Iran/Israel: Iranischer Raketenangriff auf Beit Shemesh muss als Kriegsverbrechen untersucht werden
Trümmer der durch einen iranischen Raketenangriff zerstörten Synagoge in der israelischen Stadt Beit Shemesh (März 2026)
© Privat / Amnesty International
Am 1. März 2026 griffen die Streitkräfte der Islamischen Republik Iran die israelische Stadt Beit Shemesh mit einer Rakete an. Dabei wurden neun Zivilpersonen getötet, darunter vier Jugendliche. Schätzungsweise 46 Menschen wurden verletzt. Amnesty International hat den Angriff untersucht und fordert, dass der Angriff als Kriegsverbrechen untersucht werden muss.
- Angriff zerstört Synagoge im Stadtteil Ramat Lehi
- Neun Zivilpersonen wurden getötet
- Neue Amnesty-Untersuchung findet kein militärisches Ziel in der Nähe des Einschlagsortes
Die Rakete schlug am 1. März 2026 kurz vor 14 Uhr Ortszeit im Stadtteil Ramat Lehi ein. Sie zerstörte die Tiferet-Israel-Synagoge und verursachte erhebliche Schäden an dem darunter liegenden Luftschutzbunker.
Amnesty International hat sowohl verifizierte digitale Beweise analysiert, die in sozialen Medien gepostet wurden, als auch weitere Fotos und Videos, die den Einschlagsort zeigen und die von Amnesty zusammengetragen wurden. Aufgrund dieser Recherchen hat Amnesty festgestellt, dass bei dem Angriff eine iranische ballistische Rakete eingesetzt wurde.
"Die Waffe, die bei dem iranischen Angriff auf das israelische Viertel Ramat Lehi eingesetzt wurde, ist äußerst ungenau und trägt einen massiven Sprengkopf. Sie ist daher völlig ungeeignet für den Einsatz in dicht besiedelten zivilen Gebieten", sagte Erika Guevara-Rosas, Direktorin für Recherche, Advocacy, Politik und Kampagnen bei Amnesty International.
Die Amnesty-Recherchen ergaben keine Hinweise auf legitime militärische Ziele in unmittelbarer Nähe des Angriffs. Das dem Einschlagsort nächstgelegene militärische Ziel scheint ein israelischer Militärstützpunkt in der Nähe der Stadt Sdot Micha zu sein. Dieser befindet sich allerdings etwa 3,5 Kilometer westlich vom Einschlagsort entfernt.
Keine Zuflucht und keine Sicherheit für die Zivilbevölkerung
"Bei diesem Angriff wurden eine Synagoge und ein Luftschutzbunker zerstört – zwei Orte, die für die Zivilbevölkerung Zuflucht und Sicherheit bieten sollten. Neun Zivilpersonen wurden getötet, darunter vier Kinder. Der Angriff muss als Kriegsverbrechen untersucht werden", sagte Guevara-Rosas.
"Der Einsatz einer ballistischen Rakete durch die iranischen Streitkräfte bei diesem Angriff ist wahllos und stellt daher einen Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht dar. Ein wahlloser Angriff, bei dem Zivilpersonen getötet, verletzt oder zivile Objekte beschädigt werden, stellt ein Kriegsverbrechen dar. Es muss eine unabhängige und unparteiische Untersuchung durchgeführt werden. Und jede Person, für deren Mitverantwortung es genügend Beweise gibt, muss in einem fairen Prozess vor Gericht gestellt werden", fordert Guevara-Rosas.
Rettungs- und Bergungsarbeiten in der israelischen Stadt Beit Shemesh nach dem iranischen Raketenangriff vom 1. März 2026
© Privat / Amnesty International
Ballistische Rakete mit großem Sprengkopf
Amnesty überprüfte Aufnahmen aus den Sozialen Medien, auf denen der Raketenbeschuss der Stadt Beit Shemesh zu sehen ist. Die Flugbahn der Rakete und das Ausmaß der Schäden am Ort des Geschehens weisen eher auf den Einsatz einer ballistischen Rakete mit einem großen Sprengkopf hin als auf einen Marschflugkörper oder eine kleinere, von einer Drohne abgefeuerte Rakete. Bilder zeigen die zerstörte Synagoge sowie weitreichende Schäden in einem Umkreis von etwa 500 Metern.
