Iran: Zahl der Hinrichtungen von Protestierenden steigt drastisch
Protest der italienischen Amnesty-Sektion gegen die Todesstrafe in Iran. (3. März 2026)
© 2026 Simona Granati - Corbis
In Iran setzen die Behörden die Todesstrafe zunehmend als Mittel gegen die Protestbewegung ein. Seit dem landesweiten Aufstand Anfang Januar 2026 wurden Dutzende Demonstrierende hingerichtet. Mehr als 60 Menschen droht derzeit unmittelbar die Hinrichtung, darunter Personen, die zur Tatzeit noch minderjährig waren. Amnesty International fordert einen sofortigen Stopp aller geplanten Hinrichtungen und ein Moratorium mit dem Ziel, die Todesstrafe vollständig abzuschaffen.
In der ersten Jahreshälfte 2026 nutzten die iranischen Behörden immer häufiger vage Vorwürfe wie Spionage oder "Zusammenarbeit mit feindlichen Staaten", um Festgenommene aus den Protesten vom Januar 2026 zu verurteilen und die Todesstrafe zu verhängen. Erst am vergangenen Dienstag wurden zwei Protestierende auf dem Shahid-Alikhani-Platz in der iranischen Stadt Isfahan öffentlich hingerichtet.
Allein in den ersten sechs Monaten des Jahres wurden mindestens 26 Protestierende hingerichtet. Die Todesurteile folgten auf grob unfaire Verfahren vor Revolutionsgerichten, die von Foltervorwürfen, erzwungenen "Geständnissen" und der Verweigerung grundlegender Verfahrensrechte geprägt waren.
Weitere 26 Personen wurden wegen anderer politisch motivierter Vorwürfe hingerichtet, während weiterhin Hunderte von Hinrichtungen wegen Drogendelikten und anderer Straftaten vollstreckt wurden.
Heba Morayef, Regionaldirektorin für den Nahen Osten und Nordafrika bei Amnesty International, sagt dazu:
"Die iranischen Behörden entfesseln eine erschütternde Welle von Hinrichtungen und Todesurteilen, um Dissens zu bestrafen und jede Form von Widerstand zu ersticken. Die verhaltene Reaktion der internationalen Gemeinschaft ermutigt die Behörden, diese tödliche Repressionskampagne fortzusetzen. Die Zeit der stillschweigenden Hinnahme muss enden."
Wie hat Amnesty recherchiert?
Amnesty International hat zahlreiche Fälle dokumentiert, in denen Protestierende wegen vager und überzogener Anklagen wie "Feindschaft gegen Gott" oder "Verdorbenheit auf Erden" zum Tode verurteilt wurden.
Betroffen sind auch Menschen, denen Sachbeschädigung, Brandstiftung oder die Teilnahme an Straßenblockaden vorgeworfen wird – Taten, die nach internationalem Recht keinesfalls mit der Todesstrafe geahndet werden dürfen.
Amnesty hat im Rahmen der Recherche mit zehn gut informierten Quellen gesprochen, darunter mit im Ausland lebenden Familienangehörigen von Betroffenen und mit Rechtsbeiständen in Iran. Amnesty wertete zudem offizielle Stellungnahmen der iranischen Behörden aus und untersuchte staatliche Medienberichte sowie Berichte von Menschenrechtsorganisationen mit Sitz im Ausland.
Der Anstieg der Verhängung der Todesstrafe geht einher mit einer Flut von offiziellen Erklärungen und Berichten in den staatlichen Medien, in denen die Proteste vom Januar 2026 systematisch als "amerikanisch-zionistische Terrorverschwörung" oder als "Staatsstreich" dargestellt werden.
Besonders alarmierend ist die zunehmende Anwendung eines neuen Spionagegesetzes, das im Juni 2025 verabschiedet wurde. Es kriminalisiert unter anderem den Austausch von Informationen mit Medien und die Teilnahme an friedlichen Protesten.
Drastischer Anstieg neuer Todesurteile
Seit Beginn der rechtswidrigen Angriffe Israels und der USA auf Iran am 28. Februar 2026 haben die iranischen Behörden die Verhängung der Todesstrafe gegen Teilnehmer*innen der Massenproteste verstärkt.
