Ukrainische Kriegsgefangene: Abertausende Staatsgeheimnisse
Fast jeden Sonntag werden in den großen ukrainischen Städten Mahnwachen für Kriegsgefangene abgehalten (Tschernihiw, Mai 2025)
© Sitara Celina Rajh
Die Ukraine betrauert nicht nur Zehntausende Tote, die Bevölkerung bangt auch um viele Kriegsgefangene. Das sorgt für Spannung in der Gesellschaft. Angehörige kämpfen gegen das Vergessen, Zurückgekehrte mit Traumata.
Aus Odessa von Marco Zschieck
Der Sonntagnachmittag ist in Odessa auch mitten im Krieg die Zeit, um einen Spaziergang zu machen oder – falls es Strom gibt – ein Café in der Fußgängerzone zu besuchen. Im oberen Teil der leicht ansteigenden Straße Deribasivska haben aber einige Menschen um 14 Uhr etwas anderes vor: Dort treffen sich alle zwei Wochen Angehörige ukrainischer Soldat*innen, die in russische Kriegsgefangenschaft geraten sind.
Heute sind es gut 100 Menschen, die auf beiden Seiten der Straße am Bordstein stehen und an das Schicksal der Kriegsgefangenen erinnern. Sie haben Fahnen dabei, Transparente und Pappschilder mit Losungen. Manche halten ein Porträtfoto. Die Demonstrierenden gehören unterschiedlichen Altersgruppen an, manche haben Kinder mitgebracht. Auch ein paar Veteran*innen sind dabei, man sieht Arm- und Beinprothesen. Die Szene gleicht eher einer Mahnwache als einer Demonstration. Die meiste Zeit stehen die Menschen still da. Am Ende werden ein paar patriotische Lieder gespielt. Dann singen alle gemeinsam die Nationalhymne. Nur wenige Passant*innen bleiben stehen. Die meisten gehen rasch weiter.
"Ich versuche an jede Tür zu klopfen, damit er wieder freikommt"
Als sich die Teilnehmer*innen zerstreuen, hat Anna Zeit zu sprechen. Ihren vollen Namen will die 31-Jährige nicht nennen, denn sie hat Familie in den russisch besetzten Gebieten und möchte keinen Anlass für weitere Repressionen bieten. Anna ist bei den Treffen häufig dabei, aber nicht immer. Das treffe auf die meisten zu, sagt sie. "Wir müssen uns ja noch um den Alltag kümmern."
Anna hilft mit, die Mahnwachen zu organisieren. "Es ist wichtig zu zeigen, dass unsere Soldaten in der Gefangenschaft nicht vergessen sind", erklärt sie ihre Motivation. Außerdem tue es gut, andere zu treffen, die in einer ähnlichen Situation seien. "Jeder hier vermisst einen nahestehenden Menschen." Oft ist es der Vater, ein Bruder oder Partner. Bei Anna ist es ein enger Freund. "Er hat Mariupol verteidigt." Ein russisches Gericht habe ihn zu 25 Jahren Haft verurteilt. "Ich versuche an jede Tür zu klopfen, damit er wieder freikommt. Ich habe schon an die UNO geschrieben und an den Papst."
Mit der Reaktion der Passanten ist sie unzufrieden. "Ich wünsche mir, dass mehr Leute stehen bleiben und mit uns sprechen." Aber das tun die wenigsten. Vielleicht sei es für manche ein unangenehmes Thema, mit dem sie sich nicht belasten wollten. "Die Leute versuchen, ihre Augen zu verschließen." Aber sie will trotzdem weitermachen. Anna ist Psychologin. Sie betreut in einer Klinik Soldat*innen und Veteran*innen. Was mit den Kriegsgefangenen passiere, sei für die Ukraine wichtig, sagt sie. Denn es werde die Gesellschaft noch lange beschäftigen.
