Amnesty Journal Deutschland 15. Mai 2026

Solingen: Zenrum für verfolgte Künste

Eine Frau und ein Mann, beide tragen eine Brille, mittleres Alter, stehen in einem Museum, an der Wand hängen gerahmte Bilder und Leinwände.

Hüter*innen vieler Geschichten: Daniela Tobias (Öffentlichkeitsarbeit) und Jürgen Kaumkötter (Direktor) vom Zentrum für Verfolgte Künste

Das Zentrum für Verfolgte Künste in Solingen sammelt und würdigt Kunst, die unter widrigen Bedingungen wie Zensur, Berufsverbot und Haft entstanden ist.

Von Nina Apin

Das Zentrum für Verfolgte Künste in Solingen muss man erst einmal finden. ­Etwas außerhalb steht auf einer Anhöhe ein schmuckes Palais mit Uhrenturm, Erkern und Giebeln im ortstypischen grauen Schiefer. Erst beim Öffnen der schweren Eingangstür zeigen kleine rote Schilder, dass man richtig ist: An den Ausstellungsflächen des städtischen Kunstmuseums, das im selben Haus untergebracht ist, vorbei, die Treppen hoch. Umso präsenter ist dafür der Direktor des Zentrums Jürgen Kaumkötter, der im ersten Stock zusammen mit seiner Mitarbeiterin Daniela ­Tobias zu einer anekdotenreichen Führung lädt. Das 2015 eröffnete Museum  ist mit seiner Sammlung einzigartig in Deutschland: Auf mehr als 700 Quadratmetern erinnern rund 10.000 Objekte  an Ma­ler*innen, Schriftsteller*innen, Musi­ker*innen, Theaterschaffende, Filme­macher*innen und Kabarettist*innen, die zwischen 1914 und 1989 von ­Diktaturen, Zensur und Krieg verfolgt, verfemt und entrechtet wurden. 

Das Zentrum entstand als Reaktion auf die rassistische Gewalt der Nachwendezeit. Mitglieder der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft und des Exil-PEN riefen zur Gründung eines Zentrums für verfolgte Künste auf. Als erstes kam die private Kunstsammlung von Gerhard Schneider nach Solingen, später die Literatursammlung von Jürgen Serke; mit viel bürgerschaftlichem Engagement wurde das ­Projekt in die Tat umgesetzt.

Dauerausstellung über zwei Stockwerke

Die Dauerausstellung erstreckt sich über zwei Stockwerke. "Wir sind ein Entdeckungsmuseum!", ruft Kaumkötter, grauer Bart, Anzug mit Einstecktuch, und beginnt den Rundgang mit der "verlorenen Generation": Aufstrebende Maler*innen, deren Karrieren durch einen der beiden Weltkriege oder die Nazis beendet wurden. Auf Hans Nathan Feibuschs Bild "Elias’ Himmelfahrt" aus dem Jahr 1936 bleckt ein Pferd mit aufgerissenen Augen angstvoll das Gebiss, es ist verschlungen mit einem in Tücher gehüllten Mann, auch er hager, die Arme von sich streckend. Zusammen scheinen sie aufwärts zu streben. Feibusch, erzählt Kaumkötter, habe noch 1931 den Preußischen Staatspreis erhalten. Im April 1933 schloss man ihn aus dem Frankfurter Künstlerbund aus, weil er Jude war. Er emigrierte nach Großbritannien und wurde Kirchen­maler.

Direkt daneben an der weinroten Wand ein noch düstereres Bild: "Trostlose Straße" nannte Felix Nussbaum sein Werk, auf dem eine schwarze Katze inmitten einer menschenleeren Straße steht, aus den Fensterhöhlen zerstörter Gebäude hängen schwarze Fahnen. Das Gemälde wurde aufgrund seiner Entstehung 1928 lange als düstere Vorahnung eines deutschen Künstlers interpretiert. Bei einer Untersuchung mittels Röntgenstrahlen kam 2022 jedoch heraus, dass es erst Ende 1938 oder Anfang 1939 entstand und somit als Reaktion auf die Novemberpogrome gelesen werden muss. An ­einem digitalen Leuchttisch können Museumsbesucher*innen Übermalungen selbst sichtbar machen und mehr über die Geschichte des Bilds und seines Schöpfers erfahren. Nussbaum, der später in Auschwitz ermordet wurde, lebte 1942 im Untergrund in Belgien und deponierte das Bild bei seinem Zahnarzt, Nussbaums ­Kusine stiftete es dem Museum.

Die Inhaftierung malen

Kaumkötter kann solche Geschichten gut erzählen. In einem Strom von Anekdoten geht es weiter in den zweiten Saal. Dort werden die verschiedenen Facetten von Verfolgung sichtbar: Von Verleumdung und Zensur bis hin zu Inhaftierung, Vertreibung und Tötung reichen die Schicksale. Der Pazifist Otto Pankok, der das ­Leben deutscher Sinti*zze porträtierte, wurde von den Nazis mit Malverbot belegt. Die unangepasste Malerdichterin Else Lasker-Schüler, hier mit ornamentreichen Tuschezeichnungen ihres künstlerischen Alter Egos "Prinz Yussuf" vertreten, wurde bereits 1933 aus Deutschland verjagt und später gezwungen, nach Palästina auszuwandern. Eher unbekannt ist heute die avantgardistische Malerin ­Elfriede Lohse-Wächtler, die 1940 als Psychiatriepatientin im Rahmen des nationalsozialistischen Tötungsprogramms T4 ermordet wurde.

