Libanon: Israel weitet "Evakuierungsbefehle" drastisch aus – und begeht damit ein Kriegsverbrechen
Menschen stehen zwischen den Überresten des historischen Markts der südlibanesischen Stadt Nabatäa, der durch israelische Angriffe zerstört wurde (15. Juni 2026).
© MAHMOUD ZAYYAT / AFP via Getty Images
Es ist 4:04 Uhr morgens am 2. März 2026, als der Räumungsbefehl die Gemeinde Chaqra sowie 52 weitere Dörfer im Südlibanon erreicht. Als Hala* bei Tageslicht in Chaqra aufbricht, ist ihre Nachbarschaft längst leer. Alle sind vor ihr geflohen. Für die Fahrt ins rund zweieinhalb Stunden entfernte Beirut wird sie 24 Stunden brauchen.
Halas Flucht ist kein Einzelfall. Immer wieder ordnet das israelische Militär großräumige "Evakuierungen" für Teile des Südlibanon an und verbietet den Menschen danach die Rückkehr. So hat es Hunderttausende im Libanon vertrieben und in Angst versetzt – ein klarer Bruch des humanitären Völkerrechts.
Was hat Amnesty untersucht?
Amnesty International hat israelische Militäranordnungen seit 2024 ausgewertet, Vertriebene aus den sogenannten "No-Return-Gebieten" befragt und öffentlich zugängliche Quellen analysiert. Das Ergebnis:
2026 hat das israelische Militär die Massenvertreibungen im Libanon deutlich ausgeweitet. Immer mehr Menschen sind immer häufiger von großflächigen, rechtswidrigen "Evakuierungsbefehlen" betroffen. Zugleich zerstört Israel weiter Wohnhäuser und zivile Infrastruktur und entvölkert große Teile des Südlibanons.
Schon in den ersten 48 Stunden der militärischen Eskalation 2026 erließ das israelische Militär seinen bis dahin größten "Evakuierungsbefehl": Er galt für das gesamte Gebiet südlich des Litani-Flusses – rund 8,5 Prozent des Landes. Wenige Tage später folgte ein noch größerer Befehl für das Gebiet südlich des Zahrani-Flusses. Dort leben etwa 800.000 Menschen, das sind rund 10 Prozent des Libanon.
Libanon: Massen-"Evakuierungen" durch das israelische Militär
Das humanitäre Völkerrecht verbietet es streng, Zivilpersonen zu vertreiben. Eine Evakuierung darf nur vorübergehend sein und muss unter sicheren, menschenwürdigen Bedingungen ablaufen. Sobald die Kämpfe enden, müssen die Menschen zurückkehren dürfen. Geschieht das nicht, ist es eine Zwangsumsiedlung. Sie verstößt schwer gegen Artikel 147 der Vierten Genfer Konvention und gilt als Kriegsverbrechen.
Auf Nachfrage von Amnesty International bestritt das israelische Militär, "Evakuierungsbefehle" erteilt zu haben. Es habe lediglich "Vorwarnungen an die Zivilbevölkerung" ausgesprochen – keine "Befehle", sondern "Empfehlungen".
Wie hat Amnesty recherchiert?
- Im März und April 2026 sprach Amnesty International mit 19 Zeug*innen: 18 von ihnen kamen aus Gebieten mit "Evakuierungsbefehl", hinzu kam ein Mitarbeiter einer Hilfsorganisation. Zwölf der Betroffenen waren weiterhin vertrieben, neun davon aus Dörfern mit Rückkehrverbot.
- Das "Evidence Lab" von Amnesty wertete 447 Anordnungen aus, die der arabischsprachige Sprecher des israelischen Militärs zwischen dem 23. September 2024 und dem 31. Mai 2026 auf seinem X-Account veröffentlichte.
- Darunter waren: 215 ortsbezogene Vorwarnungen, 36 großräumige "Evakuierungsbefehle" aus dem Jahr 2024, 135 großräumige "Evakuierungsbefehle" aus dem Jahr 2026 und 61 Rückkehrverbote.
Rückkehr unter Lebensgefahr
Eine Rückkehr ist für die Betroffenen lebensgefährlich. Zwischen November 2024 und Februar 2025 tötete das israelische Militär nach Angaben des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte (OHCHR) mindestens 81 Zivilist*innen und verletzte 120 weitere – sie alle hatten versucht, ihre Dörfer im Süden zu erreichen.
Auch Hala besuchte am 20. April 2026 kurz ihr Haus, um einige Kleidungsstücke abzuholen, bevor sie nach Beirut zurückkehrte. Acht Tage später erließ das israelische Militär einen weiteren Massen-"Evakuierungsbefehl", der das gesamte Gebiet von Chaqra umfasste. Sie sagte Amnesty International:
In meinem Dorf ist nicht mehr viel Leben. Die meisten Menschen, die [nach dem Waffenstillstand] zurückgekehrt waren, sind bereits wieder fortgegangen.
Auch der Bericht von Salma* verdeutlich die ständige Gefahr durch weitere israelische Angriffe. Sie kehrte nach Kfar Kila zurück, um ihre Großmutter zu beerdigen:
Sie gaben uns 10 Minuten … Die [israelische] Drohne schwebte über uns … Du reißt dich zusammen und gehst, du weinst 10 Minuten lang und gehst dann, alle auf der Straße, die sie vorgeben.
Am 30. März 2026 erfuhr Salma aus den Nachrichten, dass der alte Friedhof, auf dem viele ihrer Angehörigen begraben sind, mit einem Bulldozer zerstört worden war.
Forderungen von Amnesty
Die Lage bleibt akut. Anfang Juni 2026 waren nach Angaben des libanesischen Sozialministeriums noch immer mehr als eine Million Menschen vertrieben. Rund 64.000 von ihnen konnten schon nach dem Waffenstillstand von 2024 nicht zurück.
Seit der erneuten Eskalation der Kampfhandlungen zwischen Israel und der Hisbollah am 2. März 2026 wurden bis zum 12. Juni mehr als 3.700 Menschen im Libanon getötet. Und trotz mehrerer Waffenstillstandserklärungen gehen die Kämpfe weiter. Israel fliegt Luftangriffe im ganzen Land, die Hisbollah feuert Raketen und Drohnen ab.
Die internationale Gemeinschaft muss endlich handeln. Wir fordern die Staaten auf:
- auf einen dauerhaften und nachhaltigen Waffenstillstand zu drängen,
- das israelische Militär zum Rückzug aus libanesischem Gebiet zu zwingen,
- nationale und internationale Mechanismen zur Rechenschaftspflicht und Gerechtigkeit zu aktivieren,
- und alle Lieferungen von Waffen und militärischer Ausrüstung an Israel auszusetzen, die Verstöße gegen das Völkerrecht begünstigen würden.
*Name geändert
Der vollständige Bericht steht in englischer Sprache auf www.amnesty.org zur Verfügung.