Amnesty Journal Ägypten 29. Juni 2020

"Du warst grausam, aber ich vergebe dir"

Viele Personen blicken zu einer Bühne, auf der die Musikband Mashrou' Leila auftritt; jemand im Publikum hält mit ausgestreckten Armen eine Regenbogenfahne hoch.

Festnahmen nach dem Konzert: Weil sie bei einem Auftritt der Indie-Band Mashrou' Leila Regenbogenfahnen zeigten, wurden einige Fans verhaftet, darunter auch die LGBTQ-Aktivistin Sarah Hegazi (Kairo, September 2017).

Die ägyptische LGBTQ-Aktivistin Sarah Hijazi hat sich im kanadischen Exil das Leben genommen. Sie war 2017 in Kairo inhaftiert und gefoltert worden, nachdem sie bei einem Konzert eine Regenbogenflagge geschwenkt hatte.

Von Hannah El-Hitami

Als Sarah Hijazi im September 2017 bei einem Konzert der Gruppe Mashrou' Leila in Kairo die Regenbogenflagge hochhielt, muss sie sehr glücklich gewesen sein. Auf dem Foto lacht sie befreit und streckt beide Arme wie Flügel in die Höhe.

Knapp drei Jahre später hat sich die lesbische Aktivistin im kanadischen Exil das Leben genommen, handschriftlich hinterließ sie ein paar kurze Zeilen:

"An meine Geschwister, ich habe versucht zu überleben, aber ich habe es nicht geschafft. Verzeiht mir. An meine Freunde, der Weg war grausam und ich bin zu schwach, um Widerstand zu leisten. Verzeiht mir. An die Welt, du warst schrecklich grausam, aber ich vergebe dir."

Der Tod von Sarah Hijazi hat nicht nur bei lesbischen, schwulen, bisexuellen, transgeschlechtlichen und queeren Menschen (LGBTQ) weltweit für große Bestürzung gesorgt. In zahlreichen Städten fanden Mahnwachen statt, um an die Aktivistin zu erinnern, die die mutige Regenbogen-Aktion mit ihrer Freiheit und psychischen Gesundheit bezahlt hat.

Sie wurde eine Woche nach dem Konzert gemeinsam mit Dutzenden weiteren Konzertgänger_innen festgenommen, man warf ihr vor, Mitglied einer verbotenen Gruppierung zu sein. Drei Monate blieb Hijazi in Haft, wurde mit Elektroschocks gefoltert und sexuell misshandelt. Nach ihrer Freilassung zog sie nach Kanada, doch die Zeit im Gefängnis konnte sie trotz mehrerer Therapieversuche nicht hinter sich lassen.

"Ich habe das Unrecht nicht vergessen, das ein blutendes, schwarzes Loch in meine Seele gegraben hat – ein Loch, das die Ärzte bislang nicht heilen konnten", schrieb sie ein Jahr nach den Ereignissen in einem Artikel.

Sie leide unter schweren Depressionen und einer posttraumatischen Belastungsstörung, habe bereits zwei Suizidversuche hinter sich. Und sie benennt ganz klar, wer für ihr Leid verantwortlich ist: "Die Islamisten und der Staat liefern sich ein Wettrennen in Extremismus, Ignoranz und Hass." Das Regime nutze den konservativ-religiösen Diskurs, um seiner Konkurrenz, den Muslimbrüdern, die Grundlage zu entziehen.

Homosexualität ist in Ägypten zwar nicht verboten, dennoch wurden in den vergangenen Jahren Hunderte Schwule, Lesben und Transpersonen festgenommen und wegen "Unzucht" und "sexueller Ausschweifungen" verurteilt. Viele wurden in der Haft zwangsweise Analuntersuchungen unterzogen und auf andere Weise gefoltert. Doch auch in Freiheit sind homosexuelle Ägypter_innen oft Diskriminierung ausgesetzt.

Die Islamisten und der Staat liefern sich ein Wettrennen in Extremismus, Ignoranz und Hass.

Sarah
Hijazi
Ägyptische LGBTQ-Aktivistin

"Queere Frauen in Ägypten werden häufig von ihren Familien verstoßen, wenn ihre sexuelle Orientierung oder Gender-Identität bekannt wird", sagt Asmaa Abdel Hamid, Mitbegründerin der queer-feministischen Vereinigung Barra as-Sur ("Außerhalb der Mauern"). Sie selbst musste ihr Elternhaus verlassen, weil sie sich für LGBTQ-Rechte einsetzt und bedroht wurde. "Manche Krankenhäuser behandeln keine Transpersonen oder queeren Frauen", fügt die 28-Jährige hinzu. "Und natürlich stellen Arbeitgeber sie nicht ein, was ihnen jegliche Lebensgrundlage entzieht."

Trotz dieser Umstände und Sicherheitsrisiken ist Barra as-Sur seit Anfang des Jahres in Ägypten aktiv. Asmaa Abdel Hamid war mit Sarah Hijazi in engem Kontakt. Noch wenige Stunden vor ihrem Tod hatten sie sich online ausgetauscht. "Dabei äußerte ich meinen Frust angesichts der aktuellen Lage", erinnert sie sich.

"Sarah ermutigte mich mit ihrer Begeisterung und Leidenschaft und erfüllte uns alle mit positiver Energie. Ich erinnere mich an ihre letzten Worte: 'Uns gehört das Morgen, Asmaa. Uns gehört die Zukunft. Wir müssen uns nur noch etwas anstrengen.'"

Hilfe bei Suizidgedanken
Wenn Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, sprechen Sie mit anderen Menschen darüber. Sie können sich zum Beispiel unter den Telefonnummern 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222 an die Telefonseelsorge wenden, auch anonym. Die Nummern sind rund um die Uhr zu erreichen und mit keinen Kosten verbunden. Auf der Webseite der Telefonseelsorge (
https://www.telefonseelsorge.de/) finden Sie auch einen Hilfe-Chat und die Möglichkeit der E-Mail-Beratung.

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