Amnesty Journal 26. Mai 2026

Almanya auf der Couch: Wie Engin den deutsch-türkischen Sound neu erfindet

Mit Schnäuzer oder ohne: Das Trio aus Mannheim (in der Mitte: Engin Devekiran) bleibt auf dem Teppich (2026)

Die Mannheimer Band Engin verbindet Indie mit Anadolu-Rock-Einflüssen und trifft so das Lebensgefühl vieler Deutsch-Türk*innen.

Von Thomas Winkler

Der Mann ist Experte. Engin Devekiran hat einen Universitätsabschluss in Psychologie. Zwar hat er nie als Therapeut gearbeitet, sondern ist Musiker geworden, doch fühlt er sich qualifiziert genug, seinem Heimatland, das er "Almanya" nennt, zu empfehlen: "Bitte, bitte geh’ in Therapie." "Sag mir Almanya" ist der Titelsong des gleichnamigen Albums von Devekirans Band, einem in Mannheim gegründeten Trio, das heißt wie er: Engin. Die Texte und die Musik von "Sag mir Almanya" machen deutlich, dass der 32-Jährige mit einem sogenannten türkischen Migrationshintergrund in Deutschland aufgewachsen ist.

Einzige bekannte deutsch-türkische Rockband

Keine große Sache, sollte man meinen: Schließlich leben in Deutschland rund drei Millionen Menschen mit Wurzeln in der Türkei. Und wenn man sich die Spitze der deutschen Charts ansieht, finden sich dort vor allem einheimische Künstler*innen mit Migrationshintergrund, viele davon mit türkischem wie Haftbefehl, Ayliva oder Apache 207. Die sind allerdings musikalisch meist im Rap unterwegs oder machen Popmusik, die stark vom HipHop beeinflusst ist. Das macht Engin zu einer Ausnahmeerscheinung: Denn das Trio ist die einzige bekannte deutsch-türkische Rockband.

YouTube freischalten

Wir respektieren deine Privatsphäre und stellen deshalb ohne dein Einverständnis keine Verbindung zu YouTube her. Hier kannst du deine Einstellungen verwalten, um eine Verbindung zu den Social-Media-Kanälen herzustellen.
Datenschutzeinstellungen verwalten

Dieses Land braucht also eine Therapie, findet Engin Devekiran. In dem Song diagnostiziert er "Frust, Wut, Angst zwischen Çay und Champagner". Zu dieser Einschätzung sei er nach einer "allzu intensiven Phase mit sehr viel Social-Media-Konsum" gekommen, erzählt er beim Gespräch in einem Berliner Café. Er wolle "einen Prozess anstoßen, mal in sich zu gehen, Resilienz und Positivität zu finden, wegzukommen von dieser Miesepetrigkeit und dem Drang, auf alles draufzuhauen, was einem nicht passt". Wichtig ist ihm auch, "dass gewisse Kreise nicht weiter flüchten in eine völkische Idee von Deutschsein".

Das Lied bringt ein Gefühl auf den Punkt, das angesichts der Weltlage im Allgemeinen und der deutschen Befindlichkeit im Besonderen weit verbreitet ist, verfällt dabei aber nicht in ein Lamento. Wenn Devekiran auf Deutschland blickt, sieht er ein Land, in dem der Winter grau ist, die Augen kalt sind und die Menschen sich bereits in der Krise wähnen, wenn der All-inclusive-Urlaub in Alanya einmal ausfällt. Devekiran teilt die Ängste, aber er weigert sich, dieselben Schlüsse zu ziehen wie viele seiner Landsleute. Singend stellt er die Frage: "Sag mir, wer willst du sein, wenn der Volkskörper tanzt?"

