Amnesty Journal 19. Dezember 2025

Kolumne: Wie Protest, Solidarität und ziviler Ungehorsam Hoffnung geben

Eine Frau mit schulterlangem Haar steht in der Natur und verschränkt ihre Arme vor dem Oberkörper.

Julia Duchrow, Generalsekretärin der deutschen Amnesty-Sektion

Wie wir trotz Kriegen, Rechtsbrüchen und autoritärer Politik die Hoffnung bewahren – und wie Protest, Solidarität und ziviler Ungehorsam weltweit Veränderung bewirken. Kolumne von Julia Duchrow, Generalsekretärin der deutschen Amnesty-Sektion.

Von Julia Duchrow

Die Amygdala ist eine mandelförmige Struktur tief in unserem Gehirn. Sie hilft uns, Gefahren zu bewerten, Emotionen zu speichern und unser Verhalten danach auszurichten. Auf mögliche Bedrohungen reagiert sie stärker als auf Erfreuliches. Das hat evolutionsgeschichtliche Gründe. Unsere Vorfahren haben besser überlebt, wenn sie bei Gefahren aufmerksam waren. Für die Amygdala stellt sich das Jahr 2025 in etwa so dar: In den USA startet die Regierung unter Donald Trump einen Frontalangriff auf die Menschenrechte. In Deutschland verletzt die Bundesregierung mit ihrem "Knallhartkurs" gegen Migrant*innen geltendes Recht und setzt sich über Gerichtsentscheidungen hinweg. Im Gazastreifen begeht die israelische Regierung einen Völkermord an den Palästinenser*innen. Im sudanesischen Bürgerkrieg verübt die paramilitärische RSF massenhaft sexualisierte Gewalt an Frauen und Mädchen. Und Russland bombardiert in der Ukraine weiter die ­Zivilbevölkerung. 

Wäre die Amygdala ein Mensch, würde sie in diesen Zeiten "doomscrollen"; gebannt von schlechten Nachrichten ­verbrächte sie Stunden am Smartphone. Psycholog*innen wissen: Das macht uns krank. Es erzeugt Stress, Angst und Hoffnungslosigkeit. Der kritische Blick auf die Welt ist wichtig, um Probleme zu erkennen und zu benennen. Menschenrechtsarbeit leistet häufig genau das.

Aber um Dinge zu verändern, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen, brauchen wir Hoffnung und Zuversicht. Deshalb sollten wir nicht allein der Amygdala ­vertrauen. Sondern uns auch an andere Dinge erinnern: Im Januar 2025 waren in ganz Deutschland Hunderttausende auf den Straßen, um gegen die Zusammen­arbeit der Union mit der AfD zu demonstrieren. Ende September protestierten in Berlin 100.000 Menschen gegen den Genozid in Gaza. In den USA gingen bei den "No Kings"-Protesten Millionen Menschen gegen Trumps Politik auf die Straße. In Nepal und Kenia sorgten Proteste der Generation Z für politische Veränderungen. 

Angst und Hoffnungslosigkeit kontert man am besten, indem man aktiv wird.

Welche Kraft ziviler Ungehorsam hat, zeigte sich auch beim Pride in Budapest: Victor Orbán hatte die Parade für die Rechte von LGBTI+ verboten. Doch der Bürgermeister erklärte sie zu einer offiziellen Feier der Stadt und umging so das Verbot. Am 28. Juni demonstrierten dort an die 200.000 Menschen aus mehr als 70 Ländern. So viele wie nie zuvor! 

Auch die Gewaltenteilung funktioniert noch. In Italien stoppten Gerichte mehrfach Georgia Melonis Pläne, Asyl­verfahren außerhalb der EU-Grenzen in Albanien durchzuführen. In Deutschland erklärte das Berliner Verwaltungsgericht die Zurückweisung von Schutzsuchenden an deutschen Grenzen für rechtswidrig. Auch in den USA hoben Richter*innen wiederholt Maßnahmen auf, die Trump per Dekret verfügt hatte. 

Solidarität ist eine Kraft. Anfang 2025 kam endlich Nahid Taghavi frei! Die deutsch-iranische Frauenrechtlerin war 1.500 Tage unrechtmäßig im Iran inhaftiert. Amnesty und Tausende Unterstützer*innen hatten sich jahrelang für sie eingesetzt. Ebenso für Taner Kılıç. Der frühere Vorsitzende der ­türkischen Amnesty-Sektion war im Juni 2017 festgenommen worden und mehr als 14 Monate inhaftiert. 2025 wurde er endlich freigesprochen! Stattdessen sitzt der philippinische Ex-Präsident Rodrigo Duterte in Haft und muss sich wegen ­Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor dem Internationalen Strafgerichtshof verantworten. 

Der Zustand der Welt ist besorgniserregend. Aber er sollte uns nicht verzweifeln lassen. Die Institutionen zum Schutz der Menschenrechte sind nicht zahnlos. Und sehr viele Menschen sind bereit, für ihre Überzeugungen und die Rechte aller einzustehen. Psycholog*innen sagen auch, Angst und Hoffnungslosigkeit kontert man am besten, indem man aktiv wird. Deshalb: Lasst uns auch 2026 engagiert bleiben, gegen Menschenverachtung und für eine solidarische Gesellschaft!

Julia Duchrow ist Generalsekretärin von ­Amnesty International in Deutschland.

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