Amnesty Journal 20. Mai 2020

Interview mit Katja Riemann: "Ich bin nur die Botin"

Die Schauspielerin Katja Riemann sitzt barfuß auf dem Steinfußboden eines Frauenhauses in Burkina Faso, vor und hinter ihr sitzen Frauen und Kinder.

Für die Rechte von Mädchen und Frauen engagiert: Katja Riemann 2017 in einem Frauenhaus in Burkina Faso.

Die Schauspielerin Katja Riemann über Menschenrechte, humanitäre Arbeit, die Folgen der Corona-Pandemie und ihr neues Buch.

Interview: Maik Söhler

Da schreiben Sie ein Reisebuch, und sein Erscheinen fällt in eine Zeit, in der Reisen stark eingeschränkt sind. Wie fühlt sich dieser fiese Schlag des Zufalls für Sie an?

Diese Eingangsfrage trifft den Nerv. Ich fang mal von hinten an. Ich komme aus dem ehemaligen Westen der Republik, und seitdem die Grenzen geschlossen sind, die ich, wie aus meinem Buch hervorgeht, gern und häufig überquere, habe ich eine Ahnung, was das für meine Ostfreunde (und nicht nur sie) mal bedeutet hat.
Ich komme schwer damit zurecht, denn diese Zeit, in der alles still steht, hätte ich, wäre es möglich gewesen, zum Reisen verwendet. Das Buch war, wenn ich das sagen darf, gerade auf dem Weg in die Sachbuch-Bestsellerliste, und wurde durch eine Pandemie, die es nicht so oft gibt, aus der Bahn gekickt. Das ist betrüblich, aber noch mehr wundere ich mich über mich selbst, dass ich gar nicht so betrübt bin, wie ich es vermutet hätte. Ich glaube daran, dass ich den Faden wieder aufnehmen kann, ich glaube, dass mein Buch nicht verjährt. Immerhin erzählt es über einen Zeitraum von fast 20 Jahren, da machen ein paar Monate mehr auch nichts aus. Ich würde mir wünschen, dass es sich in den Schulunterricht spült. Das wäre fantastisch.

Woher kommt Ihr Engagement in der humanitären Arbeit?

Das werde ich häufiger gefragt, und ich sage dann meist, dass nicht die Frage sein kann, was mit mir ist, sondern was im Feld an humanitärer Arbeit geleistet wird. Ich bin nur die Botin, die Geschichtenerzählerin, die berichtet, die für eine kleine Weile vor Ort sein und Zeit verbringen durfte mit jenen, die humanitäre Arbeit leisten und jenen, an die sich diese Arbeit wendet.
Eine andere Antwort könnte sein: Ich glaube, es ist nicht die Frage, ob und warum man beginnt oder wie oder wann. Das tatsächliche Engagement beginnt erst nach dem ersten Schritt. Es zeigt sich darin, dass man nicht mehr loslässt. Diese Haltung, dieses Nichtloslassen habe ich gelernt von jenen Menschen, die für mich Helden der Zeit sind. Dr. Denis Mukwege, Dr. Kasereka Lusi, Molly Melching, Marguerite Barankize, Johannes Wedenig ...

… Denis Mukwege und Kasereka Lusi sind auf Gewalt gegen Frauen spezialisierte Ärzte im Osten des Kongo, Molly Melching hat in Senegal die NGO Tostan gegründet, die sich gegen Genitalverstümmelung bei Mädchen und Frauen wendet, Marguerite Barankize hat in Burundi ein Hilfsnetzwerk für Kinder gegründet, und Johannes Wedenig arbeitet seit Jahren in leitender Funktion für Unicef ...

… Genau. Nachdem ich sie kennenlernen durfte, habe ich auch nicht mehr losgelassen. Dazu kommt, dass diese Arbeit Räume in der Welt öffnet und einem Begegnungen geschenkt werden, die meist bereichernd sind.

Es ist nicht die Frage, ob und warum man beginnt oder wie oder wann. Das tatsächliche Engagement beginnt erst nach dem ersten Schritt.

Katja
Riemann
Schauspielerin, Sängerin, Autorin

"Jeder hat. Niemand darf." – Der Titel Ihres Buches bezieht sich auf die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Wie genau spiegelt sie sich in den Projekten wider, die Sie beschreiben?

In allen Projekten ist die Erklärung eingebettet, darum spricht man ja von humanitärer Arbeit. Zum Beispiel bei Tostan: Dort werden die Artikel der Erklärung als Zeichnung auf Papier gemalt, um sie vor Ort zu verbreiten, da nicht alle des Lesens mächtig sind. Dasselbe in Nepal oder Burkina Faso. Die Artikel könnten eine Art Anleitung für gesellschaftliches und politisches Zusammenleben sein, es steht alles drin. Würden sie überall, in allen Ländern oder Staaten, eingehalten, sähe unsere Welt sicher anders aus. Zumal sie keine Einschränkung des persönlichen Lebens darstellen. Dass das nicht so ist, versteht man nicht.

