Amnesty Journal Südafrika 13. Januar 2026

Südafrika: Zusammen für sauberes Wasser

Menschen sind mit Netzen in einem Fluss, um Plastikmüll einzusammeln.

Netzeweise Plastikmüll: Reinigungsarbeiten im Fluss (Johannesburg, 2025)

In Alexandra, einer Township in Johannesburg, steigen Freiwillige in den vermüllten Fluss Juskei, um Abfall zu entfernen. Eine dreckige Sisyphusarbeit, die Aufmerksamkeit erregt.

Aus Johannesburg von Cristina Karrer (Text und Fotos)

Ein typischer Wintermorgen in Johannesburg. Der Himmel ist wolkenlos, das Thermometer zeigt um die fünf Grad Celsius. Die Frauen, die sich in einem Kreis versammelt haben, trotzen der Kälte mit Mützen oder Wolldecken, die sie um die Hüfte drapieren. Sie warten auf die Anordnungen von Mpho Tefo, die vor drei Jahren die zivilgesellschaftliche Organisation Alexandra Water Warriors mitbegründet hat. Die Gruppe steht am Juskei, der auf mehr als sieben Kilometer Länge durch die Township Alexandra fließt und diese in zwei Hälften teilt. 

"Guten Morgen, liebe Frauen, lasst uns die Arbeit verteilen", beginnt Mpho Tefo. Sie ist Anfang 50, resolut und immer für einen Scherz zu haben. Heute erklärt sie, dass nur drei Frauen in den Fluss steigen können, weil es lediglich drei wasserfeste Anzüge in passenden Größen gibt. Die anderen sollen sich entlang des Ufers verteilen. Priorität hat vor allem die gegenüberliegende Seite, auf der sich Abfallströme aus den Blechhütten Richtung Fluss ergießen. Die Frauen nicken, während sie sich in eine Liste eintragen. Jede Teilnehmerin wird registriert, damit die NGO weiß, wer wie oft mitmacht. "Die Frauen arbeiten ehrenamtlich, doch hoffen sie, eines Tages bezahlt zu werden", sagt Mpho Tefo, die selbst als unbezahlte Freiwillige angefangen hat. Wer besonders eifrig ist, hat Chancen, irgendwann einen Lohn zu erhalten.

Draußen, Südafrika, zwei Frauen stehen sich gegenüber und reden miteinander.

Viel zu tun: Mpho Tefo verteilt die Arbeit (Johannesburg, 2025)

Zu den Frauen, die am härtesten arbeiten, gehört Maria Motloung. Sie ist über 50 und lebt mit ihren sechs Enkelkindern in einer Blechhütte. Vier der Kinder schlafen auf dem Boden und zwei auf dem Bett, das die Hälfte des Raums einnimmt. Motloung wohnt bereits seit mehr als 30 Jahren in Alexandra. Wie viele andere zog auch sie vom Land hierher in der Hoffnung, in Johannesburg Arbeit zu finden. Doch Arbeit gibt es kaum, Südafrika hat mit mehr als 30 Prozent eine der höchsten Arbeitslosenquoten der Welt. 

2021 sah Maria Motloung erstmals Frauen, die Abfall aus dem Juskei entfernten. "Wasser ist Leben, der Fluss ist unsere Lebensader, in ihm wohnen unsere Ahnen. Wenn der Fluss schmutzig ist, sind die Ahnen traurig und auch wütend. Ihre Wut bekommen wir zu spüren, wenn der Fluss über die Ufer tritt, was immer wieder passiert", erklärt Motloung. Deshalb sei es für sie keine Frage gewesen, sich den Alexandra Water Warriors anzuschließen. Seither arbeitet sie wie die meisten anderen zweimal pro Woche von acht bis zwölf Uhr mit. 

Notwendiger Schutz für die Frauen

An diesem kalten Morgen ist niemand darauf erpicht, sich in den wasserdichten Anzug zu zwängen. Doch Maria Motloung gehört zu den ersten, die sich melden. Ihr wettergegerbtes Gesicht beweist, dass sie harte Arbeit im Freien gewohnt ist. ­Zusammen mit zwei anderen Frauen schnappt sie sich einen Plastiksack und tastet sich vorsichtig die steile Böschung hinunter. Ihr Ziel ist eine schwimmende Sperre, die die NGO an verschiedenen Stellen des Flusses errichtet hat, um den Abfall zurückzuhalten. Milchkartons, Flaschen, Kindersitze, Schuhe, Bierdosen – alles, was man sich vorstellen kann, bleibt in diesen Sperren hängen. Die drei Frauen im Fluss beginnen mit ihrer Arbeit, während die anderen das gegenüberliegende Ufer säubern.

Eine afrikanische Frau in Jacke und mit einem Tuch als Kopfbedeckung lächelt, während sie etwas tut.

