Amnesty Journal China 20. Juli 2022

"Nie im Leben wollte ich wegen China krank werden"

Eine mittealte Frau in Jogginghose und Wollpulli trägt die Haare offen und schulterlang, blickt ernst in die Kamera.

Schreibt gegen Chinas Unterdrückung der Uiguren an: Gulbahar Haitiwaji

Ihr "Prozess" dauerte nur neun Minuten, das Urteil lautete sieben Jahre Umerziehung. Doch nach knapp drei Jahren kam sie frei. Seither berichtet die Uigurin Gulbahar Haitiwaji über ihre Zeit in Gefangenschaft.

Von Till Schmidt

Einblicke in die Unterdrückungsmaschinerie in der Region Xinjiang gab es zunächst vor allem über Satellitenaufnahmen. Ihr flächendeckendes Überwachungs- und Internierungssystem für die dort lebenden Uigur*innen leugnete die chinesische Regierung jahrelang. Doch angesichts zahlreicher Beweise von Wissenschaftler*innen, Journalist*innen und ehemaligen Inhaftierten spricht sie inzwischen davon, "durch Extremismus beeinflusste Menschen" in "Erziehungsanstalten fortzubilden". Zuletzt zeigten die sogenannten Xinjiang Police Files eines investigativen Journalismuskollektivs Details zu den staatlichen Umerziehungslagern. Seit 2017 wurden mehr als eine Million überwiegend muslimische Uigu­r*innen interniert.

Eine von ihnen ist Gulbahar Haitiwaji. Die Uigurin lebte mit ihrem Mann und ihren Töchtern bereits zehn Jahre in Frankreich im Exil, als die chinesische Regierung sie im Jahr 2016 mit einem Trick nach Xinjiang lockte: Eine Formalität für ihren Vorruhestand müsse vor Ort geregelt werden, hieß es. Zwei Wochen Aufenthalt plante Haitiwaji dafür ein. Bleiben musste sie letztlich drei Jahre – als Gefangene in einem Umerziehungslager. Ihr "Vergehen"? Separatismus. Eine Tochter Haitiwajis hatte in Frankreich mit einer uigurischen Fahne der uigurischen Unabhängigkeitsbewegung demonstriert, als Beweise wurden Fotoaufnahmen aus den Online-Netzwerken herangezogen.

Verurteilt zur Umerziehung

Bevor ein Gericht Haitiwaji im November 2018 nach einem neunminütigen Prozess zu sieben Jahren "Umerziehung" verurteilte, befand sie sich in Untersuchungshaft. In ihrem Buch schildert sie eindrücklich, wie hilflos sie war, weil niemand ihre vielen Fragen beantworten konnte, und wie bizarr es ihr erschien, dass während der Verhöre eine angeblich belastende "Akte" als Druckmittel zur Schau gestellt wurde.

"Es war klar, dass der Prozess nicht nur mir, sondern auch meinem Mann und meiner Tochter galt", sagt Haitiwaji. Wegen seiner Amateurhaftigkeit habe sie das Verfahren immer wieder "zum Lachen gebracht". Große Sorgen bereitete ihr allerdings ihre Unterschrift unter einem bestimmten Dokument. Man hatte ihr versprochen, damit das Privileg zu bekommen, nach der Untersuchungshaft nicht in einem Gefängnis inhaftiert, sondern in einer "Schule" umerzogen zu werden. "Ich fürchtete von Anfang an, dass China das Dokument willkürlich ­gegen mich verwendet", sagt Haitijawi. Doch dazu kam es glücklicherweise nicht.

Über ihre Gefangenschaft hat Haitiwaji einen autobiografischen Bericht veröffentlicht, der 2021 in Frankreich erschien und seit Januar 2022 auch auf Deutsch vorliegt. Ursprünglich sollte das Buch, das sie gemeinsam mit der Journalistin Rozenn Morgat verfasste, nicht unter ihrem Namen veröffentlicht werden. Nun aber ist auf dem Titel sogar ein Porträt der Autorin zu sehen. "Wegen des noch in China lebenden Teils meiner ­Familie war ich zunächst besorgt. Doch schnell war mir klar, dass mich die Leute sowieso erkennen", erzählt Haitiwaji. Ihre Inhaftierung hatte international ­Aufmerksamkeit erregt.

Die namentliche Autorenschaft sorge außerdem für Ehrlichkeit und Authentizität, sagt Haitiwaji. Ihre Publikation sieht sie als ihr "großes Projekt", um für die Rechte der Uigur*innen zu kämpfen. Haitiwaji begreift sich auch nach ihrer Freilassung und der Buchveröffentlichung allerdings nicht als politischer Mensch. "Ich habe den Eindruck, nicht wirklich einen Überblick über und ein Bewusstsein für politische Entwicklungen zu haben", sagt die 55-Jährige. "Mit meinem Buch möchte ich aber meinen Teil dazu beitragen."

