Indigene: Widerstand gegen Landnahme in Kanada und den USA
Mehr als eine Schneise durch die Natur: Die Mountain Valley Pipeline ist umstritten (Virginia, USA)
© Jay Mallin / Zuna Press / pa
In Kanada und den USA wehren sich Indigene Völker gegen den Ausbau von Gaspipelines auf ihrem Land und die Missachtung ihrer Rechte.
Von Marianne Kersten
Zwei Pipelines, derselbe Kampf: In der kanadischen Provinz British Columbia und im US-Bundesstaat North Carolina kämpfen betroffene Indigene Völker gegen den Bau von Gaspipelines auf ihrem Land. Beide Fälle spiegeln ein globales Problem wider: Die Infrastruktur fossiler Brennstoffe untergräbt Menschenrechte und Klimaschutzbemühungen, verursacht schwere Umweltschäden und Gesundheitsrisiken und gefährdet die traditionelle Lebensweise Indigener Völker.
Recherchen von Amnesty International und der NGO Better Planet Laboratory (BPL) ergaben, dass weltweit mindestens zwei Milliarden Menschen unter den Risiken dieser Infrastruktur leiden. BPL stellte zudem fest, dass mindestens 16,1 Prozent dieser Infrastrukturen auf Indigenen Territorien stehen, obwohl der Anteil Indigener Menschen an der Weltbevölkerung weniger als fünf Prozent beträgt.
"Nationale Interessen" hebeln Rechte aus
Zum Schutz ihres angestammten Landes, ihrer Lebensweise und einer gesunden Umwelt lehnen die Wet’suwet’en Nation und ihre Verbündeten die 670 Kilometer lange Frackinggaspipeline des kanadischen Unternehmens Coastal GasLink ab. Doch trotz ihres massiven und landesweiten Widerstands wurde die Pipeline gebaut und in Betrieb genommen. Verschiedene Gremien der UNO hatten die kanadische Regierung zudem mehrfach zur Einhaltung der Menschenrechte aufgefordert.
Die unterirdisch verlaufende Trasse teilt das 22.000 Quadratkilometer große Land der Indigenen auf einer Länge von 190 Kilometern. Dabei führt sie auch durch ein sensibles Wassereinzugsgebiet mit zahlreichen Pflanzen- und Tierarten.
Kanada und British Columbia verabschiedeten Gesetze zur Umsetzung der Erklärung der Vereinten Nationen über die Rechte Indigener Völker, die ihnen ein Recht auf Selbstbestimmung und "freie, vorherige und informierte Zustimmung" zu Infrastrukturprojekten auf ihrem Land garantiert. Bereits 1997 hatte der Supreme Court of Canada entschieden, dass die Landrechte der traditionellen Wet’suwet’en Nation nie erloschen sind. Doch anstatt diese Rechte zu sichern, setzten die Regierung British Columbias und Coastal GasLink während der Verhandlungen auf "Beziehungsaufbau" und "wirtschaftliche Vorteile".
Abschreckende Freiheitsstrafen
Zur beschleunigten Durchsetzung wirtschaftlicher Interessen und ohne vorherige Konsultation der Indigenen Völker beschloss die kanadische Regierung inzwischen ein Gesetz, das es ihr erlaubt, Großprojekte wie Pipelines, Staudämme oder Straßen als "nationale Interessen" einzustufen. Damit kann sie Umweltverträglichkeitsprüfungen und Konsultationsverfahren beschleunigen oder umgehen.
Um den Pipelinebau ungestört fortsetzen zu können, erließ der Supreme Court of British Columbia 2019 auf Antrag von Coastal GasLink eine einstweilige Verfügung, die das Betreten der Baustellen und Blockieren von Zufahrten untersagt. Amnesty International kritisierte, dass dies die Rechte der Wet’suwet’en auf Versammlungs- und Bewegungsfreiheit in unzulässiger Weise einschränkt.
