Amnesty Journal Ägypten 23. November 2018

Die Großmutter der Revolte

Eine alte Frau und eine junge Frau sitzen auf einem Sofa und unterhalten sich

Zwei Generationen, ein Kampf. Laila Soueif mit ihrer Tochter Mona im August 2018 in Kairo.

Die Menschenrechtlerin Laila Soueif kämpft seit den 1970er Jahren gegen Folter, Polizeigewalt und Justizwillkür in Ägypten. Ihre Kinder treten in ihre Fußstapfen.

Von Badria Samir, Kairo

Tief eingesunken in ihre Couch versucht sie, ihren ­herumspringenden Hund zu beruhigen. Dabei zündet sie sich eine Zigarette nach der anderen an und fährt sich immer wieder mit der Hand durch ihr grauweißes, ­wuscheliges Haar.

Laila Soueif ist es gewohnt, vieles gleichzeitig zu tun: Die 62-Jährige ist eine der Vorreiterinnen der ägyptischen Menschenrechtsbewegung. Sie hat sich mit vielen Herrschern des Landes angelegt und sich dabei den Mund nie verbieten lassen. Auch nicht, als in den 1980er Jahren ihr Mann und nach der Revolution zwei ihrer drei Kinder im Gefängnis saßen – alle wegen Regimekritik. Ihr ältester Sohn Alaa Abdel Fattah ist immer noch in Haft. Gefängnisbesuche, Gerichtsverhandlungen und Behördengänge gehören zum Alltag von Laila Soueif. "Ich kenne es nicht anders", sagt sie.

Fast acht Jahre sind seit der Revolution vergangen, die Präsident Hosni Mubarak im Februar 2011 aus dem Amt fegte. Und auch danach kam das Land nicht zur Ruhe: Erst ergriff ein Hoher Rat greiser Militärs die Macht, dann brachten die ersten freien Wahlen mit Mohammed Mursi einen Muslimbruder in den Präsidentenpalast, der nach nur einem Jahr vom Militär gestürzt wurde. Seit 2014 nun regiert der damalige Armeechef Abdel Fattah al-Sisi mit eiserner Hand – Zehntausende politische Gefangene sind das Ergebnis.

Doch nicht nur Aktivisten zahlen seit der Niederschlagung der Revolution einen hohen Preis. Es herrscht weiterhin großer Unmut bei vielen der fast 100 Millionen Ägypter. Denn wirtschaftlich und politisch ist die Lage miserabel, die Forderungen vom Tahrir-Platz nach Brot, Freiheit und sozialer Gerechtigkeit sind nicht in Erfüllung gegangen. "Im Gegenteil, die Situation ist heute sogar noch schlechter als vor der Revolution, vor allem, was die Menschenrechte betrifft", sagt Soueif.

Eine große Menschenmenge von oben

Moment der Hoffnung. Tahrir-Platz in Kairo, Dezember 2011.

Der repressive Staat erzeuge Wut, Frustration, Angst und Einschüchterung. Nach niedergeschlagenen Revolutionen sei das meist so, sagt Laila Soueif lakonisch. Sie kennt sich gut aus, sie ist schon lange aktiv. "Zu lange. Manchmal denke ich: Es kann doch nicht sein, dass wir heute noch immer für oder gegen den gleichen Mist protestieren wie damals", sagt sie lachend.

Soueif war 16 Jahre alt, als sie 1972 an ihrer ersten Demonstration teilnahm. Es ging um die von Israel besetzte Sinai-Halbinsel – und vor allem um mehr Freiheit. Doch der Protest dauerte nicht lange: Als ihre Eltern von der Aktion erfuhren, schickten sie ihre große Schwester mit deren Mann los – die beiden eskortierten Soueif nach Hause. Die Eltern, beide privilegierte Universitätsprofessoren, hatten für das politische Interesse ihrer Tochter kein Verständnis – schließlich war es schon damals gefährlich, gesellschaftlich aktiv zu sein.

Außerdem fürchteten sie die Schergen des zwischen 1954 und 1970 regierenden Präsidenten Gamal Abdel Nasser: Folter, Repression und Gewalt prägten das Land am Nil. "Meine Eltern entschieden daher, nur Akademiker zu sein und nichts mit Politik zu tun haben zu wollen. Sie erwarteten das auch von mir. Daher stritten wir oft. Ich war wirklich wütend auf sie, denn ich konnte nicht einfach nichts tun", sagt Laila Soueif.

Als sie Mitte der 1970er Jahre an der Kairoer Universität Mathematik studierte, lernte sie ihren Ehemann kennen. Ahmed Seif El Islam war damals Anführer einer kommunistischen Untergrundzelle. Sie heirateten und lehnten sich gemeinsam gegen soziale Ungerechtigkeit, Korruption und Menschenrechtsverletzungen unter Präsident Anwar al-Sadat auf.

