Gaza: Israel hungert die palästinensische Bevölkerung im Gazastreifen gezielt aus
Eine Hilfsorganisation verteilt Essen an hungernde Menschen in Gaza-Stadt im palästinensischen Gazastreifen (14. August 2025).
© Anadolu via Getty Images
Israel verfolgt im besetzten Gazastreifen eine gezielte Hungerkampagne. Es zerstört damit systematisch die Gesundheit, das Wohlergehen und das soziale Gefüge der palästinensischen Bevölkerung. Dies erklärte Amnesty International anlässlich der Veröffentlichung erschreckender neuer Zeug*innenberichte von hungernden Vertriebenen.
Die Schilderungen der Vertriebenen bestätigen eine Schlussfolgerung, zu der Amnesty International bereits wiederholt gekommen ist: Die tödliche Kombination aus Hunger und Krankheit ist keine unglückliche Begleiterscheinung der Militäroperationen Israels. Sie ist vielmehr das beabsichtigte Ergebnis von Plänen und Maßnahmen, die Israel in den vergangenen 22 Monaten entwickelt und umgesetzt hat. Dadurch sollen den Palästinenser*innen in Gaza gezielt Lebensbedingungen auferlegt werden, die ihre physische Zerstörung zur Folge haben. Diese ist ein wesentlicher Bestandteil von Israels fortgesetzten Genozids an den Palästinenser*innen im Gazastreifen.
"Vor dem Hintergrund, dass die israelischen Behörden mit einer groß angelegten Bodenoffensive in Gaza-Stadt drohen, sind die von uns gesammelten Zeug*innenberichte weit mehr als nur Leidensberichte. Sie sind eine scharfe Anklage gegen ein internationales System, das Israel seit Jahrzehnten die Erlaubnis gewährt, Palästinenser*innen nahezu völlig straffrei zu quälen", sagt Erika Guevara Rosas, leitende Direktorin für Recherche, Advocacy, Politik und Kampagnen bei Amnesty International.
"Allein schon, um die verheerenden Folgen der unmenschlichen Politik und Maßnahmen Israels umzukehren, die in Gaza zur grausamen Realität einer Hungersnot geführt haben, muss die Blockade unverzüglich und bedingungslos aufgehoben werden und ein dauerhafter Waffenstillstand erfolgen", so Guevara Rosas. "Die Blockade durch Israel und der anhaltende Völkermord haben katastrophale Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung, insbesondere auf Kinder, Menschen mit Behinderungen oder chronischen Krankheiten, ältere Menschen sowie schwangere und stillende Frauen. Diese Auswirkungen lassen sich nicht einfach durch eine größere Zahl von Hilfsgütertransporten oder die Wiederaufnahme der symbolischen, ineffektiven und gefährlichen Luftabwürfe von Hilfsgütern wiedergutmachen."
Hungernde Menschen in Chan Yunis im palästinensischen Gazastreifen versuchen verzweifelt, an Essen zu kommen (22. Juli 2025).
© AFP/Getty
"Gesundheitseinrichtungen müssen mit den Gütern und Geräten ausgestattet werden, die für ihren Betrieb erforderlich sind", fordert Guevara Rosas. "Die Zivilbevölkerung muss von der ständigen Sorge einer Massenvertreibung befreit werden. Vertrauenswürdigen humanitären Organisationen muss gestattet werden, Hilfsgüter und Unterkünfte sicher und ohne willkürliche Einschränkungen bereitzustellen. Und das in einer Weise, bei der die Würde und Menschlichkeit der Zivilbevölkerung respektiert wird. Insbesondere jedoch müssen jegliche Pläne, die Besetzung des Gazastreifens zu verstärken oder die Militäroffensive auszuweiten, gestoppt werden."
"Während Millionen Menschen weltweit weiterhin auf die Straße gehen, um zu protestieren, und die Staats- und Regierungschef*innen der Welt sich in rhetorischen Posen üben, fügt Israel mit seiner gezielten und systematischen Hungerkampagne einer ganzen Bevölkerung nach wie vor unerträgliches Leid zu", sagt Guevara Rosas. "Palästinensische Kinder werden dem Hungertod überlassen und ihre Familien vor die unmögliche Wahl gestellt, entweder hilflos zuzuhören, wie ihre ausgemergelten Kinder um Essen betteln, oder auf der verzweifelten Suche nach Hilfe den Tod oder schwere Verletzungen zu riskieren."
