Aktuell Afghanistan 15. August 2025

Afghanistan unter der Taliban-Herrschaft: Willkür und Straflosigkeit vier Jahre nach der Machtergreifung

Mit Sturmgewehren bewaffnete Männer, die teilweise maskiert sind, stehen vor einer Menge von Schaulustigen.

Sicherheitskräfte der Taliban stehen in der Stadt Tscharikar in der Provinz Parwan in einem Fußballstadion Wache bei einer öffentlichen Auspeitschung (8. Dezember 2022).

Am 15. August 2021 übernahmen die Taliban die Macht in Afghanistan. Seitdem hat sich die Menschenrechtssituation dramatisch verschlechtert. Ein zentraler Grund dafür ist die Abschaffung des regelbasierten Rechtssystems durch die Taliban. An dessen Stelle trat ein System der Willkür, geprägt von Straflosigkeit, unfairen Verfahren und grausamen Strafen wie öffentlichen Auspeitschungen und anderen Formen von Folter. Besonders betroffen sind Frauen und Mädchen, die jetzt nahezu völlig entrechtet leben müssen.

In Afghanistan droht Menschen, die Musik hören, die Auspeitschung. Frauen werden verhört, wenn sie nicht vollständig verhüllt sind. Solche Körperstrafen und Repressionen sind seit der Machtergreifung durch die Taliban keine Seltenheit mehr. Darüber hinaus haben Frauen und Mädchen in Afghanistan kaum Zugang zur Gesundheitsversorgung und dürfen keine weiterführenden Schulen oder Hochschulen besuchen. Sie sind verschiedenen Formen geschlechtsspezifischer Gewalt ausgesetzt, die weder bekämpft noch strafrechtlich verfolgt werden.

Ein Grund für diese Straflosigkeit ist, dass die Taliban im Jahr 2021 das bestehende Rechtssystem abgeschafft haben. Ersetzt wurde es durch ein religiös bestimmtes System, das auf der strengen Auslegung der islamischen Scharia durch die Taliban basiert.  

"Was nach vier Jahren unter den Taliban bleibt, ist eine zutiefst undurchsichtige, von Zwang geprägte Rechtsordnung, die Gehorsam über Rechte und Schweigen über Wahrheit stellt", sagt Samira Hamidi, Campaignerin für die Region Südasien bei Amnesty International. 

Unter den Taliban werden Gerichtsverfahren üblicherweise von einem einzigen Richter (Qazi) geleitet. Er wird von einem religiösen Rechtsexperten (Mufti) unterstützt. Dieser berät ihn auf der Grundlage seiner persönlichen Auslegung religiöser Texte bei der Verkündung religiöser Urteile (Fatwas). 

"Das Justizsystem der Taliban führt zu einem eklatanten Scheitern der Rechtsstaatlichkeit. Nicht nur, dass sich dieses Justizsystem von internationalen Menschenrechtsstandards entfernt hat: Es hat auch fast zwei Jahrzehnte Fortschritt zunichte gemacht", so Hamidi.

Inkonsistenz, Willkür und Straflosigkeit – das Justizsystem der Taliban 

Das JRechtssystem der Taliban ist geprägt von: 

  • Inkonsistenz, weit verbreiteter Straflosigkeit und fehlender Rechenschaftspflicht
  • willkürlicher, unfairer und nicht öffentlicher Gerichtsverfahren
  • persönlicher Voreingenommenheit bei der Verhängung von Strafen
  • grausamen Strafen wie öffentlichen Auspeitschungen und anderen Formen von Folter und Misshandlung
Demonstrierende Frauen und Mädchen auf einer Straße. Sie tragen Kopftücher und halten Schilder hoch.

Wie sah das Rechtssystem vor der Machtergreifung der Taliban aus? 

Bis August 2021 beruhten afghanische Gesetze auf einer schriftlichen Verfassung. Grundlage waren Reformen von 2001, die zu einigen Verbesserungen im Land geführt hatten.  

