Aktuell 16. Dezember 2020

Impfungen: Alle haben das Recht, vor Covid-19 geschützt zu werden

Nahaufnahme einer Frau mit Mundschutz, die eine Spritze ansieht, die sie mit ihrer linken Hand vor sich hält. Sie trägt einen Schutzhandschuh aus Gummi.

Eine Krankenschwester hält eine Spritze mit einem Impfstoff gegen das Corona-Virus in der Hand (Symbolbild).

Reiche westliche Länder kaufen Covid-19-Impfstoffe auf. Kanada und Großbritannien etwa haben so viele Impfdosen eingekauft, dass sie ihre gesamte Bevölkerung damit fünf Mal impfen könnten. Fragt sich, wer leer ausgeht...

Von Tamaryn Nelson. Sie berät Amnesty International zum Thema Gesundheit.
Dieser Gastbeitrag erschien zuerst am 16. Dezember 2020 in englischer Sprache auf gal-dem.

Im Kampf gegen Covid-19 gab es diesen Monat (Dezember 2020, Anm. d. Red.) große Fortschritte. Es ist ein nahezu historischer Augenblick, in Großbritannien und in den USA wird gerade der erste Impfstoff ausgeliefert, Kanada und weitere Länder werden in Kürze folgen. Für viele symbolisiert dies das sprichwörtliche Licht am Ende des Tunnels, es könnte die Chance sein, der Pandemie ein Ende zu setzen.

Allerdings handelt es sich hier um eine globale Krise, die eine globale Lösung erfordert. Jeder Impfstoff kann nur dann Erfolg haben, wenn er fair verteilt wird und zuerst den Menschen zur Verfügung gestellt wird, die am stärksten gefährdet sind, und zwar unabhängig davon, in welchem Land sie leben, wer sie sind oder wie viel Geld sie zur Verfügung haben.

Wir alle haben das Recht, vor Covid-19 geschützt zu werden. Wohlhabende Länder kaufen jedoch Impfdosen auf Vorrat, und Ungleichheit und Unternehmensinteressen könnten das lebensrettende Potenzial der Impfstoffe gefährden.

Bei der verzweifelten Suche nach einem Ausweg aus der Pandemie haben westliche Länder mehrere Milliarden Dosen noch in Entwicklung befindlicher Impfstoffe aufgekauft, und zwar in einem Umfang, dass sie ihre gesamte Bevölkerung bis Ende 2021 nahezu drei Mal durchimpfen könnten. Dieser "Impf-Nationalismus" beruht auf umfassenden bilateralen Kaufvereinbarungen zwischen Unternehmen und einzelnen Staaten.

Aktuelle Recherchen eines Bündnisses namens People's Vaccine Alliance, zu dem Amnesty International, Frontline AIDS, Global Justice Now und Oxfam gehören, gehen der Frage nach, wer Zugang zu einem Impfstoff hätte, wenn diese Verträge heute wirksam würden.

67 Länder, darunter Kenia, Myanmar, Nigeria, Pakistan und die Ukraine, könnten nur eine von zehn Personen impfen, wenn nicht sofort eine Kursänderung erfolgt.

Kanada und Großbritannien haben so viele Impfdosen eingekauft, dass sie ihre gesamte Bevölkerung damit fünf Mal impfen könnten. Die USA haben 800 Millionen Dosen von mindestens sechs Impfstoffen aufgekauft, mit der Option auf rund eine Milliarde weiterer Dosen. Die Europäische Union, Japan, Kanada und Australien haben ebenfalls nachgezogen und sich Millionen weiterer zukünftiger Impfdosen gesichert.

Diese Bevorratung mit Impfstoffen führt dazu, dass andere Länder nur noch begrenzt in der Lage sind, ihre Bevölkerung vor Covid-19 zu schützen. Tatsächlich könnten 67 Länder, darunter Kenia, Myanmar, Nigeria, Pakistan und die Ukraine – Staaten, die insgesamt fast 1,5 Millionen Covid-19-Fälle gemeldet haben – nur eine von zehn Personen impfen, wenn nicht sofort eine Kursänderung erfolgt.

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Regierungen und Pharmaindustrie haben die menschenrechtliche Verpflichtung und Verantwortung, Maßnahmen zu ergreifen, um den Zugang zu diesen lebensrettenden medizinischen Entwicklungen für die größtmögliche Anzahl von Menschen weltweit zu verbessern. Gesundheit und Lebensunterhalt von Millionen Menschen hängen von der rechtzeitigen und fairen Zuteilung eines sicheren, wirksamen Impfstoffes ab. Nur so ist gewährleistet, dass das Recht auf Gesundheit gewahrt bleibt, dass Menschen ihren Lebensunterhalt verdienen und ihre Liebsten ohne Angst oder Einschränkungen sehen können.

Ohne einen fairen Zugang auf globaler Ebene werden sich bereits bestehende Ungleichheiten nur vertiefen – wobei Menschen, die schon in der Vergangenheit marginalisiert und diskriminiert wurden, auch weiterhin unverhältnismäßig stark betroffen sein werden.

Dies gilt auch für Menschen, die in überfüllten Flüchtlingslagern unter unzureichenden hygienischen Bedingungen leben. Sie sind meist einem höheren Risiko ausgesetzt und haben oft keinen Zugang zu der notwendigen medizinischen Versorgung, auch nicht zu Impfungen. Indigene Gemeinschaften im Amazonasgebiet in Ecuador sind ebenfalls gefährdet – durch den Mangel an Trinkwasser, Lebensmitteln, Medikamenten, medizinischer Versorgung und lebenswichtigen Tests tragen sie ein höheres Risiko, an Covid-19 zu erkranken.

Auch führende Pharmaunternehmen müssen ihrer menschenrechtlichen Verantwortung gerecht werden, indem sie Menschen vor Profit stellen.

Mehrere UN-Organisationen haben auch davor gewarnt, dass fast die Hälfte der weltweiten Erwerbsbevölkerung Gefahr läuft, ihre Existenzgrundlage zu verlieren. Der Weltbank zufolge könnten im Jahr 2021 rund 88 bis 115 Millionen Menschen in extremer Armut landen – mittlerweile ist jedoch sogar mit bis zu 150 Millionen Menschen zu rechnen.

Regierungen müssen dafür Sorge tragen, dass Menschen, die weltweit am stärksten gefährdet sind, Zugang zu Impfstoffen erhalten, sobald diese zur Verfügung stehen. Das bedeutet, dass wohlhabendere Staaten vom Abschluss großer bilateraler Verträge mit Pharmaunternehmen absehen sollten. Stattdessen sollten sie globale Initiativen unterstützen, die sich zum Ziel gesetzt haben, einen fairen Zugang zu Impfstoffen für alle Länder zu gewährleisten, wie z. B. der COVAX-Mechanismus der Weltgesundheitsorganisation.

Auch führende Pharmaunternehmen müssen ihrer menschenrechtlichen Verantwortung gerecht werden und einen möglichst breiten Zugang zu ihren Innovationen sicherstellen, indem sie Menschen vor den Profit stellen.

Um sicherzustellen, dass keine nationale Impfstoffpolitik ausgrenzend oder diskriminierend ist, ist es unerlässlich, dass die Stimmen marginalisierter Gruppen Gehör finden.

Nur gemeinsam können wir dieser Pandemie ein Ende setzen und eine gerechtere, nachhaltigere Zukunft schaffen.
 

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