In den vergangenen Wochen hat Amnesty International mit 19 Palästinenser*innen aus drei Behelfslagern für Binnenvertriebene sowie zwei Personen aus zwei Krankenhäusern in Gaza-Stadt gesprochen, die dort für die medizinische Behandlung unterernährter Kinder zuständig sind.
Von Mangelernährung bedroht: Ein Kind wartet am 2. Juni 2025 im Flüchtlingslager Nuseirat im Gazastreifen bei der Essensausgabe auf eine warme Mahlzeit.
© Moiz Salhi/Anadolu via Getty Images
110 tote Kinder wegen Unterernährung
Bis zum 17. August 2025 verzeichnete das Gesundheitsministerium in Gaza den Tod von 110 Kindern aufgrund von Komplikationen im Zusammenhang mit Unterernährung.
Am 29. Juli 2025 veröffentlichte die Initiative Integrated Food Security Phase Classification (IPC) eine Warnung. Darin erklärt sie, dass in einem Großteil Gazas die Schwelle zur Hungersnot hinsichtlich des Nahrungsmittelverbrauchs erreicht sei. Die Initiative kam zu dem Schluss, dass das Worst-Case-Szenario einer Hungersnot bereits Realität ist und die Zahl der an Hunger sterbenden Menschen, darunter auch Kinder, weiter steigen wird.
Diese alarmierende Tatsache zeigte sich auch in den Daten, die vom Nutrition Cluster des UN-Amts für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) erhoben wurden. Demnach wurden im Juli fast 13.000 Fälle von Kindern erfasst, die wegen akuter Unterernährung in Behandlung waren. Das ist die höchste monatliche Zahl seit Oktober 2023. Unter diesen Fällen waren mindestens 2.800 Fälle schwerer akuter Unterernährung (22 Prozent).
Israel behindert Hilfsorganisationen
Die israelischen Behörden tragen zu einer weiteren Verschärfung der unmenschlichen Bedingungen bei, die durch ihre Politik entstanden sind. Sie behindern die Arbeit der meisten großen Hilfs- und UN-Organisationen im Gazastreifen nach wie vor, unter anderem durch die wiederholte Ablehnung ihrer Anträge auf die Einfuhr lebensrettender Hilfsgüter.
Diese willkürlichen Beschränkungen gehen einher mit der Einführung neuer Vorschriften für die Registrierung internationaler Nichtregierungsorganisationen. Würden diese Vorschriften umgesetzt, wäre diesen Organisationen eine Tätigkeit im besetzten palästinensischen Gebiet vollständig untersagt.
"Die meisten Familien in Gaza sind am Ende ihrer Kräfte", sagt Guevara Rosas. "Sie haben ihre wenigen Ressourcen bereits aufgebraucht und sind vollständig auf humanitäre Hilfe angewiesen. Durch die Beschränkungen, die den großen Hilfsorganisationen von den israelischen Behörden auferlegt werden und den Drohungen, sie ganz zu verbieten, sind diese Familien effektiv von ihrer einzigen Lebensader abgeschnitten."
"Ich fühle mich, als hätte ich als Mutter versagt": Die Folgen für Schwangere und stillende Mütter
Besonders verheerend war das Zusammenwirken israelischer Maßnahmen wie dem Aushungern der Bevölkerung, den mehrfachen Zwangsumsiedlungen und den Beschränkungen des Zugangs zu lebensrettender Hilfe für schwangere und stillende Frauen. Die Kinderhilfsorganisation Save the Children hat in der ersten Julihälfte in ihren Gesundheitseinrichtungen 747 schwangeren und stillenden Frauen untersucht. 323 von ihnen waren unterernährt (43 Prozent).
Von Amnesty International befragte schwangere und stillende Frauen berichteten von der extremen Knappheit an lebensnotwendigen Gütern, den Qualen, als Schwangere oder junge Mutter in der extremen Sommerhitze in einem Zelt leben zu müssen, und dem täglichen verzweifelten Kampf um Lebensmittel, Babynahrung und sauberes Wasser.
Außerdem erzählten sie von Schuldgefühlen, weil sie nicht für ihre Kinder sorgen konnten. Und sie berichteten von der Sorge, wer sich um ihre Kinder kümmern würde, sollten sie getötet werden, und welche Auswirkungen die Unterernährung auf das Wachstum und das Wohlbefinden ihrer Kinder haben würde.