Folter und Hunger
Fast jeden Sonntag werden in den großen ukrainischen Städten solche Mahnwachen abgehalten. Ihr Motto lautet "Gefangenschaft tötet". Wie viele Ukrainer*innen sich in russischer Kriegsgefangenschaft befinden, ist unklar. Russland meldet Gefangene oft erst Monate später an das Internationale Komitee vom Roten Kreuz. Auch ukrainische Behörden veröffentlichen keine Zahlen zu eigenen Soldat*innen in Gefangenschaft: Staatsgeheimnis. Immerhin gab es seit 2025 einige Austausche nach Verhandlungen in Istanbul und Bern. Anfang März 2026 kehrten 500 kriegsgefangene Ukrainer*innen zurück. Einige davon waren vier Jahre in Gefangenschaft. Nach Angaben des ukrainischen Ombudsmanns für Menschenrechte, Dmytro Lubinez, sind insgesamt 6.922 Ukrainer*innen freigelassen worden.
Für Angehörige zieht das "Staatsgeheimnis" quälende Ungewissheit nach sich. Und in Fällen, in denen sie mehr über eine Gefangennahme erfahren, wächst ihre Sorge, denn Russland bricht systematisch die Regeln der Dritten Genfer Konvention zum Schutz von Kriegsgefangenen. Viele Rückkehrer*innen berichten über Folter und Hunger.
Für Mariya Lysyuk endete die Ungewissheit im August 2025: Ihr Verlobter Juan kam im Zuge eines Gefangenenaustauschs nach dreieinhalb Jahren zurück. Nun habe er eine Rehamaßnahme begonnen, sagt sie, denn er sei in russischer Gefangenschaft misshandelt worden. Er habe mehrere Gehirnerschütterungen erlitten und viel Gewicht verloren. Außerdem gebe es Probleme mit der Wirbelsäule, dem Magen und seinen Blutwerten.
Quälende Ungewissheit: Mariya Lysyuks Verlobter war lange in Kriegsgefangenschaft
© Marco Zschieck
Ihr Verlobter diente in der 36. Brigade der Marineinfanterie, die in der Hafenstadt Mykolayiv beheimatet ist, 100 Kilometer östlich von Odessa. Er war seit 2018 Berufssoldat, zuletzt als Unteroffizier. Ein Teil der Einheit war immer wieder für ein paar Monate in Mariupol stationiert. Als Russland 2022 angriff, sei ihr Verlobter dort gewesen und mit seiner Truppe eingekesselt worden. Nach Wochen des Widerstands kamen die Soldaten am 20. Mai 2022 in Gefangenschaft. "Am Morgen davor hat er mich ein letztes Mal angerufen", erinnert sie sich.
Mehr als eineinhalb Jahre habe er in verschiedenen Gefangenenlagern in der besetzten Ukraine verbracht. Dort seien die Bedingungen erträglich und das Essen in Ordnung gewesen. Das änderte sich im Dezember 2023, als er in das berüchtigte Gefängnis in Taganrog in der russischen Region Rostow verlegt wurde. "Nach seiner Freilassung hat er mir anfangs nicht viel erzählt", sagt sie. "Aber langsam öffnet er sich und erzählt, wie die Gefangenen dort geschlagen wurden." Im Herbst 2024 habe man ihn in die Region Perm im Ural gebracht. "Dort war es sehr hart. Sie mussten sechs Stunden im Freien in der Kälte stehen. Die Wachen wussten, wie man Menschen quält." Als er ausgetauscht wurde, habe er nur noch 52 Kilogramm gewogen, vor dem Krieg waren es 80 Kilo.
Auf Freilassung gedrängt
Während Juan in Gefangenschaft war, schloss sich Mariya Lysyuk einer Gruppe an, die sich um gefangene Marineinfanteristen kümmert. "Wir tauschten untereinander Informationen aus." Wenn Soldat*innen aus der russischen Gefangenschaft zurückkehren, warten oft auch viele Angehörige anderer Soldat*innen auf sie. Denn die Freigelassenen bringen häufig Lebenszeichen von anderen mit, die noch in Gefangenschaft sind. Nur selten können die Angehörigen direkten Kontakt zu den Inhaftierten aufnehmen. "Wir haben Juan Briefe geschrieben, aber er hat sie nie bekommen", berichtet Lysyuk. Die Ungewissheit habe sie sehr belastet. Hinzu kam, dass die offizielle Kommunikation über die Eltern ihres Verlobten erfolgen musste. "Seine Mutter musste ihn vermisst melden und eine DNA-Probe abgeben." Sie und die Eltern hätten die ganze Zeit über versucht, bei verschiedenen Behörden etwas über Juan herauszufinden und auf seine Freilassung zu drängen. "Bei den ersten Austauschen habe ich mich sehr gefreut, aber je länger es dauerte, umso schwerer konnte ich es ertragen, dass er nie dabei war." Bevor er tatsächlich ausgetauscht worden sei, habe sie vier Monate lang gar keine Informationen erhalten.
