Venezuela: Wie Autor*innen gegen Zensur und Angst anschreiben
"Bücher sind erstrangig. Aber Essen ist wichtiger": Der Buchhändler Ramon Muñoz hat durch die Krise deutlich weniger Kundschaft (Caracas, Venezuela).
© Rafael Hernandez / dpa / pa
Zensur, Papiermangel, geschlossene Buchhandlungen: Unter Präsident Nicolás Maduro hatte das freie Wort in Venezuela keine Chance. Viele Autor*innen gingen ins Exil. Wer geblieben ist, übt sich in Metaphern.
Von Cornelia Wegerhoff
"Leben, Geld, Kräfte, alles ging uns aus. Sogar die Tage wurden kürzer. Um sechs Uhr abends noch auf die Straße zu gehen, war ein dummes Spiel mit dem Leben. Alles Mögliche konnte den Tod bringen: ein Schuss, eine Entführung, ein Überfall. Stundenlang fiel der Strom aus, und der Sonnenuntergang bedeutete anhaltende Finsternis." Schon dieser kurze Absatz offenbart das Unheil einer ganzen Nation. Er stammt aus dem Roman "Nacht in Caracas", dem 2019 erschienenen Debüt der venezolanischen Schriftstellerin Karina Sainz Borgo (auf Deutsch bei S. Fischer).
Die dramatische Geschichte einer jungen Frau, die schließlich vor Gewalt und Chaos flüchtet, wurde in 26 Sprachen übersetzt und 2025 verfilmt: "In Mexiko. Das war eine sehr sonderbare Situation", erzählt Karina Sainz Borgo, die inzwischen im Exil lebt. Beim Dreh wirkten lauter venezolanische Exil-Schauspieler*innen mit. Einige von ihnen hätten in der Heimat schon selbst im Gefängnis gesessen oder seien strafrechtlich verfolgt worden. "Sie spielten, was sie selbst erlebt hatten", sagt die Autorin. "Aún es de noche en Caracas", so der Originaltitel, läuft ab Ende März auch in deutschen Kinos. Acht Millionen Menschen haben Venezuela verlassen, ein Viertel der Gesamtbevölkerung.
"Größte und schmerzhafteste Intervention"
Karina Sainz Borgo lebt seit 2006 in Spanien. Doch die Gedanken und Worte der in Caracas geborenen Schriftstellerin und Journalistin kreisen weiter um ihre alte Heimat. Am 3. Januar 2026, als die US-Armee militärische Ziele in Venezuela angriff, erlebte die 44-Jährige eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Um sieben Uhr morgens erhielt sie eine Handy-Nachricht ihrer Mutter: "Sie bombardieren Caracas." Bei den Angriffen wurden nach Angaben des venezolanischen Innenministeriums etwa 100 Menschen getötet, darunter auch Zivilpersonen. Angehörige einer US-Eliteeinheit entführten Präsident Nicolás Maduro und seine Frau Cilia Flores. Sie wurden in New York in Untersuchungshaft genommen und sind nun vor einem US-Bundesgericht unter anderem wegen Drogenschmuggels angeklagt. Die unzähligen Menschenrechtsverletzungen und Verbrechen unter Maduros Regime sind kein Bestandteil der Anklage.
Chronistin der Gewalt: Die venezolanische Schriftstellerin Karina Sainz Borgo
© Diego Lafuente
Es sei die "größte und schmerzhafteste Intervention", die Venezuela je erlebt habe, sagt Karina Sainz Borgo. Dass nach Maduros Entführung viele ihrer Landsleute zunächst gejubelt hätten, könne sie nicht verurteilen. "Aber Venezuelas Vize-Präsidentin Delcy Rodríguez, die nicht legitimiert ist, ist weiter an der Macht. Es gibt keine sichtbaren Änderungen in der diktatorischen Struktur." Solange die Oppositionsführer*innen nicht ins Land zurückkämen, bestehe auch keine Chance, in eine "demokratische Dynamik zurückzukehren". Erste Freilassungen der zahlreichen politischen Häftlinge seien ein Hoffnungsschimmer für Gerechtigkeit (siehe auch Seiten 56/57). Doch gelte das im Februar von Übergangspräsidentin Rodríguez in Kraft gesetzte Amnestiegesetz zum Beispiel nicht für Oppositionsführerin María Corina Machado oder für Menschen im Exil. Karina Sainz Borgo fordert wahre Gerechtigkeit.
