Amnesty Journal Irak 08. Dezember 2021

Vom Winde verweht

Ein mittelalter Mann hat seine Brille an den Kragen seines Pullovers gesteckt, trägt einen Rucksack über die rechte Schulter gehängt und einen Schal, blickt in die Kamera, steht vor einer Wand.

Kritiker der Verhältnisse: Bachtyar Ali ist einer der bekanntesten kurdischen Schriftsteller.

Bachtyar Ali hat die irakische und kurdische Geschichte der vergangenen Jahrzehnte zu einem raffinierten Schelmenroman verarbeitet.

Von Wera Reusch

Eine derart kühne literarische Figur muss man lange suchen: Djamschid Khan wird als 17-Jähriger wegen seiner kommunistischen Überzeugungen von Saddam Husseins Schergen so brutal gefoltert, dass er "seitlich betrachtet nicht mehr war als eine Linie". Das erweist sich als sein Glück: Denn federleicht wie er ist, wird er auf dem Gefängnishof von einer Windböe erfasst und fliegt "wie ein trockener Grashalm" in seine kurdische Heimatstadt im Nordirak zurück.

Erzählt wird die kuriose Geschichte Djamschids aus der Perspektive seines Neffens Salar, den die Familie damit beauftragt hat, seinen Onkel an windigen Tagen an einem Seil zu führen, damit dieser nicht wegweht. Doch schon bald zeigt sich, dass die Flugkünste Djamschids auch nützlich sein können. So rekrutiert die irakische Armee den fliegenden Onkel im Ersten Golfkrieg, um aus der Luft die Truppenbewegungen des iranischen Feinds zu beobachten.

Aberwitzig und genial

Der so dünne wie zähe Djamschid erweist sich als Überlebenskünstler – trotz mehrfacher Abstürze, bei denen er jedes Mal sein Gedächtnis verliert, kehrt er stets zu Salar zurück, um sich gemeinsam mit ihm in neue Abenteuer zu stürzen: Sei es als frommer Muslim, der im Himmel Gott trifft und auf Erden dessen Botschaften verkündet, sei es als Schlepper an der türkisch-griechischen Grenze, der auf seinen Erkundungsflügen Schlupflöcher ausfindig macht.

Bachtyar Alis schmaler Roman "Mein Onkel, den der Wind mitnahm" ist so aberwitzig wie genial. Die beiden von ihm ersonnenen Hauptfiguren erinnern entfernt an Don Quichote und Sancho Panza – denn auch der im wortwörtlichen Sinne "bodenständige" Salar versucht ständig, den "abgehobenen" Djamschid zu steuern und zu bändigen. Auf subtile Weise spiegeln ihre Abenteuer aber auch die irakische und kurdische Geschichte seit den 1980er Jahren wider.

"Der Wind ist im Grunde eine Metapher für jene Maschinerie der Geschichte, die uns gnadenlos im Griff hat", sagte Bachtyar Ali in einem Interview. "Djamschid Khans Geschichte zeigt auch die tragischen Absurditäten, denen die Kurden, ja, alle Menschen der Region ausgesetzt sind. Die Ideologien, die Kriege, die Weltanschauungen und Visionen folgen sich rasant."

Djamschid ist der klassische Schelm, der sich mit Bauernschläue und enormer Anpassungsfähigkeit aus misslichen Lagen befreit und der Gesellschaft durch seine Außenseiterperspektive einen Spiegel vorhält. "Djamschid verkörpert das Problem der orientalischen Nationen, die kein klares politisches Konzept und somit keine bestimmte politische Perspektive haben", erklärte der bekannte kurdische Schriftsteller, der seit ­Mitte der 1990er Jahre in Deutschland lebt. "Um zu bestehen, werden die Menschen zu Meistern der Überlebenskunst und schlüpfen dazu in die gerade passenden Identitäten."