Eine Palästinenserin sitzt in Gaza-Stadt neben einer Gruppe Menschen, die vor der Küche einer Hilfsorganisation für Essen anstehen (26. Juni 2025).
© Anadolu via Getty Images
"Die Kinder schlafen vor Hunger weinend ein"
S. (möchte auf eigenen Wunsch anonym bleiben) ist eine Krankenschwester, die aus Jabalia in das Lager al-Taqwa für Binnenflüchtlinge in Sheikh Radwan in Gaza-Stadt geflohen ist. Sie berichtete von ihrem täglichen Kampf um die Versorgung ihres zweijährigen Sohnes und ihrer sieben Monate alten Tochter. S. war geflohen, um das Leben ihrer Kinder zu retten. Sie hatte die Wahl zwischen Vertreibung und Tod. Wie sie berichtete, wurde der Hunger Ende April spürbar, und sie war gezwungen, die mageren Essensrationen für ihre Kinder aufzusparen und selbst hungrig zu bleiben. Ende April produzierte sie immer weniger Muttermilch, hatte jedoch keinen Zugang zu Milchpumpen und nur sehr begrenzt Zugang zu Nahrungsergänzungsmitteln für stillende Mütter. Sie erzählte von den körperlichen und emotionalen Schmerzen, die es ihr bereitete, wenn sie stundenlang versuchte, ihr Kind zu stillen, aber "einfach keine Milch kam".
Die tägliche Mahlzeit der Familie besteht, wenn überhaupt, aus einem gemeinsamen Teller Linsen oder Auberginen mit Wasser, wobei S. ihrem kleinen Sohn den Vorrang lässt. Ihre Kinder schlafen "vor lauter Hunger weinend" ein. Die sieben Monate alte Tochter von S. hat das Gewicht eines vier Monate alten Babys. Säuglingsnahrung ist in Gaza knapp und mit einem Preis von rund 270 Schekel (etwa 70 Euro) für einen Drei-Tages-Vorrat unerschwinglich. Doch trotz des exorbitanten Preises für Säuglingsnahrung berichten Familien von Engpässen auf dem Markt. Die Gemeinschaftsküche im Lager ist ihre einzige Nahrungsquelle.
Als die Gemeinschaftsküche die Lebensmittelausgabe drei Tage lang einstellte, konnte S. ihren Kindern nur Wasser geben. Ihr Ehemann wurde verletzt, als er sich in der Nähe des Grenzübergangs Zikim auf die Suche nach Nahrungsmittellieferungen machte. Sie habe ihn daraufhin angefleht, nicht noch einmal aufzubrechen. Ihr vom Hunger geschwächter Sohn würde beim Laufen immer wieder hinfallen. "Ich habe das Gefühl, als Mutter versagt zu haben. Dass deine Kinder hungern, gibt dir das Gefühl, eine schlechte Mutter zu sein."
Doch Nahrung ist nicht das einzige Grundbedürfnis, um das gekämpft werden muss. Windeln sind unerschwinglich, sodass S. gezwungen ist, ihre Kleidung zu zerreißen, um provisorische Windeln herzustellen. Aufgrund des Mangels an sauberem Wasser kann S. sie jedoch nicht waschen – eine Folge der Zerstörung beziehungsweise der schweren Beschädigung der Wasser- und Abwassersysteme in Gaza. In dem Zelt, in dem sie mit ihrem Mann und den beiden Kindern lebt, gibt es Ratten, Moskitos und Kakerlaken. Ihre kleine Tochter hat sich eine bakterielle Hautkrankheit zugezogen, die sie nicht behandeln kann, weil es weder Antibiotika noch Salben gibt.
Traumata, Schuldgefühle und Scham
Mitarbeitende zweier Hilfsorganisationen, die unter der Bedingung der Anonymität mit Amnesty International gesprochen haben, erzählten, dass die Anträge ihrer Organisationen auf Einfuhr von Antibiotika vom Koordinator für Regierungsaktivitäten in den Gebieten (COGAT) abgelehnt wurden. Dabei handelt es sich um eine Abteilung des israelischen Verteidigungsministeriums. Diese ist für die Bearbeitung von Anträgen für die Koordinierung und Genehmigung der Einfuhr von Hilfsgütern zuständig.
