Flucht im Südsudan: "Dörfer und Äcker sind zerstört"
Anstehen für Essen: Binnenvertriebene in einem Lager in Bentiu, Südsudan, November 2025
© Rian Cope / AFP / Getty Images
Im Südsudan mussten mehr als eine Million Menschen wegen Repressionen, Ressourcenausbeutung und Klimawandel ihre Heimat verlassen. Die Not ist groß. Nun kommen noch die Auswirkungen des Kriegs im Nachbarland Sudan hinzu. Ein Gespräch mit dem südsudanesischen Rechtsanwalt und Menschenrechtsverteidiger George Tai über die Menschenrechtslage.
Interview: Martina Liedke
Welche Auswirkungen hat der Krieg im Sudan auf Ihr Land?
Der Krieg im Sudan hat enorme Auswirkungen – wir haben fast eine halbe Million Flüchtlinge in zwei Lagern an der Grenze aufgenommen. Das setzt die lokale Bevölkerung, die ihre knappen Ressourcen mit den geflohenen Menschen teilen muss, unter Druck. Gelegentlich gibt es auch grenzüberschreitende Luftangriffe der sudanesischen Streitkräfte. Sie behaupten, oppositionelle Kämpfer zu verfolgen, die im Grenzgebiet gegen sie im Einsatz seien.
Von 2013 bis 2018 herrschte auch im Südsudan Krieg. Wie ist die Menschenrechtslage heute?
Der Krieg hat der Zivilbevölkerung unermessliches Leid zugefügt. Es gab schwere Menschenrechtsverletzungen wie Vergewaltigung als Kriegswaffe, außergerichtliche Hinrichtungen und Zerstörung von Eigentum, die zu massenhafter Vertreibung und einer humanitären Krise führten. Millionen Menschen flohen in Nachbarländer, andere wurden innerhalb des Landes vertrieben. Der Krieg stellte eine existenzielle Bedrohung für den Südsudan dar. Die aktuelle Lage ist auch dramatisch, es gibt außergerichtliche Hinrichtungen, der Handlungsspielraum der Zivilgesellschaft schwindet, ihre Akteur*innen sind inhaftiert. Auch Oppositionelle sitzen hinter Gittern, darunter der erste Vizepräsident des Landes und seine Verbündeten, was zu politischen und militärischen Spannungen führt.
Was sind die Schwerpunkte Ihrer Arbeit?
Ich befasse mich mit der Umweltverschmutzung in der Region Greater Upper Nile im Nordosten des Landes – verursacht durch die rücksichtslose Ölförderung chinesischer und anderer asiatischer Ölkonsortien. Außerdem versuche ich, Opfern und Überlebenden von Menschenrechtsverletzungen Zugang zur Justiz zu verschaffen. Ich arbeite zum Beispiel daran, das schwedische Ölunternehmen Lundin Oil AB vor Gericht zu bringen. Der Konzern schloss zwischen 1997 und 2003 mit der sudanesischen Regierung ein Abkommen über die Aufteilung und Förderung von Ölvorkommen in Teilen des Sudans, die heute zum Südsudan gehören. Die betroffene Region verwandelte sich daraufhin in ein Schlachtfeld, auf dem plötzlich verschiedene Gruppen um die Kontrolle kämpften und schwere Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht verübten.
Welche Auswirkungen hat die Ölförderung auf die Bevölkerung?
Außer einigen Arbeitsplätzen gab es bislang keinerlei positive Auswirkungen. Die Unternehmen ignorieren ihre soziale Verantwortung gegenüber der einheimischen Bevölkerung und zerstören die Lebensgrundlage der Menschen. Es wurde ohne Entschädigung Land enteignet, das nun nicht mehr für Landwirtschaft, Viehzucht und die Wasserversorgung zur Verfügung steht. Ein großes Problem ist auch die Umweltverschmutzung: Giftige Abfallprodukte landen in Gräben und in Wasserquellen, die dann von den Menschen nicht mehr genutzt werden können. Lokale Gemeinschaften müssen über die Gefahren der Ölverschmutzung informiert werden, aber auch über ihre Rechte und wie sie diese einfordern können.
Wie wirkt sich der Klimawandel aus?