Auswanderung nach Spanien
Intellektuelle aus ganz Lateinamerika seien "aufgewühlt", sagt Michi Strausfeld über die Atmosphäre nach der völkerrechtswidrigen US-Intervention. Sie kennt die Literaturszene des Kontinents so gut wie kaum jemand sonst in Deutschland. Strausfeld war 40 Jahre lang Verlagslektorin, zuerst verantwortlich für das spanisch-lateinamerikanische Programm bei Suhrkamp, danach bei S. Fischer. In Spanien gebe es eine große Kultur von Zeitungskolumnen, sagt Strausfeld. Bedeutende zeitgenössische Autoren wie Sergio Ramírez Mercado aus Nicaragua und Juan Gabriel Vásquez aus Kolumbien hätten darin gemahnt, dass ein Regimewechsel niemals durch Gewalt legitimiert werden könne.
Michi Strausfeld erzählt, wie sie selbst 1990 zum ersten Mal Caracas besuchte. Anders als etwa Mexiko-City oder Buenos Aires sei Venezuelas Hauptstadt "nie eine Drehscheibe für die Literatur" gewesen. Das durch seine Ölvorkommen stets reiche Land verfügte aber über eine florierende Verlagsindustrie. Und insbesondere die Biblioteca Ayacucho genoss durch die "grandiosen" Neuausgaben bedeutender lateinamerikanischer Werke hohes Ansehen. Venezolanische Autor*innen hätten aber schon immer Kontakte nach Spanien gesucht, um ihre literarische Karriere voranzutreiben. Nicht nur die Bestsellerautorin Karina Sainz Borgo lebt in Spanien, auch der bekannte venezolanische Schriftsteller Juan Carlos Méndez Guédez hat seinen Wohnsitz in Madrid, der Nachwuchsautor Rodrigo Blanco Calderón in Málaga. "Venecos" werden die vielen Geflüchteten aus Venezuela genannt. Blanco Calderón wählte den despektierlichen Begriff als Titel für eines seiner Werke.
Die Situation der Autor*innen, die noch in Venezuela leben, sei bitter, sagt Michi Strausfeld: "Wenn man da den Mund aufgemacht hat, war man sofort mit einem Bein im Gefängnis." Die wenigen verbliebenen Schriftsteller*innen seien ihrem Eindruck nach "sehr still" geworden. Die meisten jüngeren venezolanischen Autor*innen lebten "draußen", bestätigt Geraldine Gutiérrez-Wienken. Die gebürtige Venezolanerin hat in Heidelberg promoviert, ist Dichterin, literarische Übersetzerin und Verlegerin. Im Land geblieben seien vor allem namhafte Schriftsteller*innen der älteren Generation, oft Träger*innen renommierter Literaturpreise, und viele Lyriker*innen. Was diese Autor*innen auszeichne, sei "eine sehr raffinierte Form des Schreibens", erklärt Gutiérrez-Wienken. Man fokussiere sich auf das menschliche Leid, das Phänomen der Einsamkeit, der zerrissenen Familien und die fehlenden Zukunftsperspektiven. Statt politische Pamphlete zu verfassen, übe man sich in Metaphern. "Ruinen" seien zum Beispiel ein sich wiederholender Topos.
Lyrik hat eine lange Tradition in Venezuela. Bis heute erscheint dort die "Revista Poesía", die älteste Publikation zur Poesie in Lateinamerika, 1951 mitbegründet von Dichter*innen wie Eugenio Montejo. Sie wird trotz aller Widrigkeit von Studierenden und Professor*innen der Universität Carabobo herausgebracht. Digital, weil Papier in Venezuela ab 2015 Mangelware wurde, erzählt Geraldine Gutiérrez-Wienken. "Papel Literario", das einzige Feuilleton Venezuelas, wird unterdessen seit 2019 im Ausland erstellt und wöchentlich als PDF an seine Leser*innen verschickt. Nach Informationen der Heidelberger Verlegerin sind in Venezuela seit 2015 etwa 150 Zeitungen und Zeitschriften verschwunden, 130 Radio- und 20 Fernsehsender seien geschlossen worden. Auch der Buchmarkt sei von der Wirtschaftsmisere betroffen, allein in Caracas hätten 70 Prozent der Buchhandlungen schließen müssen.
"Noch bleibt uns das Haus", sagt Geraldine Gutiérrez-Wienken, angelehnt an ein venezolanisches Gedicht, von ihr mitübersetzt, das auch einer Lyriksammlung den Namen gegeben hat. "Gemeint ist das Haus der Sprache", erklärt Geraldine Gutiérrez-Wienken. Alle warteten auf Gerechtigkeit – innerhalb wie außerhalb Venezuelas.
Cornelia Wegerhoff ist freie Journalistin. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.
Hier findest Du Informationen zum US-Militärschlag in Venezuela aus menschrechtlicher Sicht.