Aktuell Sudan 30. April 2026

Krieg im Sudan: “Die Zivilbevölkerung ist nirgendwo sicher"

Interview mit Amnesty-Researcher Abdullahi Hassan
Ein Soldat in Tarnuniform steht auf einem Betonklatz an einem Flussufer. Er hat sein Stumgewehr auf seine rechte Schulter gelegt. Die Brücke vor ihm ist zerstört.

Ein Soldat der Regierungstruppen steht in der sudanesischen Haupstadt Khartum am Nil-Ufer vor den Überresten der Schambat-Brücke, die durch eine Bombardierung zerstört wurde (27. April 2025).  

Im Sudan bekämpfen sich seit drei Jahren die sudanesische Armee und die "Rapid Support Forces" (RSF). Der Krieg hat Millionen Menschen in die Flucht getrieben und eine der schlimmsten humanitären Krisen der Welt ausgelöst. Abdullahi Hassan, Researcher bei Amnesty International, dokumentiert die Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen – unter schwierigen Bedingungen. Im Interview spricht er über systematische Gewalt, Völkermord-Vorwürfe und ein Erlebnis, das ihn tief berührt hat.

Fragen: David Fischer
 

TRIGGERWARNUNG: Dieser Text enthält Beschreibungen von sexualisierter Gewalt gegen Frauen und Mädchen. 

 

Wie hat der Krieg den Sudan und das Leben der Menschen seit 2023 verändert?  

Innerhalb von drei Jahren hat sich der Sudan zur schlimmsten humanitären Krise weltweit entwickelt – aber auch zur größten Vertreibungskrise und zu einer der schwersten Menschenrechtskrisen. Über elf Millionen Menschen sind Binnenvertriebene, über vier Millionen mussten in Nachbarländer fliehen. Die meisten Kinder gehen nicht zur Schule. Und es wird schlimmer. Immer wieder gibt es wahllose oder gezielte Angriffe auf Zivilist*innen und sexuelle Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Der Konflikt verlagert sich ständig von einer Region zur nächsten – von Khartum über Gezira und Darfur bis hin zu Kordofan und dem Blauen Nil. Die Zivilbevölkerung ist nirgendwo im Sudan sicher.

Porträtfoto von Abdullahi Hassan vor einem dunklen Hintergrund

Abdullahi Hassan, Researcher von Amnesty International, dokumentiert Kriegsverbrechen im Sudan.

Das Massaker der RSF in Al-Faschir lenkte 2025 die internationale Aufmerksamkeit auf den Sudan. War das ein Ausnahme oder nur um eine von vielen Gräueltaten? 

Die Ereignisse in Al-Faschir waren der Höhepunkt einer 18-monatigen Belagerung der Stadt durch die RSF. Sie schnitten die humanitäre Versorgung und die Lebensmittelversorgung ab. Die Menschen kamen weder rein noch raus. Sie hatten keinen Zugang zu Nahrung oder Wasser und überlebten nur mit Tierfutter. 

Bei ihrem Angriff auf die Stadt massakrierten die RSF Zivilist*innen und nahmen gezielt Männer, Jungen und Frauen der nicht-arabischen Bevölkerung ins Visier. Sie töteten Menschen in Krankenhäusern, in ihren Häusern und bei dem Versuch, die Stadt zu verlassen. Sie verübten massive sexuelle Gewalt. Sie entführten Menschen und forderten hohe Lösegeldsummen. 

Viele, die nicht zahlen konnten, gelten noch immer als vermisst. Die UN-Untersuchungskommission für den Sudan kam zu dem Schluss, dass die Ereignisse "Anzeichen eines Völkermords" aufweisen. Die RSF verübt seit Beginn des Konflikts ähnliche Angriffe – etwa in West-Darfur und in Gezira. Es handelte sich also nicht um einen Einzelfall. Vielmehr war es die Fortsetzung eines Musters weit verbreiteter und systematischer Gewalt gegen die Zivilbevölkerung im Sudan.

Das Foto zeigt mehrere Frauen, die in einer Warteschlange stehen vor einem Zelt. Am Boden sitzen Männer und Frauen.

Vor der Gewalt in der sudanesischen Stadt Al-Faschir geflüchtete Menschen suchen Schutz in einem Flüchtlingscamp im Norden des Landes (9. November 2025).

Der Zugang zum Sudan ist für Forschende und Medien schwierig und gefährlich. Wie gelangen Sie an gesicherte Informationen über Verbrechen und Menschenrechtsverletzungen im Sudan? 
 
Amnesty International verfolgt drei Hauptstrategien, um zu recherchieren und Verstöße aufzudecken. Erstens setzen wir auf Telefoninterviews. Wir befragen Zeug*innen und Überlebende von Menschenrechtsverletzungen. Wir sammeln außerdem Beweismaterial wie Fotos und Videos. Zweitens besuchen wir Nachbarländer, wo viele Menschen leben, die aus dem Sudan geflohen sind. 

