Amnesty Journal Vereinigte Staaten von Amerika 17. Mai 2024

Plumpsklos und Sehnsüchte

Das Bild zeigt das Porträtfoto einer Frau, die auf einer Couch sitzt

Die 2021 verstorbene bell hooks gilt als Vordenkerin eines Schwarzen Feminismus.

In "Bone Black" blickt die Schwarze Feministin bell hooks auf ihr Aufwachsen in den ländlichen Südstaaten der USA zurück. 

Von Tanja Dückers

George Floyd, Michael Brown, Eric Garner, Freddie Gray – das sind die bekanntesten Namen von People of Color in den USA, die in den vergangenen Jahren aufgrund rassistischer Gewalt ihr Leben verloren. Woher kommt diese Gewalt, wie tief verwurzelt ist sie in der amerikanischen Gesellschaft? Wie wächst man als junger Mensch damit auf?

Die Autobiografie der vor drei Jahren verstorbenen Schwarzen Literaturwissenschaftlerin und Autorin bell hooks gibt darauf eine ebenso persönliche wie politische Antwort. Das von Marion Kraft hervorragend übersetzte Buch "Bone Black. Erinnerungen an eine Kindheit" beschreibt genau, ohne Larmoyanz und ein wenig lakonisch, das Aufwachsen eines Schwarzen Mädchens in den fünfziger und sechziger Jahren in den ländlichen Südstaaten der USA. Da geht man auf Plumpsklos und kilometerweit zu Fuß zur Schule. Die Schulbusse der weißen Kinder dürfen nicht anhalten und die Schwarzen mitnehmen. In der Schule wundert man sich, warum mit "hautfarben" ein pinker Buntstift gemeint ist. Es gibt Kinder, die aus Hunger Wäschestärke essen.

Auch in der eigenen Community gibt es Zwänge: "Wir lernen früh, dass es für eine Frau wichtig ist, zu heiraten. Wir verheiraten immer unsere Puppen mit jemandem. Er ist natürlich immer unsichtbar. Das war so, bevor sie Ken für Barbie machten", schreibt bell hooks. Sie wirft auch einen Blick auf die nicht unkomplizierte Beziehung der Schwarzen zu den Native Americans. Die Welt erklärt bekommt das junge Mädchen am ehesten von seiner indigenen Großmutter. Deren Namen bell hooks verwendete sie, die ursprünglich Gloria Jean Watkins hieß, später als Pseudonym. Mit der konsequenten Kleinschreibung des Namens wollte sie erreichen, dass sich die Aufmerksamkeit weniger auf ihre Person richtet als auf die Inhalte ihrer Texte.

"Bone Black" ist mehr als eine Autobiografie; eindrucksvoll wird hier das Aufwachsen einer jungen Schwarzen Generation beschrieben in einer Welt, in der Rassismus alle Bereiche des Lebens durchdringt. Immer wieder werden auch Klassenaspekte beleuchtet, die für hooks bei Debatten über "race" und "gender" nicht fehlen dürfen. Ihr Buch ist keine wütende Anklage, eher ein kritisch-melancholischer Blick auf eine Zeit, die im kulturellen Gedächtnis vieler weißer Menschen ganz anders belegt ist: mit Rock’n’Roll, ­Bikinis und Lollipops.

Doch hooks beschreibt nicht nur Armut und Unfreiheit, sondern auch die Träume und Hoffnungen des jungen Mädchens, das sie war und die Sehnsüchte ihrer fünf Schwestern. Die Bedeutung, die sie Utopien zuweist, teilt bell hooks mit dem Beat-Generation-Autor Jack Kerouac, der "Erinnerungen als untrennbar von Träumen" bezeichnete. Und so unternimmt hooks nicht nur eine Spurensuche in der Vergangenheit, sondern entwirft auch Szenarien, was individuelle Freiheit in Zukunft bedeuten könnte.

bell hooks: Bone Black. Erinnerungen an eine Kindheit. Aus dem Englischen von Marion Kraft. ­Elisabeth Sandmann Verlag, München 2024, 176 Seiten, 24 Euro

Einzelrezensionen

Ronny Blaschke: Spielfeld der ­Herrenmenschen. Kolonialismus und Rassismus im Fußball.

Was hat Kolonialismus mit Fußball zu tun? "In der einstigen Kolonie Brasilien existieren Dutzende Vereine zu dem Zweck, Talente für die lukrativen Ligen Europas zu entwickeln. In der einstigen Kolonie Pakistan werden Millionen Bälle unter menschenunwürdigen Bedingungen produziert, die in Europa teuer verkauft werden." Es sind klare Antworten, die der Sportjournalist Ronny Blaschke in seinem politischen Fußballbuch "Spielfeld der Herrenmenschen" auf diese und viele andere Fragen gibt. Blaschke hat in neun Ländern auf fünf Kontinenten recherchiert, darunter in Namibia, Brasilien und Chile. Hinter der idealisierten Fassade des globalen Fußballgeschäfts, das nach eigenen Angaben viel zur Verständigung zwischen den Völkern beiträgt, begegnen dem Autor hingegen oft "Gewalt, Ausbeutung, Überlegenheitsdenken". Er lädt auch jene zur Lektüre ein, die nicht jedes Wochenende auf dem Fußballplatz oder vor Sportsendungen verbringen; Insiderwissen wird nicht benötigt.

