Libanon: Hunderttausende wegen Israels Evakuierungsbefehlen auf der Flucht
Tausende Menschen flohen am 2. März 2026 im Südlibanon und in der Beeka-Ebene Richtung Norden, nachdem das israelische Militär schwere Luftangriffe und Bombardements angekündigt hatte.
© Anadolu via Getty Images
In den vergangenen vier Tagen hat das israelische Militär im Libanon weitreichende Evakuierungsbefehle erlassen, die Hunderttausende Menschen in die Flucht treiben. Diese pauschalen Aufforderungen schüren Panik und verschärfen eine ohnehin dramatische humanitäre Krise. Alle Konfliktparteien, die israelische Regierung und die Hisbollah, müssen das humanitäre Völkerrecht achten und die Zivilbevölkerung endlich schützen.
Die israelischen Angriffe auf den Libanon halten an – und die Leidtragenden sind vor allem Zivilist*innen im Land. In den vergangenen vier Tagen hat Israel wiederholt großräumige und vage formulierte Evakuierungsbefehle für den gesamten Libanon erlassen.
Davon sind mehr als 100 Dörfer und Städte im Süden und Osten des Landes sowie die gesamten südlichen Vororte von Beirut betroffen. Die Anordnungen haben Hunderttausende Menschen vertrieben.
Kristine Beckerle, stellvertretende Regionaldirektorin für den Nahen Osten und Nordafrika bei Amnesty International, sagt:
"Die Zivilbevölkerung im Libanon wird erneut von einem Militär, das in früheren Konflikten seine Bereitschaft gezeigt hat, durch rechtswidrige Angriffe erheblichen Schaden unter der Zivilbevölkerung anzurichten, zur Massenflucht aufgefordert.
Die pauschalen Evakuierungsbefehle haben Panik und Terror ausgelöst. Hunderttausende Menschen wurden vertrieben. Für die Bevölkerung im Libanon bedeutet das eine erneute humanitäre Katastrophe. Dabei sind die Menschen zutiefst erschöpft und brauchen Stabilität statt weiterer Krisen."
Zwischen dem 3. und 6. März 2026 erließ das israelische Militär eine Serie von Evakuierungsbefehlen für ganze Städte und Dörfer im Südlibanon und in Teilen der Bekaa-Ebene. Am 5. März forderte das Militär die gesamte Bevölkerung südlich des Litani-Flusses auf, "unverzüglich" zu fliehen.
In der libanesischen Hauptstadt Beirut breiten sich Rauchschwaden aus nach einem Angriff durch israelische Kampfflugzeuge (4. März 2026).
© IMAGO / ZUMA Press Wire
Hintergrund der Eskalation
Die aktuellen Kämpfe haben eine Vorgeschichte: Nach dem Ausbruch der Feindseligkeiten zwischen Israel und der Hamas im Oktober 2023 startete die Hisbollah Angriffe auf Nordisrael. Daraufhin lieferten sich beide Seiten grenzüberschreitende Gefechte. Trotz eines 2024 vereinbarten Waffenstillstands führte Israel fast täglich Angriffe im Südlibanon und in der Bekaa-Region durch, bei denen mindestens 127 Zivilist*innen getötet wurden.
Am 2. März 2026 startete die Hisbollah wiederum eine Reihe von Angriffen auf Israel, als Reaktion auf die Tötung des Obersten Führers der Islamischen Republik Iran Ali Khamenei nach einem Angriff der USA und Israels auf den Iran.
Keine Schutzgarantien für die Zivilbevölkerung
Die übermäßig weit gefassten Warnungen des israelischen Militärs stellen keine wirksamen Schutzgarantien dar und entsprechen damit nicht den völkerrechtlichen Anforderungen an Evakuierungen. Die Zivilbevölkerung im Libanon wird im Unklaren gelassen:
Die Betroffenen erhalten keine aussagekräftigen Informationen darüber, wo und wann das israelische Militär zuschlagen könnte.
Es fehlen die nötigen Informationen, um fundierte Entscheidungen darüber zu treffen, ob und wie lange sie fliehen sollen.
Viele Menschen, darunter Ältere, Kinder und Menschen mit Behinderungen, können gar nicht evakuiert werden oder haben keinen sicheren Ort, an den sie sich begeben können.
Trotz der Evakuierungsaufrufe gelten die Regeln des Kriegsrechts weiter. "Die Anordnung von Massenevakuierungen gibt dem israelischen Militär weder das Recht, diese Gebiete als Feuerzonen zu behandeln, noch entbindet sie Israel von seinen Verpflichtungen nach dem humanitären Völkerrecht, Zivilist*innen zu schützen", so Beckerle.
Doch die Realität sieht anders aus:
- In den 24 Stunden seit der Anordnung der Massenevakuierung der südlichen Vororte von Beirut hat das israelische Militär beispielsweise wiederholt Luftangriffe durchgeführt, viele davon völlig ohne Vorwarnung.
- Weniger als 100 Stunden nach der erneuten Eskalation der Kämpfe waren laut dem Norwegischen Flüchtlingsrat bereits mehr als 300.000 Menschen im ganzen Land auf der Flucht.
- Am 6. März gab das libanesische Notfallzentrum für öffentliche Gesundheit bekannt, dass seit dem 2. März 217 Menschen getötet und 798 verletzt wurden. Mehr als 110.000 Vertriebene mussten in Sammelunterkünften untergebracht werden.
Das israelische Militär hat wiederholt Evakuierungen angeordnet. Zudem hat es in über zwei Dutzend Gemeinden an der libanesischen Grenze massiv ziviles Eigentum zerstört. Dies geschah sowohl vor als auch nach dem Waffenstillstand im November 2024.
Das weckt große Sorge: Es besteht der Verdacht, dass einige dieser Befehle darauf abzielen, Zivilist*innen gewaltsam und für immer zu vertreiben. Eine solche dauerhafte Vertreibung ist laut dem humanitären Völkerrecht verboten und in der Vergangenheit blieben israelische Verstöße gegen das Völkerrecht straffrei.
Das hat die israelische Regierung nun dazu ermutigt, solche Taten zu wiederholen – Zivilist*innen geraten dadurch erneut in große Gefahr.
Alle Vorfälle müssen untersucht werden
Wir fordern eine Aufarbeitung aller Vorfälle: Seit Oktober 2023 hat Amnesty International Israels rechtswidrige Angriffe auf Zivilist*innen und zivile Objekte, den Einsatz von weißem Phosphor und die umfangreichen Zerstörungen in Grenzdörfern genau dokumentiert.
Ebenso haben wir die wiederholten Raketenangriffe der Hisbollah auf zivile Gebiete in Israel dokumentiert. All dies muss als Kriegsverbrechen untersucht werden.