Amnesty Journal 09. Januar 2026

Chicks on Speed: Fast 30 Jahre Kunst, Musik und Aktivismus

Sechs Mitglieder des Kollektivs Chicks on Speed stehen verkleidet zum Porträt da.

Chicks on Speed wollen mit ihrer Kunst Utopien schaffen.

Seit bald 30 Jahren bringt das Kollektiv Chicks on Speed Musik und Kunst, Wissenschaft und Aktivismus zusammen.

Von Thomas Winkler

Was hat ein aufgespießtes Grillhähnchen mit einer eleganten Abendrobe zu tun? Was eine Platte mit Wurstaufschnitt mit einer blauen Perücke? Und warum sollte man einen Hut aus Gedärmen tragen? Im Videoclip zu "M.E.A.T. & Drag" ist viel nacktes, aber sehr totes Fleisch zu sehen, dazu tanzende Dragqueens, grün leuchtende Salatköpfe und noch mehr Wurstwaren, aber auch, um die Verwirrung komplett zu machen, eine laut lachende Sonne.

Der Song stammt vom aktuellen Album von Chicks on Speed, das nicht wirklich neu ist – von einer Popband, die anders ist als jede andere. Kurz: Es ist kompliziert. Oder, wie Alex Murray-Leslie sagt: "Wir machen Songs mit Fußnoten."

Eigentlich zu komplex für einen Popsong

Das klingt eher nach Wissenschaft als nach Popmusik. Und so ist es auch gemeint. 1997 gründete die Australierin Murray-Leslie zusammen mit Melissa E. Logan und Kiki Moorse an der Münchner Akademie der Künste die Perfomancegruppe Chicks on Speed. Inzwischen ist sie die einzige personelle Konstante des Kollektivs, das sich beständig gewandelt und erneuert hat und "in dem viele verschiedene Menschen über verschiedene Kunstformen hinweg zusammenwirken". Im Lauf der Jahre waren nicht nur Musik- und Kunstschaffende beteiligt, sondern auch Aktivist*innen wie Julian Assange.

Chicks on Speed verschmelzen Popmusik, Film, bildende Kunst, Kostümdesign, Performance, Philosophie und politischen Aktivismus zu einer einzigartigen Form von Kunst. Das Kollektiv ist eben weder eine Popband noch eine Künst­ler*in­nengruppe, sondern eher "eine politisch-audio-visuelle lebende Skulptur", so formuliert es Murray-Leslie. Die ganze Bandbreite des Schaffens von Chicks on Speed ist dieser Tage in München zu bestaunen: Unter dem Titel "Utopia" ist in der Villa Stuck eine Retrospektive zu sehen, die Murray-Leslie "Futurspektive" nennt.

YouTube freischalten

Wir respektieren deine Privatsphäre und stellen deshalb ohne dein Einverständnis keine Verbindung zu YouTube her. Hier kannst du deine Einstellungen verwalten, um eine Verbindung zu den Social-Media-Kanälen herzustellen.
Datenschutzeinstellungen verwalten

Chicks on Speed waren und sind nicht nur in den Charts und auf Konzertbühnen zu Hause, sondern auch in Galerien, Museen und an Universitäten. Murray-Leslie ist mittlerweile auch Dozentin, und "M.E.A.T. & Drag" ist daher das Ergebnis eines vierjährigen interdisziplinären Forschungsprojekts an der Universität in Trondheim. Der verwirrende Song und der Videoclip illustrieren die steile, aber spannende These, dass Fleischersatz und Drag ähnliche gesellschaftliche Bedingungen und Folgen haben: So wie das Crossdressing althergebrachte Geschlechtervorstellungen durcheinanderbringt, sind Seitan oder Tempeh eben nicht nur fleischähnlich aussehende vegane Nahrungsmittel, sie stellen auch eingefahrene kulturelle Vorstellungen infrage. Der jüngste Beweis dafür, wie verunsichernd Fleischersatz sein kann, ist der von konservativen Kräften durchgesetzte Beschluss des EU-Parlaments, Begriffe wie "Wurst" und "Schnitzel" für fleischlose Nahrungsmittel zu verbieten.