Israelische Medien berichteten, dass der verwendete Sprengkopf etwa 500 Kilogramm wog. Amnesty ist bislang nicht in der Lage, die Nutzlast der Waffe zu bestätigen. Eine 2024 durchgeführte Analyse der Genauigkeit iranischer ballistischer Raketen ergab, dass diese ihr Ziel regelmäßig um mindestens einen halben Kilometer verfehlen.
Aussagen von Überlebenden
Zwischen dem 16. und 19. März 2026 befragte Amnesty vier Überlebende des Angriffs und eine Person, die kurz nach dem Einschlag eintraf, um zu helfen. Die Organisation analysierte auch Satellitenbilder des Ortes vor und nach dem Angriff, um das Ausmaß der Zerstörung zu bestätigen.
Neun Zivilpersonen wurden bei dem Angriff getötet:
- die Geschwister Sara Biton (13 Jahre), Avigail Biton (15 Jahre) und Yaakov Biton (17 Jahre)
- Gabriel Revah (16 Jahre)
- Oren Katz (46 Jahre)
- Sara Elimelech (67 Jahre) und ihre Tochter Ronit Elimelech (45 Jahre)
- Bruria Cohen (76 Jahre) und ihr Sohn Yossi Cohen (41 Jahre)
Rabbi Yitzak Biton mit seinem Sohn Yaakov, der am 1. März 2026 beim iranischen Luftangriff auf die israelische Stadt Beit Shemesh getötet wurde (undatiertes Foto).
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"Plötzlich, aus heiterem Himmel, ist die Hälfte der Familie weg."
Rabbi Yitzak Biton verlor bei dem Angriff drei seiner Kinder. Am Morgen des Angriffs hielt er eine Unterrichtsstunde für Thora-Schüler. Seine beiden Töchter Sara und Avigail überredeten seinen Sohn Yaakov, mit ihnen in den nahe gelegenen Luftschutzkeller zu gehen. Yitzak Biton, seine Frau Tamar und seine vierjährige Tochter Rachel blieben währenddessen in ihrem Haus. Es liegt einen Block von der Synagoge entfernt.
Yitzak Biton berichtete Amnesty:
"Die Decke und das Dach (ihres Hauses, Anm. d. Red.) stürzten ein... Ich schaute durch das Fenster und sah die Gegend, in der sich die Synagoge befindet. Sie stand in Flammen und der Himmel war voller schwarzem Rauch. Ich hatte Angst, dorthin zu gehen... Als ich den Mut aufbrachte, sah ich, dass die Synagoge völlig zerstört und der Bunker aufgerissen war. Der Bunker war nicht sicher. Er bot keinen Schutz. Ich habe nicht ein, nicht zwei, sondern drei Kinder verloren... Plötzlich, aus heiterem Himmel, ist die Hälfte der Familie weg."
Die Schwestern Sara und Avigail Biton wurden am 1. März 2026 beim iranischen Raketenangriff auf die israelische Stadt Beit Shemesh getötet (undatiertes Foto).
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"Ich kannte alle, die getötet wurden."
Die 53-Jährige Sarah Fanny Ama befand sich im Luftschutzbunker, als die Rakete die Synagoge traf. Sie sagte Amnesty:
"Es gab einen großen Knall... Ich hing über Metall, und Metall lag auf mir. Vor dem Knall saß ich, die Druckwelle hat mich also weggerissen. Um mich herum war alles schwarz und staubig... Die Decke stürzte über mir ein... Ich begann zu gehen, aber ich konnte kaum etwas sehen und tastete mich mit den Händen voran. Ich stieg über Schutt und Menschen... Draußen brannte es... Autos brannten... Ich erreichte Gras und brach dort zusammen. Als ich die Augen öffnete, lag ich in einem Krankenwagen. Angesichts solcher Bomben möchte man nicht mehr leben, nicht mehr schlafen, nicht mehr essen... Ich kann so nicht leben... Selbst im Luftschutzbunker bist du nicht sicher... Ich kannte alle, die getötet wurden."
