestens 39 Soldat*innen getötet.

Seit Oktober 2023 dokumentiert Amnesty International ein Muster völkerrechtswidriger israelischer Angriffe im Libanon, bei denen Zivilist*innen, Journalist*innen und medizinisches Personal getötet wurden. Die Organisation hat auch völkerrechtswidrigen Beschuss ziviler Wohngebiete in Israel mit ungelenkten Raketen durch die Hisbollah dokumentiert, der zu Toten und Verletzten in der Zivilbevölkerung führte.

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