Aktuell Vereinigte Staaten von Amerika 11. Juli 2019

Waffengewalt in den USA: Überlebende müssen staatlich unterstützt werden!

Zwei Frauen umarmen sich weinend, während sie Kerzen haltend. Hinter ihnen stehen weitere Menschen in der Dämmerung.

Mahnwache für die Opfer des Amoklaufs an der "Marjory Stoneman Douglas High School" in Parkland, Florida, bei dem am 14. Februar 2018 ein Ex-Schüler 17 Menschen erschoss.

Die ausufernde Waffengewalt führt zu einer Menschenrechtskrise in den USA mit Tausenden von Toten und Verletzten. Gleichzeitig ignoriert die Regierung die Bedürfnisse von Überlebenden und macht ihnen das Leben durch bürokratische Hürden schwer. Zu diesem Schluss kommt Amnesty International in einem neuen Bericht.

In dem neuen Bericht "Scars of Survival: Gun Violence and Barriers to Reparation in the USA" zeigt Amnesty International, mit welchen Problemen die Menschen konfrontiert werden, die einen Anschlag oder einen Amoklauf überlebt haben: Die Kosten für medizinische Hilfe sind enorm hoch, staatliche Hilfe fast unmöglich zu bekommen. Amnesty International fordert die US-Regierung dazu auf, sicherzustellen, dass die Betroffenen umfassend entschädigt und unterstützt werden.

"Die meisten der von uns befragten Betroffenen haben berichtet, dass die Schussverletzungen erst der Beginn ihres Alptraums waren", sagt Sanhita Ambast, Amnesty-Expertin für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte. "Überlebende haben uns geschildert, dass sie weiterhin kämpfen müssen, obwohl sie die Opfer sind, und dass die Kosten für die Behandlung ihrer chronischen Schmerzen oft unerschwinglich sind ebenso wie die Kosten für das Leben mit Behinderungen."

Diese hohen Kosten, ein kompliziertes Antragswesen und mangelhafte Entschädigungsprogramme stellten Betroffene von Waffengewalt vor große Probleme. Oft sei es nach einem Trauma schwer, eine angemessene Behandlung zu bekommen. "Die US-Behörden müssen gegen Waffengewalt vorgehen und sicherstellen, dass die Überlebenden die erforderliche Unterstützung erhalten, um die Folgen bewältigen zu können und sich unter den gegebenen Bedingungen ein neues Leben aufzubauen", sagt  Amnesty-Expertin Ambast. "Da in den USA nicht entschieden gegen Waffengewalt vorgegangen wird, ist es umso wichtiger, die Überlebenden von Anschlägen zu schützen, bei denen Schusswaffen zum Einsatz kommen."

Fehlende Gesundheitsversorgung  

Recherchen von Amnesty International zeigen, dass die US-Regierung Überlebende nicht ausreichend unterstützt oder Schadensersatz gewährt. Gesundheitsversorgung und Rehabilitationsmaßnahmen werden nicht gewährt. Dies wäre jedoch essentiell, um der Verpflichtung der Regierung nachzukommen, Opfer umfassend und wirksam zu entschädigen. Amnesty International hat bereits im vergangenen Jahr erklärt, dass die US-Regierung ihre menschenrechtlichen Verpflichtungen gegenüber der eigenen Bevölkerung nicht einhält, indem sie den Kauf, den Besitz und den Einsatz von Schusswaffen durch Privatpersonen nicht angemessen reguliert. Während es in den meisten Ländern Regulierungs- und Kontrollsysteme für den Besitz von Schusswaffen gibt, zum Beispiel landesweite Registrierungssysteme, fehlen diese in den USA. Stand September 2018 ist es 30 US-Bundesstaaten möglich, eine Pistole zu kaufen, ohne einen Waffenschein oder eine andere Genehmigung zu besitzen. 

Weil es keine abgestimmten Programme für die Rehabilitationserfordernisse von Überlebenden von Schusswaffengewalt gibt, müssen sich Betroffene über das allgemeine Gesundheitssystem um medizinische und psychologische Betreuung bemühen – und stehen vor enormen wirtschaftlichen und bürokratischen Hürden. Das Leid, das Betroffene durch Traumata und körperliche Schmerzen erfahren, verschlimmert sich dadurch.

