Amnesty Journal Mexiko 19. Mai 2026

Ndé in Mexiko: Raus aus dem Verborgenen

Ein Indigener trägt schulterlange Haare und ein Stirnband.

Der Historiker Juan Luis Longoria Granados (Mexiko, 2026)

In Mexiko wurden die Ndé bis in die 1930er Jahre verdrängt, verfolgt und getötet. Heute kämpfen sie für eine geschichtliche Aufarbeitung und die Anerkennung als Indigenes Volk.

Aus Ciudad Juárez von Kathrin Zeiske und Leobardo Alvarado,
Fotos: Carolina Rosas Heimpel

Martín Tafoya Domínguez handelt mit gebrauchten Autoteilen, früher organisierte er Rodeoveranstaltungen. Ein gewöhnlicher Lebenslauf in der mexikanischen Industriemetropole Ciudad Juárez an der Grenze zu den USA. "Du bist doch kein Apache", antworten Kolleg*innen dem blauäugigen Tafoya, wenn er ihnen von seiner Herkunft erzählt, die seine Familie jahrzehntelang verschwiegen hat.

"Wir Ndé haben lange im Verborgenen gelebt", sagt Martín Tafoya. Denn im Bun­desstaat Chihuahua, im Norden Mexikos, wurden die "Apachen", die "Feinde", wie die europäischen Kolonialherren und Siedler*innen das Indigene Volk nannten, im Jahr 1839 für vogelfrei erklärt und noch bis in die 1930er Jahre verfolgt. "Sie haben uns gejagt wie wilde Tiere." Ein Kopfgeld wurde ausgesetzt, als Beweis galt der Skalp der oder des Getöteten.

Tafoya steht vor der Missionskirche von Ciudad Juárez, einem weißgetünchten Lehmbau im Stadtzentrum. Auf dem Platz ragt die Bronzestatue eines Mönchs in den strahlend blauen Wüstenhimmel. Die Franziskaner gründeten einst die Mission "El Paso del Norte" dort, wo die halbnomadischen Ndé bereits siedelten: in der fruchtbaren Flussebene des Río Bravo, einer kleinen Oase inmitten weiter Ebenen voller Kakteen und Dornbüsche.

Heute ist Martín Tafoya der "Nant’an", der Gemeindevorsteher jener Ndé-Familien, die sich auf der mexikanischen Seite der Grenze erst ab der Jahrtausendwende über Online-Netzwerke zusammenfanden. Ihre Nachnamen zeugen von der Geschichte ihres erzwungenen gesellschaftlichen Abtauchens. 

Ein indigener Mann trägt Jeans, Jacke und einen Cowboyhut, er steht vor der Front eines alten Gebäudes.

Der Gemeindevorsteher Martín Tafoya Domínguez (Mexiko, 2026)

"Apachen" gebe es nur im Süden der USA, lautete der allgemeine Konsens mehr als ein knappes Jahrhundert lang. Die Ndé, "die Menschen", wie sie sich selbst nennen, traten in Mexiko 2021 erstmals an die Öffentlichkeit. Sie versetzten die Zivilgesellschaft in Ciudad Juárez in Erstaunen, die damals den Stadtpark gegen Investor*innengelüste verteidigte. "Der Park gehört weder der Stadt noch den Unternehmern, er ist Teil unserer Territorien", erklärt Tafoya. Dies belegten Dokumente aus der Zeit des Vizekönigreichs Neuspanien, die bis heute Gültigkeit hätten. 

Papiere, die den Ndé nach der Unabhängigkeit Mexikos nicht zum Vorteil gereichten: Die aufsteigenden Großgrundbesitzer, die die weiten Ebenen zur Viehzucht nutzen wollten, verleumdeten die "Apachen" als kriegerische Wilde und löschten schließlich ihre Existenz, Sprache und Identität nahezu aus. So verübte zum Beispiel Coronel Joaquín Terrazas um 1880 Massaker, während sein Bruder Luis Terrazas mit seinen Viehherden und Silberminen vor der mexikanischen Revolution ein Imperium aufbaute, zu dem noch heute in Teilen die Zementgruppe GCC gehört. "Die Familien, die damals von der Auslöschung der Ndé profitierten, haben immer noch großen Einfluss in Chihuahua", stellt Juan Luis Longoria Granados fest. Der Historiker und Anthropologe setzt sich seit Jahren dafür ein, die Geschichtsschreibung der Täter*innen zu korrigieren. Seine schwarzen Haare hat der Ndé seither nie wieder schneiden ­lassen und stattdessen zu langen Zöpfen geflochten.