"Spielfeld der Herrenmenschen" versammelt viele kleine und mittelgroße Geschichten der Diskriminierung im Amateur- und Profifußball, von denen manche mehr Raum hätten vertragen können. Der Autor stellt sie in den größeren Zusammenhang eines systematischen Rassismus in Politik, Medien und Sportorganisationen. "Seit Generationen rekrutieren weiße Männer an der Spitze des Fußballs andere weiße Männer", schreibt Blaschke, der sehr genau hingesehen hat – auch dorthin, wo sich nach viel Druck doch etwas bewegt und zumindest vereinzelt nicht-weiße Trainer*innen und Verbandsfunktionäre die Stadien betreten. Damit ist sein Buch präzise und konstruktiv. Und unter dem Hashtag #DecolonizeFootball eröffnet er gleich noch eine Debatte in den Online-Netzwerken und lädt all jene zur Teilhabe ein, die im sportlichen Alltag an den Rand gedrängt werden.

Ronny Blaschke: Spielfeld der ­Herrenmenschen. Kolonialismus und Rassismus im Fußball. Verlag Die Werkstatt, Bielefeld 2024, 256 Seiten, 22 Euro

Rezension: Maik Söhler

Nora Markard / Ronen Steinke: Jura not alone

Jugendliche auf der Nordseeinsel Pellworm haben vor deutschen Gerichten geklagt, weil sie ihre Lebensgrundlage durch den Klimawandel bedroht sehen. Ein peruanischer Bergbauer hat dasselbe getan. Für die Klimaschutzbewegung werden Gerichte zu immer wichtigeren Anlaufstellen. Und auch im Kampf gegen digitale Überwachung, Polizeigewalt oder die Kriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen werden alte Machtverhältnisse vor Gericht neu ausgehandelt. Darüber berichten die Juraprofessorin Nora Markard und der Jurist und Journalist Ronen Steinke in ihrem Buch "Jura not alone". In zwölf Kapiteln zeigen sie anhand konkreter Fallbeispiele: Der Kampf um Grund- und Menschenrechte kann mit juristischen Mitteln geführt und gewonnen werden.

"Recht ist geronnene Politik, es ist das Ergebnis von politischem Ringen, von Machtverhältnissen", schreiben die Autor*innen. Recht sei nicht immer gerecht. Aber es lässt sich ändern, wenn Menschen mit guten Argumenten vor Gericht ziehen.

Engagierte mit guten Argumenten gibt es einige. Sie sind Aktivist*innen, arbeiten als Jurist*innen bei Verbänden und Organisationen. Etwa bei der Gesellschaft für Freiheitsrechte, die mit strategischer Prozessführung die Rechte auf Privatsphäre, Meinungs- und Versammlungsfreiheit vor Gericht verteidigt – und damit immer wieder Erfolg hat. Oder bei der Refugee Law Clinic der Uni Hamburg, die Asylsuchende berät.

In "Jura not alone" stecken viele inspirierende Geschichten von Menschen, die sich gegen Staaten oder Konzerne wehren. Für die Jugendlichen von Pellworm endete das Verfahren in Karlsruhe mit einem wegweisenden Urteil für den Klimaschutz. Im Fall des peruanischen Bauern geht das Verfahren 2024 in die entscheidende Phase – Ausgang offen.

Nora Markard, Ronen Steinke: Jura not alone. 12 Ermutigungen, die Welt mit den Mitteln des Rechts zu verändern, Campus ­Verlag, Frankfurt/Main 2024, 282 Seiten, 25 Euro

Rezension: Ralf Rebmann

Danny Wattin: Davids Dilemma. Eine unglück­liche Verkettung nicht ganz so ­weiser Entscheidungen.

Eigentlich hat sich David mit seiner Außenseiterrolle arrangiert und manövriert sich, möglichst unauffällig,  durch den Alltag. "Deshalb schwieg ich, wenn die anderen Judenwitze rissen und 'Sieg Heil!' riefen. Weil ich bedeutend mehr Angst hatte als Stolz." Als der Jugendliche jedoch unbedacht seine Religionszugehörigkeit als Ausrede nutzt, nimmt das Unheil seinen Lauf: Eine Lehrerin outet David als Juden und setzt damit eine Art Kettenreaktion in Gang, bei der sich der Ich-Erzähler in immer größere Schwierigkeiten bringt. Mit einem Mal steht der Teenager im Mittelpunkt und scheint nicht nur wahrgenommen und angefeindet, sondern auch akzeptiert zu werden. Doch die plötzliche Aufmerksamkeit hat Schattenseiten: Sie zieht sowohl Neonazis wie auch pro-palästinensische Gruppen an. Beide Seiten wollen David für ihre politische Weltsicht vereinnahmen. Und er macht mit und gerät – durch seine Angst, seine Lügen und sein Schweigen – immer weiter in den Schlamassel. Einerseits, weil er sich zu Maja, die sich aktiv gegen Israel engagiert, hingezogen fühlt und ihr um jeden Preis gefallen möchte, und andererseits, weil Neonazis ihn und das Leben seiner Familie bedrohen.

"Alles, wovor ich immer Angst hatte, ist David wirklich passiert", schreibt der vielfach ausgezeichnete jüdische Autor Danny Wattin in seinem Vorwort und erklärt, dass es sich bei David um einen ehemaligen Mitschüler und dessen Geschichte handelt. "Davids Dilemma" spielt in einem Stockholmer Vorort in den 1980er Jahren und ist dabei erschreckend aktuell: Antisemitismus, Mobbing, Nahostkonflikt und Rechtsextremismus bestimmen neben den Wirren des Erwachsenwerdens die schwarzhumorige, in teils derber Sprache erzählte Geschichte, die neben Spannung und Komik viel Gesprächsstoff bietet.

Danny Wattin: Davids Dilemma. Eine unglück­liche Verkettung nicht ganz so ­weiser Entscheidungen. Aus dem Schwedischen von Susanne Dahmann. Loewe Verlag, Bindlach 2024, 288 Seiten, 14,95 Euro. Ab 14 Jahren

Rezension: Marlene Zöhrer

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