Amnesty Journal Ukraine 12. Dezember 2025

Ukrainische Autorin Victoria Amelina: Fragmente von Mut und Grausamkeit

EIne Beerdigung, Vogelperspektive, in Sarg steht auf einem Teppich, über ihn ist eine ukrainische Flagge gelegt, er ist umringt von Fotografierenden.

Verwandte und Freunde trauern um die Schriftstellerin und Menschenrechtsaktivistin Victoria Amelina (Kyjiw, 4. Juli 2023)

Die ukrainische Schriftstellerin Victoria Amelina dokumentierte Menschenrechtsverletzungen in der Ukraine und wie sich Menschen dagegen stemmen. Ihr Reisebuch erscheint postum, denn die Autorin starb bei einem russischen Bombenangriff.

Von Stefan Wirner

Was tun, wenn man im Urlaub ist und zu Hause ein Krieg beginnt? Die ukrainische Schriftstellerin Victoria Amelina war am 24. Februar 2022 mit ihrem Sohn in Ägypten, als sie die Nachrichten las: "Explosionen in Kiew". Russlands Krieg gegen die Ukraine hatte in vollem Umfang begonnen. Für Amelina war klar: Sie musste so schnell wie möglich zurück.

Die Ukrainerin war damals bereits eine bekannte Schriftstellerin. Sie schrieb Romane, die sich mit der Aufarbeitung der Sowjetzeit befassten, außerdem Lyrik und Kinderbücher. Ihr wurde klar, dass sie auf das Geschehen nicht nur als Künstlerin reagieren wollte. Deshalb schloss sie sich als Freiwillige der Organisation Truth Hounds an, die russische Kriegsverbrechen in der Ukraine dokumentiert. Sie reiste an die Front und besuchte ehemals besetzte Orte.

Opfer eines Kriegsverbrechens

Was sie dabei erlebte, schrieb sie reisebuchartig nieder. Ihre Aufzeichnungen sind nun auch auf Deutsch erschienen. Postum, denn Amelina wurde selbst Opfer eines Kriegsverbrechens. Sie saß am 27. Juni 2023 in einer Pizzeria in Kramatorsk, als diese von einer russischen Rakete getroffen wurde. Am 1. Juli erlag sie in einer Klinik ihren Verletzungen.

Das Buch zeigt eindrucksvoll, was Menschenrechtsarbeit in einem vom Krieg geschundenen Land bedeutet. Amelina beschreibt, wie sie sich in die Genfer Konventionen und das Römische Statut des Internationalen Strafgerichtshofs einlas, während draußen die Sirenen heulten. Im Mittelpunkt des Buchs stehen ­mutige ukrainische Frauen. "Casanova" etwa, eine Ermittlerin von Truth Hounds, die nicht mit echtem Namen genannt werden kann. Oder die Anwältin Kateryna Raschewska, die Fälle entführter ukrainischer Kinder dokumentiert.

Die Bibliothekarin Julija Kakulja-Danyljuk gelangte an ein Video, das die Verschleppung und Ermordung des Schriftstellers Wolodymyr Wakulenko im Jahr 2022 belegte. Amelina fand dessen Kriegstagebuch im Garten seines Vaters und veröffentlichte es 2023. Sie schildert auch Verbrechen, auf deren Spuren sie gestoßen ist: Verschwindenlassen, Folter, wahllose Erschießungen – ein Abgrund menschlicher Grausamkeiten. Amelinas Schreibweise zeichnet sich durch einen menschlichen, zuweilen ­lakonischen Tonfall aus, der ihre Erzählungen authentisch macht. 

Das Buch hat fragmentarischen ­Charakter, denn die Autorin konnte ihre Arbeit nicht zu Ende führen. Die Struktur hatte sie festgelegt, einige Kapitel bereits geschrieben. Die Herausgeber*innen des Bandes haben auch unbearbeitete Notizen und Dokumente verwendet, die Amelina dem Manuskript beigefügt hatte. ­Victoria Amelina leistete einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung russischer Kriegsverbrechen in der Ukraine – und war selbst eine der mutigen Frauen, die sie in ihrem Buch beschrieben hat. 

