Amnesty Journal Russische Föderation 23. November 2022

Die Propaganda ins Leere laufen lassen

Ein Mann mit Glatze sitzt in einem T-Shirt an einem Schreibtisch, sein rechtes Handgelenk ist verbunden mit einem medizinischen Verband, er hält ein Handy in seiner linken, seine linke Hand ruht dabei auf einem zugeklappten Laptop. Das Fenster ist geöffnet, draußen scheint die Sonne, drinnen sind Klemmlampen am Schreibtisch angebracht und ein Standventilator steht neben dem Schreibtisch.

Ivan Kolpakov ist Chefredakteur des russischen Internetportals Meduza.

Ivan Kolpakov ist Chefredakteur des russischen Internetportals Meduza mit Sitz in Lettland. Es zählt zu den wichtigsten kremlkritischen Medien. Seit dem Angriff auf die Ukraine setzt sich der Journalist dafür ein, dass russische Kolleg*innen ein sicheres Exil im Ausland ­erhalten.

Von Tigran Petrosyan

Heute ist er in Berlin, gestern war er noch in Riga, und morgen fliegt er nach Amsterdam. Ivan Kolpakov hat längst vergessen, wann die Nacht beginnt und wann der Tag. Der 38-jährige Journalist ist Chefredakteur des Internetportals Meduza, das er 2014 in Lettland mitgründete. Das russisch- und englischsprachige Portal, das zu den wichtigsten unabhängigen russischen Medien zählt, erhebt seine Stimme gegen den Krieg in der Ukraine. Kolpakov fühlt sich jedoch nicht nur verantwortlich für Millionen Menschen, die den Lügen und der Propaganda des Kremls ausgesetzt sind, sondern auch für die rund 60 Mitarbeitenden von Meduza. Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine sind die Korrespondent*innen des Portals in Russland extrem bedroht. Kolpakov setzt sich deshalb dafür ein, dass seine Kolleg*innen in Moskau, St. Petersburg, Novosibirsk und anderen Orten das Land verlassen können. Bislang hat er 25 Journalist*innen geholfen, ins Exil zu gehen, und sie damit vor Geld- und Haftstrafen bewahrt.

"Journalismus ist ein gefährlicher und bedrohter Beruf in Russland, und das ist längst keine Metapher mehr", sagt Kolpakov. Der Journalist wurde 1983 in Perm geboren, wo er Geschichte und Politik studierte und die Online-Zeitung Sol gründete. In Moskau arbeitete er für das Online-Magazin Lenta. Mit seiner damaligen Chefredakteurin Galina Timchenko und anderen gründete er später in Riga Meduza. Seit acht Jahren lebt Kolpakov nun im lettischen Exil, in "Scheinsicherheit", wie er sagt. "Lettland liegt sehr nahe an Russland." Er habe das Gefühl, dass er in Riga beobachtet werde. "Das ist keine Paranoia. Es hat verschiedene unangenehme Zwischenfälle gegeben", sagt er.

Nachrichten lesen mit VPN

Kolpakov konzentriert sich darauf, die Finanzen für Meduza hauptsächlich über Crowdfunding zu sichern. Mehrere Millionen Menschen lesen täglich Nachrichten auf dem Portal. Viele von ihnen nutzen dafür VPN, eine nicht nachverfolgbare Netzwerkverbindung. Die mobile App, die Blockaden durch die russischen Behörden umgehen kann, wurde Mitte September mehr als eine Million Mal heruntergeladen. Und über eine Million Abonnent*innen folgen Meduza auf Instagram und Telegram. "Wir leben in einzigartigen Zeiten der Mediengeschichte. Immer mehr Menschen legen Wert auf unabhängigen Journalismus", sagt Kolpakov.

Putin hält seine Macht und die Kontrolle der Gesellschaft durch Propaganda und seinen Gewaltapparat aufrecht.

Ivan
Kolpakov
Chefredakteur von Meduza

Was in Russland passiere, sei "ein Albtraum, eine Katastrophe". Er erwarte weitere "unvorstellbare Verbrechen" des Kremls. Seine schlimmsten Befürchtungen seien in den vergangenen Monaten von der Realität übertroffen worden, räumt der Journalist ein. "Ich war mir sicher, dass es keinen Krieg in der Ukraine geben würde. Dann war ich mir sicher, dass Wladimir Putin sein Amt in kürzester Zeit verlieren würde, weil ein Krieg gegen die Ukraine der schlimmste Albtraum eines Russen oder einer Russin ist." Die Hoffnungen, die Kolpakov in die Soldatenmütter setzte, wurden ebenfalls enttäuscht. "Der Kreml konnte nicht verbergen, dass viele russische Soldaten sterben. Aber auch das führte nicht zu einer sozialen Explosion, einer Protestbewegung, die das Regime stürzen könnte."

Seit dem 24. Februar sei in Russland eine Diktatur errichtet worden. "Putin hält seine Macht und die Kontrolle der Gesellschaft durch Propaganda und seinen Gewaltapparat aufrecht." Umso wichtiger sei es, die Propagandamaschine durch ein Medium wie Meduza ins Leere laufen zu lassen.

Weitere Informationen: Meduza.io

Weitere Artikel