Amnesty Journal Saudi-Arabien 04. Juni 2018

Weiblicher Wille und wahhabitische Wut

Eine verhüllte Frau steht mit dem Rücken zur Kamera an einem Strand und blickt aufs Meer

Freiheit im Blick. Am Roten Meer bei Dschidda, Januar 2018.

Erst seit Anfang des Jahres gesteht das Königshaus in Riad Frauen in Saudi-Arabien vereinzelt mehr Rechte zu. Ein Sachbuch und ein Roman widmen sich den Verhältnissen in dem Königreich.

Von Maik Söhler

Ein Sachbuch und ein Roman liefern sich einen kleinen Wettbewerb. Wer kann die frauenfeindlichen Verhältnisse in Saudi-Arabien am realistischsten darstellen? Das dort vorherrschende Bündnis zwischen dem Königshaus und dem wahhabitischen Klerus unterdrückt Frauen seit der Staatsgründung 1932.

Die exil-saudische Autorin Kholoud Bariedah hat ihre Geschichte in dem Sachbuch "Keine Träne für Allah" aufgeschrieben, der im Irak geborene deutsche Schriftsteller Najem Wali legt mit "Saras Stunde" einen neuen Roman vor. Während Bariedah aus dem Inneren eines saudischen Frauengefängnisses erzählt, wendet sich Wali literarisch der Rache einer Frau an einem religiösen Sittenwächter zu.

Bariedah wird im Jahr 2006 in Dschidda von der Religionspolizei auf einer Party überrascht. Männer und Frauen, die nicht verwandt sind, feiern zusammen. Bei ihrer Festnahme wehrt sich Bariedah. Das reicht für ein hartes Urteil – vier Jahre Haft und 2.000 Stockhiebe. Nichts und niemand kann daran etwas ändern, außer: Sollte die Strafgefangene es schaffen, den Koran auswendig zu lernen, wird ihr ein Teil der Strafe erlassen. Und Kholoud Bariedah schafft das, was keiner Insassin des Frauen­gefängnisses in Mekka zuvor gelang. Damit nicht genug: Sie kommt vorzeitig frei, packt ihre Sachen, verlässt Saudi-Arabien und wendet sich öffentlich vom Islam ab. Heute lebt die bekennende Atheistin in Berlin.

Bariedah nimmt den Leser mit in den Alltag eines saudischen Frauengefängnisses. Einzelhaft, Schikanen, Strafen, aber auch Solidarität und Hoffnung prägen ihr Leben dort, das ein knappes Jahr währen wird, 600 Stockhiebe werden tatsächlich an ihr vollzogen: "Mit einem Rohrstock wurde mir auf den Rücken geschlagen, der Schmerz zerriss mich, und das Herz brach mir vor Demütigung." Ihre Geschichte dem Schmerz und der Demütigung zum Trotz aufgeschrieben zu haben, ist eine große Leistung und herausgekommen ist ein Buch, das Mut macht.

Das gilt auch für Najem Walis Roman, der seine Protagonistin Sara zuerst als selbstbewusstes Mädchen und später als wütende Frau zeigt. Eine Frau, die den Kampf gegen die privilegierte Männerwelt in Saudi-Arabien aufnimmt, im Speziellen gegen einen Leiter der "Behörde für die Verbreitung der Tugendhaftigkeit und für die Verhinderung von Lastern", also der Religionspolizei.

Von Beginn an macht Wali klar, was Sara umtreibt: "Ein ­Leben nur nach dem eigenen Willen zu wählen". Dabei kommt ihr wieder und wieder ihr Onkel in die Quere, Scheich Jussuf al-Ahmad samt seiner Religionsbehörde. Eine arrangierte Ehe und lange Jahre in London lassen Sara auf Abstand zu Saudi-Arabien gehen. Doch seiner Rache entkommt der Scheich nicht. "Saras Stunde" ist ein Roman, der nicht nur den Ausbruch einer Frau aus unerträglichen Zuständen schildert, sondern auch dem Wandel im Machtgefüge Saudi-Arabiens gekonnt nachspürt. Der Irakkrieg und 9/11 verändern das Land, ohne am System zu rütteln. Das wiederum machen diese beiden unterschiedlichen Bücher umso mehr.