Megan Hobson war 16 Jahre alt, als sie 2012 in einem Schusswechsel schwer verletzt wurde. Sie überlebte dank eines Notarzt-Einsatzes, aber sie hat weiterhin Schwierigkeiten beim Gehen, Beschwerden durch Geschosssplitter im Unterleib und benötigt psychologische Unterstützung. Megan Hobson erklärte Amnesty International, dass sie aufgrund der Behandlungskosten immer noch Schulden habe. "Ich war ein Opfer, ich habe kein Verbrechen begangen. Ich war lediglich zur falschen Zeit am falschen Ort", sagt sie.

Jamie Williford wurde 2009 durch Schüsse in den Rücken verletzt. Damals war sie 16 Jahre alt. Sie ist seitdem querschnittgelähmt und leidet heute immer noch unter weiteren Gesundheitsproblemen. Ihre Behandlung wird zwar durch Medicaid finanziert, ein Regierungsprogramm, das die Gesundheitsversorgung einiger Menschen mit niedrigem Einkommen sichert. Doch es ist enorm schwer für sie, einen Mediziner zu finden, der Medicaid akzeptiert. Wie viele andere Überlebende von Schussverletzungen mit dauerhaften Behinderungen hat auch Jamie Williford, Schwierigkeiten, eine bezahlbare und barrierefreie Wohnung zu finden. Nach ihrer Verletzung wurde sie in einer staatlichen Einrichtung für Erwachsene untergebracht, bekam dort aber keine psychologische Betreuung oder Schulausbildung. Seit ihrem 18. Geburtstag lebt Jamie Williford in Wohngemeinschaften, konnte aber bislang keine passende dauerhafte Wohnung finden, die für eine Frau im Rollstuhl geeignet ist.

Der Fall von Jamie Williford steht beispielhaft für Überlebende von Schusswaffengewalt, die unter falschem politischen Handeln leiden: Es fehlt an Unterstützung für Menschen mit Behinderung. Es gibt massive Schwierigkeiten, ausreichende und passende gesundheitliche Versorgung zu bekommen. Außerdem gibt es keinen bezahlbaren barrierefreien Wohnraum.

Zwei Rettungskräfte sitzen in einem Krankenwagen, der auf einem Parkplatz steht, im Hintergrund stehen weitere Krankenwagen und ein geparktes Auto

Ein Krankenwagen steht vor der Pathologie in Roanoke, Virginia. Dorthin wurden Opfer des Amoklaufs an der Universität "Virginia Tech" gebracht, bei dem am 16. April 2007 32 Menschen getötet und 17 weitere verletzt wurden.

Bürokratische Hürden

Für fast alle Überlebenden von Schusswaffengewalt, die Amnesty International interviewt hat, stellt Bürokratie das größte Problem dar. In den Anträgen zur Entschädigung der Betroffenen werden viele Detailinformationen abgefragt. Oft müssen Überlebende zahlreiche Schriftstücke vorlegen. Vielen fällt es jedoch schwer, diese beizubringen, wenn sie sich gerade von einer schweren oder lebensverändernden Verletzung erholen.

2007 wurde in allen US-Bundesstaaten die Angabe "Informationen unvollständig" am häufigsten als Grund für die Ablehnung oder Einstellung eines Antrags auf Opferentschädigung genannt. 

Unterstützung sicherstellen

"Amnesty International fordert die US-Regierung und die Behörden der einzelnen Bundesstaaten auf sicherzustellen, dass Überlebende von Schusswaffengewalt Zugang zu der benötigten Gesundheitsversorgung und Unterstützung erhalten und dass sie umfassend darüber informiert werden, welche Gesundheitsversorgung und welche Zuwendungen ihnen zustehen", sagte Amnesty-Expertin Sanhita Ambast.

Die Organisation fordert die Behörden zusätzlich auf, eine umfassende und wirksame Entschädigung für Überlebenden von Schusswaffengewalt zu gewährleisten – darunter Schadenersatzzahlungen für das Leid, das ihnen widerfahren ist.

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