Seit dem Ende des fast dreimonatigen Internet-Blackouts im Mai 2026 hat Amnesty International mindestens 28 Todesurteile registriert, doch die tatsächliche Zahl dürfte deutlich höher liegen.
Nach Angaben von "Iran Human Rights", einer außerhalb des Iran ansässigen Menschenrechtsorganisation, wurden allein in einem Gefängnis in der Provinz Isfahan mehr als 70 Personen, die im Zusammenhang mit den Protesten vom Januar 2026 festgenommen worden waren, zum Tode verurteilt.
Unter den akut Gefährdeten befinden sich auch Benyamin Naghdi und Peyman Ganji, die nach Informationen von Amnesty International auf Grundlage erzwungener Geständnisse zum Tode verurteilt wurden.
Mindestens drei weitere Betroffene waren zum Zeitpunkt der ihnen vorgeworfenen Taten noch Kinder. Die Verhängung der Todesstrafe gegen Minderjährige ist nach internationalem Recht strikt verboten.
Massenprotest gegen die Regierung in der iranischen Hauptstadt Teheran am 10. Januar 2026
© IMAGO / ZUMA Press Wire
Was fordert Amnesty International?
Die internationale Gemeinschaft muss umgehend und koordiniert handeln. Amnesty International fordert die iranischen Behörden auf, alle geplanten Hinrichtungen sofort auszusetzen und ein offizielles Moratorium für die Todesstrafe mit dem Ziel ihrer vollständigen Abschaffung zu verhängen.
Die UN-Mitgliedstaaten müssen die Menschenrechtskrise in Iran zur Priorität erklären, einen unabhängigen Rechenschaftsmechanismus unterstützen und eine Überweisung an den Internationalen Strafgerichtshof vorantreiben.
Hintergrund der Proteste in Iran
Als in Iran am 28. Dezember 2025 landesweite Proteste ausbrachen, reagierten die Behörden mit harter Hand und gingen mithilfe des Militärs gegen Demonstrierende vor. Sie setzten pauschal und rechtswidrig Schusswaffen ein und wandten auch andere tödliche Gewalt an.
Am 8. und 9. Januar 2026 wurden so Tausende Protestierende und Unbeteiligte getötet und Zehntausende festgenommen. Nach den Angriffen durch die USA und Israel am 28. Februar 2026 verschärfte die Regierung der Islamischen Republik Iran die Unterdrückung im Land und führte als Rechtfertigung "Kriegsbedingungen" an.
Mindestens 52 Menschen wurden wegen politisch motivierter Vorwürfe exekutiert, darunter Demonstrierende und Regierungskritiker*innen.
Iran: Welche Menschen wurden in der vergangenen Wochen willkürlich hingerichtet??
Am 28. Juli 2026 wurden Amir Hossein Safari und Abolfazl Sepahi öffentlich und willkürlich hingerichtet. Die beiden waren am 8. Januar 2026 bei Protesten in Isfahan festgenommen und nach einem grob unfairen Massenprozess zum Tode verurteilt worden. In dem Verfahren standen Dutzende Angeklagte vor Gericht, die sich wegen der mutmaßlichen Tötung von vier Polizeikräften auf dem Alikhani-Platz in Isfahan während einer Protestveranstaltung verantworten mussten.
Am 19. Juli waren zwei weitere Protestierende willkürlich hingerichtet worden, die im selben Fall zum Tode verurteilt worden waren – Erfan Esfandiari und Gol-Mohammad Mohammadi. Die Nachrichtenagentur Mizan News Agency berichtete, dass ihre Verurteilungen auf "Geständnissen" beruhten, die sie während ihrer Haft abgelegt hatten.
Acht weiteren in diesem Fall zum Tode verurteilten Personen droht unmittelbar die Hinrichtung. Es handelt sich um Ali Dashti, Alireza Raisi, Abolfazl Ebrahimi, Alireza Sepahi, Amirhossein Ebrahimi, Amirhossein Maleki, Ghaem Hosseini und Shervin Bagherian.
Eine gute informierte Quelle berichtete Amnesty International, dass einer der jungen Männer – Shervin Bagherian – 21 Tage lang dem Verschwindenlassen zum Opfer fiel und gefoltert und anderweitig misshandelt wurde.
