Zwangsverheiratung in Afghanistan: Wie ein neues Taliban-Gesetz Kinderehen zementiert
Protestaktion in London für Frauenrechte in Afghanistan am 14. Januar 2023
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Mit dem Dekret Nr. 18 haben die De-facto-Behörden der Taliban in Afghanistan im Mai 2026 ein Gesetz erlassen, das Kinderehen rechtlich verankert und Mädchen den Ausweg aus Zwangsehen nahezu unmöglich macht. Diese Institutionalisierung der Zwangsverheiratung von Kindern ist ein schwerwiegender Verstoß gegen die Menschenrechte. Die internationale Gemeinschaft muss Druck aufbauen, damit die Taliban das Gesetz zurücknehmen.
Nazi Gul, 50, aus der afghanischen Provinz Uruzgan, ist seit dem Tod ihres Mannes vor sieben Jahren Alleinverdienerin. Um ihre Familie zu ernähren, verheiratete sie ihre siebenjährige Tochter – für 40.000 Afghani, knapp 450 US-Dollar. Das Mädchen verstand nicht, was das bedeutete: Beim ersten Besuch bei der Familie des Mannes weinte sie noch nicht. Beim zweiten brach sie in Tränen aus. Zur Schule geht sie seither nicht mehr.
Schilderungen wie diese hat Amnesty International 2022 in einem ausführlichen Bericht über die Situation von Frauen und Mädchen in Afghanistan dokumentiert. Zwangsehen von Kindern sind in Afghanistan längst keine Ausnahme mehr. Ein neues Gesetz der Taliban zementiert sie nun rechtlich.
Das neue Gesetz macht Kinderehen zur Regel
Am 14. Mai 2026 veröffentlichten die Taliban das Dekret Nr. 18, das "Gesetz über die gerichtliche Trennung von Ehepartnern". Es regelt, wann Frauen und Mädchen die Trennung von ihren Ehemännern beantragen dürfen. Tatsächlich bewirkt es das Gegenteil von Schutz: Es hält "Ehen" aufrecht, die im Kindesalter arrangiert wurden, und erschwert es Frauen und Mädchen massiv, solche Verbindungen anzufechten oder sich aus ihnen zu lösen.
Amnesty International hat das Gesetz rechtlich analysiert. Das Ergebnis ist eindeutig. "Durch die Bestimmungen dieses Gesetzes wird die Zwangsverheiratung von Kindern insgesamt institutionalisiert und normalisiert", sagt Isabelle Lassee, stellvertretende Regionaldirektorin für Südasien bei Amnesty International.
Demonstrierende afghanische Frauen in Kabul werden von Taliban-Kämpfern gestoppt (8. September 2021).
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Eine Zwangsheirat ist eine Menschenrechtsverletzung
Das Gesetz nimmt Frauen und Mädchen ihre Selbstbestimmung. Vier Punkte sind besonders gefährlich:
- Schweigen gilt als Ja. Sagt ein Mädchen nach Beginn der Pubertät nichts, wird das bereits als Zustimmung zur "Ehe" gewertet. Wer aus Angst schweigt, wird so zur "Einwilligenden" gemacht.
- Männer entscheiden. Väter und Großväter erhalten weitreichende Macht, "Ehen" zu arrangieren – teils gelten sogar solche Verheiratungen als gültig, die entferntere Verwandte vermittelt haben.
- Kaum ein Ausweg für Mädchen. Mädchen, die ihre Verheiratung anfechten wollen, können das erst nach der Pubertät und brauchen dafür eine gerichtliche Genehmigung.
- Ein niedrigschwelliger Ausweg für Männer. Männer können eine "Ehe" dagegen meist allein auflösen: ohne Zeug*innen, ohne Gericht und ohne aufwendiges Verfahren.
Das Dekret verstößt damit gegen internationale Menschenrechtsstandards, die vor Kinder- und Zwangsehen schützen und eine klare, freiwillige und beidseitige Zustimmung zur Ehe verlangen.
"Ein offen frauenfeindliches Gesetz"
Amnesty hat mit fünf Expert*innen für afghanisches Recht gesprochen. Najla Rahil, Vizepräsidentin der Unabhängigen Vereinigung von Strafverteidiger*innen im Exil, nennt das Dekret "ein offen frauenfeindliches Gesetz, das die Grundrechte von Frauen schwerwiegend verletzt".
Es schränke die freie Wahl des Ehepartners ein und lege Entscheidungen über die Ehe allein in die Hände der Männer. Ein*e weitere*r Strafverteidiger*in, die/der anonym bleiben möchte, ergänzt: Die Taliban hätten erneut bewiesen, dass sie Freiheiten einschränken, Grundrechte untergraben und patriarchale Strukturen festigen wollen.
Kinderehen schon lange auf dem Vormarsch
Schon vor der Machtübernahme der Taliban gehörten die Zahlen zu Kinder- und Zwangsehen in Afghanistan bereits zu den höchsten der Welt, wie Amnesty in dem Bericht von 2022 feststellte: Rund 28 Prozent der Frauen zwischen 15 und 49 Jahren waren schon vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet.
