Amnesty Journal Iran 16. August 2021

Wo die Diktatur absurd wird

Eine Frau mit Kopftuch sitzt in einem Auto, und blickt durch die Seitenscheibe, auf der Regentropfen abperlen.

Darya (Baran Rasoulof) ist aus Hamburg zu ihrem Onkel in den Iran gereist. Was wird sie dort erwarten?

Mit "Doch das Böse gibt es nicht" gewann der iranische Regisseur Mohammad Rasoulof den Goldenen Bären der Berlinale. Sein Film erzählt in vier Episoden vom Leben unter dem iranischen Regime und stellt universelle Fragen nach Schuld und Verantwortung.

von Jürgen Kiontke

Angelegenheiten der existenziellen Art stellt Mohammad ­Rasoulof in seinem neuen Episodenfilm vor und hat damit zu Recht den Goldenen Bären der diesjährigen Berlinale gewonnen. Der Regisseur geht Beispiele durch, bei denen man sich die Hände schmutzig macht. So steht etwa der junge iranische Soldat Javad, der zum Dienst am Galgen abkommandiert wurde, vor der Frage: "Würdest du jemanden für drei Tage Urlaub aufhängen?" Die freien Tage braucht er, um seiner Freundin einen Heiratsantrag zu machen. Als Javad in deren Familie ankommt, stellt er fest, dass diese um einen engen Freund trauert. Wen er aufhängen musste, beichtet er besser nicht.

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Auch die anderen Geschichten in Rasoulofs Film künden von der brutalen Absurdität in einer Diktatur, von der Möglichkeit und dem Zwang, zu töten – auch, um daraus ­einen Vorteil abzuleiten, und sei es, der Tätigkeit als Henker nachzugehen, um der Familie ein "normales" Leben zu ermöglichen. Rasoulof kämpft nicht mit dem Florett, sondern macht seine Botschaft überdeutlich. Dem vielfach – früher auch in seinem Heimatland – ausgezeichneten Regisseur droht derzeit eine Gefängnisstrafe wegen "Propaganda gegen das System". Reiseverbot hat er schon lange. Den Preis der Berlinale konnte er nur am Handy seiner Tochter Baran entgegennehmen. Sein neuestes Werk ist absolut ­sehenswert und ein überzeugendes Statement.

Jürgen Kiontke ist freier Autor, Journalist und Filmkritiker. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.

"Doch das Böse gibt es nicht". CZE/D/IRN 2020. Regie: Mohammad Rasoulof. Mit Pouya Mehri, Baran Rasoulof. Weitere Infos unter grandfilm.de/doch-das-boese-gibt-es-nicht. Kinostart: 19. August 2021.

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