Maria Motloung vor ihrer Hütte (Sommer 2025, Johannesburg)

"Diese Arbeit hört nie auf. Wenn ich in drei Tagen zurückkomme, wird die Sperre wieder voll sein", seufzt Maria Motloung zwei Stunden später, nachdem sie vier Plastiksäcke mit gesammeltem Abfall die Böschung hinaufgehievt hat. "Doch wir dürfen nicht aufgeben. Das sind wir nicht nur unseren Ahnen, sondern auch unseren Kindern schuldig. Ich will, dass sie eines Tages wieder hier spielen und schwimmen können."

Wilton Tusa beobachtet die arbeitenden Frauen. Der knapp 60-Jährige gehört zu den wenigen Unterstützer*innen der Alexandra Water Warriors, die regelmäßig bezahlt werden. Er ist einer von sieben Sicherheitskräften – ein großes Wort, denn keiner der Männer trägt eine Waffe oder hat auch nur einen Selbstverteidigungskurs absolviert. Doch nimmt er seine Aufgabe ernst und ist per Funkgerät mit weiteren Männern verbunden, die Frauengruppen an anderen Abschnitten des Juskei schützen. Auch Wilton arbeitete zuerst unbezahlt für das Projekt. Nun verdient er umgerechnet rund 160 Euro im Monat.

Ein afrikanischer Mann mit Schirmmütze und Sicherheitsweste steht draußen vor einer Siedlung und spricht in ein Walkie-Talkie.

Wilton Tusa sorgt für Sicherheit (Sommer 2025, Johannesburg)

"Alexandra ist ein gefährlicher Ort, vor allem für Frauen. Es gibt viel Gewalt, täglich werden Frauen vergewaltigt. Darum gibt es uns. Allein mit unserer Anwesenheit demonstrieren wir, dass diese Frauen unter Schutz stehen", sagt Wilton. Fünf Tage die Woche bewachen er und seine Kollegen nicht nur die Frauen, sondern auch den Fluss. "Wir versuchen zu verhindern, dass die Leute alles, was sie loswerden wollen, in den Fluss werfen", sagt er. Das sei nicht einfach, gibt er zu, es brauche viel Überzeugungsarbeit. Das Bewusstsein für den Schutz der natürlichen Ressourcen sei immer noch gering. Doch er gebe nicht auf. Der Fluss sei zu wichtig für die Township und deren Bewoh­ner*in­nen. 

Trotz der harten Arbeit ist aufgeben für die Wasserkrieger*innen von Alexandra keine Option. Das sagt auch der Mitbegründer Paul Maluleke, der nach wie vor eine treibende Kraft der NGO ist. Zum ­Interview bringt er eine Mappe voller ­Dokumente mit, denn er ist es gewohnt, dass sich Journalist*innen nach seiner ­beruflichen Qualifikation erkundigen. Umso überraschter ist er, als er nach seiner persönlichen Geschichte und seiner Beziehung zum Fluss gefragt wird. Paul Maluleke ist tief in Alexandra verwurzelt: Sein Grossvater war während der Apartheid ein angesehener Geschäftsmann in der Township, seine Großmutter eine angesehene traditionelle Heilerin, die am Ufer des Juskei einen Kräutergarten hatte. "Ich bin privilegiert aufgewachsen, ich konnte eine gute Schule besuchen, obwohl ich in einer Township aufgewachsen bin", sagt er. Er hat in verschiedenen Berufen gearbeitet, ist zertifizierter Touris­t*innenführer, belegte Kurse in Umweltwissenschaft und betreute im Auftrag des Justizministeriums jugendliche Straftäter, die auf Bewährung freigelassen wurden. 

Wasser als Menschenrecht

Zum Wasser habe ihn ein Traum seiner Großmutter geführt, erzählt Paul Malu­leke. Ihr sei eine Ahnin erschienen, die ihr befohlen habe, den Fluss zu reinigen. Er selbst habe als Kind viele Tage am Fluss verbracht. "Die Weißen besitzen in ihren gepflegten Anwesen ihre eigenen Schwimmbäder, wir haben unseren Fluss. Insbesondere in der Zeit der Apartheid, als Schwarze Südafrikaner*innen kaum Aufstiegsmöglichkeiten hatten und wie Tiere in Townships gepfercht wurden, war der Juskei unser ganzer Stolz. Mittlerweile habe ich begriffen, dass Wasser, vor allem sauberes Wasser, kein Privileg der Wohlhabenden ist, sondern ein Menschenrecht." Allerdings lebten in den 1970er Jahren nur einige Hunderttausend Menschen in Alexandra und nicht rund zwei Millionen wie heute. Die Abfallberge haben sich seither vervielfacht. 

