Aktuell Iran 22. Juli 2025

Angriff auf Evin-Gefängnis im Iran: Neue Beweise für mögliche israelische Kriegsverbrechen

Das Foto zeigt mehrere Personen mit Fotokameras in einem zerstörten Gebäude.

Fotograf*innen dokumentieren im Evin-Gefängnis in der iranischen Hauptstadt Teheran die Schäden in einem Gebäude, das bei einem israelischen Luftangriff zerstört wurde (1. Juli 2025).

Am 23. Juni 2025 wurde Irans berüchtigtes Evin-Gefängnis in Teheran zum Ziel eines israelischen Luftangriffs, der dutzende Zivilist*innen das Leben kostete. Ein aktueller Amnesty-Bericht liefert neue Hinweise darauf, dass diese Angriffe vorsätzlich durchgeführt wurden – und damit einen Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht darstellen. Eine unabhängige Untersuchung muss durchgeführt werden, um die Verantwortlichen für mögliche Kriegsverbrechen zur Rechenschaft zu ziehen. 

Das Evin-Gefängnis in der iranischen Hauptstadt Teheran ist mehr als nur eine Haftanstalt. Es ist ein Ort jahrzehntelanger Unterdrückung iranischer Dissident*innen, ein Ort willkürlicher Inhaftierung sowie Folter und Misshandlung von Andersdenkenden.

Als das Gefängnis am 23. Juni 2025 von israelischen Streitkräften angegriffen wurde, befanden sich schätzungsweise 1.500 bis 2.000 Gefangene dort. Unter ihnen: willkürlich inhaftierte Menschenrechtsverteidiger*innen, politische Aktivist*innen, Demonstrant*innen der "Frau, Leben, Freiheit"-Proteste und Angehörige verfolgter religiöser Minderheiten. Ausländische und Personen mit doppelter Staatsangehörigkeit, die im Iran oft als diplomatisches Druckmittel festgehalten werden, sind hier interniert. Auch die Deutsch-Iranerin Nahid Taghavi befand sich bis zu ihrer Freilassung im Januar 2025 dort in Haft.

Karte des Evin-Gefängnis in der iranischen Hauptstadt Teheran mit Angaben zu den einzelnen Gebäuden (basierend auf Aussagen von ehemaligen Gefangenen).

Karte des Evin-Gefängnis in der iranischen Hauptstadt Teheran mit Angaben zu den einzelnen Gebäuden (basierend auf Aussagen von ehemaligen Gefangenen).

 "Ich hörte plötzlich einen schrecklichen Lärm", berichtete eine Person, die in der Nachbarschaft wohnt und den Angriff miterlebte. "Ich schaute aus dem Fenster und sah, dass Rauch und Staub aus dem Evin-Gefängnis aufstiegen. Ich konnte es nicht glauben."

Videos, Satellitenbilder und Zeug*innenaussagen liefern entscheidende Indizien

In den Wochen nach dem Angriff hat Amnesty umfangreiche Untersuchungen durchgeführt. Amnesty-Expert*innen verifizierten dabei zahlreiche Videos und Satellitenbilder. Sie führten Interviews mit insgesamt 23 Zeug*innen, darunter Angehörige von Gefangenen, Anwohner*innen und Journalist*innen.

"Die Beweise geben Grund zu der Annahme, dass das israelische Militär absichtlich zivile Gebäude angegriffen hat", sagt Erika Guevara Rosas, Senior Director für Research, Advocacy, Policy and Campaigns bei Amnesty International. "Angriffe auf zivile Objekte sind nach dem humanitären Völkerrecht streng verboten. Die wissentliche und vorsätzliche Durchführung solcher Angriffe stellt ein Kriegsverbrechen dar." 

Satellitenaufnahme und Fotos der durch einen israelischen Luftangriff verursachten Zerstörungen im Evin-Gefängnisses

Satellitenaufnahme und Fotos der durch einen israelischen Luftangriff verursachten Zerstörungen im Evin-Gefängnisses in der iranischen Hauptstadt Teheran (Juni 2025)

Das menschliche Leid hinter den Trümmern des Evin-Gefängnisses

Die Angriffe des israelischen Militärs erfolgen am Vormittag des 23. Juni 2025 – genau während der Arbeits- und Besuchszeiten. Laut Angaben der iranischen Behörden wurden dabei mindestens 80 Zivilpersonen getötet. Amnesty konnte die Namen mehrerer getöteter Personen verifizieren. Dazu gehören unter anderem:

  • Ali Asghar Pazouki, ein 69-jähriger Passant, wurde vor dem Gerichts- und Besuchergebäude getötet.
  • Masoud Behbahani war ein 71-jähriger Gefangener aus Sektion 4 des Gefängnisses, der während des Angriffs einen Herzinfarkt erlitt. Er starb zwei Tage später nach einem zweiten Herzinfarkt in der Teheraner Strafvollzugsanstalt.
  • Leila Jafarzadeh, 35, war im Büro des Staatsanwalts, um die Kaution für ihren inhaftierten Ehemann zu hinterlegen, als sie ihr Leben verlor.
Satellitenaufnahme und Fotos der bei einem israelischen Luftangriff zerstörten Klinik des Evin-Gefängnisses in der iranischen Hauptstadt Teheran (Juli 2025)