In den Jahren 2019 bis 2023 führte die Polizei vier groß angelegte und stark militarisierte Razzien auf dem Land der Wet’suwet’en durch. Mehr als 75 Menschen wurden festgenommen und vorübergehend inhaftiert, 20 von ihnen angeklagt. Nachdem Chief Dsta’hyl, ein Oberhaupt der Wet’suwet’en Nation, wegen Missachtung der einstweiligen Verfügung zu 60 Tagen Hausarrest verurteilt worden war, erklärte Amnesty ihn im Sommer 2024 zum ersten gewaltlosen politischen Gefangenen Kanadas. Im Oktober 2025 verurteilte ein Richter drei weitere Angeklagte zu Freiheitsstrafen – setzte diese allerdings zur Bewährung aus und ordnete stattdessen jeweils 150 Stunden gemeinnützige Arbeit an. In seiner Urteilsbegründung kritisierte er, dass die Regierungen von British Columbia und Kanada die Rechte der Indigenen missachtet und es versäumt hätten, sich ernsthaft um eine Verhandlungslösung zu bemühen. Das harte Vorgehen und die rassistischen Äußerungen einiger Polizeikräfte während der Festnahmen wertete er als "schwerwiegendes Fehlverhalten" und Verletzung von Grundrechten.
"Wir waren nie die Anstifter*innen, aber wir haben die Hauptlast der Gewalt getragen", sagte Chief Sleydo’, eine der Verurteilten. Amnesty International kritisierte, das Urteil sende eine abschreckende Botschaft an diejenigen, die sich friedlich für ihre Rechte, ihre Lebensweise und das Klima einsetzten.
UN-Hochkommissariat für Menschenrechte eingeschaltet
Zur Steigerung der Kapazität und Rentabilität der Gaspipeline plant Coastal GasLink den Bau von zwei Kompressoranlagen auf dem Land der Indigenen. Auch dies lehnen ihre Oberhäupter ab – zu erwarten seien unter anderem erhebliche gesundheitliche Risiken durch erhöhte Methanemissionen sowie Lärm, Vibrationen und die weitere Fragmentierung traditioneller Pfade.
Im US-Bundesstaat North Carolina kämpfen die Occaneechi, die zur Saponi Nation gehören, seit 2018 gegen die geplante Southgate-Erweiterung der im Schnellverfahren genehmigten und 2024 fertiggestellten Mountain Valley Pipeline. Bei den Bauarbeiten der Frackinggaspipeline gab es Hunderte Verstöße gegen Genehmigungsauflagen, Gesetze und Vorschriften. Wasserwege wurden verschmutzt, Ökosysteme zerstört und Stätten zeremonieller Bedeutung entweiht oder fälschlicherweise und abwertend als nichtindigene "Steinhaufen" bezeichnet.
Um sich Gehör zu verschaffen, veranstalteten die Occaneechi zusammen mit anderen Indigenen Völkern ein Tribunal der internationalen Versammlung zum Schutz der Naturrechte und forderten den Stopp des gesamten Pipelineprojekts auf ihren Territorien. Zudem verschickten sie zahlreiche Beschwerdebriefe an die Regulierungsbehörden. 2025 wandte sich die Sprecherin der Occaneechi, Crystal A. Cavalier-Keck, an das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte. In ihrem Schreiben forderte sie unter anderem die Einleitung einer formellen Untersuchung der Auswirkungen des Southgate-Projekts auf die Menschenrechte und verwies auf die anhaltenden Verstöße gegen die Rechte Indigener in den USA. So wurde das Southgate-Projekt ohne die "freie, vorherige und informierte Zustimmung" der betroffenen Indigenen Völker vorangetrieben. Staatlich anerkannte Indigene Tribes wie die Occaneechi Band wurden systematisch von den Entscheidungsprozessen ausgeschlossen – trotz eindeutiger Risiken für ihre Territorien, Grabstätten und die Gesundheit. 2021 wurde die damals geplante Route und Infrastruktur der Southgate-Erweiterung abgelehnt. Ende 2025 jedoch genehmigte die Federal Energy Regulatory Commission eine überarbeitete Planung für das Projekt – ohne ein neuerliches Umweltverträglichkeitszertifikat und trotz des Nachweises einer Beratungsfirma, dass die Erweiterung nicht notwendig sei.
Der neue Plan des Southgate-Betreibers Transco (Williams) reduziert zwar die kritischen Wasserüberquerungen, verzichtet auf eine zusätzliche Kompressorstation und umgeht das Territorium der Occaneechi-Sapone Nation. Doch die betroffenen Indigenen Völker haben bereits angekündigt, weiterhin gegen die "unnötige" Southgate-Erweiterung vorzugehen, denn für sie, wie für die Wet’suwet’en Nation, ist das Land die Grundlage ihrer Identität und Kultur.
Marianne Kersten ist Mitglied der Themenkoordinationsgruppe Menschenrechte und Indigene Völker von Amnesty Deutschland.