Aktuell Libanon 10. April 2026

"Es war apokalyptisch": Hunderte Tote durch israelische Angriffe im Libanon

Das Foto zeigt eine unformierte Person mit Helm und Weste zwischen Trümmern, aus denen Flammen emporschlagen.

Rettungseinsatz in der libanesischen Hauptstadt Beirut nach einem israelischen Luftangriff (8. April 2026)

Nach eigenen Angaben des israelischen Militärs war es die die bislang "größte koordinierte Angriffswelle" auf den Libanon: Am 8. April griff die israelische Armee innerhalb von nur zehn Minuten 100 Orte im Libanon an. Laut des libanesischen Gesundheitsministeriums wurden dabei 303 Menschen getötet und 1.150 verletzt (Stand: 9. April). Amnesty International ruft dringend zum Schutz der Zivilbevölkerung auf. 

Heba Morayef, Direktorin für die Region Naher Osten und Nordafrika bei Amnesty International, kommentiert die israelischen Angriffe wie folgt:  

"Nur wenige Stunden, nachdem die Welt die Nachricht von einem Waffenstillstand zwischen den USA und Israel mit Iran vorsichtig begrüßte, findet sich die Zivilbevölkerung im Libanon in einem noch größeren Albtraum wieder. Der 8. April war der tödlichste Tag seit Beginn der jüngsten Kampfhandlungen am 2. März, als im gesamten Südlibanon, im Beqaa-Tal und in belebten zivilen Gebieten im Zentrum Beiruts intensive Luftangriffe geflogen wurden – viele davon ohne Vorwarnung. Die Krankenhäuser mussten angesichts der überwältigenden Zahl von Verletzten zu Blutspenden aufrufen. 

Schon vor diesem Angriff auf den Libanon, den das israelische Militär als Operation 'Ewige Finsternis' bezeichnete, wurden dort mehr als 1.500 Menschen getötet und über eine Million Menschen im ganzen Land aus ihren Häusern vertrieben. Die Zivilbevölkerung im Libanon zahlt bereits einen unerträglichen Preis, da schon jetzt Kinder, medizinisches Personal und Journalist*innen unter den Opfern sind – die jüngsten Angriffe werden diesen verheerenden Blutzoll nur noch weiter erhöhen. 

Wir bekräftigen die dringende Forderung, dass Israel seinen Verpflichtungen aus dem humanitären Völkerrecht nachkommen und den Schutz der Zivilbevölkerung gewährleisten muss. Israel weist eine haarsträubende Bilanz auf, was die Durchführung rechtswidriger Angriffe im Libanon und die Missachtung des Lebens von Zivilpersonen angeht. Dies wird durch das Gefühl der Straffreiheit, das israelische Regierungsvertreter*innen zu genießen glauben, noch verstärkt. 

Die jüngste Warnung des israelischen Militärsprechers, dass sich die Hisbollah von den südlichen Vororten Beiruts nach Nordbeirut und in andere Gebiete der Stadt verlagert habe, lässt weitere Angriffe in zivilen Gebieten befürchten. 

Die israelischen Streitkräfte sind nach dem humanitären Völkerrecht verpflichtet, zwischen Zivilpersonen und militärischen Zielen zu unterscheiden und direkte Angriffe auf Zivilpersonen und zivile Objekte sowie wahllose und unverhältnismäßige Angriffe kategorisch zu unterlassen. Sie sind verpflichtet, alle realisierbaren Vorkehrungen zu treffen, um den Schaden für die Zivilbevölkerung und die zivile Infrastruktur so gering wie möglich zu halten. Hierzu gehört auch, den Einsatz von Sprengkörpern mit großflächiger Wirkung in dicht besiedelten Wohngebieten zu unterlassen. Die Nichteinhaltung dieser Verpflichtungen stellt einen schweren Verstoß gegen das Völkerrecht dar und bringt das Leben von Zivilpersonen unmittelbar in Gefahr. 

Diese Angriffe machen erneut deutlich, dass die Staaten Waffenlieferungen an Israel sofort einstellen müssen, da die Gefahr besteht, dass diese Waffen für schwere Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht eingesetzt werden." 

Fatima, die Augenzeugin eines Angriffs wurde, beschrieb die verheerenden Szenen nach der Bombardierung des Gebäudes gegenüber ihrem Haus in Salim Salam in Beirut: 

"Ich schnappte mir meinen Laptop und eilte auf die Straße. Es war apokalyptisch. Leichen am Boden. Überall Blut. Ich sah unzählige verletzte Erwachsene und Kinder. Ich lief weiter, aber auch in den anderen Stadtvierteln war es dasselbe Bild. Ich wusste nicht, wohin ich gehen sollte. Ich lief einfach ziellos weiter und versuchte, so weit wie möglich zu kommen. Es war ein Albtraum." 

Das Foto zeigt Feuerwehrleute inmitten von ausgebrannten Autos vor einem durch Feuer zerstörten Gebäude.

Bergungsarbeiten nach einem israelischen Luftangriff in der libanesischen Hauptstadt Beirut (8. April 2026)

Hintergrund 

Am 8. April 2026 gab das israelische Militär Evakuierungswarnungen für die südlichen Vororte von Beirut und die Stadt Tyrus heraus und wiederholte die Anweisung zur Massenevakuierung nördlich des Flusses Zahrani. 

Gegen 14:30 Uhr attackierte das israelische Militär innerhalb von nur zehn Minuten mit einer Reihe von Angriffen mindestens 48 Gebiete, darunter auch belebte Wohnviertel und zivile Infrastruktur: 

  • im Südlibanon
  • im Nordlibanon
  • im Libanongebirge
  • in der Beqaa-Ebene
  • in den Vororten und im Zentrum von Beirut  

Das israelische Militär erklärte, dass es koordinierte Angriffe auf "100 Hisbollah-Kommandozentralen und militärische Einrichtungen" durchgeführt habe, die sich "im Herzen der Zivilbevölkerung" befänden. Der israelische Verteidigungsminister Israel Katz bezeichnete die Angriffe als "den größten konzentrierten Schlag, den die Hisbollah seit der Operation Pager erlitten hat". 

Seit 2023 dokumentiert Amnesty International den Einsatz von weißem Phosphor durch das israelische Militär. 2024 dokumentierte Amnesty, wie das israelische Militär wahllos und massenhaft elektronische Geräte wie Pager zur Explosion brachte. Die israelischen Angriffe im Libanon haben bisher viele zivile Opfer gefordert. Sie umfassten rechtswidrige Luftangriffe auf Wohnviertel sowie Angriffe auf Journalist*innen, Gesundheitseinrichtungen, Krankenwagen und Sanitäter*innen. 

Amnesty International machte zudem darauf aufmerksam, dass das israelische Militär zwischen dem 1. Oktober 2024 und dem 26. Januar 2025, also weit über den Waffenstillstand vom November 2024 hinaus, zivile Einrichtungen und landwirtschaftliche Flächen im Südlibanon in großem Umfang beschädigte und zerstörte. Gleichzeitig dokumentierte Amnesty auch, dass die Hisbollah rechtswidrig ungelenkte Raketen auf bewohnte zivile Gebiete in Israel abfeuerte, was unter der Zivilbevölkerung zu Verletzten und Toten führte und zivile Wohnhäuser zerstörte.

Amnesty-Posting auf Instagram:

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