Amnesty Chile 28. Mai 2011

Gegen die Schweine in Uniform

Ruben Ruíz

Ruben Ruíz

Ruben Ruíz floh nach dem Militärputsch in Chile 1973 nach Deutschland. Hier engagiert er sich seit über 30 Jahren mit der Amnesty-Gruppe Ratingen für den Schutz der Menschenrechte.

Ein Pausenklingeln rettete Ruben Ruíz das Leben. Es ist der 21. September 1973, vor zehn Tagen hat das Militär unter General Augusto Pinochet gegen die gewählte Regierung von Salvador Allende geputscht. Ruíz steht in der Hafenstadt Valparaíso vor seiner Schulklasse, als sechs Soldaten mit Maschinenpistolen im Anschlag den Klassenraum betreten und den 25-jährigen Lehrer für Theater und Sozialwissenschaften abführen. Auf dem Schulhof stellen sie ihn gegen die Wand und gruppieren sich im Halbkreis um ihn herum. "Ich dachte, das ist das Ende." Doch plötzlich klingelt es zur Pause, und Hunderte Schülerinnen und Schüler strömen auf den Hof. Ruíz wird in das Gefängnis der Marine verschleppt. 

Er hatte gewusst, dass sie auch ihn eines Tages holen würden. Schon lange vor der Wahl des Marxisten Allende 1970 hatte er gesellschafts- und kapitalismuskritische Theaterstücke inszeniert. "Chile war ein rohstoffreiches Land, doch der Reichtum wurde nicht gerecht verteilt", erzählt Ruíz. "Allende wollte das endlich ändern." Zum Missfallen der CIA und US-amerikanischer Konzerne, die die Putschisten unterstützten. 

Ruíz kommt gerade von einer Vorstellung seiner Theatergruppe, als das Radio den Putsch vemeldet. Noch in derselben Nacht graben sie ein Loch, um ihre Parteibücher zu verbrennen und zu vergraben. Er rasiert sich seinen Bart ab, denn wer lange Haare hat oder einen Bart, wird vom Militär als Revoluzzer angesehen. Als er nach Hause kommt, hat bereits ein Unbekannter bei seiner Freundin angerufen und nach ihm gefragt. Wenige Tage später wird er in der Schule festgenommen. 

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Ruben Ruíz floh nach dem Militärputsch in Chile 1973 nach Deutschland. Hier engagiert er sich seit über 30 Jahren mit der Amnesty-Gruppe Ratingen für den Schutz der Menschenrechte.

Mehrere Wochen lang wird Ruíz im Gefängnis in einem Raum mit 200 anderen Männern festgehalten und gefoltert. Dann lassen ihn die Wachen gehen, vermutlich, um ihn zu beschatten. "Komm in zwei Tagen wieder oder wir holen dich. Wir wissen, wo wir dich finden." Aber er kann sofort untertauchen. Ein Freund arrangiert ein Treffen mit Helmut Frenz, dem deutschen Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Chile und späteren Generalsekretär der deutschen Amnesty-Sektion. Frenz nimmt ihn in seinem Auto mit in die Hauptstadt Santiago de Chile und gibt ihn als seinen Mitarbeiter aus. 

Auf der 120 Kilometer langen Strecke passieren sie über 30 bewaffnete Kontrollposten. Ruíz hat Todesangst. In Santiago de Chile versteckt Frenz ihn und Dutzende weitere Verfolgte in einer Villa. "Sie gehörte ausgerechnet dem chilenischen Vizepräsidenten eines amerikanischen Großkonzerns, der gerade in New York war. Allein die Küche kostete über 100.000 Dollar", erzählt Ruíz mit einem Lachen. Mehrere Wochen halten sie sich dort versteckt, bis es ihnen gelingt, sich auf das Gelände der deutschen Botschaft zu retten. Währenddessen fordern Amnesty-Gruppen in Deutschland die Bundesregierung auf, politisch Verfolgten aus Chile Asyl zu gewähren. Ruíz gehört zu der ersten Gruppe, die Anfang 1974 in Deutschland ankommt.

Einige Jahre später gelingt es ihm, für wenige Tage illegal nach Chile einzureisen, um seine Familie wiederzusehen – und um eine Botschaft zu hinterlassen. Gemeinsam mit anderen Regimegegnern fährt er nachts in einem Lieferwagen durch Santiago de Chile. An Bord haben sie vier Schweine, bekleidet mit Uniformjacken. Auf einer Uniform steht in großen Buchstaben: Pinochet. Vor dem Präsidentenpalast lassen sie die Tiere unbemerkt frei. Die Polizei braucht lange, bis sie die Schweine wieder eingefangen hat. "Trotz Medienzensur hat das ganze Land davon erfahren und über das Regime gelacht", freut sich Ruíz noch heute. 

In Deutschland gründet er mit anderen Exil-Chilenen eine Theatergruppe, um über die Situation in seiner Heimat zu informieren. 1979 wird Ruíz Mitglied der Amnesty-Gruppe Ratingen, seit 2005 ist er ihr Sprecher. "Im Gefängnis hatte ich mir geschworen: Wenn ich jemals hier rauskomme, werde ich mich dafür einsetzen, anderen Menschen ein solches Schicksal zu ersparen." Heute arbeitet der Vater zweier Kinder in der Erwachsenenbildung. Und noch immer inszeniert er Stücke – mit der Jugendtheatergruppe des Düsseldorfer Amnesty-Bezirks. 

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