Dramatisch ist auch die Geschichte von Karl Schwesig: Der kleinwüchsige Kommunist, der sich in der Düsseldorfer Avantgardeszene einen Namen machte, engagierte sich trotz Folter und Lagerhaft mit mutigen Aktionen gegen die Naziherrschaft, besonders gegen die Olympischen Spiele 1936. Sein Bild "Judenlazarett" von 1947 nimmt Bezug auf seine Inhaftierung im südfranzösischen Noé. 500 Bilder aus Schwesigs Nachlass konnten mithilfe der Kulturstiftung des Bundes inzwischen angekauft werden. Eine überfällige Geste der Verantwortung gegenüber Künstler*innen, die auch nach dem Krieg keine Rehabilitierung fanden und so dem Vergessen anheimfielen, findet Kaumkötter und erzählt, dass Schwesig nach dem Krieg lange um Entschädigung kämpfen musste. Diese wurde ihm später als Kommunist wieder aberkannt – "durch dieselben Beamten, die zuvor als SS-Männer für seine Internierung im berüchtigten NS-Folterzentrum Schlegel-Keller in Solingen verantwortlich waren".

Wir wollen Kunst nicht zur bloßen Illustration für Unrecht degradieren.

Jürgen
Kaumkötter
Direktor, Zentrum für Verfolgte Künste

Die im Erdgeschoss ausgestellten Bücher, Briefe und Fotos verfolgter Schriftsteller*innen beruhen auf der Literatursammlung von Jürgen Serke, der 1977 mit seinem Buch "Die verbrannten Dichter" die Wiederentdeckung der Autor*innen einleitete, deren Werke von den Nazis vernichtet wurden. Ein anderer Schwerpunkt Serkes war Zensur und Verfolgung nach 1945, vom Kongress des Tschechoslowakischen Schriftstellerverbands 1967 in Prag bis zur Charta 77 in der DDR, die er als Reporter des Magazins Stern in einer Serie aufbereitete.

In den Vitrinen des Museums haben es die Gedichtbände der Ostberlinerin Inge Müller oder die wütenden Schriften des 1953 auf Geheiß Stalins in Prag ermordeten Hugo Sonnenschein freilich schwer, gebührende Aufmerksamkeit zu bekommen – stecken die Geschichten doch in den Büchern selbst. Kaumkötter sagt, das Museum für verfolgte Künste laufe stets Gefahr, als ein historisches Museum wahrgenommen zu werden. Das sei aber nicht das Ziel: "Wir wollen den künstlerischen Wert unserer Exponate ins Zentrum stellen und sie nicht zur bloßen ­Illustration degradieren für das Unrecht der jeweiligen Zeit."

Ein Gemälde, das eine Szene in einem Krankenhaus abbildet.

Dokument des Leids: "Judenlazarett/Camp de Noé" von Karl Schwesig (1947/48)

Das Haus in Solingen versteht sich auch als Ort für Künstler*innen, die aktuell von Verfolgung betroffen sind. Wobei immer künstlerische Gesichtspunkte im Vordergrund stehen. Kaumkötter berichtet von zwei ukrainischen Künstlerinnen, die eine Ausstellung kuratierten und darauf bestanden, Öl anzuzünden und Sirenen heulen zu lassen, um den Schrecken des Krieges erfahrbar zu machen. "Die Grenze zum Aktivismus nicht zu überschreiten, war ein mühsamer Aushandlungsprozess", erinnert er sich.

Daniela Tobias verweist auf fotografische Porträts mit zarten Überblendungen im Gang vor der Grafiksammlung: Eine Auftragsarbeit der mexikanischen Künstlerin Sandra del Pilar für die Sonderausstellung "Solingen ’93", die an den rassistischen Brandanschlag und die Ermordung der türkischstämmigen Familie Genç erinnert. Die lokale Verankerung ist dem Zentrum wichtig, es gibt eine regelmäßige Zusammenarbeit mit Schulklassen und Institutionen im Bergischen Land. "Mevlüde Genç, die Großmutter, war in die Idee zur Ausstellung eingebunden, vor der Eröffnung im Sommer 2023 ist sie gestorben", erzählt Tobias. Richtig voll sei es da gewesen, sagt sie. Ein seltener Erfolg für das etwas abgelegene Haus voller Geschichten. 

Nina Apin ist freie Journalistin und Kulturredakteurin beim Amnesty Journal.

Hier geht es zur Website des Zentrums für verfolgte Künste. Und hier findest Du mehr zum Thema Künstler*innen und Menschenrechte, sowie Kunstfreiheit.

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