  • Die Gesetze wurden von gewählten legislativen Gremien verabschiedet
  • Gerichte arbeiteten auf verschiedenen Ebenen (Gerichte erster Instanz, Berufungsgerichte und der Oberste Gerichtshof)
  • Gerichte wurden von unabhängigen Staatsanwaltschaften und Strukturen zur Rechtsverteidigung unterstützt
  • Gerichtsentscheidungen wurden in der Regel dokumentiert, konnten angefochten werden und unterlagen der öffentlichen Kontrolle
  • Frauen arbeiteten als Richterinnen, Staatsanwältinnen und Anwältinnen

Unter den Taliban kann ein und dasselbe Verbrechen zu zwei völlig verschiedenen Urteilen führen 

Im Gespräch mit Amnesty International erläutert ein ehemaliger Richter in Afghanistan die großen Unterschiede in den Urteilen, die auf die Verwendung unterschiedlicher Auslegungen islamischen Rechts (Fiqh) und der Rechtswissenschaft zurückzuführen sind. "In einigen Bezirken beruhen die Urteile auf Bada’i al-Sana’i, in anderen auf Fatawa-i Qazi Khan. Ein und dasselbe Verbrechen kann zu zwei völlig verschiedenen Urteilen führen." Bei einer Strafanzeige wegen Diebstahls können die Strafen je nach Auslegung von der öffentlichen Auspeitschung bis zu einer kurzen Haft reichen. 

Diese fehlende rechtliche Einheitlichkeit hat zu einem unsicheren, unvorhersehbaren und willkürlichen System geführt. Ein ehemaliger Staatsanwalt berichtet, an einigen ländlichen afghanischen Gerichten würden Richter während der Verhandlungen in religiösen Texten blättern, um geeignete Referenzen zu finden. Dies führt zu langen Verzögerungen und uneinheitlichen Urteilen. Das Fehlen festgeschriebener nationaler Gesetze hat Bürger*innen wie Jurist*innen jegliche Klarheit und Sicherheit hinsichtlich ihrer Rechte und Pflichten genommen.

Drei vermummte, bewaffnete Männer in einem Bergdorf, im Vordergrund eine Frau in Burka

Drei bewaffnete Taliban hinter einer Frau mit Burka in Baharak in der afghanischen Provinz Badachschan im Februar 2024

Afghanische Richterinnen und Staatsanwältinnen mussten sich verstecken oder sind im Exil 

Vor der Machtübernahme waren Frauen aktiv als Richterinnen, Staatsanwältinnen und Anwältinnen tätig. Ihr Anteil in der Justiz lag bei acht bis zehn Prozent, und fast 1.500 Frauen waren als Anwältinnen und Rechtsverteidigerinnen bei der unabhängigen afghanischen Anwaltskammer AIBA registriert. Sie stellten damit etwa ein Viertel aller Mitglieder. Mittlerweile waren die meisten von ihnen gezwungen, sich zu verstecken oder ins Exil zu fliehen, nachdem sie nach der Machtübernahme der Taliban aus ihren Beschäftigungen entlassen wurden. 

In Gerichten der Taliban wird die Stimme einer Frau nicht gehört - nicht, weil sie nichts zu sagen hätte, sondern weil niemand mehr da ist, der sie hören könnte.

Zitat einer ehemaligen Richterin

Institutionen, die einst dem Schutz der Frauenrechte dienten, wie Familiengerichte, Jugendstrafrechtsabteilungen und Abteilungen für Gewalt gegen Frauen, wurden aufgelöst. Jetzt haben Frauen fast keinen Zugang mehr zur Justiz oder einem wirksamen Rechtsbehelf. Eine ehemalige Richterin formulierte es so: "In Gerichten der Taliban wird die Stimme einer Frau nicht gehört, nicht, weil sie nichts zu sagen hätte, sondern weil niemand mehr da ist, der sie hören könnte."