Keine Gefangenen gemacht
Das Center for Civil Liberties, das 2022 zusammen mit Ales Bialiatski und Memorial den Friedensnobelpreis erhielt, zählt zu den Organisationen, die sich um das Schicksal der Kriegsgefangenen kümmern. Dort arbeitet der Politologe Mykhailo Savva. "Physische und psychische Gewalt gegen ukrainische Kriegsgefangene und Zivilisten, denen die Freiheit unrechtmäßig entzogen wurde, ist systematische Staatspolitik Russlands", sagt er. "Alle Kriegsgefangenen wurden grausam behandelt." So sei beispielsweise das Einsperren in Zellen gemäß Genfer Konvention verboten, aber gängige Praxis.
Solche Verbrechen zu ahnden, sei allerdings kaum möglich. Zwar leiten ukrainische Strafverfolgungsbehörden Verfahren ein, doch an die Tatverdächtigen kommen sie in der Regel nicht heran. Der Internationale Strafgerichtshof, der wegen der Verschleppung ukrainischer Kinder einen Haftbefehl gegen Russlands Präsident Wladimir Putin erließ, hat bisher trotz zahlreicher Hinweise aus der Ukraine kein Verfahren gegen Täter*innen aus Russland wegen der Misshandlung ukrainischer Kriegsgefangener eingeleitet. Immerhin: "Gegen einzelne russische Straftäter gab es Sanktionen", sagt Savva. So sanktioniere die EU den Leiter und weitere Mitarbeiter der Untersuchungshaftanstalt Taganrog wegen der Misshandlung von Kriegsgefangenen.
Amnesty-Studie "Ohrenbetäubendes Schweigen"
Häufig machen russische Truppen keine Gefangenen. Von Drohnen aufgenommene Videos zeigen, wie ukrainische Soldat*innen erschossen wurden, nachdem sie sich ergeben hatten. 2025 meldete die UN-Mission zur Überwachung der Menschenrechte in der Ukraine, Berichte über Hinrichtungen ukrainischer Soldat*innen, die von russischen Streitkräften gefangen genommen wurden, hätten stark zugenommen. "Dass keine Gnade gewährt wird, ist ein schwerwiegender Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht und ein Kriegsverbrechen", sagte Danielle Bell, die Leiterin der Mission.
Im März 2025 stellte Amnesty International die Studie "Ohrenbetäubendes Schweigen. Erzwungenes Verschwindenlassen, Isolationshaft und Folter ukrainischer Gefangener durch Russland" in Kyjiw vor. Die Ergebnisse seien für viele Ukrainer*innen nicht überraschend, wohl aber für die internationale Gemeinschaft, sagte Veronika Welch, die Direktorin von Amnesty in der Ukraine bei der Vorstellung. Der auf 104 Interviews beruhende Bericht stellt fest, dass Tausende Ukrainer*innen, sowohl Kriegsgefangene als auch Zivilpersonen, in Russland und in den von Russland besetzten Gebieten gefangen sind. "Die meisten ukrainischen Kriegsgefangenen werden ohne Kontakt zur Außenwelt festgehalten, ihre Familien erhalten kaum Informationen über ihr Schicksal, ihren Status oder ihren Aufenthaltsort", heißt es darin. Eine Petition von Amnesty fordert die russischen Behörden auf, die Misshandlungen ukrainischer Kriegsgefangener zu beenden.
Marco Zschieck ist Journalist. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.