In Vergessenheit gerieten die prominenten Persönlichkeiten der Ndé wie der geistliche und militärische Führer Gerónimo, der als Letzter mit einer Guerilla-Einheit Widerstand gegen die Truppen der USA und Mexikos leistete, oder die Kriegsstrategin, Kämpferin und Heilerin Lozen, die ein Beispiel dafür ist, dass die Geschlechterrollen des Indigenen Volkes durchlässig waren. Historiker Longoria führt durch das Archäologische Museum im Stadtpark Chamizal, in dem nun endlich auch die Ndé Erwähnung finden. Einst standen vor dem Museum am Ufer des Río Bravo hohe Weiden, im Fluss tummelten sich Biber und Otter, berichtet Longoria. Heute ist der Strom nur noch ein schmales Rinnsal im Betonbett vor den rostroten Stahlstreben der Grenz­sicherungsanlage zu den USA.

Meine Urgroßmutter hat unsere Traditionen im Geheimen gepflegt.

Priscila
Rojas
Eine indigene Frau steht in Mexiko draußen vor einem Strauch, sie trägt ihre Haare zusammengebunden.

Die chemische Forensikerin Priscila Rojas (Mexiko, 2026)

Den Ndé-Gemeinschaften liege es fern, ihre riesigen Territorien in Ciudad Juárez und Chihuahua zurückzufordern, sagt Longoria: "Vielmehr wollen wir, dass ­bedeutende Orte als Naturschutzgebiete bewahrt werden." Sogar an den verstorbenen Papst Franziskus seien sie heran­getreten, um eine päpstliche Bulle aus Zeiten der Conquista annullieren zu lassen. "Unsere Sicht auf die Welt ist eine andere als die christlich-kapitalistische. 500 Jahre nach der sogenannten Eroberung Lateinamerikas steht das Ende der Welt mit der Klimakatastrophe an. In Ciudad Juárez wird es in wenigen Jahren kein Wasser mehr geben", warnt er. Nicht nur die Ndé, alle müssten daher umdenken, sagt Longoria.

Frauen geben die Kultur weiter

Eine knappe Stunde Autofahrt südlich der hell erleuchteten Großstadt sind am klaren Nachthimmel schon die Sterne zu sehen. Zum traditionellen Jagdfest der Ndé hat sich die Familie Rojas Murillo auf ihrem Grundstück vor den Sanddünen von Samalayuca versammelt. Schemenhaft erkennt man die Anwesenden, auf der ­angrenzenden Koppel schnauben zwei braunweiß gescheckte Pferde. Großvater Don Mario hat ein Lagerfeuer entzündet und wirft Gobernadora, eine wohlriechende gelbe Wüstenpflanze als Gabe ­hinein. Sein Sohn Cristóbal beginnt die ­alten Sagen der Ndé zu erzählen – da­runter die von der weiß geschminkten Frau, die der Lebensspender auf die Erde schickte, um die Menschheit zu gebären.

Heute ist Cristóbals Tochter Priscila Rojas die wichtigste Frau der Ndé in Chihuahua. Zu ihrem Amtsantritt holte die mexikanische Präsidentin Claudia Sheinbaum Vertreterinnen aller Indigenen ­Völker des Landes zu sich auf die Bühne, Priscila Rojas ist auf Pressefotos direkt hinter ihr zu sehen. "Wir Frauen sind sehr wichtig in unseren Gemeinschaften, um unsere Kultur weiterzugeben", sagt sie. "Meine Urgroßmutter hat unsere Traditionen im Geheimen weitergepflegt, ohne sie hätte unsere Familie ihre Identität verloren."

Die chemische Forensikerin und Tänzerin hat jahrelang für die Anerkennung der Ndé als Indigenes Volk in den nördlichen Bundesstaaten Sonora, Coahuila und Chihuahua gekämpft. "Lange Zeit wurde unser Anliegen nicht verstanden", sagt sie. "Uns wurde angeboten, Kunsthandwerk auf Kulturfestivals zu verkaufen. Wir sind aber Berufstätige im städtischen Raum." Ihnen ginge es um die ­historische Erinnerung, dass die Ndé in Mexiko nahezu ausgelöscht wurden. So reiste Priscila Rojas im Jahr 2023 nach Berlin, um sich Gedenkorte der kollektiven Erinnerung an den Holocaust anzu­sehen. "Wir mussten vollkommen in der mexikanischen Gesellschaft aufgehen, um zu überleben." 

Kathrin Zeiske ist freie Journalistin, sie berichtet aus Mexiko und Mittelamerika. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.

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