Auch schwangere Frauen, die von Amnesty International befragt wurden, gaben an, der Hunger habe bei ihnen psychische Probleme wie Traumata, Schuldgefühle und Scham verursacht.
Die 28-jährige Hadeel ist eine im vierten Monat schwangere Mutter von zwei Kindern. Sie erzählte von ihrer Angst um ihr ungeborenes Kind, obwohl sie dessen Bewegungen oder Herzschlag bisher noch kaum fühlen kann. Sie fühlt sich schuldig, weil sie schwanger ist und sich kaum selbst ernähren kann: "Ich habe Angst vor einer Fehlgeburt, muss aber gleichzeitig an mein Baby denken: Ich gerate in Panik, wenn ich nur daran denke, wie sich mein eigener Hunger auf die Gesundheit des Babys auswirken könnte, auf sein Gewicht, darauf, ob es Geburtsfehler hat ... und selbst wenn das Baby gesund zur Welt kommen sollte, welches Leben es dann erwartet, inmitten von Vertreibung, Bomben, Zelten…"
Im Stadtteil Al-Rimal von Gaza-Stadt warten palästinensische Kinder auf Essen (22. Mai 2025).
© IMAGO / NurPhoto
Die Kinder fragen ständig nach Essen
Hadeel hat große Angst davor, ihr Kind unter diesen Bedingungen zur Welt zu bringen. Sie erinnert sich an die umfassende Mutterschaftsvorsorge, die Vitamine und die medizinischen Tests, die ihr bei ihren vorherigen Schwangerschaften vom UN-Hilfswerk für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA) zur Verfügung gestellt wurden. Doch diese gibt es jetzt nicht mehr.
Hadeels Kinder fragen ständig nach Essen, nach einem Platz, an dem sie spielen können und nach der Schule. Mehrere andere Frauen, die bei dieser und früheren Untersuchungen von Amnesty International befragt wurden, gaben an, sich trotz eines starken Kinderwunsches wegen der Lebensbedingungen und Bombardierungen im Gazastreifen dagegen entschieden zu haben, ein Kind zu bekommen.
Systematische Zerstörung der Nahrungsmittelproduktion
Interviews von Amnesty International mit palästinensischen Vertriebenen aus drei Flüchtlingslagern in Gaza-Stadt zeigten, dass die Notlage überall in der Bevölkerung gleich ist. Alle hatten seit mindestens einem Monat weder Eier noch Fisch, Fleisch, Tomaten oder Gurken gegessen. Die meisten von ihnen hatten bereits seit Monaten keines dieser Lebensmittel mehr gehabt.
Diese weit verbreitete Knappheit an frischen und nahrhaften Lebensmitteln ist sowohl auf die erdrückende Blockade Israels als auch auf die systematische Zerstörung von Quellen für die Nahrungsmittelproduktion zurückzuführen. So wurden große Teile landwirtschaftlicher Flächen, Geflügel- und andere Viehzuchtbetriebe bei militärischen Operationen der israelischen Armee durch Beschuss, Bombardierung oder manuell gelegte Sprengsätze zerstört.
Zerstörung palästinensischer Gebäude im Gazastreifen durch die israelische Armee (undatiertes Foto)
86 Prozent der Anbauflächen in Gaza sind zerstört oder beschädigt
Das Satellitenzentrum der Vereinten Nationen (UNOSAT) und der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) hat eine Analyse durchgeführt. Sie wurde am 31. Juli veröffentlicht. Laut dieser Analyse wurden 86 Prozent der permanenten Anbauflächen in Gaza zerstört oder beschädigt.
Im Mai 2025 dokumentierte Amnesty International die vollständige Zerstörung der Überreste von Khuza'a östlich von Chan Yunis. Dort befanden sich einige der fruchtbarsten landwirtschaftlichen Flächen Gazas. Der fehlende Zugang zu Anbauflächen oder deren schwere Beschädigung bzw. Zerstörung haben dazu geführt, dass die Ernteerträge gering sind und dass Gemüse, sofern überhaupt verfügbar, nun zu astronomischen Preisen verkauft wird. Dadurch sind die Bewohner*innen nahezu vollständig auf die sehr begrenzten Lieferungen angewiesen, die von Israel zugelassen werden.