Mehdi Khaneki, Mohammad Amini Dehaghani, Javad Zamani, Abolfazl Saedi, Ashkan Maleki und Mehrdad Mohammadinia wurden willkürlich hingerichtet, nachdem sie wegen Taten zum Tode verurteilt worden waren, die nicht mit einer vorsätzlichen Tötung einhergingen – ein Verstoß gegen das Völkerrecht und internationale Menschenrechtsstandards.
Mehdi Khaneki
Die von der Justiz betriebene Nachrichtenagentur Mizan News Agency berichtete am 22. Juli 2026 über die Hinrichtung von Mehdi Khaneki in Karadsch in der Provinz Alborz. In der Mitteilung hieß es, er sei nach dem Spionagegesetz zum Tode verurteilt worden, nachdem er auf der Grundlage von "Geständnissen" für schuldig befunden worden war, die er in Haft abgelegt hatte.
Mohammad Amini Dehaghani
Am 15. Juli 2026 exekutierten die Behörden willkürlich Mohammad Amini Dehaghani, nachdem ihn ein Revolutionsgericht in Isfahan am 9. Januar 2026 wegen "Feindschaft zu Gott" (moharebeh) und "Verdorbenheit auf Erden" (ifsad fil-arz) zum Tode verurteilt hatte.
Javad Zamani, Abolfazl Saedi
Am 16. Juni 2026 richteten die Behörden Javad Zamani und Abolfazl Saedi willkürlich hin, nachdem sie wegen "Feindschaft zu Gott" (moharebeh) und "Verdorbenheit auf Erden" (ifsad fil-arz) zum Tode verurteilt worden waren. Ihnen wurde vorgeworfen, die "öffentliche Ordnung gestört", sich "gegen die nationale Sicherheit verschworen" und Brandstiftung begangen zu haben.
Ashkan Maleki, Mehrdad Mohammadinia
Ashkan Maleki und Mehrdad Mohammadinia, die der unterdrückten kurdischen Minderheit im Iran angehörten, wurden am 1. Juni 2026 willkürlich und im Geheimen in der Provinz Alborz hingerichtet. Weder ihre Familienangehörigen noch ihre Rechtsbeistände wurden im Vorhinein über die Hinrichtung informiert. Die Abteilung 15 des Teheraner Revolutionsgerichts verurteilte sie wegen "Feindschaft zu Gott" (moharebeh) zum Tode, da ihnen vorgeworfen wurde, eine Moschee und eine Schule in Teheran in Brand gesteckt zu haben.
Arman Marefati
Arman Marefati, der Mitangeklagte von Ashkan Maleki und Mehrdad Mohammadinia, ist unmittelbar in Gefahr, im Gefängnis von Ghezel Hesar in Karadsch (Provinz Alborz) hingerichtet zu werden.
Iran: Welche Menschen sind akut von der Hinrichtung bedroht?
Dem Kampfsportler Benyamin Naghdi droht die Hinrichtung. Er wurde am 3. Januar 2026 bei einer Protestveranstaltung in der Provinz Fars festgenommen und beschuldigt, einen Feuerlöscher auf Sicherheitskräfte gerichtet zu haben. Er fiel mehr als 50 Tage lang dem Verschwindenlassen zum Opfer. Sein erzwungenes "Geständnis" wurde am Tag nach seiner Festnahme und noch vor dem Gerichtsverfahren im staatlichen Fernsehen ausgestrahlt.
Peyman Ganji droht ebenfalls die Hinrichtung. Anfang Februar 2026 nahmen ihn Sicherheitskräfte in Teheran fest. Im Mai verurteilte ihn die Abteilung 26 des Teheraner Revolutionsgerichts zum Tode; am 26. Juli wurde er offiziell über das Urteil in Kenntnis gesetzt. Er wurde wegen "Feindschaft zu Gott" (moharebeh) schuldig gesprochen, da ihm vorgeworfen wurde, an der Brandstiftung in einer Moschee und der Herstellung von Molotowcocktails beteiligt gewesen zu sein.
Mindestens drei Personen, die zum mutmaßlichen Tatzeitpunkt noch minderjährig waren, droht ebenfalls die Hinrichtung. Zu ihnen gehören Erfan Amiri, Mansour Jafari und Matin Mohammadi.