Ein Flusslauf bei Johannesburg im Sommer, im Hintergrund eine Siedlung

Ohne Müll ein sauberer Fluss: Der gereinigte Juskei in Johannesburg, Sommer 2025

Paul Maluleke hatte schon vor dem Traum seiner Großmutter bemerkt, wie schmutzig das Wasser geworden war. "Der Juskei wurde als Abfalldeponie ­betrachtet, man warf alles hinein. An ­heißen Tagen war der Gestank kaum ­auszuhalten", sagt er. Gespräche mit Gleichgesinnten führten schließlich zur Gründung der Wasser­krieger*innen. ­Maluleke zeigt in Richtung Fluss, der an dieser Stelle sauber ist und zwischen begrünten Ufern und jungen Bäumen dahinfließt. "Diesen Flussabschnitt nennen wir 'Showroom'", sagt er. "Hier zeigen wir, wie ein sauberer Fluss aussieht und wie sich das auf die Flora und Fauna auswirkt. Es gibt sogar wieder Frösche und Fische!" Vor vier Jahren stand genau hier, mitten im Fluss, noch ein Sofa, erzählt Maluleke. "Es wurde von einem Mann am Ufer bewacht. Als wir mit dem Säubern begannen und das Sofa aus dem Fluss hieven wollten, kam er mit einem Messer angerannt. Er stieß uns zur Seite, schlitzte das Sofa auf und nahm ein Gewehr und einen Plastiksack voller Geld heraus." Dann sei er weggerannt. "Wir haben uns verblüfft angeguckt. Immerhin war jetzt klar, warum er das Sofa beschützte." 

Ein Gebiet im Wandel

Dass mittlerweile mehr als 3.000 Personen bei den Alexandra Water Warriors mitmachen, ist das Resultat harter Arbeit. Die Aktivist*innen bemühten sich, den Menschen im Township klarzumachen, dass Umweltschutz wichtig sei. Paul ­Maluleke musste Sponsor*innen davon überzeugen, dass es möglich ist, sich in Alexandra zu engagieren, ohne auf der Straße erschossen zu werden, und dass das Geld nicht für andere Zwecke missbraucht wird. 

"Unser größtes Problem war das schlechte Image von Alexandra. Die Township galt als besonders gefährlich und wurde von Banden kontrolliert. Im Gewirr der engen Strassen und Gassen kann man sich schnell verlieren. Für viele ist Alexandra in jeder Hinsicht ein Albtraum." Dass in dieser Township mitten im wohlhabenden Johannesburg einst Nelson Mandela für kurze Zeit wohnte, sorgt auch für Interesse. "Während die einen Alexandra als Geschwür betrachten, sehen andere es als ein Gebiet an, das zwar aus allen Nähten platzt, doch vor ­Lebenslust strotzt."

Mittlerweile kann sich Paul Maluleke nicht mehr über einen Mangel an Sponsor*innen beklagen. Auch Tourist*innen interessieren sich für die Alexandra ­Water Warriors und wagen sich für eine Besichtigung in die Township. Jede Tour beginnt im "Showroom", denn hier gibt es auch einen Spielplatz und ein Restaurant, von dem aus man das Chaos des Townships zunächst aus sicherer Entfernung betrachten kann. Baumstümpfe, die aus dem Fluss geholt wurden und am Ufer liegen, bieten Potenzial für Kunstwerke. Neben dem Spielplatz steht eine von insgesamt drei Recyclingsammel­stellen: Glas, PET, Bierdosen und weiterer Abfall werden getrennt gesammelt und dann abgeholt. Paul Maluleke will das ­Recyclingsystem auf die ganze Township ausdehnen. Dank des Recyclings erhalten Hunderte informelle Abfallsammler*innen ein kleines Einkommen.

Dass unter den Freiwilligen kaum Männer sind, stört ihn. Er war sich nie zu gut, ehrenamtlich zu arbeiten, doch würden die meisten Männer dies als Gesichtsverlust betrachten. "Wir leben leider in einer Macho-Gesellschaft. Arbeitslose Männer hängen lieber auf der Straße herum. Sie halten das für cool, anstatt die Zeit für etwas Sinnvolles zu nutzen", sagt er. "Dabei würde sich ein freiwilliges Engagement gut in einem Lebenslauf machen."

Auch Hazel Baloyi, die neben Paul sitzt, gehört zu den ersten Wasserkriegerinnen. Die 32-Jährige erhielt dank ihres guten Schulabschlusses ein Stipendium und studierte Buchhaltung. Ihre Ausbildung und ihr unermüdlicher Einsatz führten zu einer Festanstellung in der Verwaltung der Alexandra Water Warriors. "Ich weiß, dass ich zu den Glücklichen gehöre, doch habe ich auch hart dafür gearbeitet", sagt Hazel. Ihr Blick folgt einem Graureiher, der über den Fluss fliegt und schließlich auf einem Stein ­landet. "Ich bin davon überzeugt, dass der Glaube nicht nur Berge versetzen kann, sondern auch einen Fluss wieder ­lebendig machen und somit uns allen helfen kann – trotz der vielen Schwierigkeiten, die noch auf uns zukommen werden."

Cristina Karrer ist eine Schweizer Journalistin, Filmemacherin und Autorin. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.

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