Nassers Nachfolger genoss in der westlichen Welt hohes Ansehen – schließlich brach er mit der Sowjet­union, freundete sich mit den Vereinigten Staaten an und schloss Frieden mit Israel, nachdem er den Sinai zurückerhalten hatte. In Ägypten aber brodelte es. "Es herrschte Korruption, die wirtschaftliche Lage war desaströs, Sadats Außenpolitik umstritten", sagt Soueif. Zum ersten Mal hörte sie damals auch, "dass in den Gefängnissen gefoltert wurde und Menschen dabei starben". Sie schloss sich deshalb der gerade entstandenen Menschenrechtsbewegung an. "Ich war begeistert, dass sich Menschen auf die Seite der Bürger stellten, egal welche politische Haltung sie hatten."

1981 wurde Sadat von Dschihadisten wegen des Friedensschlusses mit Israel ermordet; neuer Präsident wurde Mubarak. Unter ihm saß ihr Mann fünf Jahre lang im Gefängnis, wurde geschlagen und gefoltert. Soueif machte das öffentlich – und legte sich bei ihren Kampagnen mit dem Regime an. "Damals sprach noch keiner über Folter, nur wenige wussten davon. Es war ein Skandal", sagt sie.

Noch im Gefängnis studierte ihr Mann Jura. Nach seiner Freilassung Ende der 1980er Jahre arbeitete er als Anwalt. Gemeinsam widmeten sie sich dem Kampf gegen Folter, Repression, Polizeigewalt und Justizwillkür. Sie unterstützten die ­Demokratiebewegungen, die dem Aufstand gegen Präsident Mubarak den Weg ebneten. Jenem Aufstand, in dem ihre drei Kinder eine große Rolle spielen sollten.

Ein Mann sitzt vor einer Bücherwand und spricht

Großvater der Revolte. Ahmed Seif El Islam im Februar 2011 in Kairo.

"Eigentlich wollten wir ja nie in die Fußstapfen unserer ­Eltern treten", erzählt ihre Tochter Mona Seif. "Sie fanden uns langweilig", sagt ihre Mutter und lacht laut. Anfangs seien ihre Kinder Wege gegangen, die mit Politik nichts zu tun hatten: Sie studierten Biologie, Softwareentwicklung und Sprachen.

Heute sind sie aus Ägyptens Aktivistenszene nicht mehr wegzudenken. Mona Seif ist Bloggerin. Seit über zehn Jahren setzt sie sich für Menschenrechte im Land ein. Obwohl schon viele Personen wegen kritischen Kommentaren inhaftiert wurden, fordert die 32-Jährige in ihren Einträgen das Regime weiter heraus und stellt es öffentlich an den Pranger. Sie setzt sich für Zivilisten ein, die von Militärgerichten zu langen Haftstrafen verurteilt wurden, und klärt ihre Leser über ihre Rechte und die politischen Verhältnisse auf. "Doch es ist frustrierend, da alles sogar noch schlechter geworden ist", sagt auch die studierte Biologin. Dass ihr älterer Bruder nun seit fünf Jahren im Gefängnis sitzt, macht die Situation nicht einfacher. "Vor nicht allzu langer Zeit wurde er noch als Held gefeiert. Jetzt sitzt er, für wer weiß wie lange", sagt sie.

Alaa Abdel Fattah gehört zu den prominentesten Gesichtern des Aufstands von 2011. Damals beteiligte sich der 36-jährige Aktivist und Blogger an den Protesten, die zu Mubaraks Sturz führten. Auch danach war er politisch aktiv – was den Machthabern gar nicht gefiel. Im Frühjahr 2014 wurde der Softwareentwickler wegen illegalen Protests und Angriffen auf die Polizei zu fünf Jahren Haft verurteilt. 

Seitdem lässt seine Familie alle zwei Wochen alles stehen und liegen, um ihn im Gefängnis zu besuchen. "Es ist jedes Mal die gleiche Prozedur", sagt Mona Seif. Frühmorgens fahren sie, ihre Mutter, die Ehefrau ihres Bruders und sein kleiner Sohn in das knapp eine Stunde entfernte Tora-Gefängnis in Helwan, einer Industriestadt im Süden Kairos, in dem sich Abdel Fattah eine Zelle mit 60 anderen Häftlingen teilt. Haben sie die erste Abgrenzung passiert, werden sie erst mal gründlich durchsucht – und das mehrere Stunden lang. Jede Kleinigkeit, die sie dabeihaben, wird notiert, egal ob Socken, Kaugummi oder Comics. Bücher werden durchgeblättert, Briefe gelesen, mitgebrachte Kleidung durchsucht. "Als wäre er ein gefährlicher Krimineller. Dabei ist er nur ein Blogger, der seine Meinung schreibt", sagt seine Schwester. "Es ist lächerlich. Mal lassen sie Sachen rein, mal nicht. Es kommt auf die Aufseher an. Es gibt keine festen ­Regeln."

Ein Mann und eine Frau gehen lächelnd nebeneinander her

Geschwister im Glück. Mona Seif und Alaa Abdel Fattah im September 2014 in Kairo.