OCHA stellte am 13. August 2025 fest, dass die Preisschwankungen vieler Waren weiterhin spekulationsbedingt und nicht auf ihre tatsächliche Verfügbarkeit zurückzuführen sind. Ein Kilogramm Tomaten kostete am 14. August fast 80 Schekel (etwa 20 Euro) und damit das Zwanzigfache des Preises vor dem 7. Oktober 2023. An diesem Tag hatten die Hamas und andere bewaffnete palästinensische Gruppen im Süden Israels etwa 1.200 Menschen getötet und 250 Personen entführt.
Nachdem die israelischen Behörden einen Mechanismus genehmigten, der die begrenzte Einfuhr bestimmter Handelsgüter nach Gaza durch geprüfte Händler*innen ermöglicht, sind die Preise für einige Waren wie Zucker, Datteln, bestimmte Konserven und Mehl gesunken. Sie sind aber immer noch fast zehn Mal so hoch wie vor dem 7. Oktober 2023.
Auch Fischer*innen sind auf ein kleines, gefährliches Gebiet in der Nähe des Hafens beschränkt. Wenn sie fischen gehen, riskieren sie, beschossen oder festgenommen zu werden.
"Ich bin zu einer Last für meine Familie geworden": Folgen für ältere Menschen
Abu Alaa ist ein 62-jähriger Vertriebener aus dem Flüchtlingslager Jabalia. Er erzählte Amnesty, wie es ist, als einzige Mahlzeit des Tages eine Linsensuppe aus der Gemeinschaftsküche zu bekommen. Wie er berichtet, wird Brot nur an einem Tag pro Woche verteilt, sodass es von der Familie rationiert werden muss. Er habe seit Monaten nichts Süßes mehr gegessen, nicht einmal mehr Obst. "Ich kann den Hunger ertragen, aber Kinder können das nicht", sagt er.
Abu Alaa sehnt sich danach, dass die UNRWA die Verteilung von Hilfsgütern wieder aufnimmt, weil er ihrem gerechten und fairen System, das sich nach der Familiengröße richtet, vertraut. Er beschrieb die Gefahren des derzeitigen Kampfes um Hilfsgüter: "Früher haben wir uns gegenseitig unterstützt, vor allem jene, die Hilfe brauchten. Das war auch noch am Anfang dieses Krieges so, aber jetzt lassen sich die Menschen nur noch von ihrem eigenen Überlebensinstinkt leiten."
Die 75-jährige Aziza erzählte Amnesty International von ihrem Wunsch zu sterben: "Ich habe das Gefühl, zu einer Last für meine Familie geworden zu sein. Als wir vertrieben wurden, mussten sie mich in einem Rollstuhl schieben. Wegen der extrem langen Schlangen vor den Toiletten in dem Lager, in dem wir untergekommen sind, brauche ich Windeln für Erwachsene, die sehr teuer sind. Ich brauche Medikamente für Diabetes, Blutdruck und eine Herzerkrankung und musste welche nehmen, die abgelaufen waren. Ich denke immer, dass die kleinen Kinder, meine Enkel*innen, es verdient haben zu leben. Ich habe das Gefühl, dass ich ihnen, dass ich meinem Sohn zur Last falle."
Nachdem Israel die Lieferung von Hilfsgütern in den Gazastreifen erlaubt hat, versuchen Palästinenser*innen in Gaza-Stadt, an Lebensmittel zu gelangen (27. Juli 2025). Die Hilfe reicht bei weitem nicht aus.
© Anadolu via Getty Images
Kampf um Essen
Der 66-jährige Nahed erzählte Amnesty International, dass der Kampf um Essen an den Hilfsrouten "Menschen ihre Menschlichkeit nimmt". Er sagt: "Ich musste hingehen, weil ich niemanden habe, der sich um mich kümmert. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie Menschen Mehlsäcke davontrugen, die mit dem Blut derer befleckt waren, die gerade erschossen worden waren. Selbst Menschen, die ich kannte, waren kaum wiederzuerkennen. Die Erfahrung von Hunger und Krieg hat Gaza komplett verändert; sie hat unsere Werte verändert."