Satellitenaufnahme und Fotos der bei einem israelischen Luftangriff zerstörten Klinik des Evin-Gefängnisses in der iranischen Hauptstadt Teheran (Juni 2025)

Außerdem informierte eine vertrauliche Quelle Amnesty International darüber, dass eine Anwohnerin, die 61-jährige Malerin Mehrangiz Imanpour, die in der Ahmadpour-Straße wohnte, auf ihrem Heimweg getötet wurde. Eine iranische Zeitung berichtete auch vom Tod der 52-jährigen Zahra Ebadi und ihrem fünfjährigen Sohn Mehrad Khiri, die sich während des Angriffs im Verwaltungsgebäude aufhielten.

Auch die Klinik des Gefängniskomplexes wurde getroffen. Die Menschenrechtsverteidigerin Narges Mohammadi berichtete von Augenzeugen*innen, die sahen, wie der Krankenwagen des Gefängnisses zerstört wurde und eine Person mit schweren Verbrennungen aus der Klinik stürzte.

Inmitten des Chaos und der Zerstörung gab es aber auch Momente von Mitmenschlichkeit. Die Ärztin Saeedeh Makarem, die ehrenamtlich in der medizinischen Klinik des Gefängnisses arbeitete, befand sich direkt im Zentrum der Zerstörung. Sie wurde verletzt, als Teile des Gebäudes einstürzten. 

In einer Reihe von Instagram-Beiträgen schilderte sie, wie Gefangene sie versorgten: "Sie zogen mich in die Ecke der Mauer. […] Sie brachten mir Wasser und eine Decke, legten mir eine Schiene ans Bein, wischten das Blut von meinem Gesicht… Sie hätten gehen können, aber sie taten es nicht… Sie retteten mich." 

Ein Gebäude mit zerstörten Mauern und Wänden, mehrere Personen stehen davor

Journalist*innen begutachten ein Gebäude des Evin-Gefängnisses in der iranischen Hauptstadt Teheran, das bei einem israelischen Raketenangriff zerstört wurde (1. Juli 2025).

Hochrangige israelische Beamt*innen brüsteten sich kurz nach dem Angriff in den sozialen Medien damit. Israels Verteidigungsminister Israel Katz nannte es einen Angriff auf "Organe der staatlichen Unterdrückung im Herzen Teherans". Außenminister Gideon Sa'ar rechtfertigte die Tat als Antwort auf vermeintliche Angriffe des Iran.

"Die israelischen Streitkräfte hätten wissen müssen, dass jegliche Luftangriffe auf das Evin-Gefängnis zu erheblichem Schaden an der Zivilbevölkerung führen können", so Erika Guevara Rosas. Gemäß dem humanitären Völkerrecht wird ein Gefängnis oder eine Haftanstalt als ziviles Objekt angesehen. 

Die Klinik, der Frauentrakt und das Gebäude für Besucher*innen wurden massiv beschädigt

Das Evidence Lab von Amnesty International hat umfangreiche Analysen von Satellitenbildern und anderem Foto- und Videomaterial durchgeführt. Diese zeigen massive Zerstörungen an mehreren Stellen im gesamten Gefängnis. 

  • Im Süden der Haftanstalt wurden unter anderem das Haupttor, das Gebäude für Besucher*innen und das Büro des Staatsanwalts getroffen.
  • Im zentralen Bereich wurden das Verwaltungsgebäude, die Klinik, die Zentralküche sowie mehrere Sektionen – darunter der Frauentrakt und die berüchtigte Sektion 209, in der der Geheimdienst Inhaftierte verhörte – schwer beschädigt.
  • Im Norden traf es den Justizkomplex und ein weiteres Gebäude für Besucher*innen.

Amnesty-Posting auf Instagram:

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Aufarbeitung und Gerechtigkeit

Im Rahmen der Untersuchung hat Amnesty International zahlreiche Beweise zusammengetragen – von Satellitenbildern, die die Zerstörung dokumentieren, bis hin zu den erschütternden Berichten der Überlebenden. Diese liefern berechtigte Gründe dafür, dass der Angriff auf das Evin-Gefängnis eine geplante und vorsätzlich durchgeführte Aktion des israelischen Militärs war. Ein Angriff, der fundamentale Prinzipien des humanitären Völkerrechts missachtet.

"Strafverfolgungsbehörden weltweit müssen sicherstellen, dass alle Verantwortlichen für diesen tödlichen Angriff vor Gericht gestellt werden", so Erika Guevara Rosas. "Auch unter Anwendung des Weltrechtsprinzips."

Der vollständige Amnesty-Bericht zum israelischen Angriff auf das Evin-Gefängnis ist auf Englisch unter amnesty.org verfügbar.

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