"Mein Onkel, den der Wind mitnahm" ist ein wunderbarer kleines Buch, das das subversive Potenzial des Schelmenromans so raffiniert nutzt wie seine großen literarischen Vorbilder und mehr politische Erkenntnis bietet als manches Sachbuch.

Bachtyar Ali: Mein Onkel, den der Wind mitnahm. Aus dem Kurdischen (Sorani) von Ute Cantera-Lang und Rawezh ­Salim. Unionsverlag, Zürich 2021, 160 Seiten, 20 Euro.

Wera Reusch ist freie Journalistin. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.

WEITERE BUCHTIPPS

Flucht aus Gaza

von Wera Reusch

"Ein Zimmer für mich selbst zu finden, in das ich ein kleines Bett und einen Tisch stellen konnte", so beschreibt Asmaa al-Atawna das Motiv ihrer Flucht aus dem Gazastreifen. Aus einer Beduinenfamilie stammend wuchs sie in einem Flüchtlingslager auf und wehrte sich bereits als Mädchen gegen die Enge, die soziale Kontrolle, die patriarchalen Verhältnisse. Doch jeder Versuch, aus der traditionellen Rolle auszubrechen, wurde mit Gewalt bestraft. Mithilfe eines spanischen Journalisten gelangte sie 2001 nach Madrid, doch als dieser zum Islam konvertierte und neue Zwänge drohten, floh die junge Frau nach Frankreich. Traumatisiert landete sie schließlich in einem Frauenhaus und hatte dort erstmals ein Zimmer für sich allein.
Al-Atawna, die inzwischen als Journalistin arbeitet, schildert in ihrem autobiografischen Buch zunächst ihre Flucht, bevor sie auf ihre Kindheit im Gazastreifen zurückblickt. Weil sie die Frauenunterdrückung der palästinensischen Gesellschaft ebenso harsch kritisiert wie die israelische Besatzung, eckte sie auch in der französischen Linken an. "Keine Luft zum Atmen" ist der mutige Bericht einer Frau, die "nicht ständig ganz Palästina in der Tasche herumträgt", sondern einfach nur frei sein will. Es ist auch eine schonungslose Darstellung der Lebensverhältnisse in Gaza, die nicht nur, aber vor allem für Frauen und Mädchen unerträglich sind.

Asmaa al-Atawna: Keine Luft zum Atmen. Mein Weg in die Freiheit. Aus dem Arabischen von Joël László, Lenos Verlag, Basel 2021, 172 Seiten, 16 Euro.

Beklemmende Abschiebehaft

von Lena Böllinger

Hunderte Menschen sitzen in Deutschland in Haft, ohne dass sie strafrechtlich verurteilt worden wären. Sie wurden eingesperrt, um einen Verwaltungsvorgang zu erleichtern – ihre Abschiebung. Mit "Die Würde des Menschen ist abschiebbar" haben Lina Droste und Sebastian Nitschke ein im deutschsprachigen Raum einzigartiges Buch über Geschichte, Bedingungen und Realitäten deutscher Abschiebehaft herausgebracht. Der beklemmende Sammelband untersucht die Institution Abschiebehaft aus unterschiedlichen Blickwinkeln: Neben wissenschaftlichen und historischen Analysen enthält er sowohl politisch-aktivistische Positionen als auch die Perspektiven derjenigen, die selbst Abschiebehaft erleben mussten. So berichtet zum Beispiel Oumar Mamabarkindo über seine traumatisierenden Erfahrungen in der Isolationshaft. Zum Thema Abschiebehaft gibt es kaum Forschung. Insofern ist das Buch auch eine Pionierarbeit, denn es verfolgt drei qualitative Forschungsansätze: zur Perspektive von Inhaftierten, zur behördlichen und juristischen Praxis sowie zur Isolationshaft in Abschiebehaft. Wer den Verein "Hilfe für Menschen in Abschiebehaft Büren e. V." unterstützen möchte, kann das Buch direkt hier bestellen: www.gegenabschiebehaft.de.

