Amnesty Journal Afghanistan 16. Dezember 2025

Flucht aus Afghanistan: Ein mehr als steiniger Weg

Verschleierte Frauen und ein Mann in Taliban-Kluft mit einem Stock in der Hand.

Immer unter Aufsicht – Frauen und ein Wächter der Taliban, Kabul, März 2025

Die Flucht der Frauenrechtsaktivistin Hoda Raha und ihrer Familie von Afghanistan nach Deutschland zeigt beispielhaft, warum sich der Einsatz für Menschenrechte in jedem einzelnen Fall und auch unter den größten Schwierigkeiten lohnt.

Von Theresa Bergmann

Als im August 2021 die Taliban erneut die Macht in Afghanistan übernahmen, veränderte sich das Leben von Millionen Menschen schlagartig. Wer sich in den Jahren zuvor für Demokratie, Menschenrechte und insbesondere für Frauenrechte eingesetzt hatte, geriet von einem Tag auf den anderen in akute Gefahr. Das galt auch für die Frauenrechtsaktivistin Hoda Raha. Sie hatte maßgeblich an einem wichtigen Amnesty-­Bericht zu Frauenrechtsverletzungen in Afghanistan mitgearbeitet und stand unserer Organisation nahe. Auch deshalb geriet sie ins Visier der Taliban.

Sie entschied umgehend, mit ihrer ­Familie aus Afghanistan in den Iran zu fliehen. Dabei waren auch Farzad und Farzaneh, ihr Neffe und ihre Nichte, für die sie nach dem Tod ihres Bruders Verantwortung übernommen hatte. Afghanistan zu verlassen, war schwierig, weil offiziell keine Pässe mehr ausgestellt wurden. Und doch gelangte die Familie in den Iran. Deutschland kündigte damals an, schutzsuchende Afghan*innen aufzunehmen und ihnen humanitäre Visa zu erteilen – das kam einem Versprechen gleich, gefährdeten Menschen wie Raha legal Einreise zu gewähren und sie zu unterstützen. Nichtregierungsorganisationen konnten Personen für eine solche Aufnahme vorschlagen und Amnesty Deutschland schlug Raha und ihre Angehörigen vor.

Vorwurf vorsätzlicher Täuschung

Viele Monate vergingen und nichts passierte. Während die Familie im Iran ausharrte, wuchs die Unsicherheit. Erst im Februar 2023 kam eine Rückmeldung, und mit ihr ein schwerer Vorwurf. Die deutschen Behörden bezweifelten unter anderem die Echtheit der Papiere von Rahas Familie: Die Ausweisdokumente der beiden Kinder seien manipuliert. Zudem fehle die Zustimmung der Mutter zur Ausreise, und ohne die könnten die Kinder nicht nach Deutschland. Der Vorwurf der vorsätzlichen Täuschung stand im Raum.

Dabei ist die Realität komplex: In ­Afghanistan ist es offenbar üblich, dass nach dem Tod des Vaters die Familie des Verstorbenen die Kinder übernimmt. Die Mutter hatte noch einmal geheiratet und eine neue Familie gegründet. Raha kümmerte sich seit Jahren um Farzad und Farzaneh. Dass die Ausweisdokumente der Kinder teils handschriftlich ergänzt wurden, hatte eine afghanische Behörde eigens so veranlasst und auch Fotos der Kinder hinzugefügt. Für die deutschen Behörden war dies nicht glaubwürdig.

Amnesty versuchte zu vermitteln, erklärte familiäre Hintergründe, verfasste ein Unterstützungsschreiben. Doch nichts ging voran. Es folgte die nächste schlechte Nachricht: Im Frühjahr 2023 hörte die deutsche Botschaft in Iran auf, Anträge auf humanitäre Visa für Deutschland zu bearbeiten. Solche Visa sollten künftig nur noch in Pakistan erteilt werden. Für Hoda Raha und ihre Familie bedeutete das, dass sie noch einmal fliehen musste, diesmal nach Islamabad. Außerdem gab es ein weiteres Hindernis: Die Visa für den Iran liefen ab. Es wurden Gebühren in Höhe von mehr als 2.500 Euro fällig, andernfalls drohte die Abschiebung nach Afghanistan. Amnesty übernahm kurzfristig die Kosten, um zumindest die ­Gefahr einer Abschiebung vorerst zu ­bannen.

Im Mai 2023 meldeten sich die deutschen Behörden erneut bei Raha. Der Vorwurf der Täuschung bestand weiterhin, hinzu kam der Vorwurf mangelnder Kooperation. Man warf der Familie vor, sie "verweigere" Auskünfte über den Aufenthaltsort der Kindsmutter. Für Raha war das unbegreiflich, sie wusste selbst nicht, wo sich Saeeda, die Mutter von Farzad und Farzaneh, aufhielt. Die Situation schien aussichtslos. Alles deutete darauf hin, dass die Ausreise nach Deutschland scheitern würde.

Ein Puzzle an Belegen

Amnesty suchte Unterstützung bei der Hilfsorganisation Kabul Luftbrücke. Sie kennt die Fallstricke des deutschen Systems und weiß um die Absurdität, die entsteht, wenn deutsche Bürokratie auf die Realität in Afghanistan trifft. Die Organisation empfahl pragmatisches Handeln: Statt einer nicht verfügbaren Sterbeurkunde von Hoda Rahas Bruder könne auch ein Facebook-Post über dessen Tod eingereicht werden. Als Ersatz für die Heiratsurkunde könnten alte Hochzeitsfotos dienen. Fotos, die Raha über all die Jahre mit den Kindern zeigen, belegten die Familienverhältnisse. Alles wurde gesammelt, gesichtet, eingereicht – ein Puzzle aus Belegen und Bildern, das beweisen sollte, was die wenigen offiziellen Dokumente nicht hergaben: Hoda, Farzad und Farzaneh gehören zusammen und sind eine Familie.