Seit August 2021 hat sich die Lage dramatisch verschlechtert. Stephanie Sinclair von der Organisation Too Young to Wed nannte die Situation einen "perfekten Sturm" für Kinderehen: ein patriarchales Regime, Krieg, Armut, Dürre – und Mädchen, die nicht mehr zur Schule dürfen.
Wie der Schutz verschwand
Vor August 2021 lag das gesetzliche Heiratsalter für Mädchen in Afghanistan bei 16 Jahren. Eheschließungen mit Mädchen unter 15 Jahren waren strafbar. Es gab Familiengerichte, Sondereinheiten der Staatsanwaltschaft und eine eigene Kommission gegen Gewalt an Frauen und gegen Zwangsverheiratung von Kindern. Dieser Schutz war oft lückenhaft – aber er existierte.
Die Taliban schafften diese Strukturen komplett ab. Nach ihrer Machtübernahme brach die Justiz zusammen. Im November 2022 ordnete der Oberste Führer der Taliban die vollständige Umsetzung der Scharia an. Seitdem haben die Taliban laut Medienberichten, die sich auf UN-Angaben stützen, über 470 Dekrete und Anordnungen erlassen – 79 davon richten sich gezielt gegen Frauen und Mädchen.
Warum Familien ihre Töchter zwangsverheiraten
Die Gründe für Zwangsverheiratungen sind vielfältig. Viele davon gehen direkt auf die Politik der Taliban zurück.
Armut und Hunger:
Im April 2022 hatten laut UN rund 95 Prozent der Bevölkerung nicht genug zu essen. Für viele Familien ist der "Brautpreis" der letzte Ausweg. Momin, 35, aus der Provinz Badghis, sollte seine siebenjährige Tochter Najla für 120.000 Afghani (rund 1.350 US-Dollar) an einen 40-jährigen Mann verheiraten, um hohe Schulden zu begleichen.
Eine Hilfsorganisation konnte dies im letzten Moment durch finanzielle Hilfe verhindern. Doch Momin musste das gesamte Geld sofort nutzen, um seine Gläubiger auszuzahlen, und steht nun erneut völlig ohne Mittel da. "Ich kenne zehn Leute, die ihre Töchter verkauft haben, um ihre anderen Kinder zu ernähren", sagte er.
Keine Schule, keine Zukunft:
Weil Mädchen keine weiterführende Schule mehr besuchen dürfen, sehen viele Familien keinen Sinn mehr darin, sie unverheiratet zu lassen. Karima, 17, aus der Provinz Ghor, wollte Hebamme werden. Als die Schulen schlossen, zwang ihr Vater sie zur "Ehe" mit einem 21-Jährigen. "Rund 20 Mädchen aus meiner Klasse sind in derselben Lage", erzählte sie.
Angst vor den Taliban:
Manche Familien verheiraten ihre Töchter schnell, damit kein Taliban-Kämpfer sie mit Gewalt "zur Frau nimmt". Andere geben dem Druck der Taliban direkt nach. Nastaran aus der Provinz Takhar musste ihre 15-jährige Tochter im August 2021 an ein Mitglied der Taliban geben. "Wir haben das Recht, eure Tochter zu nehmen", sagte der Mann. Seit sieben Monaten hat die Mutter nichts mehr von ihrer Tochter gehört.
Mädchen in einer Grundschule in der afghanischen Stadt Kandahar am 7. September 2025
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Wenn es kein Zurück gibt
Wie ausweglos diese "Ehen" sein können, zeigt die Geschichte von Marzia, 19. Sie sollte Ende 2021 einen Taliban-Kämpfer heiraten. Als sie sich weigerte, schlugen Vater und Bruder sie regelmäßig. Aus Verzweiflung versuchte sie, sich das Leben zu nehmen; später übergoss ihr Vater sie mit kochendem Wasser. Sie floh damals in ein geheimes Schutzhaus. "Ich bin jetzt frei", sagte sie. "Aber innerlich bin ich nicht frei. Ich kann meine Vergangenheit nicht vergessen."
Ein offizielles System von Schutzhäusern gibt es in Afghanistan inzwischen nicht mehr. Mit der Machtübernahme der Taliban ist das ehemals landesweite Netzwerk an Schutzhäusern und Hilfseinrichtungen für gewaltbetroffene Frauen komplett zusammengebrochen.
Was Amnesty International fordert
Amnesty ruft die internationale Gemeinschaft auf, sofort zu handeln. Sie soll diplomatischen Druck ausüben und die De-facto-Behörden der Taliban dazu drängen, alle drakonischen Gesetze und Vorschriften, die die Rechte von Mädchen und Frauen unterminieren, zurückzunehmen. Außerdem fordern wir, ein geordnetes Rechtssystem wiederherzustellen und die Menschenrechte sowie die Rechtsstaatlichkeit in Afghanistan zu schützen.