Werden sie durchgewunken, dürfen sie genau eine Stunde mit Abdel Fattah verbringen – keine ­Minute länger. In dieser Stunde dürfen sie mit ihm essen, ihn umarmen, ihn an ihrem Leben teilhaben lassen. Wenn sein heute sechsjähriger Sohn Geburtstag hat, hängen sie Ballons auf, essen Kuchen. Auch ihre Hochzeit feierte Mona Seif vor einem Jahr im Gefängnis: Sie trug ein weißes Hochzeitskleid, der Bräutigam einen Smoking. Ihr Bruder organisierte Süßigkeiten von den anderen Gefangenen. Mona war wichtig, dass er dabei war. "Er verpasste schon den Tod seines Vaters und die Geburt seines Sohnes. Bei meiner Hochzeit sollte er dabei sein", sagt sie. "Wer weiß, wie lange er noch im Gefängnis bleibt. Es könnten plötzlich neue Verfahren auftauchen, von denen wir nichts wissen." Sie befürchtet sogar, dass ihr Bruder nicht freikommen werde, solange Sisi an der Macht ist. "Alle anderen, die wegen illegalen ­Demonstrierens im Gefängnis saßen, sind heute wieder draußen, sie erhielten eine Amnestie", sagt Mona Seif. "Nur er nicht." Grund dafür sei, dass er die Machthaber nicht fürchte – ganz im Gegenteil. "Das Regime fürchtet ihn, eine einzelne Person."

Doch es sind nicht nur Einzelpersonen, die der Staat im Visier hat: Der durch den Aufstand aufgelöste Sicherheitsapparat sitzt wieder fest im Sattel und jagt Demokratiebewegungen, Nichtregierungsorganisationen und Menschenrechtsgruppen im ganzen Land. Hetzkampagnen in sozialen Netzwerken und staatlichen Medien sollen die Kritiker einschüchtern, am besten mundtot machen.

Wer sich öffentlich gegen die Machthaber äußert, muss mit Repressalien rechnen. Die, die sich nicht einschüchtern lassen, wandern ins Gefängnis. In den vergangenen Jahren wurden Hunderte Jugendliche von den ägyptischen Sicherheitsbehörden verschleppt, geschlagen oder gefoltert – viele starben dabei. Heute sitzen rund 60.000 politische Gefangene in Ägypten in Haft – so viele wie nie zuvor. Unter ihnen befinden sich längst nicht nur Muslimbrüder und deren Anhänger, auch immer mehr Aktivisten der Revolution, Studenten, Kritiker, Liberale, Linke, Oppositionspolitiker und Journalisten. Viele von ihnen werden nicht einmal vor Gericht gestellt, sondern bleiben jahrelang in Untersuchungshaft – ohne Anklage. In den vergangenen sieben Jahren wurden 19 neue Gefängnisse gebaut, von denen allein zwei insgesamt 30.000 Gefangene aufnehmen können. "Unsere Justiz ist schuld", sagt Soueif. "Unter Mubarak hielten sich die Richter wenigstens noch ein wenig an das Gesetz, an die Verfassung. Heute nicht mehr. Die Richter sind skrupellos. Sie sind die Feinde der Menschenrechte und der Menschlichkeit."

 

Eine junge Frau lächelt

Starke kleine Schwester. Sanaa Seif im August 2014 in Kairo.

Als ihr Ehemann im August 2014 im Sterben lag, war nicht nur Alaa im Gefängnis, auch ihre jüngste Tochter, Sanaa Seif. Die 24-Jährige wurde erst mit Beginn der Revolution 2011 politisch aktiv – mit damals 16 Jahren. "Keiner kannte sie, weil sie zurückhaltend ist, immer im Hintergrund arbeitet", sagt Soueif. Im Sommer 2014 wurde sie dann festgenommen und wegen ­illegalen Demonstrierens zu zwei Jahren Haft verurteilt. Beide Kinder saßen in Haft, als ihr Vater wegen einer Herzoperation ins Krankenhaus kam. Nach langen Diskussionen wurde den Häftlingen ein Besuch bei ihrem Vater gestattet. Doch es war schon zu spät, er lag bereits im Koma und starb nur wenige Tage später.

Ahmed Seif El Islam war Ägyptens wichtigster Menschenrechtsanwalt. Nur wenige Monate vor seinem Tod zog er bei einer Presseveranstaltung eine Bilanz der Entwicklungen im Land – und entschuldigte sich bei seinem inhaftierten Sohn Alaa: "Bitte verzeih’ meiner Generation. Wir träumten davon, euch eine demokratische Gesellschaft zu vererben, die auf die Würde des Menschen achtet. Doch stattdessen vererbe ich dir nur die Gefängniszelle, in der auch ich einst saß. Meine Tochter Mona wurde geboren, als ich im Gefängnis war, dein Sohn Khaled ebenfalls. Wird eure Generation zulassen, dass das weitervererbt wird?"

"Es sieht ganz so aus", sagt Soueif. Trotzdem macht sie weiter. "Ich kann doch jetzt nicht aufhören", sagt sie. "Es ist noch nicht vorbei."

Ein Mann legt seinen Arm auf den Rücken einer weißhaarigen Frau

Seltene Stütze. Sohn und Mutter im September 2014 in Kairo.

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