Trumps Kulturpolitik: Patriotismus statt Vielfalt in den USA
Umfassende Kontrolle der Kulturpolitik: Donald Trump im Kennedy Center, Washington D. C., März 2025
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US-Präsident Trump will nur noch Kulturangebote fördern, die unkritisch Amerikas Größe preisen. Indigene und Schwarze Perspektiven sind bei dieser patriotischen Neuausrichtung im Weg.
Aus Oakland von Arndt Peltner
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Im August 2025 gab Donald Trump die Namen der diesjährigen Preisträger*innen des Kennedy Centers in Washington bekannt und erklärte, er sei an deren Auswahl "stark beteiligt" gewesen. Der amerikanische Präsident demonstrierte damit seinen Anspruch, sich in das kulturelle Leben der USA einzumischen und es mitbestimmen zu wollen. Bislang hatte sich die Politik aus Entscheidungen des nationalen Kulturzentrums stets herausgehalten.
Seit seiner Gründung 1971 war das John F. Kennedy Center for the Performing Arts ein Ort, an dem Kultur im weitesten Sinne gezeigt wurde – jenseits von Parteigrenzen. Das Haus am Potomac River feierte die Vielfalt und den Reichtum der amerikanischen Kultur das gesamte Jahr über in zahlreichen Veranstaltungen. Zu den großen Galas kamen Demokrat*innen und Republikaner*innen.
Kampf gegen "Wokeness"
Doch damit war im Januar 2025 Schluss. Bereits kurz nach Beginn seiner zweiten Amtszeit machte Donald Trump klar, dass er eine möglichst umfassende Kontrolle über die Kunst- und Kulturszene anstrebt, um auch in diesem Bereich den von ihm ausgerufenen Kampf gegen "Wokeness" und vermeintlich unamerikanische Tendenzen in der Gesellschaft zu führen. Das Kennedy Center war Trump schon lange ein Dorn im Auge. Dort wurde all das gefeiert, was ihm verhasst ist – Diversität, Gleichheit, Inklusion, also Konzepte, die konträr zu seinem Vorhaben stehen, Amerika an die erste Stelle zu setzen und wieder "groß" zu machen.
Als erstes tauschte Trump die gesamte Führungsebene des Kennedy Centers aus und ernannte sich selbst zum Vorsitzenden. Mit Richard Grenell, dem früheren US-Botschafter in Berlin, setzte er einen Interimspräsidenten ein, der ganz auf seiner Linie liegt. Außerdem kündigte er an, das Programm des Kulturzentrums stärker auf patriotische, pro-amerikanische Angebote auszurichten. Der Aufschrei war groß. Zahlreiche Musiker*innen und Theatergruppen sagten Auftritte im Kennedy Center ab, darunter auch der bekannte San Francisco Gay Men’s Chorus, der schon mehrmals im Kennedy Center aufgetreten war. Für Jacob Stensberg, den künstlerischen Leiter des Chors schwuler Männer, war das Center bis dahin ein Sinnbild für Kunst und Kultur. "Zu sehen, wie es nun fast zu einem Propagandainstrument wird, ist wirklich herzzerreißend und entmutigend", sagte er.
Von Säuberung bedroht: Ausstellung im Smithsonian National Museum of African American History and Culture (Washington D.C., August 2025)
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Trumps neue Kulturpolitik treibt mitunter kuriose Blüten: So erhielt im Frühsommer die Band Oakland Rising aus heiterem Himmel eine Einladung ins Kennedy Center. Für die junge Band, die aus einem Musikförderprogramm für Nachwuchsmusiker*innen aus Oakland entstanden war, bedeutete die Einladung eine Zerreißprobe. Die Band versteht sich zwar nicht als politisch, doch ein Auftritt im Kennedy Center unter den neuen Vorzeichen war eine Grundsatzentscheidung, die intern zu Diskussionen führte. Am Ende sagten drei Mitglieder zu – Naima Nascimento, B Deveaux und August Lee Stevens –, während vier ablehnten. "Wir drei dachten, dass wir mit unserer Musik etwas bewegen könnten", sagte Stevens. Für die afro-amerikanischen Musiker*innen ging es vor allem darum, Oakland zu repräsentieren, eine Stadt, die Donald Trump mehrmals als "kriminelles Drecksloch" bezeichnet hat. Umso überraschender war es für Gitarristin B Deveaux, die sich selbst als Schwarz und queer beschreibt, dass dem Trio im Vorfeld des Auftritts keine inhaltlichen Vorgaben gemacht wurden – trotz aller Ankündigungen einer patriotischen Neuausrichtung. "Wir hatten keinerlei Einschränkungen", sagte B Deveaux.
Mitglieder der Band Oakland Rising
© Arndt Peltner
Im Bereich der Kulturförderung setzt die US-Regierung ihr Vorhaben einer patriotischen Kultur entschlossen um. So stoppte Donald Trump bereits kurz nach seiner Amtseinführung alle Zuschüsse für den National Endowment for the Arts (NEA). Aus diesem staatlichen Fördertopf für Kunst und Kultur wurden zuvor Projekte, Gruppen, Theaterhäuser, Ausstellungen und Konzerte im ganzen Land unterstützt. Trump legte fest, dass fortan schwerpunktmäßig "patriotische" Projekte im Hinblick auf den 250. Geburtstag der USA im Jahr 2026 gefördert werden sollten. Die folgenreiche Entscheidung betrifft zum Beispiel The Lab in San Francisco, einen seit Mitte der 1980er existierenden Auftrittsort für experimentelle Musik und Performance. Durch die NEA-Kürzungen fielen bis zu 30 Prozent des Budgets weg, erklärte der Leiter der Einrichtung, Andrew Smith.