Najem Wali: Saras Stunde. Aus dem Arabischen von Markus Lemke. Hanser, München 2018. 352 Seiten, 23 Euro.

Kholoud Bariedah: Keine Träne für Allah. Aus dem ­Arabischen von Günther Orth. Knaur, München 2018. 320 Seiten, 16,99 Euro.

Buchtipps

Was ein schwarzes Leben zählt

Als #BlackLiveMatters ist die Wortkombination online schon lange bekannt, auf Facebook, Twitter und Instagram macht dieser Hashtag darauf aufmerksam, dass über Rassismus und (Polizei-)Gewalt gegen schwarze US-Amerikaner geschrieben und gesprochen wird. Patrisse Khan-Cullors heißt die Autorin des gleichnamigen Buches und die Schöpferin des Hashtags. Sie führte diesen ein, als der weiße Täter, der den unbewaffneten Jugendlichen Trayvon Martin ohne Not erschoss, im Jahr 2013 vor Gericht freigesprochen wurde. Für Khan-Cullors, die als politische Aktivistin und Künstlerin in Los Angeles lebt, ist das nur einer von vielen Fällen rassistischer Gewalt gegen Schwarze und doch ist er einer, der vieles verändert. Denn über Online-Netzwerke und Medien kann endlich eine große gesellschaftliche Aufmerksamkeit geweckt werden, die solche Morde von jeher verdient gehabt hätten. Khan-Cullors’ Buch reflektiert die eigene Diskriminierungserfahrung ebenso wie Solidarität, schildert Diversität in den Handlungsmöglichkeiten und enthält analytische Passagen zum Rassismus als Unterdrückung mit System. Leider wird auch viel Privates und Esoterisches ausgeplaudert, sodass kein Platz mehr bleibt für Anmerkungen und Fußnoten, die auf Studien und Analysen zum US-Rassismus verweisen könnten. Ein nur teilweise gelungenes Buch.

Patrisse Khan-Cullors: #Black Lives Matter. Eine Geschichte vom Überleben. Aus dem amerikanischen ­Englisch von Henriette Zeltner. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018. 288 Seiten, 20 Euro.

Poetischer Höllentrip

Endlich, 26 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung, liegt nun ein Roman auch auf Deutsch vor, der einen vergessenen, aber noch aktuellen politischen Konflikt ins Gedächtnis zurückholt: In Aka Morchiladzes "Reise nach Karabach" bricht der junge Georgier Gio nach Aserbaidschan auf, um Drogen zu besorgen, und landet dabei mitten im Kriegsgebiet Berg-­Karabach. Das Buch spielt im Jahr 1992, Armenien und Aserbaidschan liefern sich einen bewaffneten Konflikt um eine Region, die nach dem Zerfall der Sowjetunion von beiden Staaten beansprucht wird. Im Nachbarstaat Georgien, aus dem Gio kommt, herrschen zu jenem Zeitpunkt instabile ­politische Verhältnisse. Und so nimmt uns der georgische Schriftsteller und Journalist Morchiladze mit auf eine Reise in Zustände, die irgendwo zwischen Krieg, Zerfall, Milizen, Banditentum, Lösegelderpressung und dem geopolitischen Einfluss Russlands angesiedelt sind. "Reise nach Karabach" gehört zu den literarischen Klassikern Georgiens, es ist ein Buch, das seine Spannung aus dem Blick des anfangs von allem gelangweilten Gio bezieht, der plötzlich im Kriegsgebiet zurechtkommen muss und nach seiner Rückkehr zusammenbricht. Und es ist ein Buch, das der Trostlosigkeit junger Leute in Georgien literarisch Ausdruck verleiht: "Ich weiß nicht, wann wir uns je an etwas Schönes aus unserer Kindheit erinnert haben."