Geheime Gerichtsverfahren, willkürliche Inhaftierungen, "verschwundene" Beschuldigte 

Wie gefährlich die Lage im Land ist, beschreibt eine ehemalige Richterin, die an einem Familiengericht in Kabul tätig war und jetzt im Exil lebt: "Es gibt keine richterliche Unabhängigkeit, keine fairen Gerichtsverfahren und keinen Zugang zu Strafverteidiger*innen. Wir hatten ein auf Regeln basierendes Rechtssystem geschaffen, aber [die Taliban] haben es über Nacht in etwas Beängstigendes und Unvorhersehbares verwandelt." 

Unter den Taliban finden Gerichtsverfahren häufig im Geheimen statt. Es gibt keine öffentliche Kontrolle, und rechtliche Entscheidungen werden weder dokumentiert noch erläutert. Menschen werden ohne Haftbefehl festgenommen, ohne Prozess inhaftiert und sind in einigen Fällen einfach "verschwunden". Ein ehemaliger Staatsanwalt meinte: "Bis August 2021 mussten wir jede Festnahme mit Dokumenten und Ermittlungen begründen, aber jetzt kann jemand einfach wegen seiner Kleidung oder einer Meinungsäußerung mitgenommen werden, und niemand fragt nach dem Grund." 

Urteile, die ohne fairen Prozess oder ordnungsgemäße rechtliche Überprüfung gefällt werden, führen oft zu öffentlichen Bestrafungen. Dazu gehören Auspeitschungen und Hinrichtungen, die auf öffentlichen Plätzen und in Sportstadien vollstreckt werden. Dieses Vorgehen verstößt gegen das Recht auf Würde und Schutz vor Folter und außergerichtlichen Hinrichtungen.  

"Das Justizsystem der Taliban untergräbt grundlegende Prinzipien der Fairness, Transparenz, Rechenschaftspflicht und Würde. Es basiert nicht auf dem Schutz der Menschenrechte, sondern auf Angst und Kontrolle. Viele Afghan*innen, vor allem Frauen, können keine Gerechtigkeit mehr einfordern. Sie müssen ohne leben", so Samira Hamidi.

Das Foto zeigt fünf Männer, die auf der Ladefläche eines Fahrzeuges sitzen und unter anderem mit Sturmgewähren und Panzerfäusten bewaffnet sind.

Taliban-Kämpfer patrouillieren durch die afghanische Hauptstadt am 15. August 2023, dem zweiten Jahrestag ihrer Machtübernahme.

Die deutsche Bundesregierung muss endlich menschenrechtliche Verantwortung übernehmen 

Trotz der gravierenden Menschenrechtslage schiebt Deutschland Menschen nach Afghanistan ab – wie im Juli 2025. Nach Medienberichten wurden auch Personen abgeschoben, die sich in Psychiatrien in Betreuung befanden. Diesen Menschen drohen, unabhängig davon ob sie in Deutschland strafrechtlich verurteilt wurden oder nicht, in Afghanistan schwere Menschenrechtsverletzungen. Mit jeder Abschiebung nach Afghanistan bricht die Bundesregierung das Völkerrecht. Nicht ohne Grund hat der Internationale Strafgerichtshof im Juli Haftbefehle gegen führende Taliban-Mitglieder erlassen – wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. 

Auch beim Bundesaufnahmeprogramm für Afghanistan (BAP) wird die Bundesregierung ihrer menschenrechtlichen Verantwortung nicht gerecht. Nach dem Stopp des Programms und aller weiteren freiwilligen Aufnahmeprogramme werden afghanische Menschenrechtsverteidiger*innen, Frauenrechtler*innen und weitere gefährdete Personengruppen von der Bundesregierung im Stich gelassen. Knapp 2.300 Afghan*innen – der Großteil von ihnen sind Frauen und Kinder – hatten bereits eine verbindliche Aufnahmezusage für Deutschland erhalten. Jetzt schiebt Pakistan diese Menschen ab. Am 13. August 2025 sind erstmals rund 40 Afghan*innen mit Aufnahmezusage für Deutschland nach Afghanistan zurückgeschickt worden.

