Aktuell Israel und besetztes palästinensisches Gebiet 08. Juli 2025

Gaza: Israel setzt Hunger als Waffe gegen Palästinenser*innen ein

Ein Kind mit einer leeren Schüssel

Von Mangelernährung bedroht: Ein Kind wartet am 2. Juni 2025 im Flüchtlingslager Nuseirat im Gazastreifen bei der Essensausgabe auf eine warme Mahlzeit.

Die israelische Regierung verhindert gezielt die lebensnotwendige Versorgung der Zivilbevölkerung im Gazastreifen und setzt so Hunger als Kriegswaffe und als ein Mittel im anhaltenden Genozid in Gaza ein. Neue Recherchen von Amnesty International legen offen, wie die israelischen Behörden die humanitäre Krise in Gaza verschärfen, Hunger und Krankheiten befördern – und damit auch Kinder und Säuglinge treffen.  

Blasse Haut, ausfallende Haare und Nägel, hoher Gewichtsverlust. "Wir untersuchen täglich etwa 200 bis 250 Kinder auf Anzeichen von Unterernährung", sagt Dr. Susan Maarouf. "Knapp 15 Prozent weisen Anzeichen von schwerer oder mittelschwerer Unterernährung auf."  

Maarouf ist Ernährungsexpertin im Krankenhaus "Patient's Friends Benevolent Society" in Gaza-Stadt. Das Krankenhaus hat im Juni 2024 eine spezielle Abteilung für Kinder zwischen sechs Monaten und fünf Jahren eröffnet, um Fälle schwerer Unterernährung zu behandeln. 

Gegenüber Amnesty International beschreibt sie, welche katastrophalen Auswirkungen die ausbleibenden Hilfslieferungen im Gazastreifen für die Zivilbevölkerung – und vor allem Kinder – hat:

"Wir haben ein kleines Mädchen im Alter von sechs Jahren wegen eines Hungerödems behandelt", sagt Maarou. "Leider wurde sie vor Kurzem wieder ins Krankenhaus gebracht, weil sich ihre Gesundheit wieder verschlechtert hatte. Es ist ein Teufelskreis. Ohne die nötigen Hilfslieferungen haben wir das Gefühl, dass wir die Wunde nur notdürftig flicken können, bevor sie irgendwann wieder aufbricht." 

Aktuelle Recherchen von Amnesty International zeigen, dass Israel einen Monat nach Einführung seines militarisierten Systems zur "Verteilung" von Hilfsgütern im besetzten Gazastreifen weiterhin Zivilpersonen aushungert und somit Hunger als Kriegswaffe gegen Palästinenser*innen einsetzt. Besonders betroffen sind Kinder. 

Seit Oktober 2023 sind mindestens 66 Kinder an den unmittelbaren Folgen von Unterernährung gestorben. In dieser Zahl nicht enthalten sind viele weitere Kinder, die an vermeidbaren Krankheiten gestorben sind, welche durch Unterernährung verschlimmert wurden.  

18.741 Kinder wurden wegen akuter Unterernährung ins Krankenhaus eingewiesen 

Nach Angaben des UN-Amts für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (UN OCHA) wurden zwischen dem 1. Januar und 15. Juni 2025 insgesamt 18.741 Kinder wegen akuter Unterernährung ins Krankenhaus gebracht. 

Amnesty hat mit medizinischem Personal, Binnenvertriebenen und Eltern von Kindern, die wegen Unterernährung ins Krankenhaus eingeliefert wurden, gesprochen. Ihre Erfahrungen offenbaren, wie akut die Hungersnot und Verzweiflung im Gazastreifen sind. Hinzu kommen Massenvertreibung, unablässige Bombardierungen und die Zerstörung lebenswichtiger Infrastruktur durch die israelischen Behörden

Amnesty-Posting auf X (ehemals Twitter):

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"Während die Welt auf die jüngsten Kampfhandlungen zwischen Israel und dem Iran blickte, ging Israels Völkermord im Gazastreifen unvermindert weiter", sagt Agnès Callamard, internationale Generalsekretärin von Amnesty International. "Unter anderem, indem dort Lebensbedingungen herbeigeführt werden, die eine tödliche Mischung aus Hunger und Krankheiten zur Folge haben und die Bevölkerung an den Abgrund treibt."  