"Vielschichtige ineinandergreifende Zerstörung": Tödliche Mischung aus Hunger und Krankheit
Ein Notfallarzt aus dem Krankenhaus al-Shifa in Gaza-Stadt zeichnete ein düsteres Bild. Die Klinik war einst das größte Krankenhaus im Gazastreifen. Nach zwei großen israelischen Angriffen im November 2023 und März 2024 ist es jetzt allerdings kaum noch funktionsfähig.
Bei einem Interview mit Amnesty International am 24. Juli 2025 wies der Notfallarzt darauf hin, dass Menschen mit einem höheren Risiko – wie Säuglinge, Kinder mit bestehenden Erkrankungen, ältere Personen und Personen mit Behinderungen – von den Folgen des Mangels an Nahrung, Medikamenten, sauberem Wasser und Hygiene unverhältnismäßig stark betroffen seien. Diese Engpässe werden durch die ständige Angst und Not noch verschärft.
Der Arzt betonte, dass viele Patient*innen ein "angemessenes Leben" führen würden, wenn es die "die Kombination aus Hunger, Zerstörung, dem Abbau des Gesundheitssystems, den unhygienischen Bedingungen und mehrfachen Vertreibungen unter unmenschlichen Bedingungen nicht gäbe".
Der Mangel an bestimmten nahrhaften Lebensmitteln führt zu vermeidbaren gesundheitlichen Problemen. So erlitt ein jugendlicher Nierentransplantationspatient aufgrund von verschmutztem Wasser und unzureichender Ernährung einen Rückfall. Diabetiker*innen, die ihre Erkrankung bisher durch eine strenge Diät im Griff hatten, stehen nun vor großen Schwierigkeiten, da nährstoffreiche Lebensmittel wie Gemüse, Fisch, Huhn und Bohnen nicht mehr verfügbar sind und es an medizinischer Versorgung mangelt.
Der Hunger überlagert andere Gesundheitsprobleme
Ein Notfallarzt erklärte, der extreme Hunger in der Bevölkerung habe andere Gesundheitsproblematiken überschattet, insbesondere den alarmierenden Anstieg von Infektionskrankheiten und durch Wasser übertragenen Krankheiten sowie von Meningitis und Guillain-Barré-Syndrom (GBS).
Er fügte hinzu, ein gravierender Mangel an Antibiotika und die extreme Überlastung seines Krankenhauses, das nur teilweise funktionsfähig ist, hätten das, was er als "unsichtbare Katastrophe" bezeichnete, noch verschlimmert. So bliebe oft unbemerkt, dass sich Krankheiten ausbreiten oder Menschen mit chronischen Erkrankungen zu kämpfen haben, die sie zuvor behandeln konnten, weil man sich "nur auf die Menge der eintreffenden Nahrung konzentriert, ohne sich ein umfassendes Bild von der Lage zu machen".
GBS ist eine seltene und potenziell lebensgefährdende neurologische Erkrankung, bei der das Immunsystem das periphere Nervensystem angreift. Ausgelöst wird GBS durch Virusinfektionen wie denen, die Durchfall verursachen. Das Syndrom kann sich auf alle Sinnesorgane auswirken, Muskelschwäche und Herzrhythmusstörungen auslösen, die Atmung beeinträchtigen und zu Lähmungen führen. Dem Gesundheitsministerium zufolge wurden bis zum 12. August 2025 insgesamt 76 Fälle von GBS dokumentiert, die alle in Juli und August auftraten. Vier Palästinenser*innen, darunter zwei Kinder, sind an den Folgen ihrer GBS-Erkrankung gestorben.
Intravenöse Immunoglobuline (IVIG), die wichtigste Medikation zur Behandlung von GBS, sind derzeit aufgrund der Blockade durch Israel in Gaza nicht verfügbar. Schreitet die Krankheit weiter fort und befällt die Lungenmuskulatur, führt dies zu einer Atemschwäche, und die Patient*innen müssen intubiert werden. Für einen dezimierten Gesundheitssektor, der ohnehin täglich überlastet ist, sind die Kapazitäten zur Bewältigung dieser Kombination aus Hunger und Krankheit äußerst begrenzt.