Zum Redaktionsschluss dieses Textes gehen die Abschiebungen weiter (Stand: 14. August 2025, 14:30 Uhr). Laut Informationen der Kabul Luftbrücke wurde auch eine Familie, deren Eilantrag auf Ausstellung eines Visums ein deutsches Verwaltungsgericht bereits positiv beschieden hatte, verhaftet und zur Grenze gebracht.

"Diesen Menschen wurde versprochen, dass sie in Deutschland Schutz finden könnten. Dass jetzt Personen mit Aufnahmezusage für Deutschland nach Afghanistan abgeschoben wurden, ist eine menschliche und rechtliche Bankrotterklärung für die Bundesregierung. Sie hat die Abschiebungen sehenden Auges in Kauf genommen – viele werden das jetzt nicht überleben. Dass die Bundesregierung ihre Aufnahmezusagen nicht einhält, ist rechtswidrig", sagt Theresa Bergmann, Asien-Expertin bei Amnesty International in Deutschland.

"Innenminister Dobrindt und Außenminister Wadephul müssen sofort dafür sorgen, dass die abgeschobenen Menschen zurückgeholt werden. Alle Afghan*innen mit Aufnahmezusage für Deutschland müssen umgehend mit Visa ausgestattet werden und schnellstmöglich einreisen können. Hierfür muss die Bundesregierung unbedingt auch Sicherheitspersonal nach Islamabad entsenden, damit Visa ausgestellt werden können, und im Bundeshaushalt eine angemessene Finanzierung des BAP sichern", so Bergmann.

Mehrere Menschen, Sicherheitspersonal, auf einem Flughafen. Sie stehen am Fuße einer Treppe, die zum Flugzeug führt.

Am Morgen des 18. Juli 2025 wurden vom Flughafen Leipzig/Halle mehrere Personen nach Afghanistan abgeschoben. 

Was fordert Amnesty International, um die Situation in Afghanistan zu verbessern? 

  • Die Taliban müssen ihre drakonischen Verordnungen unverzüglich zurücknehmen, Körperstrafen abschaffen und die Menschenrechte aller im Land achten.
  • Die Taliban müssen die Unabhängigkeit der Justiz und die Rechtsstaatlichkeit aktiv und wirksam achten, schützen und wahren.
  • Das Justizsystem muss reformiert werden, damit Richter*innen, Anwält*innen, Staatsanwält*innen und andere Rechtsexpert*innen ihre Dienste für die afghanische Bevölkerung im Einklang mit den internationalen Menschenrechtsverpflichtungen des Landes erbringen können.
  • Die internationale Gemeinschaft muss unverzüglich aktiv werden, durch diplomatischen Druck und eine prinzipienfeste Auseinandersetzung mit den Behörden der Taliban. Sie muss die Wiedereinführung eines formellen Rechtssystems, den Schutz der Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit in Afghanistan fordern.
  • Die Bundesregierung muss alle Menschen, die bereits eine Aufnahmezusage für Deutschland erhalten haben und dennoch aus Pakistan abgeschoben wurden, zurückholen. Sie muss allen Personen mit Aufnahmezusage umgehend Visa für Deutschland erteilen, dafür auch das nötige Personal nach Pakistan entsenden und die Aufnahmeprogramme für schutzsuchende Afghan*innen ausreichend finanzieren.

Amnesty-Posting auf Instagram:

Instagram freischalten

Wir respektieren deine Privatsphäre und stellen deshalb ohne dein Einverständnis keine Verbindung zu Instagram her. Hier kannst du deine Einstellungen verwalten, um eine Verbindung zu den Social-Media-Kanälen herzustellen.
Datenschutzeinstellungen verwalten

Weitere Artikel