Die türkischen Wurzeln ignoriert

Engin Devekiran ist in Bretten in der Nähe von Karlsruhe geboren und aufgewachsen. Seine Mutter stammt aus Baden, sein Vater kam in den 1960er Jahren aus Istanbul nach Deutschland und spricht längst "ein astreines Badisch". Wegen seiner blonden Haare und blauen Augen war Devekiran nie mit dem Rassismus konfrontiert, der für die meisten Deutschtürk*innen Alltag ist. Seine türkischen Wurzeln ignorierte er lange Zeit: "Irgendwann wollte ich nicht mal mehr die Verwandtschaft anrufen. Ich bin jahrelang nicht mehr in die Türkei gefahren, mein Türkisch wurde immer schlechter."

Das änderte sich erst, als er nach dem Psychologiestudium beschloss, lieber Musiker zu werden, und sich bei der Popakademie in Mannheim einschrieb. "Da hat uns der Leiter gleich zu Beginn gesagt: Ihr habt zwei Möglichkeiten", erinnert sich Devekiran. "Entweder strebt ihr ein perfektes Popprodukt an – das ist der schwierigere Weg. Einfacher ist es, ihr versucht, radikal ihr selbst zu sein – mit all euren Fehlern und allem, was zu euch gehört."

Manche der Lieder haben mich zu Tränen gerührt.

 

Engin
Devekiran

Bei der Reise zu sich selbst, die damals begann, machte sich Devekiran auch auf die Suche nach einer verschütteten Kultur: Er grub sich durch die Geschichte der türkischen Pop- und Rockmusik, entdeckte Cem Karaca, Özdemir Erdoğan oder Barış Manço, aber auch aktuelle Namen wie Gaye Su Akyol. Er traf auf eine "so innovative, vorwärts gedachte Musik, die trotzdem niemand in Deutschland zu kennen schien", fand seine "Liebe zu dieser wundervollen, poetischen Sprache" wieder und merkte, wie viel ihm diese Musik bedeutete: "Obwohl zu dem Zeitpunkt mein Türkisch dermaßen eingerostet war, dass ich die Texte eigentlich nicht verstanden habe, haben mich manche der Lieder zu Tränen gerührt", bekennt er. "Plötzlich habe ich mich verstanden gefühlt und gemerkt: Da steckt ganz viel drin, was ich bis dahin gar nicht bearbeitet hatte."

Weil sich der Bassist David Knevels und der Schlagzeuger Jonas Stiegler ebenfalls für den psychedelischen Anadolu-Rock und die schwerblütigen Chansons begeistern konnten, waren die türkischen Einflüsse schon auf dem Engin-Debütalbum "Nacht" von 2023 nicht zu überhören, auch wenn Devekiran damals noch ausschließlich auf Deutsch textete. Ein Jahr später brachte die Band dann "Mesafeler" heraus, ein Album mit Coverversionen berühmter und weniger berühmter türkischer Lieder. Diese hatten erstaunlichen Erfolg bei Deutsch-Türk*innen, die mehrheitlich zu den Konzerten der Band kommen, aber auch in der Türkei, wo die Musiker seither regelmäßig auftreten.

Der Erfolg ließ Devekiran den Mut fassen, endlich selbst türkische Songs zu schreiben – obwohl sein Türkisch inzwischen besser, aber immer noch nicht ­perfekt ist. Das Ergebnis ist nun das zweisprachige Album "Sag mir Almanya". Zwar ist das Titelstück der einzige Song mit einer ausdrücklich gesellschaftspolitischen Botschaft, doch auch die Tatsache, dass die türkische Sprache selbstverständlich und gleichberechtigt verwendet wird, ist ein Statement. "Tagespolitik ist nicht unser Thema", sagt Engin Devekiran. "Aber natürlich stehen wir mit unserer Haltung und durch unsere Existenz für ganz basale demokratische Grundwerte. Und wenn das, was für uns eine Selbstverständlichkeit ist, schon ein politisches Statement ist, dann sind wir halt eine politische Band. Aber wenn das keine Selbstverständlichkeit ist, dann hat dieses Land offensichtlich ein Problem." Ein Problem, das therapiert werden sollte. 

Thomas Winkler ist freier Journalist. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.

Engin: "Sag mir Almanya" (Engin/Recordjet). Die Band ist auf Tour durch die Türkei und Deutschland bis Ende Mai 2026.

Weitere Artikel