Vom Frieden weit entfernt: Kolumbien zehn Jahre nach dem FARC-Abkommen
Sie haben ihre Waffen nicht abgegeben: Abtrünnige Kämpfer der FARC in der Region Cauca (Kolumbien, März 2025)
© Joaquin Sarmiento / AFP / Getty Images
2026 gibt es das Friedensabkommen zwischen der kolumbianischen Regierung und der größten Guerillaorganisation des Landes, den FARC, seit zehn Jahren. Die Verhandlungen mit anderen bewaffneten Gruppen kommen nicht recht voran.
Von Knut Henkel
Der Cañon de Micay ist für Eduin Capaz ein gutes Beispiel dafür, was passiert, wenn bewaffnete Gruppen die Macht übernehmen. "Dieser Streifen Dschungel wird heute von Drogenbanden kontrolliert, die ihn in die größte Koka-Anbauregion im Cauca verwandelt haben." Laut UN-Statistiken sind in der Provinz im Südwesten Kolumbiens mindestens 13.000 Hektar Fläche mit Koka-Sträuchern bedeckt. Bis 2016 war der Cauca die Rückzugsregion der größten Guerillaorganisation Kolumbiens mit mehr als 13.000 Kämpfer*innen. Sie gaben im Sommer 2016 die Waffen ab. Im November 2016 unterzeichneten Kommandanten der FARC in Bogotá einen Friedensvertrag mit der Regierung, doch einige abtrünnige Kämpfer*innen beteiligten sich nicht daran.
Kolumbien ist rund dreimal so groß wie Deutschland und von drei Bergketten der Anden geprägt, die eine vollständige militärische Kontrolle so gut wie unmöglich machen. Das ist ein Grund dafür, weshalb die Regierung von Präsident Gustavo Petro auf erneute Verhandlungen setzt, nachdem das Friedensabkommen unter seinem Vorgänger Iván Duque (2108–2022) schlicht auf Eis gelegt worden war. Das trug dazu bei, dass aus einer abtrünnigen FARC-Kolonne mit rund 400 Kämpfer*innen schnell neun wurden, mit je nach Quelle etwa 1.500 bis 2.250 Kämpfer*innen in ganz Kolumbien. Einige hundert von ihnen sind im Cauca aktiv. "Im Cauca, aber auch anderswo, haben aber mittlerweile kriminelle Banden und Verbände der zweitgrößten Guerillaorganisation ELN teilweise die Macht übernommen", sagt Eduin Capaz.
Mehr als 60 Jahre bewaffneter Konflikt
Der 40-Jährige ist Leiter der Menschenrechtsabteilung des Regionalen Indigenen Rates des Cauca. "Früher wussten wir, wer in den einzelnen Regionen wo agiert, wer sie kontrolliert. Wir wussten, vor wem wir uns in Acht nehmen mussten. Heute ist die Situation unübersichtlich", klagt Capaz. Seit dem Amtsantritt von Präsident Petro im August 2022 haben bewaffnete Akteure im Cauca 750 minderjährige Indigene rekrutiert. Seit Januar 2025 wurden 37 indigene Repräsentant*innen ermordet, sagt Capaz. Derzeit kursieren Pamphlete bewaffneter Gruppen, die die Koordinator*innen der pazifistischen indigenen Selbstschutzorganisation Guardia Indígena ins Visier nehmen. Indigene Strukturen sollen geschwächt werden, um anschließend leichtes Spiel in den Gemeinden und Schutzgebieten zu haben, sagen Expert*innen wie die indigene Journalistin Diana Jembuel. Sie lebt in Silvia, einer indigen geprägten Kleinstadt rund eine Fahrtstunde von der Provinzhauptstadt Popayán entfernt und reist immer wieder in die Region, um Medien-Workshops und Vernetzungstreffen zu organisieren.
"Frieden ist derzeit in weiter Ferne. Zwar hat die Regierung einige soziale Erfolge vorzuweisen. Sie hat den Mindestlohn erhöht, die Inflation gesenkt, aber in unseren Dörfern kommt davon wenig an. Zudem stocken die Verhandlungen mit den bewaffneten Akteuren", meint Jembuel. Eine Einschätzung, die der kolumbianische Menschenrechtsexperte Iván Madero Vergel teilt. In der Erdölstadt Barrancabermeja im Norden Kolumbiens ist die Menschenrechtssituation besonders prekär. Offiziellen Statistiken zufolge gab es 122 Morde im Jahr 2023, 2024 waren es 161 Morde, und 2025 könnte die Zahl noch einmal steigen. "Sie ermorden unsere Jugend", sagt Madero Vergel. Mit "sie" bezeichnet er bewaffnete Gruppen, vor allem die paramilitärische Organisation EGC. Nach Angaben von Pares, einer Stiftung für Frieden und Versöhnung, ist die EGC in großen Teilen Kolumbiens präsent. Sie sei eine "kriminelle Holding", die in vielen Bereichen agiere.