Solidarität im Schlafraum

Eine Stärke von Haitiwajis Bericht liegt in der detaillierten Beobachtung der Menschen, die sie bewachten und verhörten. Das Personal der Unterdrückungsmaschinerie ist teilweise uigurischer Herkunft. "Die machen einfach ihren Job und werden gezwungen, Befehle auszuführen", erklärt Haitiwaji. "Einige Polizeibeamte, die Uiguren nicht weiter malträtieren wollten, haben ihren Job aufgegeben – und sind sofort inhaftiert worden."

In ihrer Schilderung des quälend langsam verstreichenden Alltags hebt Haitiwaji die Solidarität unter den Inhaftierten hervor. Die Frauen ihres Schlafraums teilten nicht nur Essen, Hygieneartikel und andere Dinge des täglichen Bedarfs, sondern gingen auch empathisch und sorgsam miteinander um. "Wir waren voller Hoffnung, aber auch voller Verzweiflung, weil wir nicht wussten, wann wir endlich rauskommen." Seit ihrer Freilassung fragt sie sich, ob ihre damaligen Mitgefangenen immer noch inhaftiert sind. "Ich weiß, dass das unmöglich ist, aber ich würde sie gerne einfach fragen: 'Wie geht es Dir?'"

Fast jede Nacht habe ich Albträume. Ich bin zurück im Lager, muss Lieder singen und Propaganda rezitieren. Jedes Mal denke ich, ich werde niemals freikommen.

Gulbahar
Haitiwaji

Um die Haftzeit zu überstehen, klammerte sich Haitiwaji immer wieder an ihre Unschuld, "denn ich wusste ja, dass ich nichts verbrochen habe". Dies ging einher mit Tagträumen über "delikates französisches Essen" und mit Gedanken an ihre Familie. Auch Sportübungen hätten geholfen. "Selbst als ich an mein Bett fixiert war, bin ich mit meinen Beinen in der Luft Fahrrad gefahren", erzählt Haitijawi voller Stolz auf ihre Resilienz: "Nie im Leben wollte ich wegen China krank werden", sagt sie.

Familie kämpfte für Freilassung

In Frankreich setzte sich Haitiwajis Familie unermüdlich für ihre Freilassung ein. Allen voran ihrer Tochter Gulhumar gelang es, Diplomat*innen und Medien über das Schicksal ihrer Mutter zu informieren und so für öffentlichen Druck zu sorgen. Die Zeit in Haft hat tiefe seelische Spuren bei Gulbahar Haitiwaji hinterlassen. "Fast jede Nacht habe ich Albträume. Ich bin zurück im Lager, muss Lieder singen und Propaganda rezitieren. Jedes Mal denke ich, ich werde niemals freikommen", erzählt sie.

Über ihre Zeit im "Umerziehungslager" will Haitiwaji weiterhin berichten. "Wir brauchen mehr Beweise für das, was in Xinjiang passiert, und wir müssen es bekannter machen." Die chinesische Propaganda manipuliere noch immer viele Menschen. Anderen wiederum fehle die Vorstellungskraft, wie brutal die Repression vor Ort sei, sagt Haitiwaji. Sie fordert außerdem mehr politischen Druck auf die sehr selbstbewusste chinesische Regierung.
Gulbahar Haitiwaji kann nun nicht mehr in ihr Geburtsland zurück. Sie hofft daher, dass der noch in Xinjiang lebende Teil ihrer Familie irgendwann einen Weg nach Frankreich findet.

Till Schmidt ist freier Journalist. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.

Gulbahar Haitiwaji/Rozenn Morgat: Wie ich das chinesische Lager überlebt habe. Aus dem Französischen von Uta Rüenauver und Claudia Steinitz, Aufbau, Berlin 2022, 259 Seiten, 20 Euro.

HINTERGRUND

Xinjiang

Das staatliche Unterdrückungssystem in Xinjiang zielt darauf, uigurische Autonomiebestrebungen und jegliche uigurische Identität im Kern zu ersticken. Die Regierung in Peking fördert den Zuzug von Han-Chines*innen in die Region, weil von ihnen weniger Kritik an Staat und Kommunistischer Partei erwartet wird. In der im Nordwesten Chinas gelegenen Region befinden sich große Anteile der chinesischen Öl- und Gasreserven. Zudem ist Xinjiang ein wichtiger Korridor für Infrastrukturprojekte im Rahmen der "Seidenstraßeninitiative", die Chinas Bedeutung im Welthandel sichern soll. Der Konflikt um die Region reicht zurück bis zur Gründung Xinjiangs als "autonomer Region" im Jahr 1955.

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