Lina Droste, Sebastian Nitschke: Die Würde des ­Menschen ist abschiebbar. Einblicke in Geschichte, ­Bedingungen und Realitäten deutscher Abschiebehaft. Edition Assemblage, Münster 2021, 288 Seiten, 16 Euro.

Mutige Vorkämpferin

von Wera Reusch

Man könnte meinen, die Rassismusdiskussion in Deutschland habe mit der Black Lives Matter-Bewegung begonnen. Tatsächlich wurde sie jedoch von mutigen Frauen wie May Ayim angestoßen – vor mehr als 30 Jahren. Die afrodeutsche Aktivistin und Dichterin hat die jüngsten Entwicklungen nicht mehr erlebt. Sie nahm sich 1996 im Alter von 36 Jahren das Leben. Zu ihrem 25. Todestag hat der Unrast-Verlag nun zwei ihrer Gedichtbände neu aufgelegt und ein Buch, das ihr Lebenswerk würdigt. "May Ayim. Radikale Dichterin, sanfte Rebellin" ist hervorragend geeignet, um diese außergewöhnliche Frau kennenzulernen. Die Erinnerungen von Freun­d_in­nen und Mitstreiter_innen, die May Ayims Lebensweg und die politische Situation in den 1980er und 1990er Jahren nachzeichnen, machen klar, welch harte Kämpfe sie auszufechten hatte, wie weitsichtig ihre Analysen waren und welche Kraft ihre Lyrik bis heute hat. Unveröffentlichte Gedichte aus dem Nachlass, Forschungsberichte und Vorträge von ihr ergänzen die Würdigung der wohl prominentesten Vertreterin der Schwarzen Community in Deutschland. Auch wenn inzwischen das May-Ayim-Ufer in Berlin nach ihr benannt wurde, ist die charismatische antirassistische Vorkämpferin lange nicht so bekannt, wie sie es verdient hätte. So traurig der Anlass auch ist, so schön ist es doch, dass es jetzt wieder Bücher gibt, die die Erinnerung an sie lebendig halten.

Ika Hügel-Marshall, Nivedita Prasad, Dagmar Schultz (Hg.): May Ayim. Radikale Dichterin, sanfte Rebellin. Unrast Verlag, Münster 2021, 304 Seiten, 19,80 Euro.

Menschenrechte wie gemalt

von Marlene Zöhrer

"Wir – die Mitglieder der Vereinten Nationen – sind überzeugt, dass alle Menschen die gleichen Rechte haben. […] Wir wollen eine Welt mit Freundschaft, Gerechtigkeit und Frieden. Eine Welt, in der alle Menschen ohne Angst und Not leben können." Doch welche Rechte werden allen Menschen in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 zugeschrieben? Und wie sieht eine gerechte und friedliche Welt aus? Cai Schmitz-Weicht und Ka Schmitz stellen in ihrem Bilderbuch die 30 Artikel der UN-Menschenrechtserklärung vor. Lebensnah und verständlich zeigen sie, welche Rechte jeder Mensch unabhängig von Alter, Geschlecht, sexueller Orientierung, Nationalität oder Religionszugehörigkeit hat. Schmitz-Weicht überträgt die einzelnen Artikel in eine einfache Sprache, macht etwa aus "Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person." (Artikel 3): "Alle dürfen frei und sicher leben. Niemand soll um sein Leben fürchten. Niemand soll Krieg und Gewalt erleben." Begleitet werden die kurzen Texte von ganzseitigen Illustrationen, die an die Lebenswelt von Kindern anknüpfen und Diversität abbilden. So öffnet das Bilderbuch nicht nur einen Zugang zu dem, was Menschenrechte sind, sondern zeigt auch, wie zentral diese für das eigene Leben sind.

Cai Schmitz-Weicht, Ka Schmitz (Ill.): Die Allge­meine Erklärung der Menschenrechte für junge Menschen. Jacoby & Stuart, Berlin 2021, 72 Seiten, 12 Euro, ab 9 Jahren.

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