Todesfalle für hilfesuchende Palästinenser*innen: Das militarisierte "Hilfsprogramm" der Gaza Humanitarian Foundation 

Seit mehr als einem Monat ist das militarisierte "Hilfsprogramm" der Gaza Humanitarian Foundation (GHF) in Kraft. Offiziell soll dieses "Hilfsprogramm" humanitäre Hilfe in Gaza über vier militarisierte Zentren verteilen. Militarisiert heißt, dass diese Zentren vom israelischen Militär kontrolliert werden. Tatsächlich sind sie für hilfesuchende Palästinenser*innen eine entmenschlichende und entwürdigende Todesfalle. 

Seit Beginn sind dort Hunderte Palästinenser*innen getötet und Tausende verletzt worden. Israelische Streitkräfte und bewaffnete Gruppen – von denen einige Berichten zufolge Unterstützung von israelischen Behörden erhalten – eröffnen routinemäßig das Feuer auf die Hilfesuchenden.  

Fehlende Babynahrung bringt Säuglinge in Lebensgefahr  

"Als Besatzungsmacht ist Israel nach dem humanitären Völkerrecht verpflichtet, die Versorgung der Palästinenser*innen im Gazastreifen mit Lebensmitteln, Medikamenten und anderen lebensnotwendigen Gütern sicherzustellen", sagt Agnès Callamard. 

Welche Auswirkungen die katastrophale Versorgungslage für Säuglinge und ihre Mütter hat, berichtet ein Arzt gegenüber Amnesty International: "Im Gazastreifen fehlt es allgemein an Milch. Mütter sind nicht in der Lage zu stillen, entweder weil sie selbst nicht genug zu essen haben oder weil sie konstant Panik, Trauma und Angst ausgesetzt sind. Für Säuglinge kann das den Tod bedeuten."  

Zerstörte Gebäude im Hintergrund, davor eine Gruppe von Menschen, darunter Frauen und Kinder,

Blockade von Hilfslieferungen als Waffe  

Israelische Behörden halten die Vereinten Nationen und andere unabhängige humanitäre Organisationen weiterhin davon ab, den Gazastreifen mit lebenswichtigen Gütern wie Lebensmittelpaketen, Treibstoff und Behelfsunterkünften zu beliefern.  

Weil die israelischen Behörden Hilfslieferungen und die Einfuhr gewerblicher Güter in den besetzten Gazastreifen rechtswidrig blockieren, warten weiterhin Hunderte mit Hilfsgütern beladene LKW außerhalb des Gazastreifens auf eine Einfuhrerlaubnis.   

Nur ein Bruchteil der äußerst begrenzten Menge an Hilfsgütern, die Israel nach Gaza einführen lässt, erreicht jene, die Hilfe am dringendsten benötigen. Die Güter werden entweder über das unmenschliche und todbringende militarisierte System der GHF verteilt oder von verzweifelten, ausgehungerten Zivilpersonen beziehungsweise in manchen Fällen von organisierten Banden gestohlen.  

"Die Staaten müssen endlich handeln und ihren völkerrechtlichen Verpflichtungen gerecht werden", so Agnès Callamard. "Sie müssen dringend dafür sorgen, dass sie nicht zu dem rechtswidrigen Verhalten Israels beitragen und sich der Gräueltaten mitschuldig machen."  

Gemeinsam mit mehr als 170 Organisationen fordert Amnesty International die sofortige Aussetzung jeglicher militärischer Unterstützung sowie ein Verbot von Handel und Investitionen, die zu dem von Israel begangenen Völkermord oder anderen schweren Verstößen gegen das Völkerrecht beitragen. Die israelische Regierung muss alle Beschränkungen aufheben und unverzüglich dafür sorgen, dass die Menschen im gesamten Gazastreifen ungehinderten, sicheren und menschenwürdigen Zugang zu humanitärer Hilfe haben. 

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