Wie verändert die Corona-Pandemie die Situation der Projekte vor Ort? Haben Sie da Beispiele?

Leider wenig Konkretes. Ich weiß, dass "Safe the children" Lebensmittelkarten in Italien verteilt hat. Ich weiß, wie besorgt man im Geflüchtetenlager Cox Bazar in Bangladesch ist, wo zum größten Teil die in Myanmar verfolgten Rohingya untergekommen sind. Meine Sorge und konkrete Beschäftigung fokussieren sich derzeit auf die humanitäre Katastrophe im überfüllten Lager Moria auf Lesbos. Da bündeln wir gerade mit diversen Kampagnen die Kräfte, um die EU daran zu erinnern, dass sie auch ein humanitäres Bündnis sein sollte, nicht nur ein wirtschaftliches. An die Horrorprognose, dass "in Afrika Tote auf den Straßen liegen", glaube ich nicht. Das Narrativ über den afrikanischen Kontinent müssen wir dringend überdenken.

Stellt die Corona-Pandemie menschenrechtliche Arbeit einfach nur vor neue Probleme oder bietet sie auch eine Chance auf eine bessere Welt, wenn die Ausbreitung des Virus mal gestoppt ist?

Das weiß ich nicht. Sicherlich kann die Natur während des Stillstands durchatmen, wenn man sich die venezianischen Kanäle ansieht oder dass der Smog über China verschwunden ist oder die Luftverschmutzung in indischen Städten abgenommen hat. Es liegt in unseren Händen, ob wir uns von Corona inspirieren lassen, Verhaltensweisen zu überdenken. Aber ich glaube, es ist ein bisschen wie mit Migräneschmerzen, die, einmal vorbei, völlig aus dem Gedächtnis verschwunden sind.

Wenn Sie sich die Projektreisen heute noch einmal ansehen, in welchem Land hat sich wegen eines Projekts, an dem Sie beteiligt waren, am meisten zum Guten entwickelt?

Oh, auf jeden Fall in Rumänien! Dort gibt es diese Einrichtungen mit körperlich und geistig behinderten Kindern und Erwachsenen, wie ich sie in Negro Voda besucht habe, schon sehr lange nicht mehr. Im Südwesten Nepals gibt es inzwischen diverse Distrikte, die keine Kinder mehr in die Sklaverei verkaufen. Ein Mädchen, Urmila, die zwölf Jahre in Sklaverei lebte, studiert nun Jura. Besonders beeindruckend ist die Arbeit von Tostan im Senegal, deren "Community Empowerment Program" mittlerweile erreicht hat, dass über 8.000 Communities in sechs Ländern ihre Mädchen nicht mehr genital beschneiden. Durch diese freigesetzte weibliche Kraft wird zukünftig noch viel Energie zu erleben sein.

"Schritt für Schritt": So charakterisieren Sie die Arbeit von Menschenrechtlern und Nichtregierungsorganisationen. Und weiter: "Geduld brauchen sie und Optimismus, die Helden im Feld." Verlieren Sie nie die Geduld?

Andauernd (lacht). Aber darüber wissen Sie doch viel besser Bescheid als ich, durch Ihre Arbeit bei Amnesty. Im Ernst, es ist nicht die Geduld, die ich verliere, es ist eher das Unverständnis, das bei mir wächst. Und da liegt der Knacks. Es könnte mehr Engagement geben und ich rätsele, warum es nicht so ist. Da ist so viel träge Masse. Und Korruption! Da ist so viel Nichtwissen. Das hat Roger Willemsen, dem ich mein Buch gewidmet habe, so schön und schlicht formuliert: "Woher nehmen wir nur all unser Nichtwissen?"

 

Katja Riemann

Zur Person

Katja Riemann ist Schauspielerin, Sängerin und Autorin. Seit mittlerweile 20 Jahren engagiert sie sich als Unicef-Botschafterin und unterstützt humanitäre Organisationen, darunter auch Amnesty International.

Zum Buch

Im Frühjahr ist ihr Sachbuch "Jeder hat. Niemand darf." erschienen. Es versammelt Berichte von "Projektreisen", die Riemann in den vergangenen zwei Jahrzehnten in verschiedene Länder Europas, Afrikas, Asiens und des Nahen Ostens geführt haben. Im Nachwort des Buches bringt Harald Welzer, Soziologe und Publizist, den Stil Riemanns auf den Punkt: "In ihren Schilderungen treten uns all diese Menschen, die wir gern im Modus des Opfers betrachten, als eigenständige, würdige, einzigartige Menschen entgegen." Katja Riemann: Jeder hat. Niemand darf. Projektreisen. S. Fischer, Frankfurt/M. 2020. 400 S., 24 Euro.

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