Bedrohte Vielfalt: Der Schwule Männerchor aus San Francisco (Kalifornien, Dezember 2025)
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Sein Haus werde die finanziellen Einschnitte voraussichtlich durch Sponsoren ausgleichen können, hart werde es aber für Kulturschaffende in ländlichen Gegenden, in denen es kaum private Finanzierung für Kunst und Kultur gebe. "Eine der erschreckendsten Maßnahmen der NEA ist die vollständige Streichung eines Förderprogramms, das sich speziell an kleine und junge Organisationen richtete. Gerade solche Einrichtungen, die erst seit wenigen Jahren bestehen, in denen viele künstlerische Experimente stattfinden und die dem künstlerischen Nachwuchs Chancen bieten, sind nun in Gefahr."
Nur noch Loblieder auf "God’s Country"
Alle Kulturschaffenden, mit denen man in diesen Tagen und Wochen spricht, berichten, dass bereits genehmigtes Geld gestrichen wurde. Trumps finanzieller Kahlschlag und die inhaltliche Neuausrichtung werden mittel- und langfristig massive Folgen für die Kulturlandschaft der USA haben. Das gilt besonders für die Kunstfreiheit. Die Regierung will fortan kontrollieren, was mit öffentlichen Mitteln gesagt und dargestellt werden darf. Sie macht dabei selbst vor der amerikanischen Geschichte nicht Halt. Der Präsident verlangt, dass in allen Einrichtungen, die mit staatlichen Mitteln gefördert werden, nur noch Loblieder auf "God’s Country" gesungen werden dürfen. Kritische Stimmen, die dunkle Kapitel der US-Geschichte oder Verfehlungen der Regierung thematisieren, sollen ausgeblendet werden.
In den Häusern der Smithsonian Institution, der größten Museums- und Forschungseinrichtung der USA mit Sitz in Washington, sollen laut präsidialer Anordnung sämtliche Ausstellungen "überarbeitet", sprich von missliebigen Inhalten gesäubert werden. "Das Smithsonian ist VÖLLIG AUSSER KONTROLLE, dort wird nur darüber diskutiert, wie schrecklich unser Land ist, wie schlimm die Sklaverei war und wie wenig die Unterdrückten erreicht haben – nichts über Erfolg, nichts über Intelligenz, nichts über die Zukunft", wetterte Trump auf seiner digitalen Plattform Truth Social. Im August legte das Weiße Haus eine Liste von 20 Ausstellungen vor, die "ideologisch" ausgerichtet seien und nicht den Fakten entsprächen. Beanstandet wurden unter anderem das American History Museum und das National Museum of the American Latino. In der Ausstellung der National Portrait Gallery wird zum Beispiel ein Gemälde kritisiert, das eine Familie an der Grenze zu Mexiko zeigt, die mithilfe einer Leiter den "Trump-Wall" überwinden will.
Die Schautafeln im Muir Woods National Monument wurden bereits überarbeitet (Kalifornien, Juli 2024)
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Auch Nationalparks betroffen
Trump verlangt, dass "die amerikanischen und westlichen Werte" nicht länger als "schädlich und unterdrückerisch" dargestellt werden dürfen. Das betrifft auch die Nationalparks, zu denen nicht nur bekannte Parks wie Yellowstone, Yosemite oder der Grand Canyon zählen, sondern auch viele Orte, an denen wichtige politische Entscheidungen gefällt wurden oder die für die Bürgerrechtsbewegung von historischer Bedeutung waren. Der National Park Service hat an diesen Orten die Geschichte dokumentiert und in den vergangenen 30 Jahren um viele Blickwinkel erweitert. Diese modernere, inklusive Erzählung der US-Geschichte ist nun unter Beschuss geraten, berichtetet die Historikerin Donna Graves, die eine Ausstellung im kalifornischen Richmond kuratierte: "Der National Park Service hat von der Trump-Regierung den Auftrag erhalten, alle öffentlich zugänglichen Informationen in allen 433 Nationalparks zu überprüfen. Das bedeutet, dass Ausstellungen, Filme, Informationstafeln, Verkaufsartikel in den Shops – einfach alles – daraufhin überprüft werden muss, ob es mit den Anweisungen von Präsident Trump übereinstimmt, die im Grunde darauf abzielen, die Geschichte zu beschönigen." So mussten zum Beispiel im Muir Woods National Monument, das nördlich von San Francisco liegt und bekannt ist für seine Wanderwege unter Redwoodbäumen, Texte auf Schautafeln entfernt werden, die über die historischen Beiträge von Native Americans und Frauen für den Nationalpark informierten. "Make America Great Again" macht aus dem farbenfrohen Schmelztiegel USA, in dem der Reichtum und die Vielfalt der Kulturen gefeiert wurde, eine karge und weiße Einheitslandschaft.
Arndt Peltner ist freier USA-Korrespondent und lebt in Oakland/Kalifornien. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.
Weitere Artikel: Wie die Regierung unter Donald Trump die Menschenrechte in den USA systematisch aushöhlt.
Weitere ausführliche Informationen findest du im Länderkapitel "Vereinigte Staaten von Amerika" des Amnesty Jahresberichts 2024.