Die Regierung Petro verhandelt seit September 2025 mit der EGC über die Niederlegung der Waffen. Gleichzeitig laufen Gespräche mit den beiden Nachfolgeorganisationen der FARC, mit der ELN und einer ELN-Abspaltung, sowie mit den Paramilitärs der Autodefensas Conquistadoras de la Sierra Nevada. In allen Fällen stagnieren die Verhandlungen, im Fall der ELN wurden sie bereits mehrfach abgebrochen. Das hat vielfältige Gründe; ein wesentlicher ist, dass die bewaffneten Akteure dank Einnahmen aus Drogenhandel, Schutzgelderpressung und illegalem Goldabbau über viel Geld verfügen. Die Bestechung lokaler Verwaltungen und Institutionen lohnt sich für sie mehr als ein Friedensabkommen.
Etwas besser sieht es in den Verhandlungen der Regierung mit den insgesamt 20 kriminellen Drogenbanden aus, die keinen politischen Status haben. Mit ihnen wurden Absprachen getroffen, die dazu beigetragen haben, dass es in Städten wie Quibdó, der Hauptstadt des Verwaltungsdistrikts Chocó, in der Hafenstadt Buenaventura und in der Metropole Medellín seither friedlicher zugeht. "Aber auch dies ist fragil und kann schnell kippen", warnt Uribe Muñoz, Parlamentsabgeordneter des Pacto Histórico. Die Partei des Präsidenten Petro zog 2022 mit dem Konzept des "totalen Friedens" in den Wahlkampf, und vielen leuchtete dieses Konzept nach mehr als 60 Jahren bewaffnetem Konflikt ein.
"Es wird verhandelt, ohne die Waffen niederzulegen"
Doch die Regierung Petro wird den eigenen Ansprüchen nicht gerecht. Das Gesetz 2272, das im November 2023 für die Verhandlungen mit den politischen und den kriminellen Gruppen erlassen wurde, ist lückenhaft, meint Kai Ambos von der Universität Göttingen. Der Straf- und Völkerrechtsexperte ist Berater der Sondergerichtsbarkeit für den Frieden in Kolumbien, die für die juristische Aufarbeitung des Konflikts verantwortlich ist. Ambos moniert, dass nicht klar definiert sei, welche Strafen oder Vergünstigungen Angehörige illegaler Organisationen erwarten könnten. Das sorge für Misstrauen. Hinzu komme, dass Vertreter*innen aus Hochrisikogebieten wie Barrancabermeja, dem Cauca und den Grenzregionen zu Ecuador, Panama und Venezuela von den Verhandlungen ausgeschlossen seien. Einen weiteren Kritikpunkt nennt Iván Madero Vergel: "Es wird verhandelt, ohne die Waffen niederzulegen". Bewaffnete Akteure dringen immer wieder in Regionen vor und bedrohen die Zivilbevölkerung. "Derzeit im Cimitarra-Tal, nur ein paar Dutzend Kilometer von Barrancabermeja entfernt", sagt der Menschenrechtsexperte.
2026 findet in Kolumbien die nächste Präsidentschaftswahl statt. Es ist möglich, dass die amtierende Regierung eine zweite Chance erhält, um ihre Pläne besser umzusetzen als bisher. Möglich ist aber auch, dass der konservative Kandidat Abelardo De La Espriella gewinnt, der die derzeitige Verhandlungsstrategie rundherum ablehnt und mit harter Hand regieren will. Maja Liebing, Amerika-Expertin von Amnesty Deutschland, sagt: "Egal, wer der nächste Präsident oder die nächste Präsidentin Kolumbiens wird – die wichtigste Aufgabe wird der Schutz der Zivilbevölkerung in Kolumbien und insbesondere von sozialen Führungspersönlichkeiten sein. Die Menschen müssen sich ohne Angst vor Übergriffen und Morden für eine Verbesserung der Menschenrechtslage einsetzen können."
Knut Henkel arbeitet als freier Korrespondent in Lateinamerika. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.
Weitere ausführliche Informationen findest du im Länderkapitel "Kolumbien" des Amnesty Jahresberichts 2024 | Berichtszeitraum: 1. Januar 2024 bis 31. Dezember 2024)