Aktuell Iran 01. März 2021

Interview mit Tochter der inhaftierten Nahid Taghavi: "Es ist ein Horrortrip!"

Porträtbild der Deutsch-Iranerin Nahid Taghavi, sie sitzt auf einem Sessel, mit Brille,schaut in die Kamera

Nahid Taghavi befindet sich seit dem 16. Oktober 2020 im Iran in Haft.

Die Deutsch-Iranerin Nahid Taghavi befindet sich seit Oktober 2020 im Iran in Isolationshaft – ohne Anklage und Kontakt zu einem Rechtsbeistand. Ihre Tochter Mariam Claren kämpft seitdem für ihre Freilassung. Amnesty unterstützt sie dabei und hat für ihre Mutter eine Appell-Aktion gestartet. Von der deutschen Bundesregierung fordert Mariam Claren ein entschlosseneres Vorgehen gegenüber den iranischen Behörden.

Ihre Mutter Nahid Taghavi wurde am 16. Oktober 2020 in ihrer Wohnung in Teheran festgenommen. Haben Sie seitdem mit ihr gesprochen? 

Nein, das letzte Mal haben wir am Vormittag des 16. Oktober 2020 telefoniert. Es war ein total banales Gespräch über einen persischen Eintopf und die Zutaten, die man dafür braucht. Sie sagte zu mir, lass uns morgen darüber sprechen, wenn du alle Zutaten besorgt hast. Nach diesem Telefonat brach der Kontakt ab.

Wie haben Sie von ihrer Festnahme erfahren?

Porträtbild von Mariam Claren, mit Schal, vor einer Wand mit Plakaten, die die Freilassung ihrer Mutter fordern

Mariam Claren, Tochter von Nahid Taghavi

Meine Mutter hat einen deutschen und einen iranischen Pass. Wenn sie in den Iran reist, schicken wir uns regelmäßig Sprach- oder Whats-App-Nachrichten. Nach unserem Telefonat erhielt ich keine Antwort mehr, auch am nächsten Tag nicht. Ich wurde nervös, weil sie kurz zuvor operiert wurde. Deswegen bat ich ihre Brüder, die im Iran leben, in der Wohnung in Teheran nachzuschauen. Dort erwartete sie ein komplettes Chaos: Die Regale waren umgeschmissen, Teppiche rausgerissen, alle Unterlagen waren weg. Die Nachbarin sagte, dass Sicherheitsbeamte meine Mutter abgeholt hätten, mit dem Krankenwagen, um kein Aufsehen zu erregen. Später erfuhren wir, dass sie in das berüchtigte Evin-Gefängnis gebracht wurde. Dort sitzt sie seitdem in Isolationshaft, offenbar wegen „Gefährdung der Sicherheit“. Ob sie wegen ihrer politischen Meinung oder der Tatsache, dass sie zwei Pässe besitzt, in das Visier der Behörden geriet, ist völlig unklar. Sicher ist, dass sie eine politische Gefangene ist.

Wissen Sie, wie es Ihrer Mutter geht?

Ihr geht es nicht besonders gut. Sie ist 66 Jahre alt, ist in Haft an Diabetes erkrankt und leidet unter Bluthochdruck. Mittlerweile kann sie zumindest einmal pro Woche mit ihrem Bruder telefonieren. Es gab aber auch Zeiten, da hörten wir wochenlang nichts von ihr. Ich hoffe, dass sie nicht auf die perfiden Tricks und falschen Versprechungen der Sicherheitsbeamten hereinfällt. Mal wird ihr versprochen, sie käme mittels Kaution frei, dann wiederum soll es ein Gerichtsverfahren geben. Über eine offizielle Anklage wissen wir immer noch nichts. Dann erfuhren wir vor kurzem, dass ihr Anwalt abgelehnt wurde. Stattdessen soll meine Mutter nun einen Anwalt auswählen, dem "das Justizministerium vertraut". Das ist doch absurd. Seit mehr als vier Monaten hat sie keinen Rechtsbeistand. Dass ihr Verfahren nicht fair ablaufen wird, ist offensichtlich.

Was hat sich in Ihrem Leben seit der Festnahme verändert?

Es ist ein Horrortrip. Man kann sich der Angst, der Ungewissheit, nicht entziehen. Nicht nur muss man von heute auf morgen verstehen, wie das Rechtssystem im Iran funktioniert. Hinzukommen die ständigen Zweifel: Wird genug über meine Mutter berichtet? Gerät ihr Fall in Vergessenheit? Habe ich wirklich alles dafür getan, dass sie freikommt? Wir reden von einem Staat, der Menschen- und Frauenrechte systematisch verletzt. Und genau dort ist meine Mutter eine politische Gefangene. 

Wissen Sie ob Ihr Engagement bei den Behörden im Iran wahrgenommen wird?

Ja, das wird es. Jedes Mal, wenn ich mich öffentlich über meine Mutter geäußert habe, weil ich beispielsweise befürchte, dass sie gefoltert werden könnte, durfte sie einen Anruf tätigen. Die Behörden haben sich auch schon direkt bei meinem Onkel beschwert. Dass es eine Unverschämtheit von mir sei, überhaupt das Thema Menschenrechtsverletzungen im Iran in den Mund zu nehmen. Die Behörden beobachten das sehr genau. 

Was fordern Sie von der iranischen bzw. deutschen Regierung?

Von der deutschen Bundesregierung erwarte ich, dass sie entschlossener gegen eine solche offensichtliche Willkür und Verletzung von Menschenrechten vorgeht und sich für die Freilassung meiner Mutter einsetzt. Vom 1. bis 3. März 2021 findet das "Europa-Iran Business Forum" statt, bei dem unter anderem der deutsche Botschafter anwesend sein wird. Wissen Sie, welches Signal eine solche Business-Konferenz an Menschen wie uns sendet, deren Familienmitglieder im Iran als politische Gefangene inhaftiert sind? Es ist ein Schlag ins Gesicht.  

 

Fragen: Ralf Rebmann

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