Das medizinische Personal ist zermürbt
Die Folgen sind für Patient*innen wie medizinisches Personal gleichermaßen schlimm. Wunden brauchen wesentlich länger, um zu heilen, und Leichtverletzte müssen länger im Krankenhaus bleiben, weil ihr Körper aufgrund mangelnder Ernährung zu schwach ist. Der Notarzt aus dem Krankenhaus al-Shifa, spricht von einer "vielschichtigen, ineinandergreifenden Zerstörung": Ein verwüstetes Krankenhaus wie al-Shifa müsse mit Hunger, zerstörter Infrastruktur, ständigen Bombardierungen und der Gefahr einer weiteren Vertreibung in unhygienische Zelte kämpfen. Wie der Arzt Amnesty mitteilte, ist das medizinische Personal durch den ständigen und anhaltenden Krisenzustand zermürbt.
"Eine bereits katastrophale Situation droht sich zu einer Katastrophe noch größeren Ausmaßes zu entwickeln, wenn Israel seinen Plan einer umfassenden Bodeninvasion in Gaza-Stadt wahrmachen sollte", so Guevara-Rosas. "Eine derartige Militäroperation würde den beiden in der Stadt tätigen Zentren zur Bekämpfung von Unterernährung sowie den noch verbliebenen medizinischen Einrichtungen einen verheerenden und irreversiblen Schlag versetzen."
Angesichts der Zustimmung des israelischen Kabinetts zu dem Plan, die Besetzung des Gazastreifens durch eine Offensive auf Gaza-Stadt auszuweiten, sagte ein Binnenvertriebener aus dem Flüchtlingslager Jabalia folgendes: "Ich wurde während dieses Krieges bereits 14 Mal vertrieben. Ich habe nicht mehr die Kraft zu fliehen. Ich habe kein Geld, um meine beiden Kinder mit Behinderungen zu transportieren. Meine Muskeln tun weh, ich bin zu erschöpft, um gehen zu können, ganz zu schweigen davon, meine Kinder zu tragen. Wenn sie die Stadt angreifen sollten, werden wir hier einfach sitzen und auf unseren Tod warten."
Eine israelische Haubitze feuert auf Ziele im Gazastreifen (Archivaufnahme vom 11. Oktober 2023).
© IMAGO / Matrix Images
Amnesty-Mitarbeiterin Erika Guevara-Rosas erklärt: "Als Besatzungsmacht ist Israel gesetzlich verpflichtet, die Zivilbevölkerung zu schützen und für diese Sorge zu tragen. Dazu muss Israel die Einfuhr von lebenswichtigen Gütern, die sichere und würdige Verteilung von Hilfsgütern und den ungehinderten Zugang zu Nahrungsmitteln und medizinischen Hilfsgütern in ganz Gaza ermöglichen. Hunger darf niemals als Kriegswaffe eingesetzt werden, und die UNRWA und andere UN-Organisationen sowie Hilfsorganisationen müssen sicheren und ungehinderten Zugang zum gesamten Gazastreifen haben."
"Die Welt kann Israel nicht weiterhin dafür auf die Schulter klopfen, dass es tröpfchenweise Hilfe bereitstellt und diese kosmetischen Maßnahmen als ausreichende Reaktion auf seine gezielte Zerstörung palästinensischen Lebens in Gaza betrachtet.", so Guevara-Rosas. "Angesichts der Gräuel, die Israel der palästinensischen Bevölkerung in Gaza antut, muss die internationale Gemeinschaft, insbesondere Israels Verbündete, darunter die Europäische Union und ihre Mitglieder, ihren moralischen und rechtlichen Verpflichtungen nachkommen, um Israels anhaltenden Völkermord zu beenden. Die Staaten müssen unverzüglich alle Waffenlieferungen aussetzen, gezielte Sanktionen verhängen und jegliche Zusammenarbeit mit israelischen Einrichtungen beenden, wenn diese zu Israels Völkermord an den Palästinenser*innen im Gazastreifen beiträgt."
Hintergrundinformationen zur Recherche
Diese Rechercheergebnisse untermauern die jüngsten Veröffentlichungen von Amnesty International über die Auswirkungen bestimmter israelischer Maßnahmen und Praktiken. Dazu gehört eine 78-tägige vollständige Belagerung zwischen März und Mai 2025 und die Ersetzung des seit langem bestehenden humanitären Hilfesystems der Vereinten Nationen durch einen aufgezwungenen, tödlichen und erniedrigenden, nicht neutralen Hilfsmechanismus. Dieser wird von der von den USA und Israel unterstützten Organisation Gaza Humanitarian Foundation angeführt und hat das Leiden der Zivilbevölkerung in Gaza weiter verschärft.