So können wir mit Menschen sprechen, die im Sudan Menschenrechtsverletzungen erfahren haben oder sexuelle Gewalt und andere Übergriffe überlebt haben. Schließlich nutzen wir öffentlich zugängliche Informationen. Unsere Kolleg*innen untersuchen Videos und Fotos von Waffen, Munition und Menschenrechtsverletzungen auf ihre Echtheit. Dank dieser drei Methoden können wir unsere Arbeit im Sudan fortsetzen.

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Die Sudan-Konferenz in Berlin brachte 1,5 Milliarden Euro für humanitäre Hilfe ein. Gleichzeitig exportieren Länder weiterhin Waffen in den Sudan. Was hat mehr Einfluss auf die Lage vor Ort? 

Jede Konferenz zum Sudan, die sich mit dem Schutz der Zivilbevölkerung, der Rechenschaftspflicht und humanitärer Hilfe für die sudanesische Bevölkerung befasst, ist wichtig. Sie ermöglicht, den Sudan-Krieg ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Nun müssen die zugesagten Gelder auch tatsächlich fließen und die Hilfslieferungen die Menschen erreichen. Die sudanesische Armee und die RSF blockieren humanitäre Hilfe. Die Konferenz hat beide Parteien dazu aufgerufen humanitären Helfer*innen und Güter in die Region zu lassen. 

Was die Waffen betrifft, hat Amnesty International den Zustrom neu produzierter Waffen und Munition in den Sudan ausführlich dokumentiert. Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) liefern Waffen und Munition an die RSF. Die sudanesische Armee erhält Berichten zufolge militärische Unterstützung aus Ägypten, der Türkei und anderen Ländern. Das muss aufhören. Wir haben drei Forderungen: Erstens müssen alle Unternehmen und Staaten die Waffenlieferungen an die Konfliktparteien stoppen und das Waffenembargo gegen Darfur respektieren. Zweitens fordern wir alle Staaten auf, die Waffen- und Munitionslieferungen an die VAE auszusetzen, bis diese die Weiterleitung nach Sudan einstellen. Drittens fordern wir den UN-Sicherheitsrat auf, das derzeit nur für Darfur geltende Waffenembargo auf das gesamte Land auszuweiten.  

Wie ist die Lage von Sudanes*innen in den Nachbarländern? 
 
Geflüchtete im Tschad, in Uganda und im Südsudan leben unter katastrophalen Bedingungen. Es mangelt an ausreichendem oder angemessenem Wohnraum, Nahrungsmitteln und Wasser. Mehrere Länder haben ihre Hilfe eingestellt oder reduziert. In Ägypten werden viele Geflüchtete aus dem Sudan, schikaniert, eingeschüchtert, inhaftiert und abgeschoben. Wir appellieren an alle Nachbarländer und die EU, ihre Grenzen für Menschen aus dem Sudan zu öffnen, ihnen Zugang zu rechtsstaatlichen Asylverfahren zu gewähren und von Rückführungen abzusehen.

Aufnahme einer kargen Wüstenlandschaft mit elf Eseln und zwölf Menschen. Die meisten reiten auf den Tieren. Wenige stehen neben den Eseln.

Sudanesische Flüchtlinge reiten im Tschad auf Eseln zum Oure-Cassoni-Flüchtlingslager (14. November 2025)

Die Dokumentation von Kriegsverbrechen ist keine leichte Arbeit. Wie berühren Sie diese Fälle persönlich? 

Ich habe eine Frau in einem Flüchtlingslager in Uganda interviewt, die von Soldaten vergewaltigt wurde, während ihr neunjähriger Sohn zusehen musste. Er versuchte, sie zu beschützen und schrie die Kämpfer an: "Hört auf, meiner Mutter das anzutun!" Sie prügelten ihn brutal mit ihren Gewehrkolben und verletzten ihn schwer. Die Frau erzählte mir, sie habe ihn lange Zeit auf dem Rücken getragen, um ihn in medizinische Behandlung zu bringen. 

Doch er starb, bevor sie dort ankamen. Dieser Vorfall und viele andere haben mich tief berührt. Es ist schwer, menschliches Leid zu dokumentieren. Aber ich glaube daran, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen, das treibt mich an. Im Dezember vergangenen Jahres fiel das Urteil des Internationalen Strafgerichtshofs gegen Ali Kushayb. Er hatte vor zwanzig Jahren in Darfur Gräueltaten begangen und wurde nun endlich wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt – zu 20 Jahren Haft. Es mag Zeit brauchen, aber beständige Dokumentation und Einsatz für Rechenschaftspflicht zeigen am Ende Wirkung.

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