Äthiopien: Kampf gegen Brautraub
Tsega Belachew setzt sich für Opfer sexualisierter Gewalt in ihrer Heimat Äthiopien ein (2025)
© Philomena Wolflingseder
In Äthiopien werden immer wieder Frauen entführt und zur Heirat gezwungen. Tsega Belachew hat
das selbst erlebt. Seitdem setzt sie sich für Opfer sexualisierter Gewalt in ihrer Heimat ein.
Von Hannah El-Hitami
Wie Hungernde Nahrung brauchen und Durstige Wasser, so brauchen Opfer von Gewalt Gerechtigkeit. Davon ist Tsega Belachew überzeugt. Die Äthiopierin weiß aus eigener Erfahrung, wie dringend das Verlangen nach Rechenschaft und Wiedergutmachung sein kann. Im Mai 2023 wurde sie von einem Mann entführt, der sie zur Heirat zwingen wollte. "Er hielt mich zehn Tage gefangen und vergewaltigte mich in dieser Zeit mehrmals", erzählt Belachew mit leiser, nüchterner Stimme, als sie Amnesty Deutschland in Berlin besucht. "Telefa" heißt die Praxis des Brautraubs, die in Äthiopien weit verbreitet ist. "Wenn eine Frau einen Heiratsantrag ablehnt, erlaubt unsere Kultur dem Mann, sie mit Gewalt zu entführen."
Brautraub ist gesellschaftlich akzeptiert
Der Mann, der Tsega Belachew entführte, war Kunde der Bank, in der die heute 25-Jährige arbeitete. Er war einflussreich: ehemaliger Polizist und Bodyguard des Bürgermeisters der Regionalhauptstadt Hawassa. Als Belachew seine Annäherungsversuche ablehnte, belästigte er sie wochenlang mit Anrufen, Drohnachrichten und Besuchen am Arbeitsplatz. Eines Tages ließ er sie entführen und brachte sie an einen unbekannten Ort. "Seine Familie wartete dort schon, um die Ehe offiziell abzuschließen." Doch Belachews Eltern weigerten sich zuzustimmen, und so hielten die Entführer die junge Frau gegen ihren Willen fest.
Wenige Tage später gelang es Belachew, durch ein kleines Fenster zu fliehen. Doch ihre Freiheit war nur von kurzer Dauer. Zwar erreichte sie zu Fuß eine Straße und machte durch Hilfeschreie eine Gruppe von Passant*innen auf sich aufmerksam. "Doch sie waren nicht auf meiner Seite", erinnert sich Belachew – die Kultur des Brautraubs werde von vielen akzeptiert, und die Position ihres Entführers sei zu mächtig gewesen. "Er zeigte seinen Polizeiausweis und brachte mich zurück."
Während die Menschen auf der Straße Tsega Belachew im Stich ließen, formierte sich in den Online-Netzwerken eine Solidaritätskampagne. Einzelne Menschen und zivilgesellschaftliche Organisationen forderten die äthiopischen Behörden auf, der jungen Frau zu Hilfe zu kommen. Bis dahin hatte ihr Entführer dank seiner Kontakte zur Polizei keine ernsthafte Verfolgung befürchten müssen. Nun zeigte der öffentliche Druck Wirkung.
Nach zehn Tagen in Gefangenschaft machte die Polizei Belachews Aufenthaltsort ausfindig und befreite sie.
"Nach meiner Freilassung hatte ich zwei Möglichkeiten: an meinem Schmerz zu zerbrechen oder ihn in Stärke umzuwandeln. Ich entschied mich, stark zu sein und etwas zu verändern." Sie sprach in den Medien über ihren Fall und brachte ihren Peiniger vor Gericht. "Über die meisten Fälle sexualisierter Gewalt wird geschwiegen. Die Gesellschaft, die Kultur, der Staat erlauben keine Debatte darüber." Belachew entschied sich, trotzdem laut zu werden. Im Dezember 2023 wurde ihr Entführer zu 16 Jahren Haft verurteilt. Ein kleiner Erfolg, auch wenn die Strafe später in einem Berufungsverfahren auf zehn Jahre reduziert wurde.
"Viele Frauen erleiden dasselbe Unrecht"
Für Belachew ist die Sache damit nicht erledigt – im Gegenteil: "Als ich begann, öffentlich zu sprechen, wurde mir klar, dass meine Erfahrung kein Einzelfall ist. Viele Frauen erleiden dasselbe Unrecht." Für sie setzt sich Belachew jetzt ein. "Sie sollen sehen, dass sie dem Unrecht etwas entgegensetzen können." Deshalb hat sie die Organisation Tsega Sisterhood für Überlebende sexualisierter Gewalt gegründet. Die mittlerweile 25 Frauen aus verschiedenen Teilen Äthiopiens wollen keine Selbsthilfegruppe sein, sondern Aktivistinnen gegen Gewalt an Frauen. Sie treffen sich online, tauschen ihre Geschichten aus, dokumentieren sie und lernen, öffentlich zu sprechen. "Die Gesellschaft, die Kultur und sogar die Justiz arbeiten gegen uns. Darum müssen wir uns zusammentun. Nur so können wir etwas verändern."
Hannah El-Hitami ist freie Journalistin und lebt in Berlin. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.