Aka Morchiladze: Reise nach Karabach. Aus dem ­Georgischen von Iunona Guruli. Weidle, Bonn 2018. 176 Seiten, 20 Euro.

Russischer Frauenkörper

Ein kleiner Roman über eine Mädchenfreundschaft am Stadtrand von Sankt Petersburg leistet, wozu manches Sachbuch nicht in der Lage ist: den Alltag junger Russinnen zwischen Perspektivlosigkeit, Armut, Freundschaft, Konkurrenz sowie Hoffnungen und Enttäuschungen auszuleuchten. Wlada Kolosowas Romandebüt "Fliegende Hunde" handelt von den Freundinnen Oksana und Lena, die als Kinder unzertrennlich sind und dann eigene Wege gehen müssen. Während es Lena als Model nach Shanghai verschlägt, bleibt Oksana in Russland. Bei beiden wird fortan ihr Umgang mit dem eigenen Körper im Mittelpunkt stehen. Lena erlebt die Ausbeutung von Models in China, Oksana gerät in schlechte Gesellschaft – in einem Online-Netzwerk für Magersüchtige, die sich an der Belagerung Leningrads durch die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg und der folgenden Hungersnot orientieren. Sehr präzise beschreibt Kolosowa, wie junge Russinnen über ihren Körper definiert werden, in welche gesellschaftlichen Rollen diese Körper eingeschrieben sind und wie schwierig es ist, sich gegen diese Anforderungen aufzulehnen. Dazu passt, dass das lesbische Verhältnis der beiden Protagonistinnen kein Thema in Gesprächen sein darf – nicht einmal bei ihnen selbst. Sie haben Sex, können aber nicht darüber reden. Wie wenig Wert der sexuellen und körperlichen Selbstbestimmung junger Frauen in Russland eingeräumt wird, das zeigt Kolosowas erhellender Roman eindrücklich.

Wlada Kolosowa: Fliegende Hunde. Ullstein, Berlin 2018. 224 Seiten, 20 Euro.

Jugend im Untergrund

Rafik Schamis autobiografischer Tagebuchroman "Eine Hand voller Sterne" erschien vor über 30 Jahren, wurde in mehr als 15 Sprachen übersetzt und gilt längst als Klassiker der Jugendliteratur. Ein Klassiker, der auch heute nichts an Aktualität verloren hat – wie Markus Köningers gleichnamige Version als Graphic Novel eindrucksvoll zeigt. In dynamischen, ganz in schwarz, weiß und ockergelb gehaltenen Bildern nimmt Köninger das Leben des jugendlichen Tagebuchschreibers in den Blick und stellt den Alltag im multikulturell geprägten Damaskus der späten 1950er und frühen 1960er Jahre in atmosphärisch dichten Bildern dar. Das Buch erzählt von der ersten Liebe, den Eltern, Freunden, Onkel Salim und dem Wunsch, Journalist zu werden. Aber auch politische Unterdrückung, Willkür, Bespitzelung und Angst gehören zum ­Alltag des Jugendlichen: Sein Vater und auch sein Mentor, der regierungskritische Journalist Habib, werden verhaftet und gefoltert. Der Widerstand, der mit der Jungenbande "Schwarze Hand" seinen Anfang nimmt und sich zunächst gegen Ungerechtigkeiten im privaten Umfeld richtet, wird immer politischer. Gemeinsam mit Habib schreiben, drucken und verteilen die Jugendlichen eine Untergrundzeitschrift, die weit über die Stadtgrenze von Damaskus hinaus für Aufsehen sorgt.

Rafik Schami, Markus Köninger: Eine Hand voller Sterne. Beltz & Gelberg, Weinheim 2018. 144 Seiten, 16,95 Euro. Ab 14 Jahren.

Mehr dazu