Der Klimawandel ist verheerend, vor allem in den Bundesstaaten Jonglei, Unity und Upper Nile. Seit 2019 wurden mehr als 1,7 Millionen Menschen aus ihrer Heimat vertrieben, weil Dörfer, Äcker und Infrastruktur von Überschwemmungen zerstört wurden. Ein anderes Mal zerstörte Dürre die Lebensgrundlagen – beides sind Folgen des Klimawandels. Drei Viertel der Bevölkerung stehen kurz vor dem Hungertod, Krankheiten wie Typhus und Cholera steigen drastisch an.
Martina Liedke ist in der Amnesty-Koordinationsgruppe Sudan/Südsudan aktiv. Mehr Informationen: www.amnesty-zentral-ostafrika.de
Weitere Infos zum Thema: Newsletter Sudan/Südsudan November 2025, Amnesty-Researcher Abdullahi Hassan über die Dokumentation von Kriegsverbrechen, Tötungen und sexualisierte Gewalt durch RSF-Miliz.
HINTERGRUND
von Martina Liedke
Nach Einschätzung der Vereinten Nationen befindet sich der Südsudan abermals am Rand eines Bürgerkriegs. In den vergangenen Monaten kam es wiederholt zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen den Truppen von Präsident Salva Kiir und den Anhängern seines politischen Rivalen Riek Machar.
Nachdem der Südsudan 2011 die Unabhängigkeit vom Sudan erlangt hatte, führte ein Konflikt zwischen Kiir und Machar 2013 zu einem Bürgerkrieg, der etwa 400.000 Menschen das Leben kostete und vier Millionen Menschen vertrieb. Der Bürgerkrieg endete 2018 mit einem Friedensabkommen und einer gemeinsamen Regierung von Präsident Kiir und Vizepräsident Machar. Am 26. März 2025 wurde Machar jedoch unter Hausarrest gestellt, im September seines Amtes enthoben und vor Gericht gestellt. Ihm werden neben Verbrechen gegen die Menschlichkeit unter anderem Mord und Hochverrat zur Last gelegt.
Die Lage der Zivilbevölkerung ist desaströs. 75 Prozent der Bevölkerung sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Im Bundesstaat Upper Nile droht eine Hungersnot. Die wachsende Zahl bewaffneter Gruppen und politischer Splittergruppen hat zu einem Anstieg der Gewalt geführt. Infolge der Kämpfe wurden Hunderte Menschen getötet oder verletzt und Zehntausende zur Flucht gezwungen. Die Sicherheitslage ist extrem schlecht, sexualisierte Gewalt ist weit verbreitet. Die zivile Infrastruktur und die Lebensgrundlagen sind weitgehend zerstört. So wurde Anfang Mai 2025 im Bundesstaat Jonglei ein Krankenhaus bombardiert, das für 110.000 Menschen zuständig ist. Hilfsorganisationen berichten über Schwierigkeiten, die gefährdete Zivilbevölkerung zu unterstützen, weil die Regierung den Zugang zu humanitärer Hilfe verweigert. Verschärft wird die Lage durch den Bürgerkrieg im Nachbarland Sudan, der dazu geführt hat, dass von dort seit April 2023 Hunderttausende Menschen in den Südsudan geflüchtet sind. Deren Versorgung war bereits vor der derzeitigen Eskalation kaum möglich.
Hintergrund der Kämpfe sind auch knapper werdende Rohstoffeinnahmen. Der Südsudan ist reich an Öl, das für den Export über Pipelines durch den Sudan an die Küste gepumpt wird. Doch wegen des Bürgerkriegs im Sudan ist dies nur noch eingeschränkt möglich. Die UN-Menschenrechtskommission für den Südsudan wirft der politischen Elite des Landes außerdem Korruption in großem Stil vor: In einem im September 2025 veröffentlichten Bericht heißt es, die südsudanesische Regierung habe seit der Unabhängigkeit im Jahr 2011 durch Ölexporte mehr als 25 Milliarden US-Dollar eingenommen, doch sei der größte Teil davon systematisch veruntreut worden. Gleichzeitig enthalte die Regierung der Bevölkerung Lebensmittel, Medikamente, Bildung und Sicherheit vor.
Martina Liedke ist in der Amnesty-Koordinationsgruppe Sudan/Südsudan aktiv. Mehr Informationen: www.amnesty-zentral-ostafrika.de