Victoria Amelina: Blick auf Frauen den Krieg im Blick. Aus dem Englischen von Steffen Beilich und Andreas Rostek. edition FotoTAPETA, Berlin 2025, 304 Seiten, 22 Euro.

WEITERE BUCHEMPFEHLUNGEN

Pazifismus nicht vergessen

von Maik Söhler 

Staaten geben immer mehr Geld für Aufrüstung aus. NATO-Mitgliedsländer überbieten sich in der Höhe ihrer Beiträge. ­Aktien von Rüstungsherstellern sind heiß begehrt. So lauten dieser Tage die Schlagzeilen. Was kann, was soll, was muss Pazifismus leisten, wenn er unter diesen Bedingungen bestehen will?

Der taz-Redakteur Pascal Beucker, der 1991 den Kriegsdienst verweigerte, untersucht in "Pazifismus – ein Irrweg?" die Friedensbewegung von einst und jetzt. Sein Buch ist der zweite Teil einer Trilogie zu Krieg und Frieden und nimmt aktuelle Diskussionen um den Krieg in der Ukraine zum Anlass, um unterschiedliche pazifistische Konzepte zu prüfen. Eine "Chronologie des Pazifismus und der Friedensbewegung" rundet den Band ab. Sie reicht vom späten 18. Jahrhundert über die Weltkriege und die Blütezeit der Friedensbewegung in den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. 

Beucker stellt Ansätze und Akteur*in­nen des Pazifismus vor. Von totaler Militärverweigerung bis zum Waffeneinsatz zur Selbstverteidigung ist alles dabei. Es gibt nicht den einen Pazifismus, sondern unterschiedliche Bewegungen und Motive. Der Autor geht auch dorthin, wo es weh tut: So manche*r Friedensbewegte kennt nur den Aggressor USA und muss sich seit dem russischen Angriff auf die Ukraine seltsam verrenken. Und so manche*r einstige Pazifist*in kann wegen des russischen Angriffskriegs gar nicht genug Waffen für die Ukraine fordern.

"Pazifismus – ein Irrweg?" sorgt für Klarheit in einer wirren, ideologisch geprägten Diskussion. Und, nein, Pazifismus ist kein Irrweg, aber gute Begründungen sind nötig, wenn er nicht als weltfremd erscheinen soll. Indem Beucker "einfache Antworten" verweigert, trägt er zur Versachlichung der Debatte bei und gibt damit zugleich eine Antwort auf die Frage, was Pazifismus unter den derzeitigen Bedingungen leisten kann, soll und muss.

Pascal Beucker: Pazifismus – ein Irrweg? Kohlhammer, Stuttgart 2024. 178 Seiten, 19 Euro.

Mit empathischem Blick

von Till Schmidt

Dass Einsamkeit ein größeres gesellschaftliches Problem ist, wurde in den vergangenen Jahren überdeutlich. Jede vierte Person in Deutschland fühlt sich Studien zufolge sehr einsam. Etwa ein Drittel empfindet zumindest sporadisch Gefühle der Einsamkeit. An Einsamkeitsbelastungen leiden junge wie alte Menschen, alle Geschlechter und gesellschaftlichen Gruppen. Medial wurde viel über diese Befunde berichtet. Auch die Politik registriert das Problem inzwischen: So hat die Bundesregierung Ende 2023 eine nationale Strategie gegen Einsamkeit verabschiedet. 

Einsamkeit hat viele Gründe und Ausprägungen jenseits gängiger Klischees. Sehr verdienstvoll ist daher der Ansatz des Buchs "Zeiten der Einsamkeit" von ­Janosch Schobin. Der Kasseler Soziologe nähert sich dem Thema über biografische Erzählungen: Er führte 71 qualitative Interviews mit einsamen Menschen aus Deutschland, Chile und den USA. 