Ein Thema, das eigentlich zu komplex ist für einen Popsong, aber gerade richtig für Chicks on Speed. Denn "M.E.A.T. & Drag" funktioniert auch ohne theoretischen Hintergrund, öffnet Assoziationsräume und hinterfragt traditionelle Normen. "Wir funktionieren in der Popwelt, aber wir benutzen die Methoden, um möglichst viele Leute zu erreichen und mit kritischen Gedanken zu konfrontieren. Wir transportieren Ideen, aber lassen den Hörenden noch genug Raum zum Träumen", erklärt Murray-Leslie. Das scheinbare Gesetz, dass ein dreiminütiger Popsong nur eine verkürzte Botschaft haben kann, lehnen Chicks on Speed rundheraus ab – und nehmen stattdessen die Konsument*innen in die Pflicht: "Die Zuhörer*in muss das Kunstwerk vervollständigen, sie muss arbeiten, sie hat eine Aufgabe, es ist kein passives Konsumieren, sondern aktives Zuhören. "Wir geben ­unseren Zuhörer*innen einen Job", sagt Murray-Leslie lachend.

Feministische Essays, verkleidet als Partykracher

Wie harte Arbeit fühlt sich das Zuhören allerdings selten an. Gender, soziale Ungleichheit, Queerness, Klimakrise, Kunstbetrieb, technologischer Fortschritt, Popkultur und immer wieder Feminismus: Die Themen, die Chicks on Speed ver­arbeiten, sind komplex, ihr Zugang ist ernsthaft, die Umsetzung aber trotzdem meist laut, farbig und spielerisch. Ein Journalist des Bayerischen Rundfunks sagte über die Ausstellung in der Villa Stuck, sie sei "eine Art überdimensio­niertes Kinderzimmer, drei Stockwerke umfassend, bonbonbunt und im besten Sinne unaufgeräumt".

Parallel zur Ausstellung sind das auf bald 30 Jahre Musik zurückblickende Boxset "HEARTopia" und das neue Album "HEARandNOWtopia" erschienen. Chicks on Speed halten sich auch hier nicht an die Gepflogenheiten der Branche: Anstatt die beiden Veröffentlichungen fein säuberlich zu trennen, sind die neun Songs des neuen Albums auf die fünf Langspielplatten umfassende Werkschau verteilt. So springt man beim Hören wild durch die Jahrzehnte. Dabei wird deutlich, wie aktuell auch alte Stücke noch klingen – nicht nur der einzige richtige Hit, den die Gruppe vor 25 Jahren hatte, als die Malaria!-Coverversion "Kaltes klares Wasser" auf Platz 16 der Charts stand. Auch Songs wie "We Don’t Play Guitars" aus dem Jahr 2003 oder "Eurotrash Girl" (1998) gehen mit ihren Electrorhythmen direkt in die Beine, öffnen textlich aber viele Metaebenen: Es sind feministische Essays, die sich als Partykracher verkleiden.

Uneindeutigkeit als Grundprinzip

Uneindeutigkeit ist womöglich das einzige Grundprinzip des Kollektivs. Die Komplexität spiegelt sich in der losen ­Organisationsform von Chicks on Speed wider: Mitglieder kommen und gehen, manche bleiben länger, andere nur für ein einzelnes Projekt. "Wir versuchen, viele verschiedene Stimmen zusammenzubringen, um positive Utopien zu entwickeln", sagt Murray-Leslie. "Wir reagieren auf die Welt um uns herum, insbesondere auf die Kunstschaffenden, mit denen wir zusammenarbeiten. Ihre eigene Rolle innerhalb des Kollektivs mag oder kann sie nicht definieren: "Vielleicht organisiere ich mehr als andere, aber was genau ist meine Rolle? Ich weiß es nicht. Mein Freund und Kollaborateur Roman Dziadkiewicz von UkrainaTV nennt uns künstlerische Mediatoren."

So unergründlich das Funktionieren von Chicks on Speed ist, so komplex und irritierend, so aufregend und immer auf der Höhe der Zeit sind auch die Kunstprodukte, die daraus entstehen. Dass das eine mit dem anderen zu tun hat, ist wahrscheinlich. Genau wissen muss man es aber nicht. Das gilt auch für den Zusammenhang zwischen einem aufgespießten Grillhähnchen und einer Abendrobe. 

Thomas Winkler ist freier Journalist. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.

Das Album: Chicks on Speed: HEARandNOWtopia/HEAR­topia (Grönland Records)

Die Ausstellung: "Utopia – Chicks on Speed & Collaborators", noch bis 1. März 2026 in der Villa Stuck, ­München.

Weitere Artikel