"Wir sind alle sehr verzweifelt. Wir sind völlig aufgelöst."
Der 71 Jahre alte Nissim Edery saß zusammen mit seinem Nachbarn etwa 100 Meter vom Ort des Einschlags entfernt. Er berichtete Amnesty:
"Im Moment der Explosion wurde ich von der Druckwelle vier bis fünf Meter weit geschleudert... Ich begriff, dass eine Rakete in unserer Nachbarschaft eingeschlagen war... Ich ging auf die Explosion zu, dort war ein riesiges Feuer und Rauch... Es ist unglaublich, welche Zerstörung diese Rakete angerichtet hat. Ich kenne drei der Opfer, einen Jungen und seine beiden Schwestern. Es zerreißt mir das Herz... Wir sind alle sehr verzweifelt. Wir sind völlig aufgelöst."
"Überall war Zerstörung."
Reuven Harow ist leitender Sanitäter des medizinischen Notfalldienstes Magen David Adom. Der 56-Jährige traf etwa zehn Minuten nach dem Raketenangriff am Ort des Geschehens ein. Er berichtete Amnesty:
"Die Leute kamen blutüberströmt und mit Prellungen heraus... Niemand wusste, wo die Rakete eingeschlagen war, überall war Zerstörung... Körper waren in Stücke gerissen worden... Noch Stunden später lagen Leichenteile herum. Das Hauptaugenmerk lag darauf, jede Person zu retten, die noch am Leben war... Die Menschen, die am Unfallort behandelten, verarzteten Familienangehörige und jahrelange Freund*innen. Alle Menschen kennen sich hier... Ich habe immer wieder gesagt: 'Das ist nicht real'... Es sah aus, als würde ich einen Film schauen."
War nach dem iranischen Raketenangriff am 1. März 2026 als einer der ersten Rettungskräfte am Einschlagsort: Der Sanitäter Reuven Harow in der israelischen Stadt Beit Shemesh.
© Privat / Amnesty International
Hintergrund
Am 28. Februar 2026 griffen die USA und Israel gemeinsam Iran an. Seitdem wurden Tausende Angriffe im ganzen Land durchgeführt. Die iranischen Behörden führen Vergeltungsangriffe in der gesamten Region durch. Der bewaffnete Konflikt weitete sich rasch zu Kampfhandlungen im gesamten Nahen Osten aus. Er führt zu erheblichen Verlusten in der Zivilbevölkerung und zur Zerstörung ziviler Infrastruktur. Als Reaktion auf die Angriffe der Hisbollah hat Israel auch seine Angriffe auf den Libanon verschärft.
Nach Angaben verschiedener Medien setzen die iranischen Streitkräfte seit dem 28. Februar 2026 bei mehreren Angriffen in Israel Streumunition ein, unter anderem am 18. März bei einem Angriff nahe Tel Aviv. Dabei wurden zwei Zivilpersonen getötet. Streumunition ist immer wahllos und ihr Einsatz daher nach dem humanitären Völkerrecht verboten. Vergangenes Jahr dokumentierte Amnesty, dass der Einsatz von Streumunition durch die iranischen Streitkräfte im "12-Tage-Krieg" mit Israel gegen das humanitäre Völkerrecht verstieß.
Seit dem 27. März 2026 sind in Iran laut Berichten mindestens 1.900 Menschen bei israelischen und US-amerikanischen Angriffen getötet worden, darunter mindestens 100 Schulkinder in Minab. Im Libanon wurden bei israelischen und US-amerikanischen Angriffen mehr als 1.116 Menschen getötet. Bei iranischen Angriffen wurden bisher mindestens 16 Zivilpersonen in Israel und vier im besetzten Westjordanland getötet. In anderen Ländern des Golfkooperationsrates gab es mindestens 23 Tote.