Im Juli 2023 dann endlich ein Hoffnungsschimmer: Die Botschaft meldete sich. Die Familie solle nach Pakistan weiterreisen, sie bekomme eine "zweite Chance, gehört zu werden", hieß es. Doch fehlte immer noch die Zustimmung der Mutter zu Farzads und Farzanehs Weiterreise nach Deutschland. Im November 2023 half der Zufall: Nach einem schweren Erdbeben in Herat gelang es Raha über eine entfernte Verwandte, Kontakt zu Saeeda herzustellen. Sie lebte mittlerweile in einem Flüchtlingslager und war erleichtert, dass es für ihre Kinder und Hoda Raha eine Chance auf ein sicheres Leben in Deutschland gab. Sofort signalisierte sie ihre Unterstützung.

Menschen haben die Kraft, auch angesichts schier unüberwindbarer Herausforderungen weiterzumachen.

Hoda
Raha

Der Weg blieb steinig. Saeeda besaß weder einen Pass noch einen afghanischen Personalausweis. Außerdem kann sie weder lesen noch schreiben. Weil eine formelle Zustimmung deshalb unmöglich war, wurde improvisiert: Eine Bekannte schrieb eine Vormundschaftserklärung, Saeeda unterzeichnete mit ihrem Fingerabdruck. Sie filmte sich selbst, sprach in die Kamera und bat darum, dass man ihr Glauben schenken möge. Sie wünsche sich sehr, dass ihre Kinder mit Hoda Raha nach Deutschland reisen könnten. Außerdem konnte sie ein Foto einer Heiratsurkunde schicken, das die Ehe mit ihrem zweiten Mann belegt.

Erlösende Nachricht

Abermals Verzögerungen. Die deutschen Behörden forderten Dokumente, die bereits übermittelt worden waren, noch einmal an. Selbst jetzt, auf der Grundlage neuer Informationen, Fotos und Online-Posts schien es, als drehe sich das Verfahren endlos im Kreis. Amnesty kontaktierte hochrangige Amtsträger*innen im Auswärtigen Amt und forderte mit Nachdruck eine Entscheidung. Die Familie sollte endlich Klarheit bekommen.

Dann, im Januar 2024, endlich die Nachricht: Die Familie darf ausreisen. Doch noch immer fehlte etwas, diesmal gültige Reisedokumente für die Kinder. Alle anderen Angehörigen Rahas durften ausreisen, während sie und die Kinder zurückblieben. Wieder vergingen Monate, wurden Unterlagen verlangt, die längst vorlagen. Erst im August 2024, fast drei Jahre nach Rahas Flucht, war es so weit: Hoda, Farzad und Farzaneh flogen endlich nach Deutschland.

Die Flucht, das jahrelange Warten, die vielen Hoffnungen und Enttäuschungen haben Spuren hinterlassen. Für Farzad und Farzaneh war die psychische Belastung enorm. Inzwischen gehen sie zur Schule und lernen Deutsch. Raha kämpft mit einer schweren Krankheit, doch sie hält durch. "Menschen haben die Kraft, auch angesichts schier unüberwindbarer Herausforderungen weiterzumachen", sagt sie. Und sie ist der Überzeugung, dass sie und ihre Familie es ohne Amnesty nicht geschafft hätten. Ihr größter Wunsch ist es, dass auch andere Menschen die Möglichkeit auf ein sicheres Leben in Deutschland bekommen. Und dass sie Mitarbeiter*innen von Amnesty in Berlin treffen kann: "Das wird einer der schönsten Tage meines Lebens."

Theresa Bergmann ist die Asienexpertin von Amnesty in Deutschland.

Weitere ausführliche Informationen findest du im Länderkapitel "Afghanistan" des Amnesty Jahresberichts 2024 | Berichtszeitraum: 1. Januar 2024 bis 31. Dezember 2024.

HINTERGRUND: FRAUENRECHTE IN AFGHANISTAN

Verbrechen gegen die Menschlichkeit

von Theresa Bergmann

Seit ihrer Machtübernahme 2021 haben die Taliban insbesondere die Rechte von Mädchen und Frauen drakonisch eingeschränkt. Amnesty kommt zu dem Schluss, dass dies dem Verbrechen gegen die Menschlichkeit der geschlechtsspezifischen Verfolgung gleichkommt. In keinem anderen Land weltweit ist der Zugang zu Bildung für Frauen und Mädchen so begrenzt: Ab der 7. Klasse dürfen Mädchen nicht mehr zur Schule gehen. Frauen dürfen nicht studieren oder eine medizinische Ausbildung absolvieren, was die Gesundheitsversorgung von Frauen gefährdet. Beschäftigungsmöglichkeiten wurden massiv begrenzt. Sportzentren, Parks und Schönheitssalons sind für Frauen geschlossen. Auch ist es ihnen untersagt, in der Öffentlichkeit zu sprechen, zu singen und ohne männliche ­Begleitung Verkehrsmittel zu benutzen. Damit haben die Taliban Frauen und Mädchen aus dem öffentlichen Leben verdrängt. Umso wichtiger ist es, dass die Bundesregierung auch nach dem Stopp des Bundesaufnahmeprogramms für ­Afghanistan Frauen und Mädchen eine sichere Aufnahme in Deutschland ermöglicht. Alle Frauen, denen bereits eine Aufnahmezusage erteilt wurde, müssen diese unbedingt behalten und schnellstmöglich einreisen dürfen. 

Mehr zur Situation von Mädchen und Frauen sowie Aktivistinnen in Afghanistan.

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