Nach einem kurzen theoretischen Teil taucht Schobin tief in sieben einzelne ­Lebensgeschichten ein. Sein Ton ist stets empathisch, doch bleibt er distanziert und kritisch gegenüber den Selbstdarstellungen und Lebenserzählungen seiner ­Interviewpartner*innen und vermeidet Psychologisierungen. Die Spannung zwischen gesellschaftlichen Strukturen und menschlicher Handlungsmacht löst er weder zugunsten des einen noch des ­anderen auf. 

In jedem der sieben Porträts wird deutlich: Einsamkeit hat viel mit gesellschaftlicher Ungleichheit zu tun, mit Armut, Misogynie oder mit erfahrenem Rassismus. Doch können zumindest moderate Einsamkeitserfahrungen auch dazu motivieren, nach neuen Verbindungen und Beziehungen zu suchen oder bestehende zu verbessern. Voraussetzung dafür ist ein offener Umgang mit individueller Einsamkeit und ihre gesellschaftliche Entstigmatisierung. "Zeiten der Einsamkeit" trägt dazu bei.

Janosch Schobin: Zeiten der ­Einsamkeit. Erkundung eines ­universellen Gefühls, Hanser, ­Berlin 2025, 224 Seiten, 24 Euro.

Trotz allem Party

von Marlene Zöhrer

Noch sind es vier Tage bis zu Jagodas zehntem Geburtstag. Vier viel zu kurze Tage, findet das Mädchen, denn sie will eine Party veranstalten und dazu Mia einladen. Die ist neu in der Klasse und die Einzige, die zu Jagoda hält, wenn die anderen Kinder sie mal wieder schikanieren, weil sie zum Beispiel ein T-Shirt aus der Kleiderkammer trägt (mit Dino-Aufnäher unter dem Arm). Mias Freundin zu sein, das wäre großartig! Also muss das mit der Party unbedingt funktionieren. Entschlossen macht sich Jagoda an die Vorbereitungen, die nicht nur schwierig sind, weil kein Geld für ein Geburtstagsfest da ist, sondern auch, weil Jagoda mit ihrer Mutter seit einem halben Jahr im Frauenhaus lebt und niemand wissen darf, wo sie wohnt. Deshalb ist keine Party geplant. Eigentlich.

Anna Maria Praßler lässt ihre Ich-Erzählerin Jagoda offen und auf liebenswerte Art lebensklug von der Party-Mission und ihrem Alltag erzählen: von ihren Wünschen und Ängsten, von den Gründen, warum sie und ihre Mutter im Frauenhaus leben, von ihren Erfahrungen mit Erwachsenen, die ihr bislang keine Hilfe waren, von der Sehnsucht nach ihrer polnischen Großmutter und von der kleinen Schicksalsgemeinschaft aus Kindern, Frauen und Sozialarbeiterinnen im Frauenhaus. 

Praßler, die für den Kinderroman intensiv recherchiert hat, nimmt ihre Protagonistin ernst, gibt negativen Emotionen ebenso Raum wie der Zuversicht und der kindlichen Logik, mit der sie Jagoda ihre Welt erklären und ihre Pläne schmieden lässt, sodass am Ende die "wohl beste Party ever!" glückt. Trotz des vermeintlich schweren Themas gelingt Praßler eine hoffnungsvolle, turbulente und warmherzige Erzählung mit liebenswerten Figuren und überraschenden Wendungen. Die schwarz-blauen Illustrationen von Theresa Strozyk untermalen die Geschichte stimmungsvoll.

Anna Maria Praßler / Theresa Strozyk (Illu.): Keine Party ist auch keine Lösung. Klett Kinderbuch, Leipzig 2025. 168 Seiten, 16 Euro, ab 9 Jahren.

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